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Innovation: Risikoaversion wird zum Fortschritskiller

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Digitalisierung Republik der Angsthasen - Risikoscheu als Fortschrittskiller

Die Risikoaversion der Deutschen schadet dem Standort und wird zum Fortschrittskiller - gerade jetzt, beim Sprung in die digitale Ära.
Von Eva Müller

Es war Ende Juli, als zwei Hacker sich aus der Ferne eines Jeep Cherokees bemächtigten. Sie traktierten den Fahrer (ein Journalist des US-Magazins "Wired") mit eisiger Luft aus der Klimaanlage und lautem Hip-Hop aus dem Radio. Es gelang ihnen sogar, via mobile Internetanbindung den Motor lahmzulegen.

Die Demonstration der Verwundbarkeit digital aufgerüsteter Autos war ein voller Erfolg. Sie zeigte die Sicherheitslücken auf und zwang Chrysler, 1,4 Millionen Autos in die Werkstätten zurückzurufen, um ein Softwareupdate aufspielen zu lassen.

So weit, so gut.

Doch es kam noch besser. In Deutschland malten sich Menschen und Medien aus, dass digitales Car-Napping auf der Autobahn Leben kosten könnte, wenn Bremsen, Gaspedal und Lenkung von fremden Mächten übernommen werden. Der "Wirtschaftswoche" war das Exotenthema gar einen Titel wert - auch wenn es, rational betrachtet, nur eine Fußnote zum vernetzten Auto ist.

German Angst und Risikogesellschaft

Eine typisch deutsche (Über-)Reaktion: Keine Nation dieser Erde ist derart angstgetrieben wie die deutsche. Ihre Aversion gegen jegliches Risiko ist inzwischen weltberühmt, der anglophone Sprachraum hat dafür den Begriff "German Angst" geprägt. Der Soziologe Ulrich Beck schrieb mit "Risikogesellschaft" hierzulande sogar einen Bestseller, was Wissenschaftlern dieser Fachrichtung nur alle 100 Jahre gelingt.

Es mutet skurril an, dass technisch-naturwissenschaftliche Phänomene ausgerechnet dem Volk der Tüftler und Ingenieure so viele Sorgen bereiten. Doch die Furcht wurzelt tief, sie geht zurück auf die Deutsche Romantik. Diese Bewegung, entstanden aus der Angst vor Veränderung und Verstädterung im frühen 19. Jahrhundert, lebt in uns fort. Und führt allzu oft dazu, dass wir lange und intensiv über die Gefahren von Innovationen nachdenken und weniger über deren Chancen.

So kultivieren die Deutschen ihre Ängste - vor Gentechnik und Atomkraft, vor künstlicher Intelligenz und Datenraub, vor Fracking und Stromtrassen, vor Chlorhühnchen und Nanoteilchen. Wir haben es am liebsten kuschelig und sicher. Und sind bereit, teuer dafür zu bezahlen, so vor einigen Jahren 1,5 Milliarden Euro zur Bekämpfung der Seuche BSE. Dabei war die Rinderkrankheit hierzulande bei Menschen gar nicht ausgebrochen.

Die übergroße Vorsicht führt zu bürokratischer Überregulierung. Sie verzögert die Einführung neuer Technologien, und manchmal verhindert sie gar, dass weltweit akzeptierte Entwicklungen in Deutschland stattfinden. "Diese Hysterie ist ein echter Standortnachteil", fasst der Dortmunder Statistikprofessor Walter Krämer das Ergebnis seiner jahrelangen Studien zur "deutschen Risikophobie" zusammen.

Angsthasen bedrohen Zukunft Deutschlands

Tatsächlich schwächen die vielfältigen Ängste die Innovationskraft des Landes. Unser Horror vor Ausspähung und Cyberkriminalität hat die heimischen Unternehmen bei der Digitalisierung weit zurückgeworfen. Unsere Panik vor genveränderten Produkten erschwert der Wirtschaft den Zugang zu einer Technologie, die in wenigen Jahren allerorten eine dominierende Rolle spielen wird.

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Innovation und Digitalisierung: So denken Führungskräfte

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"Die Angsthasen bedrohen die ökonomische Zukunft Deutschlands", klagt Holger Zinke. Der Gründer des Biotech-Unternehmens Brain, einer der wenigen erfolgreichen deutschen Spieler der Branche, hält die Risikoaversion seiner Bürger für das gewichtigste Hightechhemmnis.

"Ohne Risikobereitschaft kann es keinen Fortschritt geben, denn null Risiko bedeutet Stillstand", sagt Bayer-Chef Marijn Dekkers. Das klingt verdächtig nach Plattitüde, nach dem Einrennen offener Türen, muss aber offenbar gelegentlich gesagt werden. Denn rund ein Drittel der Bundesbürger spricht sich laut Wissenschaftsbarometer 2015 grundsätzlich für einen Stopp der Entwicklung von Technologien aus, die unbekannte Risiken bergen könnten.

Auch deshalb reguliert Deutschland das Fracking so rigide, dass es einem Verbot gleichkommt. Lieber nehmen wir in Kauf, uns noch abhängiger von den Gaslieferungen aus Wladimir Putins Russland zu machen. Inzwischen decken die heimischen Vorkommen nur mehr 12 Prozent des Bedarfs, 10 Prozentpunkte weniger als vor zehn Jahren. Bis zu 2,3 Billionen Kubikmeter Schiefergas lagern unter deutschem Boden, das 15-Fache der konventionellen Erdgasressourcen. Mehr Selbstversorgung wäre also durchaus drin.

Der Mehrheit der Deutschen ist der technische Fortschritt zu schnell

Aber welche Partei mag sich schon mit der überwältigenden Mehrheit anlegen, die der Schreckensvision vom brennenden Wasserhahn anhängt? Die Zustimmung, unkonventionelle Gasvorkommen aufzubohren, liegt im Volk bei vernachlässigbaren 21 Prozent. Das ergab eine repräsentative Umfrage der Kommunikationsagentur Edelman Anfang 2015. Auch Neuerungen aus der digitalen Welt kommen danach schlecht an. Nur jeweils ein Drittel der Bundesbürger traut Angeboten wie Cloud Computing oder mobilen Gesundheitsdiensten.

57 Prozent der Deutschen ist der technische Fortschritt grundsätzlich zu schnell - obwohl in heimischen Haushalten mehr technische Geräte stecken als anderswo; obwohl unsere Ingenieure für ihren Erfindergeist weltberühmt sind; obwohl unser gigantischer Exportüberschuss - und damit der Reichtum der Nation - auf dem globalen Erfolg innovativer Produkte made in Germany beruht.

Der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, bündelt diesen eklatanten Widerspruch in einem griffigen Wort: "Wohlstandskrankheit". Saturiert und selbstgefällig, glaubten die Deutschen, sich ihre Befindlichkeiten leisten zu können. Für die Energiewende etwa ist ihnen nichts zu teuer. Klimawandel verhindern, Atomkraft eliminieren - den Ausbau alternativer Stromquellen finden wir super. Windräder und Hochspannungsleitungen, die grünen Strom von den Erzeugern im Norden zu den großen Verbrauchern im Süden leiten sollen, finden wir aber blöd.

Horror vor "Geisterautos"

Populisten wie Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer wollen deshalb ganz auf die Trassen verzichten. Bürgerinitiativen verlangen, sie wenigstens unterirdisch zu verlegen. Dass die Kabel in der Erde pro Kilometer bis zu zehn Millionen Euro kosten statt 1,5 Millionen Euro in der konventionellen Version - egal, solange sie nicht die Landschaft verschandeln und keinen Elektrosmog verursachen.

Dabei gelten die hohen Stromkosten schon heute als eklatanter Wettbewerbsnachteil. Der Preis für eine Kilowattstunde liegt durchschnittlich bei mehr als 26 Cent. In Frankreich sind es knapp 15 Cent, in den USA gerade mal gut 9 Cent.

Noch gefährlicher für den Standort ist allerdings der vage und grundsätzliche Unmut gegenüber allem Unbekannten. Und je rasanter der Wandel, desto größer die Gefahr zurückzubleiben.

Wenn neue Technologien sämtliche Kernbranchen umwälzen, wird Neugier und Risikobereitschaft zum Survival Kit. VW-Chef Martin Winterkorn warnte seine Mannschaft jüngst davor, dass Google , Apple  oder Baidu ihnen "die Deutungshoheit streitig machen". Und Daimler-Chef Dieter Zetsche fürchtet bereits, dass "juristische und ethische Bedenken in Deutschland einen Erfolg des selbst fahrenden Autos verhindern könnten". Seinen ersten autonom fahrenden Lkw testete er im US-Bundesstaat Nevada.

Horror vor "Geisterautos"

Hierzulande wird es wohl noch Jahre dauern, bis solche "Geisterautos" (so der Schreckensterminus) für den Verkehr zugelassen werden. Und selbst dann muss der Fahrer laut Sachstandsbericht der Bundesregierung den Fuß an der Bremse und die Hände am Steuer behalten.

In dem quälend langsamen Gesetzgebungsverfahren manifestiert sich die dritte Säule der deutschen Angst: Jedes Risiko muss durch Vorschriften so weit wie möglich eingedämmt werden, sei es in gewöhnlichen Arbeitsstättenverordnungen, die Schreibtischgrößen und Lichtverhältnisse bis ins letzte Detail regeln. Sei es beim Umgang mit neuer Technik.

BMW-Chef Harald Krüger hat das leidvoll erfahren. Als Produktionsleiter wollte er Roboter Hand in Hand mit den Beschäftigten arbeiten lassen, sodass sie etwa eine Autotür an die Karosserie halten, während der menschliche Kollege sie festschraubt. Doch der Vorsichtswahn der Arbeitsschützer stoppte das Vorhaben. Also wich BMW auf seine US-Fabrik in Spartanburg aus. Erst nach einem Dreivierteljahr erfolgreicher Erprobung durften die Assistenzroboter auch in Bayern ihr Werk verrichten.

Den Weg ins Ausland wählen deutsche Konzerne immer häufiger, wenn ihnen daheim wieder mal eine neue Technik verleidet wird. Bayer zum Beispiel betreibt seine Pflanzenforschung nur noch im belgischen Gent und in den USA. BASF  kämpfte mehr als zehn Jahre um die Zulassung der Kartoffel Amflora, die dank Biotech besonders viel Stärke für industrielle Anwendungen produziert. 2012 gab Vorstandschef Kurt Bock dann entnervt auf und verlegte die Gentechniksparte von seinem Agrarzentrum bei Ludwigshafen in den US-Bundesstaat North Carolina. Lautstark klagte er damals, die Deutschen seien dabei, ihre Kompetenz zu verspielen.

Verschenkte Chancen

Die Kritik verhallte ungehört, wie so oft, wenn Angst im Spiel ist. Grüne Gentechnik ist und bleibt in Deutschland verpönt. Das mag noch so viele Jobs kosten.

Schon einmal gab die deutsche Industrie eine herausragende Stellung auf, weil die Technologie nicht gesellschaftsfähig schien. Das Geschäft mit Biotech-Medizin trat Big Pharma fast komplett an die amerikanische Konkurrenz ab.

Heute seien Biotech-Medikamente zwar auch hierzulande akzeptiert und würden gekauft, konzediert Hexal-Gründer und Biotech-Investor Thomas Strüngmann. Doch die Branche ist marginalisiert, ihre Marktkapitalisierung gering. Heimische Stars wie Morphosys , Evotec  und Qiagen  sind an der Börse zusammen weniger als zehn Milliarden Euro wert. Allein der US-Konzern Abbvie, dessen wichtigstes Präparat Humira aus den Labors der einstigen BASF-Tochter Knoll Pharma stammt, erzielt das Zehnfache.

Durch den Verzicht der deutschen Pharmaindustrie auf die Errungenschaften der Biotechnologie hat die Volkswirtschaft etliche Milliarden an Wertschöpfung verschenkt. Das Bemühen von Branchengrößen wie Bayer  und Merck , nun nachzuholen, was über Jahre versäumt wurde, kommt viel zu spät.

Abwarten aus Angst

Das Abwarten aus Angst könnte auch die letzten deutschen Kernindustrien Chemie, Auto und Maschinenbau zu Zweitligisten degradieren. Denn solange Datendiebstahl, Cyberkriminalität und Hackerangriffe hierzulande die Digitaldebatten beherrschen, wird sich kein Konzern beherzt auf den Wandel werfen. Da mögen die Voraussetzungen für die Industrie 4.0 noch so günstig sein. "Deutschland darf nicht mit einer Überregulierung voranmarschieren", warnt der Generalsekretär des CDU-Wirtschaftsrats, Wolfgang Steiger. Das derzeit gültige, von Angst diktierte Datenschutzgesetz hält er für einen Innovationskiller.

Solche Klagen haben bislang wenig geändert. Denn ein erfolgreicher Politiker ist immer auch ein Spiegel der Volksseele. So tut sich SPD-Chef Sigmar Gabriel schon schwer, in seiner Partei das Handelsabkommen mit den USA (TTIP) durchzufechten.

Und so bleibt der Wirtschaft nur, mit viel Geduld zu diskutieren und Ängste abzubauen. Die Wissensfabrik, getragen von Unternehmen wie Bosch und BASF, lässt Hunderttausende Kinder Technik erleben - im Vertrauen, sie dafür begeistern zu können. Die Akademie der Technikwissenschaften (Acatech) versucht, mit Argumenten in der Öffentlichkeit zu überzeugen. Sie bezieht alle Interessengruppen in Dialoge ein und hofft, dass sich so endlich ein neuer gesellschaftlicher Konsens herausbildet. Einer mit mehr Mut zum Fortschritt.