Dienstag, 22. Oktober 2019

Digitalisierung Republik der Angsthasen - Risikoscheu als Fortschrittskiller

Innovation: Risikoaversion wird zum Fortschritskiller
AFP

Die Risikoaversion der Deutschen schadet dem Standort und wird zum Fortschrittskiller - gerade jetzt, beim Sprung in die digitale Ära.

Es war Ende Juli, als zwei Hacker sich aus der Ferne eines Jeep Cherokees bemächtigten. Sie traktierten den Fahrer (ein Journalist des US-Magazins "Wired") mit eisiger Luft aus der Klimaanlage und lautem Hip-Hop aus dem Radio. Es gelang ihnen sogar, via mobile Internetanbindung den Motor lahmzulegen.

Die Demonstration der Verwundbarkeit digital aufgerüsteter Autos war ein voller Erfolg. Sie zeigte die Sicherheitslücken auf und zwang Chrysler, 1,4 Millionen Autos in die Werkstätten zurückzurufen, um ein Softwareupdate aufspielen zu lassen.

So weit, so gut.

Doch es kam noch besser. In Deutschland malten sich Menschen und Medien aus, dass digitales Car-Napping auf der Autobahn Leben kosten könnte, wenn Bremsen, Gaspedal und Lenkung von fremden Mächten übernommen werden. Der "Wirtschaftswoche" war das Exotenthema gar einen Titel wert - auch wenn es, rational betrachtet, nur eine Fußnote zum vernetzten Auto ist.

German Angst und Risikogesellschaft

Eine typisch deutsche (Über-)Reaktion: Keine Nation dieser Erde ist derart angstgetrieben wie die deutsche. Ihre Aversion gegen jegliches Risiko ist inzwischen weltberühmt, der anglophone Sprachraum hat dafür den Begriff "German Angst" geprägt. Der Soziologe Ulrich Beck schrieb mit "Risikogesellschaft" hierzulande sogar einen Bestseller, was Wissenschaftlern dieser Fachrichtung nur alle 100 Jahre gelingt.

Es mutet skurril an, dass technisch-naturwissenschaftliche Phänomene ausgerechnet dem Volk der Tüftler und Ingenieure so viele Sorgen bereiten. Doch die Furcht wurzelt tief, sie geht zurück auf die Deutsche Romantik. Diese Bewegung, entstanden aus der Angst vor Veränderung und Verstädterung im frühen 19. Jahrhundert, lebt in uns fort. Und führt allzu oft dazu, dass wir lange und intensiv über die Gefahren von Innovationen nachdenken und weniger über deren Chancen.

So kultivieren die Deutschen ihre Ängste - vor Gentechnik und Atomkraft, vor künstlicher Intelligenz und Datenraub, vor Fracking und Stromtrassen, vor Chlorhühnchen und Nanoteilchen. Wir haben es am liebsten kuschelig und sicher. Und sind bereit, teuer dafür zu bezahlen, so vor einigen Jahren 1,5 Milliarden Euro zur Bekämpfung der Seuche BSE. Dabei war die Rinderkrankheit hierzulande bei Menschen gar nicht ausgebrochen.

Die übergroße Vorsicht führt zu bürokratischer Überregulierung. Sie verzögert die Einführung neuer Technologien, und manchmal verhindert sie gar, dass weltweit akzeptierte Entwicklungen in Deutschland stattfinden. "Diese Hysterie ist ein echter Standortnachteil", fasst der Dortmunder Statistikprofessor Walter Krämer das Ergebnis seiner jahrelangen Studien zur "deutschen Risikophobie" zusammen.

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