Dienstag, 25. Juni 2019

IT-Ikonen DLD-Chefin rechnet mit Berlin ab - und entzaubert Marissa Mayer und Sheryl Sandberg 

Meinungsfreudig: Stephanie Czerny auf einer Konferenz 2013 in New York.
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Meinungsfreudig: Stephanie Czerny auf einer Konferenz 2013 in New York.

Wie erkenntnisreich ein Gespräch sein kann, wenn die PR-Maschinen schweigen: Die unverblümten Ansichten der DLD-Chefin Stephanie Czerny.

Seit Anfang der Woche hält Stephanie Czerny wieder Hof. Die 59-jährige Bayerin hat die Konferenz DLD (Digital Life Design) zum Familientreffen der globalen IT-Branche in Europa gemacht. Natürlich schauen auch US-Größen wie Facebook-Gründer Mark Zuckerberg bei ihr vorbei - oft, um danach weiter zum World Economic Forum (WEF) in Davos zu ziehen. Folgerichtig zählt die "Financial Times" Czerny zu den 100 einflussreichsten Frauen der digitalen Wirtschaft.

Auf jeden Fall ist sie eine der offenherzigsten. In einem Interview mit der "Welt am Sonntag" skizzierte sie nun kleine Charakterstudien der IT-Ikonen, die sich aus vielen persönlichen Treffen speisen: warmherzig, fast mütterlich zwar, im Ergebnis aber eine Entzauberung.

Bezogen auf Yahoo-Chefin Marissa Mayer ("Marissa kenne ich sehr gut, sie war schon ein paar Mal bei mir in Kreuth, ich war auf ihrer Hochzeit") und Facebook-Vize Sheryl Sandberg befindet Czerny: "Die großen Persönlichkeiten des Internets sind alle nahezu autistisch, was ihre Arbeit betrifft. Mit denen können Sie kaum über etwas anderes reden. Gut, mit Marissa und Sheryl vielleicht noch ein bisschen über ihre Kinder, aber nicht über die letzte Oper oder Vernissage."

Diese prägenden Manager der Internetwirtschaft, so Czerny, seien "völlig monothematisch, auch die Männer, Mark Zuckerberg, Larry Page (Google-Gründer - die Redaktion), all diese großen Gestalten."

Entsprechend schlicht verlaufen dann auch die Kontaktaufnahme und die Pflege der Beziehung. "Klar, man muss ihnen schon etwas bieten, aber je mehr ich über eine Person weiß, für was sie sich interessiert, was ihr Spaß macht, wann die Kinder Geburtstag haben, praktisch das Familiengefühl wie in jeder Dorfgemeinde, desto leichter öffnen sie sich", sagt Czerny.

"Arbeitskultur wie im Silicon Valley habe ich in Berlin noch nicht erlebt"

Das Silicon Valley, die Brutstätte der wichtigsten Konzerne der Internetwirtschaft, stellt Czerny dar wie ein Arbeitslager Freiwilliger. Sie störe die "Glorifizierung" in Deutschland. "Wir machen aus dieser Start-up-Welt so einen hippen Lifestlye, dem die Leute hier hinterherrennen, was ich wirklich schlecht finde. Das lenkt total ab von der Sache. Tatsache ist: Die essen dort eingetrocknete Pizza und tragen Hoodies, weil sie außer ihrer Arbeit für gar nichts einen Kopf haben."

Kein Wunder, dass sie Berlin, in Deutschland gern als europäische Antwort auf das Silicon Valley gefeiert, wenig Chancen einräumt. "Ja, was soll damit sein?", fragt Czerny. "Den Start-up-Hype um diese Stadt kann ich nicht ganz nachvollziehen. (...) In Berlin feiert man gern und genießt ein lockeres Leben. Eine Arbeitskultur, wie ich sie aus dem Silicon Valley kenne, habe ich dort noch nicht erlebt."

Vielleicht ist die aber, wenn man Czerny so zuhört, auch nicht in allen Facetten nachahmenswert.

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