Sonntag, 25. August 2019

Establishment - die neuen Machtzirkel der Republik Deutschlands wichtigste Netzwerke

Deutschlands Machtzirkel: Die wichtigsten Netzwerke der Republik
REUTERS

4. Teil: Die Netzwerke sind offener und transparenter - aber auch anstrengender

Einfach nur rumstehen und smalltalken? Zu viel Redundanz, zu wenig Konkretes. Alkohol unter der Woche? Are you serious? Da gehe man unter, sagt Heilemann: "In dem Umfeld stehen alle um sieben auf und machen vor der Arbeit noch Sport." Lieber trifft man sich zum Lunch im Edel-Vintage-Laden "Soho House", bei den Roundtables von Florian Nöll (Bundesverband Deutsche Startups), in Coffee Shops wie dem "Father Carpenter" in der Münzstraße oder dem "Godshot" in der Immanuelkirchstraße.

Oder bei einem der CEO-Dinner, die rund um Tech-Konferenzen wie die Heureka organisiert werden. Nach wie vor auch gern im "Borchardt", wo die junge Szene auf die etablierten Wirtschaftsplatzhirsche trifft - nur auf persönliche Einladung, traditionelle Branchen sind oft als Sponsoren vertreten.

Die Netzwerke sind offener und transparenter geworden - aber auch anstrengender: "Nicht mehr große Namen und hohe Posten sind die Eintrittskarte, sondern die Frage, welchen inhaltlichen Nutzen jemand bringt", sagt Gisbert Rühl, CEO des Stahlhändlers Klöckner & Co. Rühl weiß um die Schwierigkeiten der alten Industrie, in der neuen Welt mitzumischen. Im vergangenen Jahr eröffnete er eine Digitaltochter in Berlin: Kloeckner.i soll Gründerwerkzeuge wie Design Thinking in den Konzern bringen.

Rühl machte die Runde in der Start-up-Szene und merkte schnell: "Einfach nur Kontakte knüpfen geht nicht, man muss etwas beitragen." Schon bei den Gesprächen, die er im Silicon Valley führte, rief vorher meist ein Assistent an und erkundigte sich detailliert, für welche Projekte er Marc Andreessen denn eine Stunde Zeit zu stehlen gedenke.

Nüchtern, effizient, pragmatisch

Nüchtern, effizient, pragmatisch. Kein Geschwätz, pure Performance. Der Habitus der Digitalwirtschaft, das permanente Optimieren, der konsequente Pragmatismus, hat kulturell auch in den Traditionsbranchen Fuß gefasst. "Selbst ausgebuchte Hochkaräter sind noch für neue Netzwerke zu gewinnen - aber es muss inhaltlich etwas bringen", sagt Unternehmerin Marie-Christine Ostermann, bis Ende 2012 medienaffine Chefin des Bundesverbandes Die Jungen Unternehmer und inzwischen eingeschriebene Liberale.

Sie hatte ihr Erweckungserlebnis während eines FDP-Spendendinners, als sie merkte, dass "bei solchen Veranstaltungen das Ideenpotenzial der Gäste gar nicht angefragt wird". Sie nutzte die ernüchternde Einsicht für ihr Ende 2014 begründetes FDP-Unterstützernetzwerk "Liberale Agenda 2025", für das sie etwa Roland Oetker, Jochen Kienbaum und Ludwig Georg Braun (B. Braun Melsungen) ansprach. Kein Small Talk, sondern geheime Treffen in Hotels im Ruhrgebiet, Arbeitsgruppen per Videokonferenz. Effizienz und klarer Output: Die Vorschläge der Agenda-Truppe wanderten direkt in die Programmarbeit auf dem FDP-Parteitag.

Früher war die Dax-Elite unter sich - heute sind Netzwerke dynamischer und diverser. Der Zugang ist offener, mehr Leistung, weniger Status. Nicht nur die Pools, aus denen sich gerade die Wirtschaftselite rekrutiert, sind größer und internationaler geworden. Auch inhaltlich reicht es nicht mehr, im eigenen Süppchen zu rühren. "Topführungskräfte brauchen Anschlussfähigkeit in möglichst viele andere Bereiche, nicht nur Vernetzung unter ihresgleichen", sagt Lars Zimmermann, Senior Advisor bei Egon Zehnder und CEO von Hy!. Das Digitalnetzwerk, dem weltweit mehr als 1200 Start-ups angehören, berät Unternehmen bei der digitalen Transformation und bietet in "Learning Journeys" für Topmanager anspruchsvolle Crashkurse in der Gründerszene an. Ein Paradebeispiel, wonach das neue Establishment beim Networking sucht.

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