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Missmanagement im Asset Management: Gesteigertes Unvermögen

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Teilverkauf von DWS und Vermögensverwaltung Der wackelige Börsenplan der Deutschen Bank

Mit ständigen Strategiewechseln und Führungsversagen hat die Deutsche Bank ihr Asset Management und die früher strahlende Marke DWS heruntergewirtschaftet. Kunden und Talente sind auf der Flucht. Dem geplanten Börsengang fehlt eine überzeugende Story.

Die folgende Geschichte stammt aus der Ausgabe 5/2017 des manager magazins, die Ende April erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Es war einer der fröhlicheren Momente in der Amtszeit von Deutsche-Bank-Chef John Cryan (56): Eine Baseball-Kappe mit aufgedruckter "3" auf dem Haupt, trat der Brite im September 2015 vor die Belegschaft, um das dritte Jahr der Fusion von Privatbankern und Fondsmanagern des Konzerns zur Deutsche Asset & Wealth Management zu feiern. Wortreich pries Cryan den Zusammenschluss als Erfolg, bezeichnete den Geschäftsbereich als "starke Säule" des Hauses und lobte Spartenchef Michele Faissola (49) an seiner Seite, ebenfalls mit Schirmmütze verkleidet. Nur einen Monat später entließ Cryan eben diesen Faissola und verkündete, dass die Sparte Wealth- und Asset-Management wieder aufgespalten werden solle.

Die Teilung ist inzwischen erledigt, nun stellt sich heraus, dass die Deutsche Asset Management (DeAM) offenbar doch keine so wichtige Säule des Konzerns mehr ist. Die Vermögensverwaltung soll innerhalb der nächsten 24 Monate an die Börse gehen. Der angepeilte Verkauf eines Viertels der Aktien ist die neueste Volte in der strategischen Irrfahrt des Konzerns und seiner Vermögensverwaltung, die in Deutschland mit ihrer Marke DWS bekannt ist.

Statt mit den stetig fließenden Erträgen ein stabiles Gegengewicht zum krisen- und skandalanfälligen Investmentbanking zu bilden, muss die Sparte nun dafür herhalten, dringend benötigtes Kapital für die Bank zu beschaffen, das zuvor in der Investmentbank verbrannt wurde.

Eine solide Börsenstory lässt sich indes kaum schreiben. Statt zu wachsen, schrumpften die Kundengelder allein 2016 um 38 Milliarden auf 706 Milliarden Euro, ein Minus von 5 Prozent. Die Zuständigkeiten wechselten zuletzt immer schneller. Das Missmanagement bei Deutschlands größter Fondsgesellschaft treibt inzwischen reihenweise Kunden und Topleute in die Flucht.

Das Versagen der Deutschbanker reicht zurück in die Ära Josef Ackermanns (69). An der Spitze des Asset Managements installierte er 2004 den Investmentbanker Kevin Parker (57) - der dort derart unkontrolliert walten konnte, dass die Sparte an einen Selbstbedienungsladen erinnerte. Wer gehen wollte, bekam zum Dank noch Milliarden Kundengelder für das eigene Fonds-Start-up mit auf den Weg - etwa Fondsmanager Oliver Kratz (Global Thematic Partners und DWS Global Agribusiness), Asien-Chef Ed Peter sowie die Chefin für quantitative Investments, Janet Campagna.

Kevin Parker musste 2012 gehen und kann sich seitdem verstärkt um sein bereits 1997 gegründetes Weingut im Languedoc kümmern. Seine Adjutantin Roelfien Kuijpers indes bekam gerade eine neue, herausgehobene Rolle: Sie gehört nun dem obersten Führungszirkel der DeAM an, dem Executive Committee, und darf weiterhin von Manhattan aus Kunden betreuen, auch wenn das Geld in Frankfurt verdient wird.

Parkers Nachfolger als Chefvermögensverwalter war ebenfalls ein Investmentbanker: Der Anshu-Jain-Vertraute Michele Faissola. Er sollte für Jain und dessen Co-Chef Jürgen Fitschen (68) die mit dem Private Banking fusionierte Sparte verkaufsfertig machen. Der von Cryan 2015 installierte Faissola-Nachfolger Quintin Price (55) separierte das Geschäft dann wieder und verdiente sich dabei bald einen Ruf als Fehlbesetzung. Der Engländer interpretierte seinen CEO-Posten eher als Chairman-Rolle. In Frankfurt war der ehemalige Blackrock-Manager selten zu sehen.

Als sich Präsenz und Engagement von Price auch wegen privater Schicksalsschläge noch weiter verringerten, musste Cryan handeln. Seine Wahl fiel auf den Axa-Manager Nicolas Moreau (51), den ein Headhunter ins Spiel gebracht hatte. Als seine Hauptqualifikation für die neue Rolle gilt, dass er Erfahrung mit der Integration von Unternehmen hat.

"Wir müssen und wir werden aufholen"

Als ärgerlich empfinden viele DWS-Spitzenkräfte indes, dass Moreau von Paris nach London gezogen ist und nicht nach Frankfurt. Schließlich liegen in Deutschland mehr als drei Viertel des europäischen Kundenkapitals. Auf einer Betriebsversammlung nach dem Grund für London gefragt, antwortete Moreau wenig überzeugend: Frankfurt sei gut organisiert, er werde anderswo dringender gebraucht.

Auch manche Vorstände und Aufsichtsräte halten es für falsch, dass viele der Stabsfunktionen im doppelt so teuren London angesiedelt sind. "Wir sollten vor dem Börsengang überdenken, ob die Leiter für Personal und Recht in London sitzen müssen", sagt eine DeAM-Führungskraft. Bei seinen Gastauftritten in der deutschen Zentrale glänzte Moreau bisher vor allem mit Managementweisheiten und Durchhalteparolen ("Wir müssen und wir werden aufholen").

Klar ist: Wenn Moreaus Wirken Erfolg haben soll, muss er:

  • die vielen schwachen Fonds wieder auf Topniveau bringen und damit die bröckelnden Marktanteile festigen;
  • eine strategische Lösung finden für das Ausweichen vieler Kunden in das niedrigmargige Geschäft mit Indexzertifikaten;
  • und vor allem die Personalflucht stoppen.

Thorsten Michalik (44), Geschäftsführungsmitglied und Herrscher über den weltweiten Vertrieb mit Ausnahme der USA, gibt sich optimistisch. Im ersten Jahresviertel habe man hierzulande wieder ordentlich frisches Geld eingesammelt. Anders als in den Vorjahren.

Die Konkurrenz kann eine Trendwende nicht erkennen. Der Europa-Chef von Allianz Global Investors, Tobias Pross (46), zog 2016 mit seinen Fonds 22 Prozent der deutschen Mittelzuflüsse an, 5 Prozentpunkte mehr als im langjährigen Durchschnitt: "Wenn das so weitergeht, werden wir einen unserer guten Freunde und Wettbewerber hier in Deutschland überholen und der größte Anbieter auch bei Privatanlegerfonds sein, nicht mehr nur bei Großanlegern."

Noch führt die DWS mit einem Anteil von 27 Prozent das Geschäft mit den Kleininvestoren an. Weil weitere Marktanteilsgewinne intern als unrealistisch gelten, muss die Deutsche-Bank-Tochter bei ihrer Börsenstory vor allem auf das noch immer unterentwickelte internationale Business setzen.

Branche steckt in einer Strukturkrise

Vertriebsmann Michalik hat neben Deutschland vier weitere Kernmärkte identifiziert: Italien, Spanien, die Niederlande und die Schweiz. Bleibt abzuwarten, ob Expansionspläne in stark verschuldeten südeuropäischen Ländern bei den für IPOs entscheidenden US-Investoren gut ankommen. In der Schweiz wiederum leidet das Geschäft unter dem Verlust von Co-Landeschef Harald Réczek, er wechselte zur Credit Suisse .

Zum Stimmungskiller beim Börsengang könnte werden, dass die gesamte Branche in einer Strukturkrise steckt: Immer weniger Anleger sind bereit, 1 oder 2 Prozent Gebühr pro Jahr für einen Fondsmanager zu bezahlen - sie investieren lieber in ganze Aktienindizes wie Dax  oder S&P 500. Das Segment der Indexfonds (ETFs) boomt.

Das Wachstum der hauseigenen ETF-Sparte bildet daher das zweite Kapitel der Börsenstory. Die Deutsche Asset Management hat mittlerweile mehr als 100 Milliarden Euro mit diesen Billigfonds eingesammelt. In Europa habe man rund 12 Prozent Marktanteil, sagt ETF-Leiter Reinhard Bellet (51). Sein Ziel: 20 Prozent.

Das Problem: Die Margen bei Indexfonds sind viel geringer, noch dazu sind sie anfälliger für Schwankungen. DeAM erlitt zuletzt massive Abflüsse aus europäischen Aktien-ETFs.

Die Deutsche-Bank-Tochter "musste zuschauen, wie das Geld an ihr vorbeirauschte, weil sie keine der begehrten Anleihe-ETFs im Angebot hatte", sagt ein Insider. Das Team von Bellet hatte es versäumt, rechtzeitig auf den wichtigsten Trend zu reagieren: Den Wandel weg von derivatebasierten ETFs hin zu solchen, die tatsächlich Anleihen aus dem zugehörigen Index enthalten.

Auch bei alternativen Assetklassen wie Hedgefonds, traditionell margenstark, haben die Frankfurter abgesehen von den Immobilienfonds der US-Tochter RREEF wenig zu bieten. Umso schwerer wiegen die Qualitätsprobleme im Geschäft mit klassischen Fonds. Im entscheidenden Ranking der größten Asset Manager Europas, ermittelt vom Researchhaus Morningstar, liegt DeAM fernab der Spitzengruppe auf Rang 30 von 40.

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Missmanagement im Asset Management: Gesteigertes Unvermögen

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Schuld an der schwachen Performance sind vor allem die vielen Abgänge renommierter Topleute. DWS-Star Henning Gebhardt (49), der die weltweiten Aktieninvestments verantwortete, verließ den Konzern 2016 nach mehr als 20 Jahren und unterschrieb als Chefanlagestratege bei der deutlich kleineren Berenberg Bank in Hamburg. Die hoch angesehenen Wandelanleihespezialisten Marc-Alexander Knieß und Stefan Schauer gingen zur Frankfurter Boutique Lupus Alpha.

Gerade die guten Leute hat das strategische Hin und Her der letzten Jahre schwer frustriert, noch dazu fühlten sie sich oft unterbezahlt, insbesondere im Vergleich zu den US-Kollegen der Sparte RREEF. Seit Bankchef Cryan die Boni über alle Abteilungen stark gekürzt hatte, fehlten den Top-Performern im Asset Management die Leistungsanreize.

Der Teil-Börsengang soll nun - neben frischem Kapital für die Deutsche Bank  - auch den Vermögensverwaltern wieder zu mehr Freude bei der Arbeit verhelfen. Mit der Ausgabe von Aktien für die Führungskräfte wollen Cryan und Moreau dem Brain Drain entgegenwirken.

Der Topvertriebspartner grollt

Noch ein Jahr wie 2016, als die Boni wegen der Probleme der Bank auch für die Fondsmanager gestrichen wurden, wäre den Leistungsträgern kaum vermittelbar, sagt ein DeAM-Manager. Michalik sieht in dem IPO noch eine ganz andere Chance: Die Aktien seien eine wertvolle " Akquisitionswährung, um bei der Konsolidierung des Marktes mitspielen zu können".

Fest steht: Durch ein Listing würde die Tochter endlich mehr Abstand zum Dauerkrisenfall Deutsche Bank gewinnen. Und sie könnte die veraltete Konzern-IT entsorgen. "Unsere Systemlandschaft sieht noch zu sehr wie der Schaltplan eines Atomkraftwerks aus", sagt Chefanlagestratege Stefan Kreuzkamp.

Voraussetzung für all die schönen Träume ist allerdings, dass der Börsengang zum Erfolg wird. Eine interne Bewertung hatte einen Wert von acht bis zehn Milliarden Euro für die gesamte DeAM ergeben.

Die erste Tour bei potenziellen Großanlegern vor einigen Monaten fiel indes enttäuschend aus: Sie fordern einen kräftigen Bewertungsrabatt - auch weil 200 der 700 Milliarden Euro Anlagevolumen von Versicherern stammen, die dafür äußerst niedrige Gebühren zahlen. Inzwischen rechnet die Bank selbst nur noch mit acht Milliarden Euro.

Wertmindernd wirkt zudem, dass die Deutsche Bank ihre beherrschende Stellung behalten wird. "Im ersten Schritt werden nicht mehr als 25 Prozent der Aktien an den Markt kommen", sagt ein mit den Plänen Vertrauter. Cryan hat weiter das Sagen, von echter Eigenständigkeit kann also keine Rede sein.

Es könnte daher schwierig werden, auch nur zwei Milliarden Euro für das angebotene Viertel der Anteile zu erzielen. Daran wird selbst die projektierte Übernahme des Kapitalmarktgeschäfts der Deutsche-Bank-Tochter Sal. Oppenheim mit ihren institutionellen Investoren nichts ändern. Die heruntergewirtschaftete ehemalige Kölner Privatbank bringt wenig Substanz mit.

Geradezu gefährlich würde der Börsengang, wenn wichtige Geschäftspartner abspringen. Besonders genervt vom jahrelangen Missmanagement ist die Deutsche Vermögensberatung (DVAG), der nach den Deutsche-Bank-Filialen wichtigste Vertrieb für die Fonds. Nun stören sich die DVAG-Mehrheitseigentümer Andreas (52) und Reinfried Pohl (57) zudem an der Wahl Moreaus zum neuen Vorstandschef. Sie hätten gern Asoka Wöhrmann (51), den langjährigen Chefstrategen, als CEO gesehen.

Bei den Pohls zählen langfristige persönliche Beziehungen. Andreas Pohl ist mit Wöhrmann per Du und spricht am liebsten mit ihm, obwohl der gar nicht mehr bei der Fondsgesellschaft arbeitet. Der Manager war bereits unter Faissola vor dem Führungschaos geflüchtet und in den Privat- und Firmenkundensektor der Bank gewechselt. Der zuständige Vorstand Christian Sewing (47) wollte seinen neuen Co-Spartenchef nicht mitten im Umbau wieder ziehen lassen.

Die Pohls nehmen das nur ungern hin. Den Brüdern missfällt zudem, dass immer mehr DeAM-Führungskräfte aus dem ETF-Geschäft und der Investmentbank kommen. So wie Vertriebschef Michalik.

Vertriebler Steffen Leipold (46), der aus dem aktiven Fondsgeschäft stammt, unterlag Michalik im Wettstreit um den Chefposten. Er wechselte unlängst zur DVAG. Dort ist er in der Geschäftsführung für Banken und Investments zuständig, also auch für die Kooperation mit seinem Ex-Arbeitgeber.

Keiner kennt die DeAM besser als Leipold. Was aber für Cryan und den Börsengang alles andere als eine gute Geschichte bedeuten muss.

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