Sonntag, 31. Mai 2020

Dressler-Interview "Einzug der Lässigkeit"

Mode: Dresslers Stilvorgabe
Eduard Dressler

Im Anzug fühlen sich Männer wohl, meint Dieter Reinert. Der Chef der Modemarke Eduard Dressler erklärt im Interview, was ein cooler Anzug ist und warum er Manschetten offen trägt.

mm: Herr Reinert, worauf richten Sie die größte Aufmerksamkeit, wenn Sie morgens die Kleidung für den Tag wählen?

Reinert: Drei Faktoren spielen dabei für mich eine Rolle: Wohlgefühl, Akzeptanz und passender Dresscode für das jeweilige Umfeld. Was habe ich zu tun, wen treffe ich, wie fühle ich mich dann am wohlsten? Das sind die Fragen, die ich mir frühmorgens stelle.

mm: "Die Anzüge der Männer", so die Kulturwissenschaftlerin Anne Hollander, "sind weder postmodern noch minimalistisch, weder multikulturell noch konfessionell, sie sind gnadenlos modern im besten klassischen Sinn." Trotzdem, so scheint es, meiden immer mehr Männer diesen Klassiker?

Reinert: Der Anzug hat seine ursprüngliche Aufgabe als klassisches Bekleidungsstück etwas eingebüßt. Er hat heute andere Aufgaben. Als mein Vater vor 40 Jahren sonntagmorgens zur Kirche ging, war ein Anzug Pflicht. Diese Aufgabe hat er sicherlich nicht mehr, keine Frage. Aber jeder Mann, der sich elegant kleiden will, fühlt sich im Anzug wohl, weil er ihm die größte Sicherheit im Auftreten vermittelt - im Business wie im Privaten.

mm: Warum? Weil sich damit manche Rundung gnädig verhüllen lässt?

Reinert: Das spielt sicher eine Rolle. Männer, die nicht die absolute Athletenfigur haben, sind im Anzug immer noch am besten aufgehoben. Eine gekonnte Schnittführung kann wahre Wunder wirken.

mm: Wir erleben derzeit die Dekonstruktion des Formellen: Die Krawatte ist auf dem Rückzug. Die Bügelfalte ist mit dem Verschwinden der treu plättenden Ehefrau außer Kurs. Sie selbst tragen die Manschetten offen ...

Reinert: ... das ist eine persönliche Macke von mir. Für mich bedeutet das eine Ungezwungenheit, die ich mir gönne. Wenn es allerdings Anlässe gibt, wo das den Dresscode stören würde, etwa bei einem Smoking, dann würde ich mir das nie erlauben. Richtig ist, dass eine gewisse Lässigkeit Einzug gehalten hat. Sie haben recht: Die Krawatte erlebt im Moment nicht gerade einen Höhenflug, ist aber bei entsprechendem Anlass unverzichtbares Accessoire. Und vergessen wir nicht das Einstecktuch!

mm: Wo liegt das rechte Maß zwischen Korrektheit und Coolness?

Reinert: Als cool gilt im Moment eine stark taillierte Linienführung in Verbindung mit entsprechenden Materialien, die einen leichten Glanz haben dürfen, etwa mit Mohair oder Seide in Kombination mit Wolle. Entspanntheit muss über den Schnitt erreicht werden, über das gekonnte Armloch, über die nicht sichtbare Bequemlichkeit.

mm: Eigentlich soll ein Anzug Seriosität suggerieren. Derzeit sind aber extrem kurze Jacketts angesagt, dazu möglichst Hochwasserhosen. Der New Yorker Designer Thom Browne fordert von Anzugträgern Ironie. Zu Recht?

Reinert: Wenn Thom Browne sagt, ich mache die Hosen jetzt 15 Zentimeter zu kurz, dann zeigt das viel Ironie, aber es motiviert die Männer, sich mal etwas zu überlegen mit ihren extrem langen Hosen oder mit zu langen Ärmeln am Sakko, wie wir sie - leider Gottes - auch in Deutschland immer noch finden.

mm: Stimmt die These von Anne Hollander, dass diejenigen am besten angezogen sind, die das größte Maß an Selbsterkenntnis mitbringen, gleich, welcher Mode sie folgen?

Reinert: Wenn sie sich darin treu bleiben, ja. Es ist schlichtweg stillos, jeden Tag eine andere Mode zu tragen.

© manager magazin 10/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung