Privatunis Die dressierte Elite - was wir unseren Kindern zumuten

Privatschulen, Internate, Spitzenunis: Mit Unsummen versucht die Wirtschaftselite, die Karriere ihrer Kinder abzusichern - und erreicht oft das Gegenteil.
Textilunternehmer Wolfgang Grupp samt Ehefrau Elisabeth und seinen beiden Kindern Bonita und Wolfgang junior.

Textilunternehmer Wolfgang Grupp samt Ehefrau Elisabeth und seinen beiden Kindern Bonita und Wolfgang junior.

Foto: DPA

Herbert Henzler weiß nicht recht. Was heißt das schon? Seine Söhne (17) und (15) sind ja noch recht jung. Außerdem wähnt er sich auf gefährlichem Terrain, bei dem Thema schwingt stets eine gewisse Abgehobenheit mit.

Aber klar, die 40.000 Euro Schulgeld pro Jahr und Nase - das gibt er gern zu - sind zumindest preislich elitär. Die beiden Söhne werden gerade auf dem Bradfield College westlich von London auf einen Einser-Abschluss gedrillt. Sie büffeln für das International Baccalaureate (IB), ein globales Abitur, das Privatschulen und Internate anbieten. "Aber ob sie sich dann auch durchbeißen?" Henzler zuckt die Schultern, "it's too early to tell".

Der Mann, der in Deutschland einst die Beraterarmee von McKinsey in Stellung brachte, sitzt in seinem Münchener Privatbüro in einem kleinen Rokokopalast an bester Adresse. Um den Hals ein eleganter Kaschmirschal, der anthrazitfarbene Zweiteiler mit Zegna-Glanz.

Auch in die Karriere seiner Tochter, aufgewachsen in London, Abitur an der französischen Schule, investiert Henzler eine Menge Geld. Die 18-Jährige wird an der University of Pennsylvania - in Deutschland bekannt durch die Wharton Business School - die klassische Grundausbildung der CEOs angelsächsischer Prägung absolvieren: Philosophie, Politik und Ökonomie (PPE) auf Bachelor. Studiengebühren: 50.000 US-Dollar im Jahr.

"Meine Tochter hat den richtigen Ehrgeiz für die globalen Zeiten", sagt Henzler. Er analysiert sein Kind wie früher einen Business Case. "Ich könnte mir vorstellen, dass sie ins Consulting gehen wird, die Brainware dazu hat sie."

Die Inflation der Abschlüsse zieht sich bis oben durch

Die beiden Söhne und die Tochter sind Henzlers Kinder aus zweiter Ehe mit Fabienne Serfaty. Was die Ausbildung betrifft, trennen sie Welten von Oliver und Nicole, die er Anfang der 70er Jahre mit seiner ersten Frau bekam: Beide erkämpften sich ihr Abitur an einem staatlichen, humanistischen Gymnasium. Nicole ist Professorin in Seattle geworden, noch fehlt der feste Lehrstuhl, Oliver schlägt sich als Schauspieler in New York durch - gut gebucht, gewiss, aber für einen Sold, den sein Vater aus der Portokasse nähme.

Waren ihm seine älteren Kinder das Eliteinternat nicht wert? Henzler winkt ab, die Zeiten sind einfach andere, er klingt resigniert. "Du kannst dich heute nicht dagegen wehren, wenn du willst, dass sie studieren", sagt er. Schon die Universität St. Gallen verlange schließlich einen Einser-Abschluss.

Mit dieser Einsicht steht Henzler nicht allein. In vielen deutschen Unternehmer- und Managerfamilien hat sich eine teils irrationale Angst eingenistet. Die Zukunft ihrer Kinder erscheint der Wirtschaftselite zu unsicher, um sie in die Hände des öffentlichen Schulsystems zu legen. Abi macht heute praktisch jeder (Bildungsforscher Manfred Weiß: "Das öffentliche Gymnasium als neue Hauptschule erfüllt seine Distinktionsfunktion nicht mehr"), das Studium ist vom Sonderfall zur Regel geworden.

Die Inflation der Abschlüsse zieht sich bis oben durch: Selbst die Zahl der Promotionen steigt, zuletzt um fast 10 Prozent innerhalb von nur drei Jahren. Das Aufsatteln immer exklusiverer Diplome ist die Folge. Der Soziologe Michael Hartmann sieht die ökonomische Elite "unter Zugzwang", seine Münchener Kollegin Paula-Irene Villa beklagt eine regelrechtePanik vor dem Mittelmaß.

Was in den USA, Großbritannien oder Frankreich schon lange üblich ist, wird so auch hierzulande zum Trend: Teure Privatschulen, Internate und Eliteuniversitäten sollen den Status des Nachwuchses absichern. Die Abschlüsse dienen als Eintrittskarte in die gesellschaftliche Elite, wie eine Art Klubmitgliedschaft. Das Kalkül: Karriere durch Kontakte statt Können ("Nehmen Leute wie die Warburgs bei dir den Hörer ab?" - wie es ein Hamburger Investor zusammenfasst). Die eigenen Kinder, mit entsprechenden Bildungstiteln dekoriert, geraten zum ultimativen Statussymbol.

Ein All-Nighter - schon im Studium

Während Aufsteiger wie Herbert Henzler, dessen Karriere einst mit einer Lehre bei Shell  begann, sich ihren Weg nach oben noch selbst erkämpften, werden die Lebensläufe der Söhne und Töchter heute vorsichtshalber mit Geld gepflastert.

Das geht nicht immer gut. Manche sind überfordert, kommen nach den ganzen Eliteschulen in der wirklichen Welt nicht klar, scheitern, werden von Papi ewig durchgefüttert. Und wären vielleicht im Gymnasium um die Ecke besser aufgehoben gewesen.

Teurer, besser, internationaler - die Upperclass der Republik ist im Bildungswahn. Beispiele:

Die Münchener Ärztin und Unternehmergattin ("In der globalen Welt mit Millionen gleicher Lebensläufe ist es enorm wichtig, aus der Masse herauszuragen"), die ihre beiden Söhne - auf eigenen Wunsch, wie sie beteuert - nach Sevenoaks und zum Studium in die USA schickte. Der eine ist nun McKinsey-Berater, der andere Molekularbiologe.

Die Wiesbadener Coachin, deren beiden Söhne in Frankfurt auf die International School gehen (für jeweils rund 20.000 Euro im Jahr, beliebt bei Deutschbankern und Konzernerben), wo sie schon mit drei eine Präsentation über ihr Kuscheltier machen mussten. Der Älteste ist jetzt mit 15 auf dem Golfinternat Loretto bei Edinburgh, Schottland, wo er gleich in der ersten Woche eine Haschzigarette angeboten bekam und aufgeregt seine Mutter anskypte.

Der Konzernlobbyist, der sich krummlegt und mit über 70 noch arbeitet, damit das Töchterchen an der London School of Economics and Political Science (LSE) studieren kann.

"Das Beste oder nichts" - Ausbildung wird zur Chefsache

Getreu dem Motto "Das Beste oder nichts" hat Tobias Bachmüller, geschäftsführender Gesellschafter von Katjes, die Ausbildung seiner Kinder zur Chefsache gemacht. Er checkte bei der Unisuche immer auch deren Rang im Internet. Die erste deutsche Hochschule? Auf Platz 50. Das King's College hingegen rangierte in den Top 20 - weltweit. Keine Frage, wo es seine Tochter Marie (18) hinzog.

Sie und ihr Bruder Jakobus (21), der in Paris studiert, machten ihr IB an einer Privatschule in Aix-en-Provence. Was ihn die hochpreisigen Schulen und Universitäten bislang gekostet haben? Pff, hm, er weiß es nicht genau. Ist auch nicht wichtig, schließlich "erweitern die Kinder stetig ihren Horizont". Wer schon mit 14 regelmäßig Vorträge auf Französisch und Englisch halten müsse, habe es heutzutage leichter im Leben, glaubt Bachmüller. "In Deutschland haben viele noch nicht begriffen, dass sich auch der Bildungsmarkt globalisiert hat."

Im November besuchte er seine Tochter in London, was ihn nachhaltig beeindruckte. Die Bibliothek des King's College, an dem Marie "Religion, Politics and Society" studiert, sei "knüppelvoll" gewesen - und das am Samstag um 11 Uhr. Eine Kommilitonin der Tochter aus Rumänien arbeite jede Woche eine Nacht durch, erzählt Bachmüller stolz. "Ein All-Nighter - schon im Studium!" Zu seiner Zeit an der Hamburger Jura-Fakultät sei es noch deutlich entspannter gewesen.

Bachmüllers ältester Sohn studierte noch klassisch BWL in Köln - nach dem Abitur an einem staatlichen Gymnasium. Und damit lässt sich an den Biografien der Bachmüller-Geschwister ablesen, wann der zuvor zaghafte Wandel richtig Schwung aufnahm: Im Schuljahr 2002/03 - als der Älteste auf sein Abi hinarbeitete - wechselten nur 28 Prozent der Grundschüler aufs Gymnasium, zehn Jahre später - als Jakobus und Marie in der Provence weilten - waren es schon 40 Prozent.

Volle Klassen und verkürztes Abitur

Übervolle Gymnasialklassen, die Pisa-Schmach und die chaotische Umstellung auf das verkürzte Abitur (G8) haben einen Run auf die Privatschule ausgelöst. Insbesondere in den Clustern der Besserverdiener wie Frankfurt, Stuttgart oder Düsseldorf schickt man sein Kind heute auf die International School. Besser noch auf ein Eliteinternat, am allerbesten gleich im Ausland, in der Schweiz oder in England, dem Mutterland aller Übernachtungsschulen.

Früher haben Dynastien wie die Oetkers ihren Nachwuchs noch nach St. Blasien versandt, inzwischen gehen selbst die Kinder des Provinzfürsten Wolfgang Grupp (Trigema) auf das noch feinere Aiglon College bei Montreux in der Schweiz. 2002 konnten allein die deutschen Privatinstitutionen den staatlichen Schulen rund 590.000 Schüler abluchsen, 2012 waren es schon 730.000.

Im Ausland sieht es ähnlich aus: Internatsvermittler, wie Detlef Kulessa von der Wiesbadener Agentur Töchter und Söhne, berichten von einer stetig steigenden Nachfrage. Die Ausländer werben mit schicken Videos und allerlei Internatsklischees. Die Engländer zeigen gern rotbackige Jugendliche in Anzug und Kostüm, die Rugby oder Geige spielen. Die Schweizer (in diesem Fall das Collège Beau Soleil) kommen mit Schülern, die wie Könige von oben auf ein Alpental blicken, chinesische Schriftzeichen malen, Ski fahren und von einem richtigen Küchenchef verköstigt werden. Am Ende des Videos folgt unter "Next Stop" die passende Uniliste, vom King's College über die LSE bis zur NYU.

Mädchen wie die 15-jährige Emily Illhardt führen durch solche Internate, schwärmen von den Mitschülern aus der ganzen Welt und den tollen Chancen. Kein Vergleich zu ihrem alten Gymnasium in Bad Schwalbach am Taunus.

Emily, ein hübsches, blondes Mädchen, selbstbewusst und eloquent, ist seit eineinhalb Jahren auf der Felsted School, die für ihre künstlerische Ausbildung bekannt ist. Sie möchte später Kunst studieren an der renommierten St. Martins School of Art in London. Natürlich. Sie ist derart in Unterricht, Hausaufgaben, Sport und Kunst eingespannt, dass sie an Wochentagen gerade mal eineinhalb Stunden frei hat.

London: Bei deutschen Bestverdienern hoch im Kurs

Gut so, findet ihr Vater Jörg Illhardt (53), der 18 Jahre für die Deutsche Bank  gearbeitet hat, zuletzt als Managing Director Equity Capital Markets. Er könnte stundenlang die Vorzüge der englischen Schulen aufzählen. Die Kinder würden rund um die Uhr betreut, die Lehrer seien motivierter als die lahmen Beamten in Deutschland, unterstützten abends bei den Hausaufgaben, böten Einzelstunden, wenn etwas nicht gleich verstanden wurde - sein Sohn Frederic jedenfalls sei in England von einem eher mittelmäßigen zu einem erstklassigen Schüler gereift.

Pro Jahr kostet Illhardt, der selbst noch die Bankakademie einem Studium vorzog, dieses Vollkaskoprogramm rund 80.000 Euro. Er zahlt das gern: "Es gibt für mich kein besseres Investment als in die Bildung der Kinder."

Felsted steht bei den Deutschen hoch im Kurs. Die Schule mit ihrem 32-Hektar-Areal liegt idyllisch in der Grafschaft Essex, 70 Kilometer nördlich von London. Alles ist so, wie man sich das vorstellt: ein altes Hauptgebäude aus braun-rotem Klinker, es geht vornehm zu, kein ungestümes Getobe, die älteren Schüler mit Anzug und Krawatte. Zum 450. Geburtstag flog kürzlich die Queen mit dem Hubschrauber ein. Felsted ist nur 20 Minuten vom Flughafen London-Stansted entfernt, sodass die Schüler vom Kontinent am Wochenende nach Hause jetten oder die Eltern anrücken können, wenn die heimwehkranken Kinder mal getröstet werden müssen.

Michael Walker, der Direktor, selbst Cambridge-Promovend, ein höflicher Mann, der auffällig breit und häufig lächelt, hat in seine Gemächer zum Tee geladen, um zu sagen: "Deutschland ist ein äußerst wichtiger Markt für uns." Die 38 Deutschen sind hier mit Abstand die größte Gruppe unter den ausländischen Schülern. Auch zwei Töchter des Reeders und ehemaligen Hamburger Wirtschaftssenators Ian Karan machten in Felsted ihr IB. Kürzlich spendete er für einen neuen Konzertsaal, der nun den Namen seiner Frau Barbara trägt.

Das Internat würde gern noch mehr Deutsche aufnehmen, doch leider: Nur 20 Prozent der Plätze in Felsted dürften traditionell von Ausländern besetzt werden. Die Nachfrage, so Walker, sei dreimal so hoch.

Rational ist dieser Ansturm nicht, nüchtern betrachtet gibt es kaum Gründe, sich um die berufliche Zukunft der Kinder große Sorgen zu machen. Die Arbeitslosigkeit unter Akademikern ist hierzulande so niedrig wie lange nicht, der demografische Wandel verspricht einen verschärften Fachkräftemangel. Zudem zeigen Studien, dass Privatschulen bei der Unterrichtsqualität ihren staatlichen Pendants nicht unbedingt überlegen sind. Und einige der erfolgreichsten Unternehmer unserer Zeit wie Larry Page oder Jeff Bezos (normale Highschool), die Samwer-Brüder (humanistisches Gymnasium) oder Réne Benko (Schulabbrecher) kannten teure Internate höchstens aus Filmen.

Bewährungsprobe nach der Elite-Bildung

Doch solche Bedenken gehen in dem gegenwärtigen Hype unter. Für viele Eltern ist die richtige, sprich exklusive Schule allenfalls die Pflichtübung. Als Kür gilt dann die mindestens so exklusive Uni. Oxford, Harvard oder die LSE (wo etwa Burda-Sohn Jacob studiert) - das ist das Ziel.

Die Wirtschaftsgrößen setzen auf die clever vermarkteten Abschlüsse. Denn wer kennt in der City schon die Universität Passau, die in München vielleicht noch als solide BWLer-Schmiede durchgeht? Schon als Schüler werden die High-Potential-Nachkommen für Tausende Dollar auf Summer Schools an die Columbia nach New York geschickt, zur Druckbetankung in Economics.

Um in die Ivy League, die Topunis der USA, zu kommen, reicht Geld allein nicht. Aber es hilft. An den International Schools etwa ist die Betreuung derart engmaschig, dass jedes Kind individuell gefördert und zur Not mit massiver Nachhilfe zu guten Noten gepaukt wird. Im Abschlussjahr kümmert sich dann ein Lehrer nur darum, Bewerbungen mit den Schülern zu schreiben und Aufnahmegespräche vorzubereiten, damit sie es auf eine Spitzenuniversität schaffen. Wird einer angenommen, hat die Schule gleich wieder was, womit sie werben kann. Ein Perpetuum mobile.

Was am Ende im Idealfall bei den ganzen Bildungsboostern rauskommt: einer wie Frederik Vogel (34), Sohn von Dieter Vogel, dem langjährigen Chef von Thyssen. Auf dem Weg dahin hastete Frederik nur so durchs Leben - wie der Held eines Videospiels, der schnellstmöglichst seinen Rang steigern will. Ticktack, bloß keine Zeit verlieren!

Level 1: Das Jesuiten-Internat St. Blasien, gefolgt von Ampleforth Abbey, ein abgelegenes Kloster in England, wo der Tag aus Lernen, Sport und Beten bestand. Nebenbei Training für den Endgegner: Er begann mit Krav Maga, eine Kampfsportart, die resistent gegen Stress machen soll. Dann eine Bonusrunde: Wehrdienst, der, so Vogel, ebenfalls Disziplin und Teamfähigkeit schule.

"Ich wollte bewusst einen elitären Weg gehen"

Nach dem Wirtschaftsstudium an der LSE gelangte er auf das höchste Level: Masterstudium an der Columbia Business School in New York. Keine US-Ökonomenausbildung brachte mehr Nobelpreisträger hervor. Vogel: "Ich wollte bewusst einen elitären Weg gehen und definiere das als harte Arbeit." Sein Vater habe ihm stets gedroht, ohne Leistung die Förderung zu kappen.

Vogel Junior brachte es zum Vice President bei Alix Partners, einem großen amerikanischen Restrukturierer, bis er mit einem Freund eine Private-Equity-Gesellschaft namens Cognovia Capital gründete. Er sammelte Geld ein, auch der Vater machte fünf Millionen Euro locker. So konnte der Sohn als eine Art Initiationsritus sein Gesellenstück abliefern.

In Klein ungefähr das, was in den USA derzeit in großem Stil abläuft; unter Hedgefondsgrößen wie Larry Fink oder Carl Icahn ist es der letzte Schrei, den Söhnen ein paar Hundert Millionen Dollar in die Hand zu drücken, damit sie ihren eigenen Fonds aufziehen können.

Musterschüler mit Musterkarriere

Anderes Beispiel eines Musterschülers mit Musterkarriere: Nennen wir ihn mal Tom Kunkel, er möchte lieber anonym bleiben, aus Angst, "sich zu exposen", könnte seiner Karriere schaden. Nur so viel: Sein Vater ist Geschäftsführer in der Medienindustrie, seine Mutter eine bekannte Businessfrau. Während andere Jugendliche Partys feiern und mit der Pubertät kämpfen, hatte er schon mit 16 die erste Auslandsstation im Sinn.

Nach einer Besichtigungstour durch England mit dem Vater entschied sich der heute 27-Jährige für das Hockerill Anglo-European College - eine staatliche Schule mit angeschlossenem Privatinternat. Angespornt wurde er durch Freunde, die zweisprachig aufwuchsen. Es galt, diesen "Nachteil" aufzuholen.

Kunkel ist ein überzeugend auftretender junger Mann, der jederzeit weiß, die guten englischen Manieren einzusetzen; witzig überdies. "Ich wollte immer schon Business machen", sagt er. Also folgten ein Bachelor an der britischen Warwick Business School und ein Master an der LSE. Mittlerweile arbeitet er seit drei Jahren beim Beratungsunternehmen BCG, ist vom Associate zum Consultant aufgestiegen. "Mir ist in England klar geworden, dass ich die Extrameile gehen kann", sagt er.

Sein jüngerer Bruder (24, auch er möchte nicht genannt werden) schaffte schon nach wenigen Monaten auf dem renommierten britischen Caterham - "man will ja nicht auf irgendeine Schule" - gute Noten. Nach dem B.A. am University College London und einem Jahr an der University of California reüssiert er nun bei Goldman Sachs in Frankfurt.

Frederik Vogel, die Kunkel-Brüder - sie sind der Traum ambitionierter Eltern. Ihre Lebensläufe gleichen einer Verheißung, mit der besonders die britische Bildungsindustrie in Deutschland auf Kundenfang geht. In schnellen, durch und durch globalisierten Branchen wie dem Consulting oder Investmentbanking sind die angelsächsischen Privatdiplome tatsächlich ein echter Wettbewerbsvorteil beim Karrierestart.

Rundumversorgung und Leistungsfokus als Kreativitätskiller

Doch nicht immer ist der Mehrwert privater Eliteinstitutionen so eindeutig, wie die Hochglanzprospekte glauben machen. Rundumversorgung und Leistungsfokus können leicht zu Kreativitätskillern werden, Rhetorik- und Chinesischkurse schnitzen nicht zwangsläufig Führungspersönlichkeiten. Im Gegenteil: Die teuren Privatschulen, Internate und Unis sind nicht selten ein eigener, weltentrückter Kosmos, die Absolventen müssen nach der Ausbildungsblase erst mal lernen, wie es in der wirklichen Welt zugeht, wie sie mit weniger Begüterten klarkommen und was sie leisten müssen, um ihren Lebensstandard zu halten.

Bestes Beispiel: die beliebten International Schools. Die Kinder dort können oft, und das ist kein Witz, perfekt golfen, Ski fahren und Tennis spielen - aber nicht Fahrrad fahren. Sie tun sich auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln schwer. In Frankfurt gibt es ein Schul-Shuttle, in München sollen die Kids sogar vom Privatchauffeur zur Schule gefahren werden. Es drängt sich das unschöne Wort Elitetrottel auf.

Leichtathletikwettbewerbe trägt man nicht mit dem Nachbardorf aus, sondern mit Schulen in Paris oder Athen. Zum Surfen wird man mit Freunden am Wochenende nach Sylt geflogen, zum Skifahren geht's natürlich nach Lech. Der 18. Geburtstag wird im Sternelokal gefeiert, das Abitur in irgendeinem Villenanwesen.

Herausforderung Realität

Aus Deutschlands Edelinternat Salem ist zu hören, dass es als Geschenk zum Abi reihenweise Autos gibt (Mini Cooper für die Mädels) und Eigentumswohnungen in bester Wohnlage am Studienort. Ein Eon-Vorstand hat für seine Tochter in München ein Penthouse in bester Schwabinger Lage erstanden. Ex-RWE-Chef Jürgen Großmann hat seinen Kindern für das Studium in London, so erzählt man sich, gleich ein Haus gekauft.

Der Aufprall danach ist oft hart. "Nach der Schule sagt dir plötzlich keiner mehr, was du zu tun hast", klagt ein Absolvent des Internats Louisenlund in Schleswig-Holstein, wo etwa die Werberikone Jean-Remy von Matt seine Söhne Newton und Edison ausbilden ließ. An der Universität ("ein Schock") hätten viele seiner Mitschüler Probleme bekommen, sagt der Louisenlunder. Der 26-Jährige, gerade in Paris, ringt nach Bachelor in Sydney und Master in Barcelona um Orientierung: Er weiß noch nicht recht, was er mit seinem Leben eigentlich anfangen will.

Die Mutter des jungen Mannes fuhr jahrelang einen Kleinwagen und selten in den Urlaub, um die mehr als 30.000 Euro Schulgeld im Jahr aufbringen zu können.

Nicht so recht klarkommen ist das eine. Abstürzen das andere.

Internat Schloss Salem, ein ehemaliges Benediktinerkloster, zehn Kilometer vom Bodensee entfernt. Ein blondes Mädchen steht auf dem Gang, ringt um Fassung. Schulleiter Bernd Westermeyer hat sie gerade suspendiert, weil sie ihre Mitschüler wiederholt gemobbt hatte. Im Gang wartet schon ein Freund der Eltern, der die 13-jährige Schweizerin nach Hause fahren wird. Als Trost bekommt sie noch einen Schulwimpel mit auf den Weg. Zur Erinnerung.

Gefährliche Monokulturen

Salem gibt sich leistungsbewusst, Disziplin wird demonstrativ gefeiert. "Die Eltern verlangen das Plus-X von uns", sagt Leiter Westermeyer. Den Eltern sei eine karrierefördernde Ausbildung wichtiger als früher.

Das Internat ist stolz darauf, dass ein Viertel der Schülerschaft aus Stipendiaten besteht. So soll trotz der begüterten Stammklientel eine gewisse Vielfalt gewährleistet bleiben. Eine Ex-Schülerin, die kürzlich ihren Abschluss machte, fühlte sich dennoch wie in einem Reichengetto, wo Schüler mit dem Taxi zum Supermarkt um die Ecke fahren. "Der Mangel an Diversität ist für mich ein großes Defizit, daran ändert auch eine Woche Schulenbauen in Afrika nichts", sagt sie. Dazu passt, dass sich der Geldadel mit speziellen Salem-Kreditkarten seiner Bedeutung versichert.

Auf dieser Monokultur blüht nicht selten der Exzess, der auch die teils absurd strengen Regeln und Urintests vieler Internate erklärt. Im Schüler-Rap "Schule Schloss Salem Song" heißt es wahrscheinlich nicht ohne Grund: "Außenseiter ist, wer auf dem Zimmer keinen Trichter hat." Am hessischen Internat Schloss Bieberstein starb 2012 ein 17-Jähriger nach einer Party an einem Cocktail aus Alkohol und Drogen, in Felsted fuhr sich eine Millionärstochter mit Papis Mercedes zu Tode.

Mehr Schein als Sein

Die Jeunesse dorée ist gern mal ungezogen, der elitäre Anspruch oft mehr Schein als Sein. Lehrer und Schüler seien eher unterdurchschnittlich gewesen, klagt eine ehemalige Schülerin des renommierten Rosenberg-Internats in St. Gallen. Die meisten kommen dort aus Managerfamilien, das Internat ist von einem rosa Zaun umgeben, der Direktor fährt einen rosa Rolls-Royce, auf den Einladungen für Ehemaligentreffen finden sich die Koordinaten für den Hubschrauberlandeplatz.

Die Kehrseite: Rosenberg gilt als letzte Zufluchtsstätte für Kinder, die anderswo immer wieder rausflogen und nicht mehr vermittelbar sind. Viele, so die Studentin, hätten trotz intensiver Betreuung nur ein amerikanisches Highschool-Diplom geschafft. Ihre Sicht: "Rosenberg verhilft zu Abschlüssen und guten Noten."

Wer dann immer noch versagt, dem streicht Papi eben den Unterhalt. Ein Rosenberg-Absolvent soll sich mit Jobs auf Messen oder in Skiresorts über Wasser halten.

Abitur? Great, we love it!

Nicht jeder ist fürs Studium geschaffen. Carolin Dekeyser etwa, Tochter des Ex-Fußballers und Dedon-Gründers Bobby, darf sich nach ihrem Abschluss in Louisenlund zunächst in New York und jetzt in Berlin bei Papas Firma ausprobieren. In der Private-Equity-Zunft beobachtet man Fälle von Kindern, der Vater erfolgreicher Familienunternehmer, die nicht mithalten können und dann Spielgeld bekommen.

Für Systemgastronomie, Consumer Goods Websites (die Tochter einer Adelsfamilie darf einen Onlineblumenhandel betreiben, am Tag verkauft sie vielleicht fünf Sträuße, aber Hauptsache, das Mädchen hat was zu tun), manchmal auch für Venture Capital, wo sie dann Millionenbudgets für Investitionen freigeben, die ökonomisch oft wenig sinnvoll sind, oder für Schrott, den Fonds und Family Offices nicht haben wollten.

Angesichts solcher Fälle des Scheiterns wundert es kaum, dass ein staatlicher Abschluss für Kenner teils mehr glänzt als so manches Internatsdiplom. "Abitur? Great, we love it!", sagt Catherine Baldwin, an der LSE zuständig für die Auswahl der Studenten. Sie ist ein unverhoffter Fan des deutschen Gymnasiums. Dort würden Schüler besonders gut lernen, sich zu organisieren und selbstständig Entscheidungen zu treffen.

Statuserhalt der Elite

Mit Unsummen auf Nummer sicher gehen - ein Trugschluss. Je älter das Geld, so beobachtet ein deutscher Societyexperte, desto positiver sei die Einstellung zum öffentlichen Schulsystem. Und auch Elitenforscher diagnostizieren, dass es nicht die wirklich Reichen sind, die den Boom treiben. Eingesessene Wirtschafts- oder Adelsdynastien hätten über Generationen Erfahrung im Statuserhalt gesammelt und es daher weniger nötig, ihn durch exklusive Diplome zu sichern. Vielmehr sind es Aufsteiger wie Illhardt oder Henzler, die um den Abstieg ihrer Kinder fürchten. "Dieser Gruppe fehlt die Gelassenheit", sagt Soziologe Hartmann. In einer Welt, in der man angeblich fließend Chinesisch sprechen muss, wollen sie ihrem Nachwuchs einen Vorteil gegenüber der oberen, ebenfalls bildungsbeflissenen Mittelschicht erkaufen.

Dabei zeigen Frankreich oder England doch, dass abgeschottete Kaderschmieden keine besseren Manager oder Unternehmer hervorbringen. Die Grandes Écoles, Etons und Harrows dieser Welt bieten zwar eine vorzügliche Ausbildung, dienen indes vor allem dem Status- erhalt ihrer Klientel. Die Rekrutierung basiert, wie Studien belegen, mehr auf sozialen als auf Leistungskriterien. Die Folge: Viel Talent liegt zum Schaden der Gesellschaft brach.

Selbst Männern wie Herbert Henzler scheint angesichts des von ihm beförderten Wandels nicht so ganz wohl zu sein. "Meine Kinder werden bereits in der Schule nur vollgestopft mit Wissen", klagt er. Als es um seine Jugend, seinen Weg nach oben geht, beginnen seine Augen zu glänzen: "Mich hat die kolossale Freiheit geprägt. Es hätte kein Internat gegeben, dessen Mauern hoch genug gewesen wären, dass ich dort nicht ausgebrochen wäre.

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