Samstag, 17. August 2019

Establishment - die neuen Machtzirkel der Republik Deutschlands wichtigste Netzwerke

Deutschlands Machtzirkel: Die wichtigsten Netzwerke der Republik
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7. Teil: Man netzwerkt sinnstiftend

Umso wichtiger sind zentrale Knotenpunkte, die sichere Leitungen zwischen beiden Seiten garantieren. Außerhalb des Bundeskabinetts spielen im Inner Circle noch die Fraktionsvorsitzenden mit, einzelne Spitzenbeamte wie Kanzlerberater Lars-Hendrik Röller, zentrale Staatssekretäre wie - noch - Jörg Asmussen und Rainer Baake (von dem es überall heißt, er sei "der Einzige mit einem Plan zur Energiewende"), wenige Parteipolitiker wie der Grüne Robert Habeck, CDU-Erneuerer Jens Spahn oder Katja Suding, die Frau, die der FDP Beine machte. Den Blick aufs Big Picture eröffnen für Manager gern Bundesbank-Präsident Jens Weidmann, EU-Kommissar Günther Oettinger, Sicherheitskonferenzorganisator Wolfgang Ischinger oder auch Philipp Rösler, der jetzt beim Weltwirtschaftsforum waltet.

Dass Deutschland, anders als Frankreich oder Großbritannien, ein gesellschaftlich-geografisches Zentrum fehlt, wird oft beklagt. Doch gerade der Föderalismus im Establishment verhindert nach Einschätzung von Elitenforscher Hartmann auch "eine Erstarrung, wie sie in den Enarchen-Zirkeln Frankreichs zu beobachten ist". Mögen Davos oder die Bilderberg-Konferenzen rufen, der Sog aus Berlin stärker werden und Europa an den Rändern zerren - in den Metropolen der Republik schlagen noch immer kräftige Netzwerkherzen.

Wenn hier die zusammenkommen, die früher "Honoratioren" hießen, dann steht Arbeit auf dem Programm. Bürgerschaftliches Engagement ist der Inhalt, der die Metropolnetzwerke treibt. "Es geht darum, Dinge zu bewegen, um die Region gemeinsam nach vorn zu bringen", sagt Andreas Pinkwart, Rektor der HHL Leipzig. Die Einflussträger der Stadt treffen sich im "Spinlab"-Inkubator der HHL, zum Kochen zu Hause, beim Charity-Golf oder während der Buchmesse gern auch zu exklusiven Privatlesungen. Auch das Klubwesen spielt im Osten der Republik noch eine bedeutendere Rolle, etwa der "Industrieclub Sachsen" in Dresden, den Präsident Günter Bruntsch gezielt mit Firmengründern und Wissenschaftlern verjüngt hat: "Wir wollen hier keine Lobbypolitik, sondern Themen setzen und Neues lernen."

Was einst mit ein paar Schecks und einem gelangweilt abgesessenen Wohltätigkeitsdinner erledigt wurde, ist zum eigentlichen Elitenkern geworden. Im Nach-Oppenheim-Köln, in München, wo die Compliance allzu orgiastischen Partys den Garaus machte oder im stets lieber Contenance wahrenden Hamburg - neue Nüchternheit allerorten. Man trifft sich noch, selbstverständlich, aber mit Sinn und Zweck und dem Wunsch, nicht nur Gutes zu tun, sondern tatsächlich Dinge zum Guten zu wenden. Was ein Unterschied ist. "Man will sich ja nicht mit der Vergangenheit vernetzen, sondern mit denen, die Zukunft machen", sagt Sigrid Berenberg, die in diversen Runden Hamburger aller Schichten zusammenbringt: Reeder mit Protestierern, Migranten mit hanseatischem Handelsadel, Werbechef mit Weberin.

Oder Frankfurt: In der Rhein-Main-Region hat Alexander Geiser, Managing Partner bei Hering Schuppener, den Cranach Kreis installiert. Wenn Opel-Chef Karl-Thomas Neumann, Rothschild-Deutschland-Statthalter Martin Reitz oder Helene von Roeder (Credit Suisse) zusammensitzen, lauschen sie zwar Hochkarätern vom Schlage eines Oliver Samwer, es darf auch mal übers Business parliert werden - doch Zweck der Veranstaltung ist die Förderung benachteiligter Kinder in den Schulen der Region.

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