Sonntag, 17. November 2019

Establishment - die neuen Machtzirkel der Republik Deutschlands wichtigste Netzwerke

Deutschlands Machtzirkel: Die wichtigsten Netzwerke der Republik
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6. Teil: Neues Networking: Ein zupackendes Smart Casual

Sicher, es gibt sie noch, die Similauner, die Baden Badener Gespräche. Oder die Atlantik-Brücke: Gegenüber der Museumsinsel in Berlin, in unmittelbarer Nähe von Angela Merkels Privatwohnung, residiert der 1952 gegründete Verein, zu dessen aktuell rund 500 Mitgliedern etwa Jürgen Fitschen (Deutsche Bank), Jürgen Grossmann (Ex-RWE), Arend Oetker oder Kai Diekmann ("Bild") zählen. Die traditionellen Elitetreffs fallen nicht plötzlich in den sozialen Abgrund, weil in Mitte ein paar Apps programmiert werden.

Aber ihre Rituale wirken neben dem zupackenden Smart Casual des neuen Networkings zunehmend wie Holzvertäfelung neben Aluminium-Tesla. Die Zukunftsmusik spielt woanders.

Der Sektorenfokus und eine globalere Perspektive drängen auch die Beratungen und Investmentbanker aus ihrer Rolle als Deutschland-Erklärer. McKinsey-Chef Cornelius Baur bleibt blass im Vergleich zu Vorgängern wie Herbert Henzler, die Goldman-Sachs-Granden Wolfgang Fink und Jörg Kukies erreichen weder die mediale noch die ökonomische Durchschlagskraft von Alexander Dibelius.

Die einstige Guru-Position der Berater übernehmen zunehmend Private-Equity-Granden wie KKR-Europa-Chef Johannes Huth oder Stefan Zuschke, der das Deutschland-Geschäft von BC Partners leitet. Weil Topmanager bei aller pragmatischen Gelassenheit "ein deutlich größeres Schutzbedürfnis entwickelt haben" (Freshfields-Mann Seibt), firmieren auch Spin Doctors wie Alexander Geiser (Hering Schuppener) und Christian Weyand (Brunswick) im inoffiziellen Who's who der Republik. Wo sie auf Anwälte wie Seibt, Ralph Wollburg (Linklaters), Michael Hoffmann-Becking (Hengeler Mueller), Reinhard Pöllath (Pöllath & Partners) oder Christian Cascante (Gleiss Lutz) treffen, die ihre Rolle als mächtige Consiglieri bei Mergern, Transaktionen und anderen heiklen Verrichtungen nicht eingebüßt haben.

Nicht selten vermitteln die Advokaten auch ins Paralleluniversum der Politik - obwohl die Drähte zwischen beiden Welten oft besser sind, als das öffentliche Lamento vieler Manager vermuten lässt. "Wirtschaft und Politik sind in Deutschland deutlich besser vernetzt als in den USA, auch die Mitsprache der Industrie bei politischen Entscheidungen ist größer", sagt Bayer-Chef Marijn Dekkers.

Angela Merkel lädt drei-, viermal im Jahr eine CEO-Gruppe ins Kanzleramt, um die Stimmung auszuloten. Ohnehin reicht für die meisten Dax-Granden ein Anruf, um die Kanzlerin oder einen der zentralen Ressortchefs - Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel, Arbeitsministerin Andrea Nahles, Finanzminister Wolfgang Schäuble, Verkehrs- und selbst ernannter Zukunftsminister Alexander Dobrindt - zu sprechen. Und dann sind da ja noch BDI, BDA, der Verband der Chemischen Industrie, Matthias Wissmann und sein Autoverein VDA und viele mehr. Zwar raten Anwälte ihren CEOs oft ab, auf den Treffen bei BDI-Chef Ulrich Grillo und Kollegen übers Geschäft zu sprechen - Vorsicht, vermintes Kartellterrain! Doch als Scharnier und Meinungskanal sind die Verbände für den politökonomischen Betrieb nach wie vor relevant.

Denn allen kurzen Drähten zum Trotz war das Verhältnis zwischen Politik und Wirtschaft schon mal enger. Dass der Putsch gegen Helmut Kohl auf dem Parteitag 1989 auch am Veto der Deutschen Bank gegen Lothar Späth scheiterte, wie sich Heiner Geißler erinnerte ("Die Banker haben gesagt: Kohl soll bleiben") - heute undenkbar. Spätestens nach Lehman schauen Merkel & Co. mit Skepsis - und einem Schuss Genugtuung - auf die einst schier allmächtigen Wirtschaftskapitäne. Und entscheiden dann allein, wie der Euro gerettet wird.

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