
Wind wird zum Big Business Tod im Windpark - wer außer Siemens und GE überlebt
Die folgende Geschichte stammt aus der Ausgabe 1/2017 des manager magazins, die Ende Dezember erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.
Der Arbeitsplatz von Jürgen Geißinger (57) in der öden Hamburger City Nord ist schmucklos wie das Büro eines Militärstrategen. Ins Auge fällt sofort ein großes Whiteboard hinter dem Besprechungstisch. Mit grünem Stift sind darauf Daten und Zielmargen zu den wichtigsten Projekten gekritzelt. Der Hausherr bringt gern jedem, der hier eintritt, sein ehrgeiziges Programm nahe.
Antreibend und detailversessen - der ehemalige Chef des Autozulieferkonzerns Schaeffler ist als CEO des Windanlagenbauers Senvion wieder ganz der alte. Die schwarz gerandete Nerd-Brille, die sich der Ingenieur während der Auszeit auf seinem Bauernhof im Allgäu zugelegt hatte, hat er gegen ein schlichtes randloses Exemplar getauscht. Der Mann meint es ernst.
Geißinger will an vergangene Höchstleistungen anknüpfen. Kein Einsatz scheint ihm zu hoch. Zu Übungszwecken ließ er sich sogar vom Turm eines Windrads aus 90 Metern Höhe abseilen. Er sei zwar neu in der Industrie, gibt er zu, das müsse aber nicht schlecht sein: "Ich mische den Laden jetzt ein wenig auf."
Senvions Kosten müssen runter. Gleichzeitig müssen die Windturbinen weiterentwickelt werden und neue Absatzmärkte her. Gerade erst hat Geißinger eine kleine indische Windfirma übernommen.
Doch ob seine Mission in Hamburg ähnlich erfolgreich wird wie die beim Continental-Großaktionär Schaeffler, ist höchst fraglich. Geißinger hat sich eine Branche ausgesucht, in der sich gerade der Wind dreht, er bläst ihm geradezu ins Gesicht. Dem Branchenpionier Senvion droht - wie so vielen anderen Mittelständlern in dem Gewerbe - ein Kampf ums Überleben.
Die Rotorenbauer stolpern über ihren eigenen Erfolg. Wind gewinnt im Energiemix zunehmend an Bedeutung. Das Geschäft boomt, ist der Öko-Nische längst entwachsen. Nicht nur im Energiewende-Mekka Deutschland, sondern auch in anderen Teilen der Welt. Die globalen Wachstumsprognosen für die nächste Dekade sind solide, der Bau neuer Windmühlen auf hoher See könnte sogar um 20 Prozent jährlich zulegen. Die gigantischen Offshore-Anlagen sollen schon bald kostengünstiger Strom liefern als ein Gaskraftwerk. Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (57) hat daher angekündigt, die Subventionen für erneuerbare Energien ab 2019 zu beschneiden - mit drastischen Folgen für die zuschussverwöhnten Hersteller.
Wind wird zum Big Business. Am ehrgeizigsten geht Siemens vor. Im vergangenen Frühsommer griff Konzernerneuerer Joe Kaeser (59) nach dem spanischen Wettbewerber Gamesa und bekam als Beigabe noch das (defizitäre) Windgeschäft des französischen Atomkonzerns Areva dazu. Damit steigen die Münchener zur neuen Nummer eins der Branche auf.
Der Artenschutz ist perdu

US-Rivale General Electric (GE) wiederum sicherte sich mit dem Kauf der Energiesparte des französischen Alstom-Konzerns drei europäische Windfabriken (inklusive einer neu entwickelten Offshore-Turbine) und gab obendrein 1,7 Milliarden Dollar für den dänischen Rotorblattfertiger LM aus. Mit dem breiteren Portfolio lassen sich die Entwicklungs- und Produktionskosten drücken.
Mit im Spiel sind auch die Chinesen. Fünf Hersteller aus dem Reich der Mitte rangieren bereits unter den Top Ten der Branche. Bislang waren sie zwar fast ausschließlich in ihrer Heimat aktiv. Das ändert sich indes gerade. Die Chinesen suchen überall nach Übernahmekandidaten.
Der Trend, die Anlagen stärker über das Internet zu steuern, zu überwachen und aus der Ferne zu warten, steigert den Drang zur Größe zusätzlich. GE und Siemens investieren Milliarden in solche Onlineplattformen, über die sie inzwischen nicht mehr nur ihre Windturbinen, sondern auch Gaskraftwerke, Züge und Produktionsstätten ans Datennetz anschließen und damit deren Betriebs- und Servicekosten deutlich senken.
Die mittelständischen Turbinenbauer können bei alldem kaum mithalten, ihre Börsenwerte und Marktanteile bröckeln teils bedrohlich. Deutschland-Primus Enercon wächst seit 2015 deutlich schwächer als früher. Bei Geißingers Senvion wird der Umsatz 2017 wohl sogar leicht schrumpfen. Bei Nordex, dem dritten großen heimischen Windanlagenspezialisten, ist der Aktienkurs nach dem weitgehenden Ausstieg von Milliardärin Susanne Klatten (54) im Oktober 2015 von 27 auf 18 Euro eingebrochen. Klatten hat sich rechtzeitig davongemacht.
Finanz- und Vertriebskraft schlagen Erfindergeist
Zu Pionierzeiten konnten Nordex und Co. noch mit Erfindergeist und Aggressivität punkten. Künftig sind Finanzkraft und globale Vertriebsmacht entscheidend. Der Artenschutz im Windpark ist perdu. Ereilt die Anlagenbauer ein ähnliches Schicksal wie die deutsche Solarindustrie, von der heute kaum noch etwas übrig ist?
Am besten für den aufziehenden Sturm gerüstet ist wahrscheinlich noch das Unternehmen eines schrulligen 64-jährigen Erfinders aus der ostfriesischen Gemeinde Aurich. Der Mann heißt Aloys Wobben, seine Firma Enercon ist der Marktführer in Deutschland.
Den Vorsprung verdankt der Ingenieur, dessen Vermögen auf 6,2 Milliarden Euro geschätzt wird, vor allem seinen unzähligen Patenten. Wobbens größter technologischer Coup war die getriebelose Turbine, die lange von Siemens bekämpft und dann in abgeänderter Form nachgemacht wurde. Sie steigerte die Zuverlässigkeit der bis dahin extrem störanfälligen Windräder enorm. Dank der Erfindung konnte Enercon höhere Preise als die Konkurrenz verlangen, die Gewinne summieren sich alljährlich auf einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag. Die Eigenkapitalquote liegt bei grundsoliden 60 Prozent
Wobben ist so unabhängig wie kein anderer in der Windbranche. Seine Firmenanteile hat er 2012 in eine Stiftung eingebracht. Kurz zuvor hatte der damals noch von Peter Löscher (59) geführte Siemens-Konzern eine Kooperation oder einen Kauf auszuloten versucht. Da Löscher sich nicht selbst an Wobben wandte, sondern Manager aus der dritten Reihe vorschickte, lehnte Wobben jedes Gespräch ab.
Rezepte aus der Autoindustrie

Kampf um die Lufthoheit
Ex-Schaeffler-Chef Jürgen Geißinger treibt jetzt den Windanlagenbauer Senvion an
Der Gründer, der die Leitung inzwischen offiziell dem Manager Hans-Dieter Kettwig (59) übertragen hat, macht stets sein eigenes Ding. Sein Regiment ist hart. Im September musste Vizechefin Nicole Fritsch-Nehring (41) weichen, zuvor erwischte es zwei andere Führungskräfte. Weil Enercon wichtige technologische Entwicklungen verschlafen habe, sagen die einen. Weil Fritsch-Nehring mit ihrem Versuch, eine zeitgemäße Unternehmenskultur zu etablieren, in dem Männerbund angeeckt sei, sagen die anderen.
Bis heute lässt der Technikfuchs und Sonderling Wobben ausschließlich landtaugliche Anlagen produzieren. Von Offshore-Windrädern, denen Experten zwar großes Potenzial nachsagen, die aber eine kostspielige Netzanbindung und gigantische Entwicklungskosten erfordern, hält er nichts. Zudem fertigt Enercon zu rund 80¿Prozent in Eigenregie. Das sichert die Qualität, geht aber zulasten des Wachstums, weil die Firma bei starker Nachfrage mit der Produktion nicht nachkommt. Um wichtige Märkte wie die USA macht Wobbens Truppe einen weiten Bogen.
Tatsächlich haben es ausländische Windradhersteller auf dem US-Markt schwer. Über zwei Fünftel des Geschäfts sind dort in der Hand von General Electric. Nordex scheiterte kläglich bei dem Versuch, ins US-Offshore-Geschäft einzusteigen. So haben es sich die Deutschen wohl oder übel in ihren Nischen gemütlich gemacht.
Rezepte aus der Autoindustrie
Doch nun bricht das System der fein austarierten Märkte auf. Die Strategie, sich auf kleine und mittelgroße Kunden zu konzentrieren und spezialisierte Windmühlen im europäischen Binnenland zu errichten, funktioniere nicht mehr, mahnt Nordex-Chef Lars Krogsgaard (50).
Vor allem im Subventionsparadies Deutschland, wo Enercon, Senvion und Nordex noch zwei Drittel des Onshore-Marktes beherrschen, wird es eng. Spätestens ab 2019, wenn die Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes vollständig greift, werden Ausschreibungen für neue Windparkprojekte als Auktionen durchgeführt.
Den Zuschlag erhält derjenige Anbieter, der sich mit der geringsten Subvention zufriedengibt. Dadurch entstehe enormer Druck auf die Kosten, sagt Michael Baur, Partner der Unternehmensberatung Alix Partners. "Der Boom wird abflauen", prognostiziert Senvion-Chef Geißinger.
Die Deutschen müssen also raus in die Welt, dorthin, wo die Gefahren lauern - und wo die Großen schon sind.
Ungute Gemengelage
Sie werden sich vor allem mit der aggressiven Konkurrenz aus China auseinandersetzen müssen. Über Jahre haben Goldwind, die Nummer zwei der Welt, United Power (6), Envision (7), Mingyang (8) und Csic Haizhuang (9) auf ihrem Heimatmarkt mehr Anlagen installiert, als an das immer noch dünne chinesische Stromnetz angeschlossen werden konnten. In manchen Provinzen stehen bis zu 30 Prozent der Windräder sinnlos in der Landschaft herum. Chinas Regierung hat den Bau neuer Anlagen deshalb schon um ein Drittel zurückgestutzt: auf nur noch 20 Gigawatt.
Beliebt sind chinesische Windräder vor allem in Afrika, denn die Anbieter bringen die Finanzierung zumeist gleich mit. Ähnlich wollen die Hersteller aus dem Reich der Mitte künftig Südamerika für sich erschließen.
Dort wartet bereits Siemens. Durch die Übernahme von Gamesa haben die Münchener, seit Längerem Weltmarktführer bei Offshore, auch die passenden günstigeren Onshore-Turbinen im Sortiment. Das ist zentral, um die Nachfrage in den Schwellenländern bedienen zu können. "Mit Gamesa wird Siemens Skaleneffekte erzielen, die mit jenen der Chinesen vergleichbar sind", glaubt ein Siemens-Manager. Für die mittelständischen Windpioniere bleibt da kaum Platz.
Eine ungute Gemengelage: Daheim gehen die Subventionen verloren, im Ausland tritt man gegen übermächtige Gegner an. Und der zunehmende Kostendruck würgt die Innovationskraft ab.
Besonders heikel ist die Situation für Senvion. Unter der Ägide des indischen Ex-Eigners Suzlon durften die Hamburger jahrelang außerhalb Europas und Kanadas keine Windräder eigenständig verkaufen. Der Streit ums Geld hemmte den technologischen Fortschritt, bis im Frühjahr 2015 der Hedgefonds Centerbridge die Führung übernahm.
Windnovize Geißinger muss deshalb an allen Stellen gleichzeitig anpacken, um das Unternehmen wieder auf Zack zu bringen. Er forciert die Entwicklung an neuen Turbinen - der Bau einer Schwachwindturbine wurde um zwölf Monate vorgezogen. Zugleich treibt er das Auslandsgeschäft an; in Australien, Chile, Skandinavien und sogar Indien wurden jeweils schon mehrere Hundert Megawatt an Aufträgen hereingeholt, die sich spätestens 2018 im Umsatz zeigen sollen.
Um die Skalennachteile gegenüber den Großen auszugleichen, setzt Geißinger auf die Rezepte aus der Autoindustrie: Die Gehäuse für neue Anlagen, groß wie Reihenhäuser, werden so designt, dass sie zerteilt in Container passen, die Teile für Senvions neuen Stahlturm können mit normalen Lkw transportiert werden. Teure Sondertransporte entfallen. Kernkomponenten wie Getriebe will Geißinger von Zulieferern kaufen, die bereits entwickelte Systeme anbieten - und den Rest seiner Anlagen entsprechend anpassen. "Reverse Engineering" nennt sich dieser Spartrick.
Keine Berührungsängste
"Wenn wir bei der Entwicklung mit unseren Lieferanten so eng zusammenarbeiten wie die Autohersteller mit ihren Zulieferern, können wir noch sehr viel rausholen", sagt der Senvion-CEO. Strategische Übernahmen von kleineren Windfirmen in Indien und Polen ermöglichen es Senvion, in Billigländern einzukaufen. Die Polen fertigen zudem Formen für Rotorblätter, das hilft, schnell am Markt zu sein mit neuem Gerät.
Geißingers Konkurrent Krogsgaard ist da schon einen Schritt weiter. Nordex erzielt zwar mehr als 90 Prozent seines Umsatzes in Europa. Aber durch den Zusammenschluss mit dem Windgeschäft des spanischen Baukonzerns Acciona hat das Unternehmen nun auch Spezialturbinen für Massenmärkte wie Brasilien und Indien im Portfolio.
Dennoch spricht vieles dafür, dass Nordex seine Unabhängigkeit über kurz oder lang verliert. Großaktionär Acciona (29,9 Prozent) könnte die Firma in drei Jahren, wenn eine Selbstverpflichtung ausläuft, komplett übernehmen - oder zu einem guten Preis an einen Wettbewerber wie Goldwind weiterreichen.
Nordex und Senvion gelten als Premiumziele chinesischer Firmenjäger. Denn Goldwind und Co. können in Deutschland und Europa nur Fuß fassen, wenn sie eine ansässige Firma samt Produktionsstätten erwerben. Ihnen fehlt sonst die europäische Zertifizierung. Zudem ist ein Transport der Rotoren und Türme über weite Strecken viel zu aufwendig.
Senvion-Chef Geißinger weiß, was auf ihn zukommt. "Wenn jemand eines Tages ein gutes Angebot mit strategischer Logik macht, wird keiner sagen: Wir müssen unbedingt selbstständig bleiben." Er würde auch persönlich von einer Übernahme profitieren. Eigner Centerbridge hat ihn mit knapp 2 Prozent an Senvion beteiligt.
Berührungsängste mit Chinesen sind Geißinger ohnehin fremd. Noch als Schaeffler-CEO warb er bei den Eigentümern, Maria-Elisabeth Schaeffler (75) und Sohn Georg (52), darum, chinesische Investoren zu beteiligen. Damals erdrückten die Schulden aus der Continental-Übernahme den Mutterkonzern fast. Doch er blitzte ab.
Bei Senvion zählt allein das beste Angebot. Großaktionär Centerbridge wird seine knapp 74 Prozent verkaufen wollen, wenn es sich rentiert. Das geschehe "frühestens, wenn alles auf der Schiene ist", betont Geißinger; also in zwei bis drei Jahren.
Für ihn selbst muss der Exit nicht zwangsläufig das Ende bedeuten. Er könne, so sagt er, nach einem Verkauf ja als CEO oder Aufsichtsrat weitermachen. Einer wie Geißinger lässt nicht gern los, wenn er Gefallen an etwas gefunden hat. Und Wind gefällt ihm.