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Deutsche Bank: John Cryan - der eiskalte Aufräumer

Foto: Manu Burghart für manager magazin

Porträt des neuen Deutsche-Bank-Chefs John Cryan - der eiskalte Aufräumer

Abschreibungen in Milliardenhöhe, 6,2 Milliarden Euro Verlust im dritten Quartal: Der neue Deutsche-Bank-Chef John Cryan räumt auf. In seiner Titelgeschichte im September hat manager magazin beschrieben, wie Cryan seine Machtfülle nutzt - und wie der "eiskalte Engel" tickt.

Hamburg - Am Abend des 16. Juli hat John Cryan (54) Aufmunterung nötig. Seit gut zwei Wochen ist der Brite nun schon neuer Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank in Frankfurt, doch die Serie an schlechten Nachrichten reißt auch an diesem Donnerstag nicht ab.

Die Londoner Wirtschaftspresse meldet, dass die britische Finanzaufsicht FCA wegen Geldwäscheverdachts gegen die Bank ermittelt. Der Fall, der seinen Ursprung in der Moskauer Niederlassung des Konzerns hat, entpuppt sich als ein weiteres Milliardenrisiko.

Zur gleichen Zeit veröffentlicht das Fachmagazin "Finance" eine Umfrage mit brisantem Ergebnis: Die CFOs deutscher Mittelständler ziehen ausgerechnet den biederen Erzkonkurrenten Commerzbank  als Firmenkundenberater vor. So weit ist es schon gekommen.

Zerstreuung vom tristen Alltag sucht Cryan, der seit 2013 im Aufsichtsrat sitzt, an diesem lauen Londoner Sommerabend in St John's Smith Square. Britanniens einziger barocker Konzertsaal liegt in Themse-Nähe, kaum drei Meilen entfernt von seinem Wohnsitz im edlen Stadtteil Kensington. Das Gemäuer von 1728 besticht durch feine Akustik und intime Eleganz.

Gegeben wird "King Arthur". In Klassiker wie die Semi-Oper von Henry Purcell ist Cryan, ein versierter Pianist, regelrecht vernarrt. Genauso wie in das Ensemble Gabrieli Consort & Players, das sich der Pflege der Renaissancemusik verschrieben hat und das Stück in St John's aufführt. Seit 1992 gehört Cryan Gabrielis Stiftungsgremium an, seit 2015 sogar als Chairman.

Foto: manager magazin

Ensemblegründer und Dirigent Paul McCreesh (55) ist ein enger Freund. In dessen Welt kann Cryan abschalten, zumal der König-Artus-Plot Mut macht: Am Ende des Fünfakters hat der redliche Herrscher dank des Zauberers Merlin sämtliche Widersacher im blutigem Kampf beiseitegeräumt.

Schlachtenglück braucht auch Cryan. Denn friedfertig wird die Regentschaft des Briten, der jahrzehntelang im Sold der Schweizer UBS  stand, mit Sicherheit nicht.

Vor Feingeist Cryan liegt eine der härtesten Managementaufgaben des Landes

Vor dem Feingeist aus dem noblen nordenglischen Heilbad Harrogate liegt eine der härtesten Managementaufgaben des Landes. Und das Drama in den verspiegelten Doppeltürmen der Deutschen Bank , an dem Komponist Purcell seine Freude gehabt hätte, hat gerade erst begonnen.

Nach der von Skandalen, Versäumnissen und Misserfolgen geprägten Ära seines Vorgängers Anshuman Jain (52) muss Cryan den Konzern zurechtstutzen und knüppelhart sparen, damit er wieder mithalten kann mit den Rivalen in Europa und Übersee. Zugleich muss er die Abzockerkultur beseitigen, um den ramponierten Ruf der Deutschen Bank wiederherzustellen.

All das hatte auch Jain versprochen, als er 2012 zusammen mit Jürgen Fitschen (66) die Nachfolge von Josef Ackermann (67) antrat. Doch eingelöst haben die beiden ihre Versprechen nicht. Zu entscheidungsschwach präsentierte sich das Duo. Zu verstrickt war vor allem Jain in die Affären der Vergangenheit, als dass ein geordneter Neustart möglich gewesen wäre.

Mit ihrer Ende April schludrig vorgetragenen "Strategie 2020" trieben sie die Anleger zur Weißglut. Eine desaströse Hauptversammlung und den vernichtenden vorläufigen Bafin-Report zur Manipulation der Libor-Zinsen später war das Führungstandem Geschichte.

Anfang Juni ersetzte der Aufsichtsrat um Paul Achleitner (58) den Briten Jain durch dessen Landsmann Cryan. Fitschen hat noch ein Jahr Gnadenfrist, aber keinen Einfluss mehr auf die Zukunft der Bank.

Der neue CEO will den Bruch mit dem Ancien Régime

Mit dem Coup rettete sich Achleitner aus der Schusslinie, ehe die Kritik an seiner Nibelungentreue zu Jain lauter werden konnte. Cryan, den er seit vielen Jahren kennt, ist auch für ihn die letzte Chance, sein Amt mit Erfolg auszufüllen.

Der neue CEO, so viel ist klar nach den ersten Wochen, will den Bruch mit dem Ancien Régime. Ein gutes Dutzend Themen mit höchster Relevanz hat er sich für die ersten Wochen zurechtgelegt. In Einzelgesprächen sondiert er, wer von den Topleuten den Sparkurs mitträgt.

Jeder kriegt seine Chance. Aber wer sich verweigert oder, für Cryan fast genauso schlimm, begriffsstutzig zeigt, wird gehen müssen. Milde wie King Arthur, der seinem Erzrivalen, dem Sachsenkönig Oswald, das Leben schenkt, wird er kaum walten lassen.

Seine Machtfülle ist einzigartig. Anders als Jain ist er keinen alten Seilschaften etwas schuldig. Das macht frei. Achleitner ist ihm dankbar; die meisten Aufsichtsräte können inhaltlich nicht mithalten mit dem brillanten Analytiker, der fast jedes Bankthema tiefendurchdringt. Die anderen Vorstände sind angezählt oder neu im Amt.

Carte blanche vom Aufsichtsrat

Cryan treibt die Aussicht, eine Bank nach seinen Vorstellungen zu formen. Eine Hocheffizienzmaschine, unabhängig von Personen. Dafür hat er die Carte blanche.

Die rund 100.000 Mitarbeiter schwor er zum Amtsantritt per Rundbrief auf Blut, Schweiß und Tränen ein. Jains Sparziel von jährlich 3,5 Milliarden Euro, zusätzlich zu den fast schon erreichten 4,5 Milliarden, reicht ihm nicht. Der gelernte Wirtschaftsprüfer, der gut ein Jahr lang als Aufsichtsrat den Prüfungsausschuss der Bank geleitet hat, kennt die Bilanz nur zu genau.

Der Konzern soll ein anderer sein, wenn er mit ihm fertig ist. Ende Juli, bei seinem Premierenauftritt als CEO, rief er den Analysten via Telefonschalte zu: "Ab jetzt zählen keine Worte mehr, nur Taten!" Eine letzte Spitze gegen Jain, der stets lieber ausschweifend über Businesspotenziale dozierte, anstatt das Geschäftsmodell der Deutschen Bank der neuen Regulierungswelt anzupassen.

Assistiert von Finanzvorstand Marcus Schenck (49), noch ein Neuling, umriss Cryan im Conference Call die größten Baustellen.

  • Die Kostenstruktur? "Inakzeptabel und verschwenderisch".
  • Das Investmentbanking? Viel "bilanzintensiver Luxus, den wir uns nicht mehr erlauben können".
  • Die IT? "Fragmentiert, veraltet".

Starke Worte. Leise und mit überraschend sanfter Stimme vorgetragen. Aber schneidend wie Peitschenhiebe. Ausgesprochen von einem Mann, über den kaum etwas bekannt ist, obwohl er den umstrittensten deutschen Konzern führt. Cryan, die Greta Garbo unter den Dax-Chefs, scheut die Öffentlichkeit. Bewegtbilder von ihm im Amt gibt es nicht.

Im Oktober will Cryan Details zur Strategie 2020 liefern

Im Oktober will er jene Details zur "Strategie 2020" liefern, die Jain und Fitschen schuldig geblieben waren. Bis dahin verliert er keine Zeit mit Nebensächlichkeiten. Seine Dienstwohnung in Frankfurt hat Cryan rasch bezogen. Seine Frau Mary, Amerikanerin und Anwältin, kommt bald nach. Das kinderlose Paar sucht am Main noch eine geeignete Unterkunft.

Jains Büro im 32. Stock hat er gleich nach Dienstantritt übernommen, den Assistentinnenstab behalten. Der Ex-CEO musste das selbst geschossene Foto eines Indischen Tigers, Symbol seines Wagemuts, abhängen lassen und zurück nach London mitnehmen, wo er offiziell noch bis Januar als Berater der Bank arbeitet - und hin und wieder auch an seinem Arbeitsplatz erscheint.

Cryan verachtet Statussymbole und Protzereien, ist unprätentiös wie kaum ein anderer CEO. Stattdessen pflegt er einen Hang zum Spleenigen: Er ist Fellow der Royal Horticultural Society, eines erzkonservativen Vereins zur Förderung der Gartenkunst. Für die strenge Aufnahmeprüfung musste er lateinische Pflanzennamen pauken. Zu Hauptversammlungen der UBS reiste er zuweilen mit der Tram an. Seine Anzüge sehen aus wie von der Stange. Als ihn ein Analyst neulich nach finanziellen Anreizen fragte, etwa durch Aktienoptionen, brach der Snob in Cryan durch: Schon im Aufsichtsrat habe er "die äußerst bescheidende Vergütung genossen", entgegnete er. Ob Aktien dabei waren, wisse er nicht mehr.

Geld ist nicht ausschlaggebend für ihn und muss es auch nicht sein. Die UBS verließ er mit Optionen auf 382.673 Aktien zum Ausübungspreis von 26 bis 67 Franken. Auch Gattin Mary gilt als vermögend.

Auf 18 bis 20 Stunden schätzt er sein tägliches Arbeitspensum. Cryan ist ein Workaholic, und er weiß, was auf ihn zukommt. Denn schon einmal hat er einen ähnlich heiklen Job angenommen. 2008 war das, bei der UBS. Die Situation war sogar noch prekärer als jetzt.

Feuerwehr-Einsatz als Aufräumer bei der UBS

Die Schweizer Großbank hatte sich mit Subprime-Papieren die Finger verbrannt und zweistellige Milliardenverluste buchen müssen. Das Nobelinstitut vom Zürcher Paradeplatz galt als gefährlichste Bank der Welt. Ihre Bilanzsumme übertraf die Schweizer Wirtschaftsleistung um ein Vielfaches. Das Ende schien nah.

In seiner Not rief der Vorstand Cryan zu Hilfe. Seit 1995, als sein Arbeitgeber SG Warburg vom UBS-Vorgänger Bankverein übernommen wurde, war er Konzernmitarbeiter. Als Leiter der Financial Institutions Group beriet er Banken bei Fusionen und Übernahmen. Niemand bei der UBS kannte sich besser aus mit großvolumigen Bilanzen, toxischen Assets und exotischen Produkten. "Ein Vollprofi", sagt Andrew Pisker (55), Ex-Chef der Investmentbank Dresdner Kleinwort Wasserstein.

Auch Achleitner gehörte zu Cryans Kunden - allerdings mit fragwürdigen Resultaten. 2000 soufflierte er dem damaligen Allianz-Finanzchef beim Kauf der Dresdner Bank - der 24 Milliarden Euro teure Deal war einer der größten Fehlschläge der deutschen Unternehmensgeschichte. 2008 schlug Cryan die Dresdner im Allianz-Auftrag an die Commerzbank los. Das rettete Achleitners Karriere, trieb aber die Commerzbank beinahe in den Ruin.

Seine spektakulärste Mandantin war 2007 die niederländische Großbank ABN Amro. Zwar konnte auch Cryan nicht verhindern, dass Santander , Royal Bank of Scotland  und Fortis  den Rivalen schluckten und filetierten. Für die ABN-Aktionäre aber holte er das Maximum heraus: Mit 72 Milliarden Euro ist der Deal bis heute die teuerste feindliche Bankübernahme weltweit.

Dabei hatte Cryan geahnt, dass der Deal für die Käufer tödlich enden könnte. Die ABN-Bilanz sei voller toxischer Wertpapiere, warnte er Royal-Bank-Chef Fred Goodwin - und zwar noch vor Vertragsabschluss.

Ein kurioser, potenziell sogar geschäftsschädigender Tipp, der Deal hätte platzen können. Aber nicht untypisch für Cryan. "John fühlte sich der Sache immer mehr verpflichtet als seinem Arbeitgeber", sagt ein enger ehemaliger UBS-Mitarbeiter.

Beschimpft als Erbsenzähler

Goodwin wischte den Hinweis auf die marode ABN-Bilanz jedoch beiseite. Der Egomane, der die Royal Bank in wenigen Jahren zum weltgrößten Geldhaus aufgepumpt hatte, beschimpfte Cryan als "bean counter" - Erbsenzähler.

Er hätte besser auf ihn gehört. Nach der Zwangsverstaatlichung der Royal Bank galt Goodwin als Britanniens meistgehasster Mann. Der Pöbel zertrümmerte sein Auto, die Queen entzog ihm den Rittertitel.Spätestens nach dem ABN-Deal war Cryan intern ein Star. "Er war analytisch unser bester Banker", sagt ein Ex-UBS-Manager. "Wir standen am Abgrund, der Vorstand hatte keinen Plan und holte John dazu. Er war die Ruhe selbst und nahm alles akribisch auseinander, wie ein Wissenschaftler. Credit Default Swaps, Collateralized Loan Obligations - das ganze unaussprechliche Zeug."

Er tat das so überzeugend, dass der Verwaltungsrat im September 2008 Finanzvorstand Marco Suter (57) vom Hof jagte und Cryan zum Nachfolger machte. Ein logischer Schritt, Cryan hatte sich unersetzlich gemacht. Und doch ein erstaunlicher: Nie hatte er Karriereambitionen erkennen lassen. "John ist mit Leib und Seele Berater, und im Prinzip hat er nichts anderes gemacht, als ihn der UBS-Vorstand um Hilfe bat", sagt einer, der dabei war.

Cryan ging die Aufräumarbeiten zügig an. Rasch schaffte er den Befreiungsschlag, indem er Giftpapiere für 60 Milliarden Dollar in eine staatlich kontrollierte Bad Bank auslagerte und den Staat über eine Pflichtwandelanleihe an Bord holte. Zugleich begann er, drastisch zu sparen und das Investmentbanking einzudampfen - "als Anpassung an das veränderte Marktumfeld", wie es seinerzeit hieß. Eine Erkenntnis, die Jain erst Jahre später, im Zuge der "Strategie 2020", kam.

Vertrauen am Kapitalmarkt zurückgewonnen - weil Cryan nichts beschönigte

Zusammen mit dem Deutschen Oswald Grübel (71), ab Februar 2009 CEO, drehte er den Konzern auf links, holte über Beteiligungsverkäufe und eine Kapitalerhöhung Milliarden herein. "Wir haben uns vertraut, weil wir das Geschäft kennen", sagt Grübel, der jetzt in Spanien lebt, noch heute.

Zügig gewann die UBS das Vertrauen am Kapitalmarkt zurück. Vor allem weil Cryan nichts beschönigte. Im Gegenteil. "Er war völlig unverblümt und hat den Leuten keine Hoffnung gemacht, wo es keine gab. Das war richtig, hat ihm aber den Ruf eingetragen, sehr negativ zu sein", sagt Rainer Skierka, damals wie heute Analyst der Bank Safra Sarasin. Im Zwiegespräch habe Cryan sogar Selbstzweifel geäußert; er fürchtete, zu hart rüberzukommen.

Derart emotional wird Verstandesmensch Cryan nur selten.2011 verließ er völlig überraschend die UBS. Über den Exit kursieren zwei Versionen. Die eine lautet: Als der knorrige Old-School-Trader Grübel illusorische 15 Milliarden Franken als Gewinnziel ausgab, schmiss Cryan hin. Anders als der CEO glaubte er nicht mehr an die Renaissance des Investmentbankings.

Exzellent, aber ohne Charisma

Die zweite, weniger grelle wird in Cryans Umfeld häufiger erzählt: Der Finanzvorstand, geschlaucht von drei intensiven Jahren nah am Abgrund, hatte schlichtweg keine Kraft mehr, war ausgebrannt.

Klar ist: Cryan, der schon den Aufstieg in den Vorstand nicht geplant hatte, fehlten Biss und Ranküne, um den CEO-Thron zu erklimmen. Er erwarb sich bei der UBS den Ruf, ein exzellenter Fachmann zu sein; ein charismatischer Führer aber war er nicht. Nach seiner Zürcher Zeit spannte er erst einmal aus. Meist in der Villa in Annapolis/Maryland am Severn River, die auf Gattin Mary eingetragen ist und in Sichtweite der berühmten US-Marineakademie liegt.

Wieder bei Kräften, heuerte er 2012 bei Temasek an. Der Staatsfonds aus Singapur verwaltet 170 Milliarden Euro und schmückt seinen Board mit Promis wie Ex-Weltbank-Chef Robert Zoellick (62), dem schwedischen Milliardär Marcus Wallenberg (58) und ABB-Verwaltungsratschef Peter Voser (56). Cryan allerdings zog ins Untergeschoss: Als Europa-Chef schaffte er es nur ins Senior Management.

Auch geschäftlich hakte es. Namhafte Beteiligungskäufe sind nicht bekannt, mit dem Verkauf des 18-prozentigen Temasek-Anteils an der Standard Chartered Bank scheiterte er sogar.

Sein vielleicht größter Coup: 2013 ließ er die Temasek International (Europe) Limited mit zwei Millionen Pfund Sterling Eigenkapital und zwei Angestellten ins Firmenregister von Cardiff/Wales eintragen.Für Schockwellen an der Börse sorgte das zwar nicht. Dafür aber konnte Temasek-Chefin Ho Ching (62), zugleich Gattin von Singapurs Premier Lee Hsien Loong (63), immerhin stolz verkünden, den Sprung nach Europa geschafft zu haben.

Intellektuelle Schärfe, gepaart mit britischem Sarkasmus

Ein langjähriger Temasek-Manager fasst Cryans Schaffenszeit bei den Südostasiaten, die per ultimo 2014 ablief, bündig so zusammen: "Letztlich ist er ein Bank-Apparatschik ohne Unternehmergeist."

Für Achleitner freilich passte die Typbeschreibung perfekt. 2013 lotste er ihn in den Aufsichtsrat der Deutschen Bank und wertete so das Gremium um einen Finanzprofi auf, der es ohne langen Anlauf mit den Topmanagern aufnehmen konnte.

Die bekamen Cryans intellektuelle Schärfe, gepaart mit typisch britischem Sarkasmus, im Prüfungsausschuss zu spüren. Das Gremium überwacht die wichtigsten Bilanzposten, arbeitet eng mit Revision und Regulatoren zusammen und ist seit Ausbruch der Finanzkrise für Banken wichtiger denn je. Allein 2013 tagte der Ausschuss 11-mal, zusätzlich zu den regulären Aufsichtsratssitzungen.

Der detailverliebte Cryan nahm die Vorstände alsbald so sehr in die Zange, dass sie nur noch mit fachlich versierten Mitarbeitern aus ihren Ressorts aufliefen, um seine bohrenden Fragen parieren zu können.

"Wer nicht mit ihm mitkommt, hat sehr schnell ein Problem. John macht das auf die vornehme englische Art, aber kühl und nicht sehr angenehm", sagt ein Insider.

Auch Jain bekam sein Fett weg, als er den Aufsichtsrat im Winter über den Stand in Sachen "Strategie 2020" unterrichtete. Bei Cryan daheim in Kensington, weil der eine schwere Skiverletzung auskurieren und auf Krücken laufen musste, als wäre der Ärger um die Bank nicht nervtötend genug. Ein ums andere Mal wies er Jain auf inhaltliche Schwächen hin. So lange, bis es passte und der Aufsichtsrat der neuen Strategie zustimmen konnte.

Doch je mehr Jain unter dem Druck der Aufsichtsbehörden und der Aktionäre wackelte, desto klarer schälte sich heraus, dass Cryan das Zeug dazu haben könnte, mehr als nur der Chefinquisitor zu sein. Und auch Cryan selbst schien sein CEO-Gen zu entdecken, frei nach dem Motto: Der Appetit kommt mit dem Essen.

Achleitner bereitete seinen besten Banker im Aufsichtsrat seit 2014 in mehreren Gesprächen darauf vor, dass er bei einem Scheitern Jains auf ihn setze.

Mit dem Chefwechsel konnte die Bank schließlich einen historischen Fehler korrigieren: Ackermann hatte bei seinem Abgang Ex-Bundesbankpräsident Axel Weber (58) als Nachfolger empfohlen. Der scheidende Vorstandschef hielt Jain für zu vergangenheitsbelastet und sprach ihm sowie Fitschen CEO-Format ab.

Cryan will Probleme lösen - die Herzen zu erobern, fällt ihm schwer

Der Aufsichtsrat unter Achleitners Vorgänger Clemens Börsig (67) entschied sich dennoch für die Doppelspitze - wegen des völlig zerrütteten Verhältnisses zu Ackermann und aus Angst, das Trader-Genie Jain zu vergraulen. Das Ergebnis ist bekannt: Während Weber als äußerst aktiver Verwaltungsratspräsident Cryans früheren Arbeitgeber UBS zu neuen Höhen führt, musste Jain geschlagen das Feld räumen.

Mit ihm verließ auch ein spezieller Führungsstil die Deutsche Bank. Bei jedem halbwegs kontroversen Thema sicherte sich Jain bei Achleitner ab ("I will ask Paul"). Im Mikromanagement dagegen riss er alles an sich und engte den Spielraum seiner Führungsleute ein. Problemlösungen formulierte der Schnelldenker am liebsten selbst - und wunderte sich, dass stets alle seiner Meinung waren.

Anders Cryan. Er versucht, seine neue Mannschaft in Einzelgesprächen auf Eignung abzuklopfen. Hört zu und wartet ab, was an Feedback und Meinung kommt. Eine latent perfide Methode, denn wie er die Dinge sieht, stellt er anschließend sehr wohl deutlich klar. Bei fehlender Übereinstimmung wird er schnell verletzend.

Er liebt es, Probleme mit forensischer Logik anzugehen - die Herzen der Mitarbeiter zu erobern versucht er dagegen erst gar nicht. Vor Führungskräften etwa äußerte der neue Frontmann kühl Verständnis für all jene Anleger, die derzeit von der Deutsche-Bank-Aktie die Finger lassen . Im Vorstandskollegium hat er explizit betont, unabhängig von Achleitner zu agieren.

Zitate aus Goethes "Faust"

Der Berliner Politik, die Jain zumindest anfangs heftig umgarnte, hat er sich bislang nicht systematisch genähert. Dabei spricht er passabel Deutsch, noch ein Unterschied zu Jain. Aus dem "Faust" hat er schon zu UBS-Zeiten gern rezitiert. In kleiner Runde allerdings - und nur nach Aufforderung.

Anders als seine Vorgänger, die das Schlagwort Kulturwandel strapazierten und ob ihrer Vergangenheit immer unglaubwürdiger wurden, liegt Cryan nichts an einem empathiegetränkten kommunikativen Überbau oder gar an Visionen.

Das bekamen gerade die Kommunikationsberater von Hering Schuppener zu spüren. Deren Frankfurter Frontmann Alexander Geiser (39) hatte mit seinem Team für eine siebenstellige Summe im Jahr seit Herbst 2011 vor allem Jain und Fitschen beraten - und sich überzeugt gezeigt, dass das unter Cryan so weitergehen werde.

Der aber will, obwohl der Vertrag noch kurz vor Jains Ausscheiden verlängert wurde, von den Dienstleistern bislang nichts wissen. Geiser ist ruhiggestellt.

Immer noch viele Jain-Fans

"Egal was wir ankündigen: Die Öffentlichkeit wird es uns sowieso nicht abnehmen", räsonierte Cryan jüngst in kleiner Runde. Also wird er versuchen, Quartal für Quartal die "Strategie 2020" abzuarbeiten, die im Prinzip Ackermanns Universalbankstrategie minus Postbank ist.Vor allem aber wird er sparen, bis es quietscht, anstatt das Kapital zu erhöhen, wie es Jain und Fitschen gleich mehrfach taten. Im Inland sollen mindestens 200 von gut 700 Filialen wegfallen, obwohl nach erster Durchsicht keine Zweigstelle Verlust macht. Noch härter dürfte es das Investmentbanking treffen, wie einst bei der UBS.

Bis zu 10.000 Jobs gelten konzernweit als gefährdet, mithin 10 Prozent der Belegschaft. Die Deutsche Bank, die die Finanzkrise ohne Staatshilfe überlebte und sich anschließend für unverwundbar hielt, muss jetzt nachholen, was andere Geldhäuser schon längst hinter sich haben.

Aufhalten wird Cryan kaum jemand. Schon gar nicht seine Kollegen im Vorstand. CFO Schenck gilt als Vertrauter, mit Abstrichen auch Christian Sewing (45), der Mann fürs Massen- und Geschäftskundengeschäft (Private & Business Clients, PBC).

Die anderen müssen um ihre Jobs zittern. Ex-CFO Stefan Krause (52), der jetzt den Zahlungsverkehr (Global Transaction Banking, GTB) leitet, Risikochef Stuart Lewis (49), Stephan Leithner (49), der lange das Rechtsressort führte und nun für Personal, Compliance, Europa zuständig ist: Sie alle sind in die Libor-Affäre verstrickt.

Auch Chief Operating Officer Henry Ritchotte (51), der als Jain-Vertrauter einen besonderen Malus hat. Fabrizio Campelli (42) gilt als sein Nachfolger - was er intern deutlich erkennen lässt.

Cryan will, dass künftig alle Kernsparten und nicht nur PBC und GTB Vorstandsrang haben. Also auch das Investmentbanking und die Vermögensverwaltung, deren Ressortchefs Colin Fan (42) und Michele Faissola (47) bislang nur im erweiterten Vorstand sitzen, wo sie mehr verdienen können und dem Zugriff der Bafin weitgehend entzogen sind. Dieses Group Executive Committee (GEC), eine Ackermann-Idee, wird vermutlich abgeschafft, wie aus dem Konzern dringt.

Dass Fan und Faissola in den derart aufgewerteten Kernvorstand aufrücken, ist indes kaum vorstellbar. Faissola leistet gute Arbeit, ist aber ebenfalls wegen der Libor-Affäre im Visier der Bafin.Fan steht wegen seiner Nähe zu Jain unter Generalverdacht, anders als sein Co-Chef Jeff Urwin (59), der erst im Februar von J.P. Morgan Chase abgeworben wurde.

Von Achleitner sehr geschätzt wird auch Christian Meissner (46), Österreicher wie er und einst mit ihm sowie Schenck bei Goldman Sachs in Frankfurt. Der Welt-Chef des Investmentbankings bei der Bank of America Merrill Lynch ist Urwin aber vom Profil her sehr ähnlich.

Das Rechtsfach hat Cryan selbst von Sewing übernommen, aber nur kommissarisch. Dauerhaft rückt entweder Nadine Faruque (54), Compliance-Beauftragte und GEC-Mitglied, nach, sobald die Bafin zustimmt. Oder aber UBS-Rechtsvorstand Markus Diethelm (57) folgt Cryan nach Frankfurt. Chefjustiziar Richard Walker (64) hat er bereits abserviert.

Das heikelste Ressort bleibt es so oder so. Im Herbst schickt die Bafin ihren endgültigen Libor-Bericht. Er könnte Cryan und dem Aufsichtsrat die Legitimation dafür geben, Köpfe rollen zu lassen. Der Aufsichtsrat ist gespalten. Während einige harte Sanktionen erwägen, etwa Schadensersatzklagen gegen (Ex-)Mitarbeiter wie Jain, fürchten andere, dass eine Vendetta die Deutsche Bank zerreißen könnte. Denn gerade Jain hat noch viele Fans im Konzern.

Cryan wird sich auch in dieser Frage nicht taktisch verhalten, sondern tun, was nötig ist. Sein Kontrakt läuft bis zum Jahr 2020. Die lange Vertragslaufzeit gibt ihm jede Sicherheit für seine Mission: die Generalüberholung einer siechen Bank.

Danach wird Vorstandschef Cryan ohnehin gehen, glauben einige, die ihn gut kennen. Denn seine neue Aufgabe bei der Deutschen Bank wird mindestens so zermürbend werden wie die letzte große bei der UBS.

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