Dienstag, 18. Juni 2019

Digitale Nomaden Mit dem Laptop um die Welt

Digitale Nomaden: Null Bock auf Büro
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4. Teil: Coaching für Nomaden

In den vergangenen Jahren ist eine regelrechte Serviceindustrie entstanden, die das reisende Laptopvolk umsorgt. Ständig eröffnen neue Coworking-Stationen, die Szene wird mit immer mehr Events umgarnt. Hierzulande gilt der DNX Kongress in Berlin Ende Mai als der wichtigste. Die 800 Plätze sind schon seit Wochen ausgebucht. Veranstalter sind Marcus Meurer und seine Freundin Felicia Hargarten, beide digitale Nomaden, die selbst bloggen und eine Onlinemarketing-agentur betreiben. 5000 bis 6000 Euro verdienen sie so im Monat. Ihre Wohnung in Berlin haben die beiden aufgegeben, sie arbeiten zumeist von der thailändischen Insel Phuket aus.

Es gibt mittlerweile eine Vielzahl von Nomaden, die davon leben, ihresgleichen zu beraten. Dutzende von Überlebensratgebern sind erschienen, die Bibel stammt von Tim Ferriss: "Die 4-Stunden-Woche". Darin rechnet der Amerikaner vor, wie man mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel verdient. Ferriss lässt sich gern als Guru feiern, für die Reisebloggerin Conni Biesalski ist er ein geschäftstüchtiger Verführer: "Vergiss es, so einfach wie bei Ferriss ist die Welt nicht."

Das wird einem spätestens klar, wenn man mit Barbara Riedel (29) am Strand von Pigeon Island (St. Lucia) aufs Meer blickt. Auf der einen Seite tobt der Atlantik, auf der anderen liegt ruhig die Karibik. Riedel hat Romanistik studiert, ist Dolmetscherin, auch sie bloggt und schreibt Ratgeber wie "Reisen fürs schmale Portemonnaie", bei Amazon für 3,99 Euro bestellbar.

Sie weiß, worüber sie schreibt. 30 Euro kann sie am Tag ausgeben, mehr nicht. Sie schläft in den Hostels auch schon mal in Mehrbettzimmern oder bei Freunden auf der Couch. Wenn das Geld knapp wird, sucht sie sich einen Job über die Website WorkAway.

Moderne Nomaden sind - anders als die traditionellen - Einzelgänger, Paare selten, Familien erst recht. Große Ausnahme: der Niederländer Gawin Brave, der mit Frau Brenda und der zweijährigen Tochter Eliza unterwegs ist. Die Familie lebt vom Housesitting, sie passt auf, solange die Eigentümer der Immobilien verreist sind, oft mehrere Monate lang.

Brave gilt in der Szene als der effizienteste Packer. Er kennt von 250 Artikeln die Gewichtsangaben - in Gramm. Vater und Mutter kommen deshalb mit einem Rucksack von exakt sieben Kilo aus. Als man ihn fragt, was da alles so reinpasst, bringt ihn das auf die Idee, schnell mal eine Webseite zu launchen: 7kgchallenge.com. So tickt die Zunft.

Was aber auch er nicht einpacken kann: Freunde. Ständig stehen Abschiede von Orten und Menschen an. Wie lange sie das Aus-dem-Rucksack-Leben durchhalten, mag keiner dieser Vagabunden vorhersagen.

Tim Chimoy (35) ist aus dem Kreislauf bereits ausgebrochen. Der Architekt aus Köln hat ein Haus in Chiang Mai angemietet, nach rund fünf Jahren auf Tour. Seinen Unterhalt verdiente er sich mit CAD-Zeichnungen für deutsche Kunden. Doch er hatte genug davon, Menschen immer nur virtuell zu treffen. In der zweistöckigen Immobilie hat er nun auf der unteren Etage einen Konferenzraum eingerichtet. Für Nomaden, die er coacht.

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