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Big Tech: 4 Konzern-Duelle zwischen USA und China

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Digital-Supermächte streiten um Weltherrschaft Ma gegen Bezos, USA gegen China - Wer liegt vorn im Duell der Giganten?

Jack Ma gegen Jeff Bezos, Alibaba gegen Amazon: Die Tycoons der beiden Digital-Supermächte China und Amerika starten den Kampf um die Weltherrschaft - nicht nur im E-Commerce.

Die folgende Geschichte stammt aus der März-Ausgabe 2018 des manager magazins, die Ende Februar erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Jack Ma (53), Gründer des chinesischen Onlinegiganten Alibaba, ist ein witziger Typ. Seine irren Sprüche füllen inzwischen ganze Bücher. Über sich selbst sagt Ma: "Sie nennen mich crazy Jack. Ich hoffe, dass ich für die nächsten 30 Jahre crazy bleibe." Verrückt zu sein gehört für ihn zum Startkapital eines jeden erfolgreichen Gründers. Ma zitiert da gern den legendären Intel-Chef Andy Grove: "Nur die Paranoiden überleben."

Die Chancen, dass der Alibaba-Boss sich dauerhaft behauptet, stehen nicht schlecht. Und das gilt wohl auch für seinen größten Rivalen, dem ebenfalls paranoide Züge nachgesagt werden: Amazon-Gründer Jeff Bezos (54). Der lacht zwar auch gern und vor allem laut.

Ein lustiger Typ wie Jack Ma ist Jeff Bezos aber nicht. Er ist in seiner Firma eher als Tyrann verrufen.

Jack und Jeff - zwei irre Typen, zwei Besessene, zwei Pioniere, die nun zum Duell der Giganten antreten. Alibaba gegen Amazon - "das ist der neue Kalte Krieg", sagt Porter Erisman, langjähriger Mitarbeiter bei dem chinesischen Onlinehändler und Autor des soeben erschienenen Buches "Six Billion Shoppers".

Bis vor Kurzem kamen sich die beiden Multimilliardäre in ihrem Stammgeschäft, dem E-Commerce, nicht in die Quere. Jeder blieb auf seinem Terrain. Amazon beschränkte sich auf die USA, Europa und Japan - also die Staaten mit dem höchsten Einkommen. Alibaba konzentrierte sich auf seinen gigantischen Heimatmarkt China.

Doch mit dieser Aufteilung wollen sich die zwei Techkonzerne künftig nicht mehr zufriedengeben. Alibaba sieht daheim allmählich die Sättigungsgrenze erreicht, Amazon hat Apple in den USA als neue Wachstumsmaschine abgelöst und will seine globalen Ambitionen nun auch mit einer weltumspannenden Abdeckung manifestieren. Beide Konzerne wollen ein globales Warenhaus schaffen, in dem jeder jederzeit jedes x-beliebige Produkt bestellen kann und ins Haus geliefert bekommt.

Kampfarena Südostasien

Alibaba gegen Amazon ist nicht der einzige Zweikampf, den Amerikaner und Chinesen bestreiten. Die beiden Nationen machen die Vorherrschaft im Web unter sich aus: bei den Fahrvermittlungen rangelt Didi mit Uber, im Suchmaschinengeschäft legt sich Baidu mit Google an, bei den Reiseportalen fordert Ctrip Expedia heraus, Tencent wagt den Angriff auf Facebook, und Xiaozhu will Airbnb attackieren (siehe Fotostrecke).

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Big Tech: 4 Konzern-Duelle zwischen USA und China

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Die Mutter aller Schlachten jedoch ist die zwischen Alibaba und Amazon. Die Arenen, in der sie erstmals direkt aufeinandertreffen, sind Indien und Südostasien. In beiden führen die Konzerne ein erbittertes Gefecht, verbrennen jedes Jahr Milliarden Dollar. Ein Verlust, den sie in Kauf nehmen. Denn wer reüssiert, den erwartet langfristig ein großer und lukrativer Markt. Von den 1,3 Milliarden Indern werden heute schon rund 400 Millionen der Mittelschicht zugeordnet, von den 630 Millionen Einwohnern Südostasiens rund die Hälfte.

In Indien und Südostasien entscheidet sich die Schlacht um die Tech-Herrschaft

Fast eine halbe Milliarde Menschen nutzen in Indien regelmäßig das Internet, nur in China sind es noch mehr. Und Südostasien gilt als die am schnellsten wachsende Internetgemeinde der Welt. Bis 2020 sollen dort 480 Millionen Menschen im Web surfen, prognostiziert eine Studie von Google und Temasek. 3,6 Stunden täglich verbringt ein Asiate - der Thai sogar 4,2 Stunden - im Schnitt online. Weltrekord.

"Wer hier gewinnt, hat beste Chancen, auch andere Schwellenländer einzunehmen", sagt Florian Hoppe, Partner der Beratung Bain in Singapur.

Die zentrale Figur in Südostasien ist ein junger Deutscher: Maximilian Bittner (39). Der Chef von Lazada hat eine Bilderbuchkarriere hinter sich. Die Region hat er als Rucksacktourist kennengelernt, bevor ihn die Berliner Klonfabrik Rocket Internet 2012 nach Singapur schickte. Der Auftrag lautete: Bau uns dort einen Onlinehändler auf.

Der hoch aufgeschossene Bittner steht am Fenster seines Büros in der 43. Etage des Axa Towers und zeigt auf ein barackenähnliches Gebilde. "Da unten fing alles an." Heute macht Lazada über 250 Millionen Dollar Umsatz und ist der größte E-Commerce-Händler der Region. Bittner hat eine einmalige Logistik geschaffen, allein in Indonesien betreibt er fünf große Lager. Vor allem aber hält Lazada das richtige Sortiment für die Klientel vor Ort bereit - von Damenmode über Elektrogeräte bis hin zu Spielzeugen. Das meiste ist made in China.

Bittners Truppe war so erfolgreich, dass Alibaba über zwei Milliarden Dollar für die Mehrheit an Lazada zahlte - und den Deutschen an der Spitze behielt. Seit Mitte 2017 hat er allerdings einen Herausforderer: Henry Low, der früher im Verteidigungsministerium Singapurs diente, seit 2010 dann bei Amazon in Großbritannien. Vergangenes Jahr kommandierte ihn Bezos in seine Heimat ab. Dort soll Low das Geschäft für die Amerikaner aufbauen.

Um Kunden von Lazada wegzulocken, führte Low gleich zum Start Amazons Prime-Now-Service ein, der eine Belieferung innerhalb von zwei Stunden verspricht. Der US-Riese bietet nahezu seine gesamte aus dem Westen bekannte Produktpalette feil - von Büchern über Elektroartikel bis hin zu Lebensmitteln. Dafür wurde im Osten des Stadtstaates ein knapp 10¿000 Quadratmeter großes Fulfillment Center (so heißen Lager im Amazon-Jargon) gebaut.

Lazada hat den Prime-Now-Angriff des Rivalen umgehend gekontert, mit LiveUp, einem Mitgliederservice, der kostenlose Lieferung, Rabatte und günstigeren Zugang zu Netflix und Uber verspricht.

Singapur ist für Amazon freilich nur der Brückenkopf. Low soll von hier aus ganz Südostasien erobern. Noch in diesem Jahr wird ein Einstieg in Thailand, Vietnam und Indonesien erwartet - mit über 250 Millionen Einwohnern größter Markt der Region.

Um nicht unnötig Zeit zu verlieren, schließen Beobachter sogar Übernahmen lokaler Player nicht aus - was für Amazon eher selten ist, aber im Nahen Osten bereits praktiziert wurde. Dort kauften die Amerikaner für rund 600 Millionen Dollar den Platzhirsch Souq.com, um schneller Fuß zu fassen.

Südostasien ist für Onlinehändler eine Herausforderung. Die Belieferung von Kunden in Indonesien und auf den Philippinen mit ihrer zersplitterten Inselwelt ist extrem mühsam. Kaum einer besitzt eine Kreditkarte, bezahlt wird meist bar an der Haustür.

Lazada hat dieses Problem kreativ gelöst. In Vietnam wurden die Postämter als logistische Partner eingebunden, in Malaysia 7-Eleven-Läden und auf den Philippinen Tankstellen. Bittner sieht sich deshalb klar im Vorteil gegenüber Amazon: "Wir sind hier in einer starken Position und werden mit Alibabas Unterstützung noch stärker."

Indien ist für Bezos Chefsache

In Indien sind die Machtverhältnisse indes (noch) umgekehrt. Dort liegt Amazon vorn. Jeff Bezos hatte den Subkontinent schon vor Jahren zur Chefsache erklärt. Er wollte nicht noch einmal ein solches Debakel erleben wie in China, wo er Alibaba lange unterschätzte, zu wenig investierte und nie über einen Marktanteil von einem Prozent hinauskam. Besonders demütigend: Mangels einer eigenen Organisation muss Amazon seine Waren in China über das Alibaba-Portal Tmall verkaufen.

In Indien wollte Bezos alles richtig machen. Schon Mitte 2013 flog er höchstpersönlich nach Bangalore, zog einen weißen indischen Hochzeitsanzug an und kurvte auf einem bunten indischen Lkw durch die Metropole. Seinem indischen Statthalter Amit Agarwal überreichte er einen Scheck über zwei Milliarden Dollar. Die Botschaft: Wir haben tiefe Taschen.

Die braucht Bezos auch. Die Wege in Indien sind lang und beschwerlich, die Korruption blüht, und die Bürokratie lähmt. Um voranzukommen, warf Amazon schon manch ehernen Grundsatz über Bord. So nimmt der Onlinehändler auch telefonische Aufträge an und holt die Waren notfalls selbst bei den Verkäufern ab. Eine eigene Flotte von Transportern sammelt die Waren ein, Motorradfahrer liefern sie aus. Als eine zentrale Drehscheibe dienen Kirana Stores, indische Nachbarschaftsläden. Dort werfen die Motorradkuriere die Pakete für die Kunden ab. Bezahlt wird cash oder mit aufladbarer Geldkarte.


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Seit 2015 mischt auch Alibaba im indischen Markt mit. Als Sprungbrett nutzen die Chinesen Paytm. Das 13.000-Mitarbeiter-Unternehmen aus Delhi war einst als Bezahldienst gestartet, gliederte dann aber eine E-Commerce-Tochter aus und verkaufte deren Mehrheit an Alibaba. Mitbeteiligt ist der japanische Softbank-Konzern. Das heißt: Auch Paytm hat tiefe Taschen.

Paytm-Chef und Milliardär Vijay Shekhar Sharma, der mit 19 sein Ingenieurstudium abschloss, ist ein Fan von Jack Ma. Im Oktober 2014 trafen sich die beiden zum ersten Mal bei Alibaba in Hangzhou. Ma überzeugte Sharma, mit seiner Hilfe groß in Indiens Onlinehandel einzusteigen. Ihr gemeinsamer Feind ist jetzt Amazon.

Solche Zukäufe lokaler Anbieter sind eine Strategie, die auch Uber-Rivale Didi und das Reiseportal Ctrip bei ihrem Globalisierungsfeldzug verfolgen. Damit vermeiden sie, öffentlich zu deutlich in Erscheinung zu treten. Denn sie wissen, dass chinesischen Firmen in Asien ein schlechter Ruf vorauseilt.

Alibaba gegen Amazon - das ist neben allem Häuserkampf auch ein Wettstreit um Ideen und Konzepte. Es geht darum, wie wir künftig einkaufen werden.

Traum von der Nummer 5 im Welthandel

In den Zentralen in Seattle und Hangzhou suchen die Experten nach Rezepten, wie sie online mit offline verbinden können. Ma schwebt eine "New Retail Strategy" vor, Bezos eine "Multi-Channel-Strategy".

Beide Konzerne haben deshalb in ihren Heimatmärkten Milliarden in den stationären Handel investiert. Das Ziel: den Lebensmitteleinkauf zu revolutionieren. Mit Hema probiert Alibaba derzeit ein völlig neues Supermarktkonzept aus. In über 25 Filialen kann man einkaufen oder einkaufen lassen. Binnen 30 Minuten nach der Bestellung soll die Ware beim Kunden sein - innerhalb eines Radius von drei Kilometern. Am Stammsitz in Hangzhou gibt es seit Kurzem einen Convenience Store namens Tao Cafe, der ohne Bedienung und Kasse auskommt. Ein Smartphone reicht zum Bezahlen.

Amazon experimentiert mit Go. Hunderte von Videokameras hängen in dem Shop an der Decke und registrieren die Einkäufe. Kassen gibt es keine mehr.

Noch ist nicht ausgemacht, welche der Innovationen sich durchsetzen wird und vor allem: auf welchen Märkten. Noch ist auch der Zweikampf um die Weltherrschaft nicht entschieden.

Zumal da ganz andere ein Wörtchen mitzureden haben. In Washington formiert sich gerade eine Bewegung, die dem monopolistischen Gehabe der US-Techgiganten Einhalt gebieten will. Das Wort von der Zerschlagung macht die Runde.

Alibaba hat da wenig zu befürchten. Die Regierung in Peking ist mächtig stolz auf ihren Internetgiganten. Und so könnte Jack Mas verrückter Traum tatsächlich in Erfüllung gehen: Bis 2036 will er zwei Milliarden Kunden erreichen und mit Alibaba zum fünftgrößten Player im Welthandel aufsteigen. Vor dem Unternehmen lägen dann nur noch ganze Staaten: China, USA, Japan und die EU.

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