Montag, 16. September 2019

Digitale Plattformen Street-Fighter

Digitale Plattformen: Diese Digital-Firmen entdecken die Vorzüge des Analogen
Airbnb

3. Teil: Die Technologie hebelt das Geschäftsmodell aus

In Ubers Kernsparte könnte der Wandel des Businessmodells bald noch viel tief greifender ausfallen. Der Fahrdienstvermittler hat einen Kaufvertrag für bis zu 24.000 Volvos unterzeichnet - zusätzlich zu den 200 Stück, die Uber dem Autobauer schon abgenommen hat, um das autonome Fahren zu erproben. Uber wandle sich damit "in Richtung eines Mietwagenanbieters, der die Autos auf seiner Plattform besitzt", sagt Nick Srnicek, Ökonom am King's College in London und Autor des Buches "Platform Capitalism".

Auch Uber-CEO Dara Khosrowshahi (48) kann nicht anders. Er muss verhindern, dass der technologische Wandel sein Geschäftsmodell völlig aus den Angeln hebt. Der Stanford-Wissenschaftler Tony Seba, Gründer des Thinktanks RethinkX, hat durchgerechnet, wie stark selbstfahrende Autos die Kosten für individuelle Mobilität senken können. Ergebnis: "dramatisch". Uber muss also aufpassen, dass es nicht selbst disrupted wird - so wie die Firma einst die Taxibranche mit ihrem Dumpingangebot aufmischte.

Die Gefahr ist durchaus real: Googles Autoausgründung Waymo testet in Phoenix bereits einen kommerziellen Dienst ohne Fahrer. Waymo sei seinen Wettbewerbern zwei bis drei Jahre voraus, sagen Experten. Und Uber will seine Zukunft auf keinen Fall davon abhängig machen, ob Waymo sich dazu herablässt, seine selbstfahrenden Autos ins Uber-Netz einzuspeisen. Lieber investiert der Taxischreck in eigene autonom steuernde Gefährte.

Doch die Mutation zum Flottenbetreiber ist riskant. Uber hat keinerlei Erfahrung in der Instandhaltung gigantischer Fuhrparks - und sich schon einmal übel verkalkuliert, als es darum ging, die Wertentwicklung einer solchen Flotte zu prognostizieren. Im Januar wurde Ubers Leasing-Einheit dichtgemacht, sie sollte rund 40.000 Fahrzeuge an Fahrer vermitteln. Das Problem: Die Autos wurden zumeist in deutlich schlechterem Zustand zurückgegeben, als von Uber prognostiziert. Je Fahrzeug sollen bis zu 9000 Dollar Verlust angefallen sein.

Politischer Druck erzwingt den Wandel

Es ist nicht der einzige Fall, bei dem das vermeintlich assetfreie Uber Millionen in ganz analogem Metall versenkt hat. In London etwa subventioniert der Fahrdienst mit 150 Millionen Pfund den Kauf von Elektroautos. Uber will sich dadurch das Wohlwollen der Verkehrsbehörden sichern, sie drohen den Kaliforniern wegen Unregelmäßigkeiten mit Lizenzentzug.

Nicht nur Uber sucht sein Heil in physischen Investments. Um die Politik für sich einzunehmen, baut der chinesische Konkurrent Didi sogar ein eigenes Ladenetzwerk für E-Autos auf. Und Airbnb, die Unterkunftsvermittlung von Brian Chesky (36), macht neuerdings ganz handfest in Steinen und Mörtel.

Da die Städte immer vehementer gegen die Umwandlung von Apartments in Ferienwohnungen vorgehen, bekommt Airbnb ein echtes Angebotsproblem. Ausgerechnet in einigen der gefragtesten Metropolen sind die Zuwachsraten von Wohnungsanzeigen laut Datenfirma AirDNA rapide eingebrochen. In Amsterdam soll das Angebot sogar rückläufig gewesen sein - eine Katastrophe für Airbnb, dessen 31-Milliarden-Dollar-Bewertung vor allem auf der Wachstumsfantasie der Investoren basiert.

Um zusätzliche Unterkünfte auf seine Plattform zu kriegen, umgarnt Chesky Boutiquehotels - und entwickelt gemeinsam mit einer Immobiliengruppe in Florida sogar einen Apartmentkomplex unter eigener Marke. Das kommt dem Franchisemodell von Ketten wie Hilton oder Marriott schon ziemlich nahe. Langweiliger geht's kaum.

Aber genau auf deren Zielgruppe hat es Chesky abgesehen. Sein Airbnb-Plus-Programm soll die Plattform hotelähnlicher machen und strengere Standards garantieren. Dazu braucht Airbnb indes Mitarbeiter, die wie in Hotels mit einer langen Checkliste die Zimmer kontrollieren: Steht Shampoo im Bad? Funktioniert der Kühlschrank?

Damit wird Airbnb nicht nur personalintensiver, es werde auch stärker in den Fokus der Behörden geraten, glaubt Berater Goodwin: "Umso ähnlicher die Plattformen den Firmen werden, die sie ersetzen, desto schwieriger ist es zu erklären, wieso für sie andere Regeln gelten sollen."

Troy Flanagan von der Lobbyvereinigung American Hotel & Lodging Association stänkert bereits: "Wenn Airbnb ins Hotelgeschäft einsteigen möchte, muss es auch reguliert, besteuert und den gleichen Sicherheitsbestimmungen unterworfen werden", die seine gesetzestreue Klientel jeden Tag befolge.

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