Sonntag, 25. August 2019

Establishment - die neuen Machtzirkel der Republik Deutschlands wichtigste Netzwerke

Deutschlands Machtzirkel: Die wichtigsten Netzwerke der Republik
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8. Teil: Das Byzantinische ist weg

Selbst das Ruhrgebiet, jenen Teil der Republik, wo "Netzwerk" seit je ein Synonym für lockeres Plaudern zum beiderseitigen Vorteil ist, hat der neue Pragmatismus erfasst. Establishment im Ruhrgebiet, das hieß noch vor einigen Jahren: S-Klasse, dicke Zigarren, Krawatten mit Elefantenmotiven. Jetzt ist Berthold Beitz, der Sonnenkönig, nicht mehr; sein Möchtegernnachfolger Gerhard Cromme hat sich selbst in die Bedeutungslosigkeit manövriert, und sogar die Grillabende mit Wildschweinwürsten auf Bodo Hombachs Terrasse in Mülheim sind seltener geworden. Irgendwie ist das Byzantinische weg. Der starke Mann ist inzwischen ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger. Er fährt gern im VW Touran vor, ohne Krawatte.

Klar, die großen Jungs spielen noch mit, RAG-Chef Werner Müller oder Stephan Holthoff-Pförtner, der nach dem Politischen Forum Ruhr ausgewählte Gäste noch zu Pils und Kotelett in sein Jagdhaus Schellenberg lädt. Doch selbst hier wird mehr experimentiert. "Die Zirkel durchmischen sich häufiger, der Fokus ist von Personen zu Themen gewandert", sagt Holthoff-Pförtner.

Zu den neuen Taktgebern zählen Erich Staake, Chef des Duisburger Hafens, oder Kunstmanager Walter Smerling. Der Geschäftsführer der Bonner Stiftung für Kunst und Kultur, eloquent und stets auf Sponsorensuche für Megaprojekte wie die Ausstellung "China 8", in bestem Verhältnis zu Gerhard Schröder und Sigmar Gabriel und den meisten Ruhr-Herzögen, unterhält einen feinen Dinnerkreis im Museum Küppersmühle und ist auch sonst zu einer Art Vermittler zwischen Malerei und Moneten avanciert.

Wie Mitte Mai, als Smerling, Staake und Markus "Malerfürst" Lüpertz am frühen Nachmittag das Konferenzschiff "MS Karl Jarres" besteigen und durch die Verästelungen des Hafens schippern. Gerade zieht draußen das Gebäude vorbei, in dem der erste Schimanski gedreht wurde; die Runde besichtigt Standorte für eine Großskulptur, die Lüpertz anlässlich des 300. Hafengeburtstags 2016 eventuell schaffen soll. Alles, um das Ruhrgebiet "weiter in die Vorhand zu bringen" (Staake), ein Unterfangen, bei dem "die Kunst zwar nur ein Mosaiksteinchen ist", wie Smerling sagt, "aber ein sehr wichtiges".

Die Schiffsführer in Anzug und Krawatte, der feine Wein, die Zigarren nach dem Dessert - das Ambiente erscheint wie altes Ruhrgebiet at its best. Doch Staake ist kein Mann für Sentimentalitäten. Er hat den Hafen gedreht, den Umsatz verachtfacht, es ist eine der raren Erfolgsgeschichten aus der Region. Er ist nicht der Typ, der sechsstellige Beträge für Kunst ausgibt, nur um jemandem einen Gefallen zu tun. Nein, die Skulptur soll Selbstbewusstsein demonstrieren. Staakes, das des Hafens, Duisburgs.

Der "Hafenmeister", als der Staake sich gern in Hotels einträgt, weiß, wie schnell aus Symbolen Standortvorteile werden können. Dass Kunst längst mehr ist als ein sozialverträglicher Zeitvertreib. Und dass erfolgreiche Netzwerke nicht an den Wänden des Wirtschaftssilos enden.

"Jeder muss was beitragen, sonst wird das hier nix", sagt der Hafenmeister. Das ist der Sound des Potts, aber Oliver Samwer würde sofort unterschreiben.

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