Donnerstag, 22. August 2019

Establishment - die neuen Machtzirkel der Republik Deutschlands wichtigste Netzwerke

Deutschlands Machtzirkel: Die wichtigsten Netzwerke der Republik
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5. Teil: Im "Fail Forward"-Modus

Früher waren es Closed Shops im Hinterzimmer, inzwischen zählen nicht mehr Titel und Stand, sondern was einer mitbringt. Personalberater Christoph Zeiss beschreibt die Netzwerke als "internationaler, kleiner und nach Branchen organisiert". Man trifft sich zu sechst oder acht im Garten und grillt. Oder lädt privat nach Hause ein und kocht gleich selbst, wie Robert Gentz von Zalando oder die Gründer von Wimdu. Das bringt einfach mehr, als auf großen Galas Weingläser zu balancieren.

Die CEOs der neuen Generation wie Frank Appel (Post Börsen-Chart zeigen), Kasper Rorsted (Henkel Börsen-Chart zeigen), Marijn Dekkers (Bayer Börsen-Chart zeigen), Oliver Bäte (Allianz Börsen-Chart zeigen) halten sich nicht mit Stehempfangklatsch über Corporate Germany auf, dafür verbringen sie lieber Zeit mit der Familie oder Freunden. "Sie sind insgesamt ernsthafter, zurückhaltender im Auftritt und, weil ihnen die Begrenztheit ihres Einflusses stärker bewusst ist, auch offener und interessierter an Themen, die über ihr Unternehmen hinausgehen", beobachtet Freshfields-Partner Christoph Seibt

Ihre Devise: Mehrdimensional statt linear nur in den eigenen Kreisen netzwerken. Heißt: Ein Abend mit dem Ex-Piraten und Springer-Mann Christopher Lauer interessiert sie im Zweifel mehr als das x-te Kamingespräch mit Wolfgang Schäuble.

Der pragmatische, an konkreten Lösungen orientierte "Fail Forward"-Fokus verändert nicht nur das Networking - er definiert auch mit, wie sich das neue Establishment zusammensetzt. Natürlich kann man wie Lars Windhorst versuchen, sich ganz altmodisch einzukaufen: Der Unternehmer erstand Christos gesammelte Werke zur Reichstagsverhüllung und stellt sie dem Bundestag als Leihgabe zur Verfügung. Für die Tate Modern an seinem Wohnsitz London hat er zehn Millionen Pfund gespendet, zum Dank wird auf Lebenszeit ein Raum nach ihm benannt.

Unprätentiöse Pragmatiker gesucht

Doch nicht jeder ist so vermögend wie Windhorst. Dazu gehört heute vor allem, wer beitragen kann. Und zwar zu den ganz großen Fragen: Digitalisierung, Regulierung, Energiewende, soziale Gerechtigkeit.

Etwa die jungen CEOs, die sich in einem Kreis, organisiert vom Kölner McKinsey-Direktor Klaus Behrenbeck, zusammengetan haben. Auch Harald Krüger (BMW Börsen-Chart zeigen), Kurt Bock (BASF Börsen-Chart zeigen), Frank Mastiaux (EnBW Börsen-Chart zeigen), Kanzlerin-Freund und Bahn-Chef Rüdiger Grube oder Herbert Hainer (Adidas Börsen-Chart zeigen) zählen zu den Netzknoten der Wirtschaftsrepublik, ebenso wie Tina Müller (Opel), Claudia Nemat (Telekom), Matthias Zachert (Lanxess Börsen-Chart zeigen) oder Ulf Schneider (Fresenius Börsen-Chart zeigen).

"Eitle, machthungrige Einzelkämpfer werden künftig an Einfluss verlieren", prophezeit Frank Trümper, Geschäftsführer der Baden-Badener Unternehmer Gespräche. Denn die Topführungskräfte im neuen Establishment "begreifen Management nicht als One-Man-Show und sind geistig unabhängiger von ihren Positionen als die meisten ihrer Vorgänger". Die Charakterisierung gilt auch für die tonangebenden Aufsichtsräte der Nach-Cromme-Ära, deren Position im Elitengeflecht durch die Corporate-Governance-Diskussionen nochmals gestärkt wurde.

Zwar lenkt Manfred Schneider mit RWE und Linde noch immer ziemlich große Pötte durchs Wirtschaftsgewässer. Doch der Dax-Grande war schon immer unprätentiöser Pragmatiker, so wie viele andere starke Aufseher: von Werner Wenning (Bayer, Eon) und Ulrich Lehner (Telekom, ThyssenKrupp Börsen-Chart zeigen, spielt mit Wenning Skat) über Simone Bagel-Trah (Henkel Börsen-Chart zeigen) und Jürgen Hambrecht (BASF Börsen-Chart zeigen, Trumpf, Fuchs Petrolub) bis hin zu Norbert Reithofer (BMW Börsen-Chart zeigen, Siemens Börsen-Chart zeigen) und Multiaufseher Henning Kagermann (BMW Börsen-Chart zeigen, Post Börsen-Chart zeigen, Deutsche Bank Börsen-Chart zeigen). Allesamt bestens verdrahtete Macher, ja, die ihre Themen jedoch mit Augenmaß und ohne übertriebene Herrschaftsaura vorantreiben.

Stärker als früher orientieren sich die Netzwerke an Sektoren; dass einer wie Heinrich von Pierer oder Josef Ackermann für "die deutsche Wirtschaft" stand, ist Geschichte. Heute geben Branchenchampions wie Mathias Döpfner (Springer) oder Thomas Ebeling (ProSiebenSat.1 Börsen-Chart zeigen) die neuen Leuchttürme.

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