Sonntag, 21. April 2019

Porträt des neuen Deutsche-Bank-Chefs John Cryan - der eiskalte Aufräumer

Deutsche Bank: John Cryan - der eiskalte Aufräumer
Manu Burghart für manager magazin

Abschreibungen in Milliardenhöhe, 6,2 Milliarden Euro Verlust im dritten Quartal: Der neue Deutsche-Bank-Chef John Cryan räumt auf. In seiner Titelgeschichte im September hat manager magazin beschrieben, wie Cryan seine Machtfülle nutzt - und wie der "eiskalte Engel" tickt.

Hamburg - Am Abend des 16. Juli hat John Cryan (54) Aufmunterung nötig. Seit gut zwei Wochen ist der Brite nun schon neuer Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank in Frankfurt, doch die Serie an schlechten Nachrichten reißt auch an diesem Donnerstag nicht ab.

Die Londoner Wirtschaftspresse meldet, dass die britische Finanzaufsicht FCA wegen Geldwäscheverdachts gegen die Bank ermittelt. Der Fall, der seinen Ursprung in der Moskauer Niederlassung des Konzerns hat, entpuppt sich als ein weiteres Milliardenrisiko.

Zur gleichen Zeit veröffentlicht das Fachmagazin "Finance" eine Umfrage mit brisantem Ergebnis: Die CFOs deutscher Mittelständler ziehen ausgerechnet den biederen Erzkonkurrenten Commerzbank Börsen-Chart zeigen als Firmenkundenberater vor. So weit ist es schon gekommen.

Zerstreuung vom tristen Alltag sucht Cryan, der seit 2013 im Aufsichtsrat sitzt, an diesem lauen Londoner Sommerabend in St John's Smith Square. Britanniens einziger barocker Konzertsaal liegt in Themse-Nähe, kaum drei Meilen entfernt von seinem Wohnsitz im edlen Stadtteil Kensington. Das Gemäuer von 1728 besticht durch feine Akustik und intime Eleganz.

Gegeben wird "King Arthur". In Klassiker wie die Semi-Oper von Henry Purcell ist Cryan, ein versierter Pianist, regelrecht vernarrt. Genauso wie in das Ensemble Gabrieli Consort & Players, das sich der Pflege der Renaissancemusik verschrieben hat und das Stück in St John's aufführt. Seit 1992 gehört Cryan Gabrielis Stiftungsgremium an, seit 2015 sogar als Chairman.

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Ensemblegründer und Dirigent Paul McCreesh (55) ist ein enger Freund. In dessen Welt kann Cryan abschalten, zumal der König-Artus-Plot Mut macht: Am Ende des Fünfakters hat der redliche Herrscher dank des Zauberers Merlin sämtliche Widersacher im blutigem Kampf beiseitegeräumt.

Schlachtenglück braucht auch Cryan. Denn friedfertig wird die Regentschaft des Briten, der jahrzehntelang im Sold der Schweizer UBS Börsen-Chart zeigen stand, mit Sicherheit nicht.

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