Mittwoch, 18. September 2019

Digitale Nomaden Mit dem Laptop um die Welt

Digitale Nomaden: Null Bock auf Büro
imago

2. Teil: Beginn einer Bewegung

Top 10
Die liebsten Orte der streunenden Techies
1 HO-CHI-MINHSTADT
Vietnam
2 PRAG
Tschechien
3 TAIPEH
Taiwan
4 PORTO
Portugal
5 BUDAPEST
Ungarn
6 RICHMOND
USA
7 MIAMI
USA
8 VANCOUVER
Kanada
9 LAS VEGAS
USA
10 UBUD
Indonesien

Quelle: Nomad List,
Stand 11. April 2017

Die Horde zieht von Ort zu Ort, stets dahin, wo sie gerade die besten Bedingungen findet: vorzugsweise Bali, Thailand, Vietnam. Manche schwören auf Brasilien und Kolumbien (vor allem die Ex-Terroristenhochburg Medellín). Schwer im Kommen sind Portugal, Spanien (inklusive Kanaren) sowie die osteuropäischen Metropolen Budapest, Prag und, aktueller Geheimtipp, Sofia.

Abgesehen von den Kosten interessiert die Nomaden hauptsächlich eins: die Internetgeschwindigkeit vor Ort, gemessen in MBps. Wer beim Speedtest durchfällt, wird gemieden. Das Web ist für die Zugvögel die einzige Verbindung zu ihren Auftraggebern, ihren Kunden.

Schätzungen zufolge beläuft sich die Zahl der digitalen Nomaden auf eine halbe Million Menschen. Marcus Meurer (39), der in Berlin den DNX Kongress für die Community veranstaltet, sieht darin die "Speerspitze einer Bewegung". More to come. Nach einer Studie des Beratungsunternehmens PwC kann sich jeder Fünfte der Generation Y vorstellen, von verschiedenen Orten aus mobil zu arbeiten.

Manche der Weltenbummler halten sich gerade so über Wasser, andere verdienen gut, einige wenige werden sogar reich. Die Berlinerin Conni Biesalski (32) arbeitete früher in einer PR-Agentur ("Ich hasse Büros") und gilt heute als eine der erfolgreichsten deutschen Reisebloggerinnen. Anfang des Jahres war sie drei Monate in Südkalifornien, jetzt ist sie zurück im Künstlerdorf Ubud auf Bali, ihrem Lieblingsdomizil. "Erfolgreiche digitale Nomaden reisen langsam", sagt Biesalski, sie bleiben mindestens drei Monate an einem Ort. Und sie kommen immer wieder an eine Stelle zurück. Ihre Sachen sind verstaut in einer Tasche (42 Liter) und einem Messenger Bag (14 Liter). Solche Volumenangaben kennt jeder Nomade genau.

Biesalskis Blog "Planet Backpack" wird etwa alle zwei Monate aktualisiert und hat mehr als 150.000 Leser. Wo zahle ich als Weltbürger welche Steuern, welcher Rucksack ist der richtige, wie sieht die ultimative Packliste aus? Das sind ihre Themen. Auch ihr über 300 Seiten starkes E-Book "Digital, unabhängig, frei" verkauft sich gut. Das verbucht sie als "passives Einkommen".

Ihr Nomadenleben hat sie von Beginn an als Business betrachtet. Ziel: so viel zu verdienen, dass sie "jeden beliebigen Flug sofort buchen und morgen fliegen kann". Zwischen 3000 und 4000 Euro nimmt Biesalski pro Monat ein. Ihr Blog wird von der DKB gesponsert, weil sie deren Visacard promotet. Und ein wenig Produkt-PR macht sie auch.

Krankenversichert ist sie bei der Techniker für 230 Euro im Monat. Eine Altersvorsorge hat sie nicht: "Ich plane nicht, in Rente zu gehen."

Stefan Klumpp (33) tickt da anders. Der Mann ist Schwabe, geboren und aufgewachsen in Baiersbronn, studiert hat er in Ulm und Edinburgh. Vorsorge liegt ihm quasi in den Genen.

Klumpp ruft aus Canggu an der Westküste Balis an. Normalerweise ist er in Europa und im südlichen Afrika unterwegs, seine Freundin stammt aus Zimbabwe. Die beiden haben sich 2015 über Tinder kennengelernt und zum Frühstück getroffen, "ganz modern". Er war damals für drei Monate in Kapstadt zum Kiten, sie besuchte eine internationale Justizkonferenz.

Klumpp lebt in einem 45.000 Euro teuren Camper ("Zu Hause ist, wo ich parke"), einem Weinsberg CaraBus 601 MQ auf Fiat-Ducato-Basis. WLAN hat er nicht, er loggt sich über sein Smartphone ein, für jedes Land kauft er sich eine lokale SIM-Karte, bis zu einem Gigabyte braucht er am Tag.

Vor fünf Jahren hat Klumpp zusammen mit Jordi, seinem spanischen Partner, die Firma Mobile Jazz gegründet. Sie entwickeln Apps, unter anderem für Airbus und Google. Ein virtuelles Unternehmen, die 20 Mitarbeiter sitzen in Barcelona, Irland, Polen, Österreich, Thailand und auf Mauritius. "Sie können selbst entscheiden, wo sie arbeiten wollen", sagt Klumpp. Ein paarmal im Jahr trifft sich die Belegschaft in Barcelona, zum Skifahren in Österreich oder auf Bali oder Martinique.

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