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Industrie 4.0: Der Mittelstand scheint überfordert

Foto: Dirk Schleef für manager magazin

Mittelstand Industrie 4.0 - der große Selbstbetrug

Das Schlagwort von der Industrie 4.0 ist ein großer Selbstbetrug. Vor allem der deutsche Mittelstand scheint mit der nächsten industriellen Revolution überfordert. Forschungsministerin Wanka lädt deutsche Unternehmen nach Berlin ein - derweil drängen US-Champions vor.
Von Astrid Maier und Dietmar Student

Hamburg - Der Mann kann beides gleichzeitig, seine Zähne putzen und sich rasieren (natürlich elektrisch). Das ist nicht nur ein beachtlicher Multitaskingnachweis. Es spart auch Zeit. So kann sich Michael ten Hompel (56) nach der Morgentoilette 4.0 rasch den wichtigen Dingen des Lebens zuwenden - der nächsten industriellen Revolution zum Beispiel: "Mein Tag ist nun einmal eng getaktet, ich muss mich optimieren."

Der Wissenschaftler leitet das Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik, lehrt an der TU Dortmund und gilt als Wegbereiter der digitalen Vernetzung in Deutschland. Er coacht Unternehmen; mehr als 100 Projekte hat er schon betreut - die Joseph-von-Fraunhofer-Straße im Dortmunder Südwesten ist eine Pilgerstätte des neuen Industriezeitalters.

Ten Hompel ist ein unsteter Geist, obwohl er wenig Hektik ausstrahlt. Er spricht langsam, wählt die Worte mit Bedacht und trägt eine randlose, vieleckige Intellektuellenbrille. Er leidet ein wenig unter seiner Mission. Weil Ungeduld ein zentrales Bauteil seines Wesens ist: "Ich sehe die Chancen, und sie werden nicht genutzt. Es juckt einem in den Fingern, selbst tätig zu werden."

Deutschland droht industrielle Revolution 4.0 zu verschlafen

Jetzt führt er durch die ZFT-Halle, die Abkürzung steht für zellulare Fördertechnik. Alles funktioniert hier nach dem Ameisenprinzip. 50 kleine, sich selbst steuernde Transportroboter schwärmen zu ihren Futterstellen aus, den Arbeitsstationen, wo sie beladen werden, und räumen anschließend die Regale voll.

Zurzeit verhandelt Hompel mit mehreren Industrieunternehmen, wie man diese Technologie gemeinsam weiterentwickeln kann; ein paar Hunderttausend Euro müssten die schon zahlen.

Deutschland, und das treibt Ten Hompel tagtäglich an und um, droht die industrielle Revolution 4.0 zu verschlafen. Die Zukunftsfähigkeit des Landes steht auf dem Spiel, falls aus dem "digitalen Wirtschaftswunder" (Alexander Dobrindt) nichts wird.

Vor allem der Mittelstand, das Rückgrat der deutschen Ökonomie, hängt durch. Derweil drängen US-Champions, die Microsofts, Amazons und Googles dieser Welt, mit all ihrer Raffinesse und Raffgier in das Business; im Geschäft mit dem Verbraucher 4.0 sind sie schon uneinholbar enteilt.

Software frisst die Welt auf

Es geht fortan nicht mehr um die Kerndisziplin der deutschen Industrie, den Fertigungsprozess zu automatisieren und auf ein ohnehin fast perfektes Produkt ein immer noch besseres folgen zu lassen. Im Geschäft der Zukunft hat der Begriff "fertig" nur noch als Zwischenstadium eine Berechtigung: Dann sind Maschinen und Produkte derart miteinander vernetzt, dass Kundenwünsche, Lieferzeiten oder Rohstoffengpässe unmittelbar die Herstellung bestimmen.

Ermöglicht wird diese neue fließende Welt durch Milliarden Sensoren, die an allen Teilen haften; sie sammeln gigantische Datenmengen, die in IT-Wolken gebündelt und augenblicklich analysiert werden.

Echte Produktionszyklen gibt es nicht mehr, wenn Prototypen oder Ersatzteile dreidimensional ausgedruckt werden können - oder der Kunde sein Auto per Software-Update und Internetverbindung auf den neuesten technologischen Stand synchronisiert, ganz so, wie er es heute schon mit seinem Smartphone tut. Cyberbrillen weisen den Arbeitern in der 4.0-Fabrik den Weg durch komplett durchdigitalisierte Werkshallen.

Software greift immer größeren Teil der Wertschöpfung ab

Neue Geschäftsmodelle erschließen sich all jenen, die es verstehen, durch clevere Algorithmen dem künftigen Industriedatenwust einen höheren Sinn zu verleihen. Gut möglich, dass bald ein paar Flipflops tragende Entwickler aus dem Silicon Valley besser berechnen können, wann eine Maschine auszufallen droht, als der schwäbische Ingenieur, der sie zusammengeschraubt hat.

Die Software wird fortan einen immer größeren Teil der Wertschöpfung vereinnahmen und Kundengelder abgreifen - auf diesem Terrain haben hiesige Maschinenverehrer bislang wenig vorzuweisen.

Dampfmaschine, Fließband, Computertechnik - und nun Big Data

Es handelt sich um nicht mehr und nicht weniger als eine industrielle Revolution, die vierte, falls die Wirtschaftshistoriker richtig gezählt haben, nach Dampfmaschine, Massenproduktion am Fließband und dem Einzug von IT- und Computertechnik.

In Kalifornien, dem Zentrum der digitalen Ökonomie, haben sie sich längst eingestellt auf tektonische Wohlstandsverschiebungen. Software fresse die Welt auf, prophezeite der schillernde Wagniskapitalgeber Marc Andreessen (43) anno 2011. In der Tat wurde eine Branche nach der anderen digital zerlegt: Musik, Film, Medien, Handel - und jetzt ist die Industrie an der Reihe.

Der Wandel verunsichert Deutschlands Vorzeigekonzerne ebenso wie die Hidden Champions, die es sich in ihren Weltmarktführernischen bequem gemacht haben. Industrie 4.0 - das ist noch für die meisten ein Schlagwort ohne Leben, aber verbunden mit vielen Ängsten und noch mehr Widerständen.

Flammende Grundsatzreden beim IT-Gipfel - und triste Zahlen

Gut zu beobachten war dies zuletzt beim nationalen IT-Gipfel Ende Oktober in Hamburg. Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel wurden fotografisch blendend inszeniert, flammende Grundsatzreden gehalten, Initiativen und Arbeitsgruppen gegründet - alle zeigten reichlich guten Willen.

Die Zahlen sehen eher trist aus. Staat und Wirtschaft investieren zu wenig in Infrastruktur einschließlich Breitbandausbau, in Bildung und erst recht in Start-ups oder Industrie 4.0. Zwar hat die Bundesregierung ein Investitionspaket geschnürt (zehn Milliarden Euro von 2016 bis 2018), aber das werde kaum ausreichen, glaubt der BDI.

Mitte November schlug der Verband in einer Studie Alarm: Die Investitionsschwäche sei "ein branchenübergreifendes und langfristiges Problem". Besonders betroffen: das produzierende Gewerbe. Dort werde "seit gut zehn Jahren" mehr abgeschrieben als investiert, der Kapitalstock schrumpfe also.

Nun startet Forschungsministerin Johanna Wanka einen neuen Versuch und lädt Unternehmen nach Berlin ein - ein "Konsortium Industrie 4.0" soll entstehen. Branchenvertreter hoffen, dass es nicht nur beim Versuch bleibt.

Mittelstand verschläft digitale Revolution - Bosch, Siemens und SAP preschen vor

Die deutschen Großkonzerne scheinen noch am besten gefeit gegen ein drohendes digitales Desaster. Siemens , Bosch oder SAP  haben das Thema frühzeitig für sich entdeckt. Der Münchener Elektrogigant zeigt stolz seine Fabrik der Zukunft her, im oberpfälzischen Amberg; der Autozulieferer Bosch ist Weltmarktführer für Sensoren; und SAP entwickelt sich zur Cloud-Company, mit angeschlossenem Datenturbo namens Hana.

Doch seit Jahren prägen die immer gleichen Leuchtturmprojekte die Diskussion, es kommt nichts Respektables nach. Und: In vielen Paradefällen steckt mehr Folklore als Geschäft.

Bei Siemens  droht die 4.0-Offensive in der kaeserschen Runderneuerung gebremst zu werden: Neue Zuständigkeiten und Eifersüchteleien zwischen 4.0-Office und Forschungsressort schaden dem Fortschrittsgeist. Und die viel gepriesene Forschungskooperation von Siemens und Deutscher Telekom beeindruckt vor allem als kommunikative Glanzleistung, weniger als technologisches Wunderwerk.

Die Autohersteller, so vertraut ihnen das vernetzte Denken auch seit Jahren ist, tun sich ebenfalls schwer, je konkreter es wird. VW etwa hat hochwertige 4.0-Komponenten in die Produktion des neuen Golf eingebaut. Die funktionieren aber noch nicht gut genug; auch deshalb konnten die erhofften Fertigungsziele in den Werken Wolfsburg und Zwickau nur mit erheblicher Verzögerung erreicht werden.

Hoher Investitionsbedarf - Mittelständler zögern

Es ist in erster Linie der Mittelstand, der bei der digitalen Revolution zurückhängt. "Industrie-4.0-Lösungen sind für viele Unternehmen neu und ziehen einen erheblichen Investitionsbedarf nach sich", weiß BDI-Präsident Ulrich Grillo (55), schließlich führt er selbst ein Familienunternehmen, die Duisburger Grillo-Gruppe (Metall, Chemie).

Man müsse die Digitalisierung jetzt "in die Breite tragen". Für viele Mittelständler, so Christian Illek (50), Chef von Microsoft Deutschland, sei das erst ein Thema "für die übernächste Generation". Auch der ehemalige Fraunhofer-Präsident Hans-Jörg Bullinger (70) sorgt sich: Die Firmen wüssten, dass etwas getan werden müsse, "aber nicht, wo und wie sie anfangen sollen".

Dabei ist das Potenzial beträchtlich, wie eine Studie der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) für manager magazin zeigt: Das verarbeitende Gewerbe könnte binnen zehn Jahren einen Produktivitätsgewinn von bis zu 150 Milliarden Euro erzielen. Auch die Volkswirtschaft profitiert: Das Bruttoinlandsprodukt durch Industrie 4.0 könnte zusätzlich um rund ein Prozent pro Jahr wachsen.

Wie gesagt: könnte, wenn sich die Zunft nicht bisweilen derart träge gerieren würde. Eine solche Attitüde provoziert beißenden Spott. "Manch Unternehmer glaubt, er sei schon 4.0, wenn sein Sohn ein Smartphone besitzt", sagt ein Angehöriger der digitalen Avantgarde. Ein anderer hat in seiner Branche gar "Taubenzüchtermentalität" festgestellt: Nur mithilfe lebender Datenträger, so die Meinung eines traditionsbewussten Mittelständlers, könne "Datensicherheit in der Cloud garantiert" werden - von einem Hackerangriff durch Habicht oder Falke einmal abgesehen.

Die Spätentwickler

In einer Umfrage der DZ Bank zur Bedeutung der Digitalisierung für den Mittelstand gab ein gutes Drittel an, das Thema sei für sie zurzeit "überhaupt nicht relevant", bei kleinen und mittleren Unternehmen waren es sogar 70 Prozent.

Manche ziehen aus dieser Erkenntnis die entsprechenden Konsequenzen. Wie etwa der Inhaber einer Versicherungsagentur von der Schwäbischen Alb. Für ihn war die Frage - dicke Brieftasche oder digital - keine. Er cashte lieber aus. Jetzt hat der Patriarch einen Aston Martin in der Garage (sozusagen Industrie 007) - und mächtig Ärger mit seiner Tochter. Die hätte lieber ins Digitale investiert und die Firma am Leben gehalten.

Etliche Unternehmen sind zu spät dran; für sie scheint das Hinterherhinken Teil des Geschäftsmodells zu sein. In der Baubranche ist schon die Datensammlung unerwünscht. Viele Unternehmen fühlen sich wohl in der analogen, händischen Welt, die von resoluten Bauleitern und Excel-Tabellen dominiert wird.

Hinterherhinken als Teil des Geschäftsmodells

Das Interesse an Branchenstandards oder gemeinsamen Datenplattformen ist gering. Im Gegenteil: Jedes Mal, wenn ein Beteiligter - vom Architekten bis zum Bauträger - ein Projekt an die nächste Fertigungsstufe weiterreicht, wird es von 3-D wieder auf eine zweidimensionale Darstellung reduziert, damit nur ja keiner mit den Daten irgendwelche dubiosen Geschäfte machen kann.

Den schwer atmenden Druckmaschinenhersteller Heideldruck erwischt es gleich doppelt: Die Krise der Printmedien bringt weniger Aufträge, der Wechsel vom Offset- zum Digitaldruck wurde lange Zeit missachtet. Jetzt muss der neue Chef Gerold Linzbach (58) sehen, wie er im Lichte permanenter Sparanstrengungen neue Herausforderungen angeht, wie zum Beispiel Industrie 4.0.

Man wolle sich vorerst "auf ausgewählte Themen" konzentrieren, etwa die Onlineüberwachung des Produktionsprozesses oder die Minimierung von Beständen. Umgerechnet ein Dutzend Leute kümmern sich in Vollzeit um die Projekte. Bis zum "robusten" Shop-Floor-Einsatz sei noch ein "erheblicher Aufwand" zu leisten, so Heideldruck-Fertigungsleiter Heribert Wille (54): "Von 80 Puzzlesteinen haben wir acht umgedreht."

Fehlinvestitionen und Führungsprobleme

Die Fehlinvestitionen

Geringe Margen dienen oft als Ausrede für mangelnden Vorwärtsdrang. Bei Post-, Kurier- und Expressdiensten, die in Deutschland rund 25 Milliarden Euro umsetzen, bleiben nur wenige Prozent Rendite hängen. So knausern viele Unternehmen mit Investitionen ins Digitale, um die Margen nicht noch weiter zu drücken.

2014 betrugen die geballten Innovationsaufwendungen der knochenkonservativen Vereinigung mickrige 260 Millionen Euro. Damit ist die Zunft ähnlich innovativ wie die deutsche Holzindustrie (230 Millionen). Gerade weil die Margen so niedrig seien, müssten die Firmen dringend neue Geschäftsmodelle entwickeln, sagt Logistikprofessor ten Hompel, "sonst gehen sie unter".

Das Führungsproblem

Und wenn Geld ausgegeben wird, dann häufig für die falschen Dinge. Rund 650 Millionen Euro wollen die wichtigsten zwölf Branchen der deutschen Wirtschaft im kommenden Jahr in 4.0-IT investieren, davon allerdings nur 80 Millionen in die Produktion von Software - Voraussetzung für ein Überleben in der neuen Industrieära.

Klar ist: Das Thema 4.0 muss der Revolutionsführer, vulgo: CEO, treiben. Und zwar nicht nur mit blumigen Worten, sondern auch als "Emotional Leader". Manchmal geht das schief.

Als der Elektronikhändler Conrad ein neues Geschäftsmodell entwarf - Spiegelreflexkameras und Beamer sollten an Kunden mit wenig Geld online vermietet werden -, ließ sich der Chef für die entscheidende Verwaltungsratssitzung vom zuständigen Projektleiter briefen. Auf Nachfragen der Kontrolleure wusste er keine Antwort - das Vorhaben scheiterte.

Klöckner: Rühls Erweckungserlebnis im Silicon Valley

Beim Stahlhändler Klöckner & Co.  scheint die Einbindung der Führungsspitze besser zu klappen. Chef Gisbert Rühl (55), ein Mann, der einen Großteil seiner Karriere im ältesten Teil der Old Economy verbracht hat (Ruhrkohle, Babcock ), hatte sein persönliches Erweckungserlebnis im Silicon Valley. Wall-Street-Legende und KKR-Gründer Henry Kravis (70) machte Rühl mit Kultinvestor Andreessen bekannt - Duisburg meets Menlo Park.

Die Andreessen-Leute skizzierten, totally disruptive, was dem Geschäftsmodell von Klöckner künftig so alles gefährlich werden könnte. Rühl hörte gut zu und mimt seitdem im Traditionsbetrieb (Gründungsjahr: 1906) sicherheitshalber selbst den Zerstörer.

Auf dem Weg zum digitalen Vorzeigebetrieb hat er sich mit dem Berliner Berater Etventure zusammengetan. Der hat erst einmal die Kundenwünsche analysiert, dann neue Tools entwickelt und programmiert, binnen drei Monaten. Nach herkömmlicher Methode "hätten wir anderthalb Jahre gebraucht", sagt Rühl.

Wie Klöckner künftig Stahl verkaufen will

Jetzt will er Stahl online verkaufen. In den Niederlanden hat er angefangen, noch in diesem Jahr ist Deutschland an der Reihe. Als er die besonders traditionsbehafteten US-Stahlbosse bei deren Branchentreff in Colorado Springs auf diese Idee ansprach, erntete er nur mitleidiges Kopfschütteln. Denn Stahl wird heute in weiten Teilen noch fast wie zu Carnegies Zeiten gehandelt: per Telefon und Fax. Regionale Zwischenlager überall auf der Welt treiben die Kosten. Ein Webshop, so Rühls Kalkül, würde die Gewinnmarge des Konzerns, der gerade erst der Sanierung entwachsen ist, um 1 Prozentpunkt anheben - derzeit liegt sie bei 3 Prozent.

Einen "kleinen zweistelligen" Millionenbetrag wird er 2015 in Industrie 4.0 stecken, bei Gesamtinvestitionen von 70 Millionen Euro. Am Ende der Reformkette soll eine gemeinsame Stahlhandelsplattform stehen, die Daten von Lieferanten und Kunden enthält; über die der intelligente Stahlträger irgendwann selbst seinen eigenen Nachschub ordert.

Braucht man dann Klöckner noch? "Einer muss das Ganze organisieren", sagt Rühl. "Das könnten wir sein."

Die bremsende Organisation - und immer die gleichen Ängste

Oft scheitern Initiativen auch am hausgemachten Föderalismus. Der Chef kann noch so engagiert vorangehen, wenn ihm mächtige Regionalfürsten nicht folgen wollen. Das Beispiel der mittelständisch organisierten Sparkassengruppe mag stellvertretend für viele vergleichbare Industriefälle stehen.

Georg Fahrenschon (46), Präsident des Dachverbands DSGV, hatte das Thema Sparkasse 2.0 schon 2012 auf die Agenda gesetzt. Doch als er neulich drei Millionen Euro für ein Expertenteam ausgeben wollte, das die Digitalisierung pusht, rebellierten die regionalen Verbandschefs.

Das Beharrungsvermögen im Mittelmanagement wird traditionell unterschätzt. Die Leute ab Reihe zwei entfalten beim Blockieren eine Dynamik, die, nach vorn gerichtet, der Digitalisierung erst den rechten Schub verleihen würde. Ein Chief Technology Officer, der sich in seiner SAP-Anwenderwelt eingerichtet hat, kann sich nur schwer umstellen auf neue digitale Weisheiten.

Zudem sind Deutschlands Ingenieure allzu verliebt in ihre eigenen Künste. Da entscheiden Kommastellen beim Wirkungsgrad einer Turbine über das technologische Renommee eines ganzen Großkonzerns. Auf die Frage, welche technischen Innovationen für sie relevant seien, antworteten 46 Prozent der deutschen Maschinenbauer: fortschrittliche Materialien mit überlegenen Eigenschaften. Die Stichworte Industrie 4.0, Big Data und Cloudtechnologien rangierten weiter hinten.

Dinge und Dienste, real versus virtuell, analog gegen digital - es sind stets Paradigmen, die aufeinandertreffen in der rauen Wirklichkeit von Industrie 4.0.

Immer die gleichen Ängste brechen sich Bahn

Immer die gleichen Ängste brechen sich Bahn: Die Wettbewerber könnten Einblick in die eigenen Daten erhalten. Hacker könnten das System angreifen. Und wem gehört eigentlich in Zukunft der wichtigste Rohstoff, die Daten: dem Hersteller, dem Datenverarbeiter, dem Kunden - oder dem BDI? Wer indes zu sehr auf Sicherheit spielt, der hält sich zu lange mit der falschen Frage auf. Inzwischen machen andere das Geschäft.

Zum Beispiel in der schaurig-bequemen Welt des Smart Home. Energieversorger, Heizungsbauer, Waschmaschinenhersteller, Telekomfirmen - alle wollen künftig in Deutschlands Wohnstuben Daten sammeln, die unterschiedlichsten Haushaltshelfer miteinander verknüpfen und über Sensoren steuern. Einer RWE-Studie zufolge sollen bereits 2018 mehr als die Hälfte aller neuen Elektrogeräte internetfähig sein.

So läuft die Waschmaschine, wenn der Strom am billigsten ist, springt die Heizung an, während man noch auf dem Nachhauseweg ist, schließen Fenster automatisch, wenn es hagelt, stürmt oder schneit. Nicht nur an der Vernetzung all dieser Dinge ließe sich verdienen, sondern auch an der Verwertung der Fülle von Verbrauchsdaten.

Und so zeichnet sich innerhalb der heimischen Wände der nächste Showdown ab: deutsche Industrie gegen Google . Keiner macht aus der Verknüpfung von Daten mit Werbung weltweit ein derart einträgliches Geschäft wie die Softwareartisten aus Mountain View mit ihrer Suchmaschinentechnologie. Und wie kein zweites Unternehmen aus der neuen vernetzten Welt greift Google nun an völlig neuen Fronten an.

In kürzester Zeit hat der Konzern eine eigene Robotikabteilung gegründet und sich dafür innerhalb eines Jahres acht Firmen gekauft, wie etwa Boston Dynamics. Längst schickt die Firma von Gründer und CEO Larry Page (41) selbst fahrende Autos auf kalifornische Straßen. Und Anfang des Jahres übernahm Google für über drei Milliarden US-Dollar den Thermostathersteller Nest. Seither trägt die Gefahr vor allem einen Namen: Tony Fadell (45).

Der Silicon-Valley-Spirit

Der Nest-Erfinder ist von bulliger Statur, verströmt in seinen eng anliegenden und oben ein wenig aufgeknöpften Hemden auf den Tech-Bühnen dieser Welt die Aggressivität eines Preisboxers. Das Wort "gut" sollte man als Mitarbeiter in seiner Nähe lieber nicht erwähnen. Fadell ist der Meinung, dass alles immer noch besser gemacht werden kann. Die kostenlosen Massagen, die Google seinen Angestellten spendiert, verwehrt Fadell der Nest-Truppe, aus Angst, sie könnte ihm noch verweichlichen.

Der Mann hat bei Apple  gelernt. Mag der neue Schrecken der deutschen Wirtschaft hier vielen noch unbekannt sein, im Silicon Valley ist Fadell als "Pate des iPods" weltberühmt. Er half auch beim Design des iPhones mit, bevor er sich mit seinem eigenen Unternehmen selbstständig machte. Sein Ziel: Klimaanlagenregler, Überwachungskameras, Rauchmelder, mithin all diese hässlichen Geräte, die es in jedem Haushalt gibt, in begehrenswerte Designtrophäen, wie es das iPhone ist, zu verwandeln.

Mit dem Geld von Google-Chef Page drängt Fadell auf den alten Kontinent: "Wir sind jetzt in der Lage, viel schneller nach Europa zu expandieren", sagte er Anfang November auf Europas größter Tech-Konferenz in Dublin. Geht es nach Plan, wird Fadell eine Art Kommandozentrale für die Fernsteuerung von Haushaltsgeräten entwickeln, ähnlich wie es der Konzern bei Handys mit seinem Android-Universum vorgemacht hat.

Apple-Design, Google-Milliarden, Silicon-Valley-Spirit - da können deutschen Traditionsunternehmen schon einmal die Knie schlottern. Als die Nest-Übernahme bekannt wurde, dachte man bei Bosch kurzzeitig darüber nach, das eigene Konkurrenzprodukt gleich ganz zu verkaufen. Für den Klimareglerhersteller Viessmann war die Google-Akquisition ein Weckruf. Martin Viessmann (61), Inhaber in dritter Generation, stellte sich die Frage: aufgeben - oder sich mit der Digitalwelt arrangieren?

RWE, Eon und das Smart Home

Der Familienunternehmer aus Nordhessen entschied sich für Letzteres. Seit Monaten wird nun an einer neuen hauseigenen App gewerkelt, die im kommenden Jahr dem Weltpublikum vorgestellt werden soll.

Die deutschen Energieversorger knüpften zu Google unterschiedliche Beziehungen. Eon-Vorstände versuchten in mehreren Gesprächen vor Ort, Fadells Strategie zu ergründen. Sie kehrten mit dem Eindruck zurück: ein lauter, selbstbewusster Typ, der weiß, dass er viel weiß. Man bleibt in Kontakt.

Konkurrent RWE  hingegen assistiert bei der Europa-Attacke. Gemeinsam mit Nest gibt das Unternehmen Thermostate an seine Stromkunden ab: In England (seit Ostern), den Niederlanden (seit Sommer); der Markteintritt in Deutschland folgt. Die heimischen Energieversorger hoffen, dass Fadell letztlich vor der Vielfalt Europas zurückschreckt, mit zig unterschiedlichen Datenschutzregeln und Heizsystemen: "Die EU ist eine Giftpille", glaubt ein Energiemanager. Es klingt nach Pfeifen im Wald.

Die alles entscheidende Frage ist, im Smart Home wie in den smarten Werkshallen: Wer fühlt sich stark genug, einen internationalen Standard zu setzen? Sicher ist: Allein können die Unternehmen in der neuen Netzwelt kaum bestehen.

Deutschland muss nachziehen

Echte Plattformstrategien drohen allerdings am deutschen Silodenken zu scheitern. Kanzleramtsminister Peter Altmeier macht sich Sorgen, die Tendenz zur Abschottung gefährde die Wettbewerbsfähigkeit des Landes.

Gerade im Mittelstand dringt die Einsicht kaum durch, dass in einer vernetzten Welt notgedrungen Rivalen auch mal zum Partner geadelt werden müssen. Auf diese Weise sind Konzerne wie Microsoft , Oracle  und IBM  von den USA aus zu wirkmächtigen Kräften aufgestiegen. Die IT-Firmen haben die Kunst der "Coopetition", also die Mixtur aus Wettbewerb und Zusammenarbeit, über Jahrzehnte perfektioniert.

Die Amerikaner sind enteilt. Der Siemens-Rivale General Electric hat gemeinsam mit Telekomkonzern AT&T, Netzwerkausrüster Cisco , IBM und dem Chiphersteller Intel  längst das sogenannte "Industrial Internet Consortium" geformt. Inzwischen haben sich der Gruppe zig weitere Mitglieder angeschlossen, auch Bosch und der koreanische Elektronikmulti Samsung .

Ihr Ziel: globale Standards für die an das Internet angeschlossenen Industriesysteme. Wenn demnächst Maschinen miteinander kommunizieren, sollen sie dies in derselben Sprache tun. Und wer die vorgibt, beherrscht den Markt.

Forderung nach übergreifender Plattform

Deutschland, das sich rühmt, den Begriff Industrie 4.0 erfunden zu haben, muss nachziehen. Zwar diskutieren Siemens, SAP, Telekom und Infineon schon länger über ein gemeinsames Konsortium. Insider halten eine solche nationale Lösung allerdings frühestens im kommenden Jahr für möglich; vielleicht, wenn alles gut läuft, kommt sie zur Cebit.

Auch die Verbände propagieren eine übergreifende Plattform "Industrie 4.0", von der sich allerdings die wichtigste Industrie, der Automobilbau, fernhält. Ergebnisse aus der Verbändezusammenarbeit? "Bisher keine", raunen entnervte Funktionäre, sobald die Kamera ausgeschaltet ist. BDI-Präsident Grillo will nun, dass ganz Europa mitmacht: "Wir brauchen einen breiten europäischen Ansatz mit neuen Allianzen - über alle traditionellen Branchengrenzen hinweg." Nur so könne man gegenüber den Amerikanern schlagkräftiger werden.

Dem kann Michael ten Hompel, der 4.0-Missionar aus dem Ruhrgebiet, nur beipflichten. Er selbst hat seine Schlagkraft erhöht, ist seit Juli auch noch einer von zwei Leitern des Fraunhofer-Instituts für Software- und Systemtechnik.

Auf einem Sideboard hat er Erinnerungsstücke aufgestellt. Zum Dank, dass er einst ein Lego-Zwischenlager technologisch aufrüstete, haben ihm die Dänen einen Scheich aus Legosteinen geschenkt. Den Kopf kann man abnehmen. Dann kommt eine noch ungeöffnete Flasche Schnaps zum Vorschein. Die neue Logistikwelt steckt voller Überraschungen.