Sonntag, 18. August 2019

Establishment - die neuen Machtzirkel der Republik Deutschlands wichtigste Netzwerke

Deutschlands Machtzirkel: Die wichtigsten Netzwerke der Republik
REUTERS

3. Teil: Die neuen Machtzirkel: Performance statt Geschwätz

Die alten Zirkel verlieren an Bedeutung. Die neuen Netze kommen im anderen Look, mit neuen Regeln und anderen In-Stätten. Es geht nicht mehr um Posten, sondern viel stärker um Inhalte. "Heute ist alles strukturiert, professioneller und nicht mehr wie eine Plauderstunde organisiert", sagt Ex-Linde-Chef und Holcim-Verwaltungsratspräsident Wolfgang Reitzle. "Die Szene ist rigoros. Wenn kein Mehrwert erkennbar ist, wendet sie sich ab", meint Pausder.

Nimmt demnächst also Oliver Samwer den Platz von Ex-Goldman-Lenker Alexander Dibelius als graue Eminenz im Wirtschaftsbetrieb ein? Ist Steffi Czernys DLD der neue BDI-Jahreskongress? Wer gehört zum neuen Establishment? Und wie vernetzen sich die Entscheider aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft?

Was die neuen von den alten Einflussreichen unterscheidet, lässt sich nirgends besser studieren als in Berlin. Das Beinahe-Parishafte hat die Hauptstadt mit einer Intensität zum Hotspot gemacht, von der Bonn nie auch nur zu träumen wagte. Die alten Berliner Eliten, traditionell wirtschaftsfern, kreisen um Fixsterne der klassischen Berlin-Kultur wie den Freundeskreis der Nationalgalerie oder den Bundespresseball. Doch der Glanz der ehrwürdigen Frontstadtinstitutionen verblasst. Die eigentlichen Must-sees sind begrenzt - und finden eher im privaten Rahmen statt.

Wer etwa zu den Abendessen von Kanzleramtsminister Peter Altmaier oder zu den Vernissagen in der Villa Schöningen, gekauft und renoviert von Mathias Döpfner und Leonhard Fischer, eingeladen wird, weiß: Er ist drin, da, wo es in ist.

Dürrs Gartenparties, Würths Feiern auf Schwanenwerder

Kaum jemand aus der etablierten Garde der Wirtschaftsgranden hat das besser begriffen als die Schwaben-Unternehmer Heinz Dürr, ehemals Bahn-Chef, und Schraubenkönig Reinhold Würth. Dürr, Besitzer einer ultramodernen Villa von David Chipperfield in Dahlem, richtet glanzvolle Gartenpartys aus, zu denen die Schwaben-Society Berlins strömt. Würth kontert mit Feiern auf Schwanenwerder.

Als Billett für den inneren Hauptstadtzirkel gelten auch die Musikabende des Anwalts Peter Raue und seiner Frau Andrea Gräfin Bernstorff oder die kunstsinnigen Einladungen von Thomas Rusche, Inhaber des Herrenausstatters Sør, der in seiner großzügigen Altbauwohnung in Charlottenburg niederländische Meister mit zeitgenössischer Malerei paart. Auch das Museum Barberini, das SAP-Gründer Hasso Plattner in Potsdam errichten lässt, dürfte ein soziokultureller Fixstern werden.

Politiker von Rang, Wirtschaftsgrößen sowieso, halten es mit FDP-Chef Christian Lindner, der "exklusive, bilaterale Gespräche" schätzt. All die großen Events der Konzernrepräsentanzen, Verbände, Lobbyisten, von denen es in der Hauptstadt jeden Abend ein halbes Dutzend gibt, seien "toller Service", doch leider "verdränge" sein Kalender Empfänge, auf denen er nur einer von ganz vielen sei. In der Menge unterzugehen, dafür ist ihm seine Zeit zu schade.

Fixpunkt Soho House - wo sich die digitale Elite trifft

Im Hauptstadtlabor lässt sich beobachten, wie sich das neue, coole Establishment gerade erfindet - und mit ihm die Art zu netzwerken. "Das Höfische verschwindet, die Treffen sind weniger pompös", sagt Karl-Ludwig Kley, Vorsitzender der Merck-Geschäftsleitung. Hof gehalten wird zwar noch immer, aber unter umgekehrten Vorzeichen: Im angesagten Berliner "Soho House" etwa (wo nahezu die gesamte digitale Hautevolee Klubmitglied ist) müssen Krawattenträger draußen bleiben.

Den frischen Style prägen die ungekrönten Könige Berlins: die Gründer, mitsamt ihrer Corona aus Wagniskapitalfirmen, Inkubatoren und altem Geld auf der Suche nach neuen Chancen. Die Jungs von Project A Ventures wie Florian Heinemann, Niklas Östberg (Delivery Hero), Wooga-Gründer Jens Begemann, die Macher von Soundcloud und 6Wunderkinder, Springer-Accelerator-Chef Jörg Rheinboldt, die Rocket-Jünger, Investor Christophe Maire oder Christian Nagel und Hendrik Brandis von Earlybird.

Wer es im Start-up-Universum zu etwas bringen will, kopiert die fokussierte, leistungsorientierte Schnörkellosigkeit des Silicon Valley. "Die Bereitschaft, sich auf neue Kontakte einzulassen, wenn es nicht zweckgebunden ist, ist eher gering, weil Zeit in der Branche extrem knapp ist", sagt Fabian Heilemann, Gründer von Dailydeal und als Investor einer der Fixsterne der Szene.

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