Freitag, 6. Dezember 2019

Regierungszentrale Das Kanzleramt wird zum Sanierungsfall

Kanzleramt: Mehr Ruhe wagen
REUTERS

Der Wahlkampf geht in die heiße Phase. Doch ambitionslos regiert Angela Merkels Leitwarte das Land. Das Kanzleramt selbst wird zum Sanierungsfall.

Hamburg - Überraschende Ruhe herrscht im Innersten der Staatsmacht. Menschen verlieren sich in breiten Gängen, weiten Sälen. Worte verhallen. Wer den Ton angibt im Bundeskanzleramt zu Berlin, bleibt gelegentlich unklar. Als hätte sich die Macht in Watte gepackt.

Auf 140 Quadratmetern arbeitet Angela Merkel im siebten Stock der Kanzlerfestung. Gegenüber sitzt ihr Amtschef Ronald Pofalla. Weit entfernt, in den Seitenschiffen des 335 Meter langen Baus, sind die Fachabteilungen untergebracht: vier Hundertschaften Beamte, ständig am Rande der Überlastung.

Das Kanzleramt sei wie eine Burg, sagt ein Insider. Die Zugbrücke sei heruntergelassen, aber der Kern bleibe abgeschottet.

Eigentlich sollte hier Politik entstehen. Führung. Richtung. Orientierung. Alle schauen auf die Burg am Spreebogen: das Volk, Europa, die Welt. Die Führungsmacht der EU soll sich erklären. Gestalten. Zuversicht spenden. Doch die Leitwarte bleibt Antworten schuldig.

Nie wurde Deutschland so viel zugemutet, aber auch so viel zugetraut. Nie richteten sich mehr Augen hoffend auf die Bundeskanzlerin und die Politikmanager in ihrem Amt. Aber das Team um Angela Merkel regiert nicht, es administriert, und das nicht einmal sonderlich gut.

Kaum ein anderes Land leistet sich eine so schwache Zentrale

Das Amt sei viel zu klein für seine Aufgaben, urteilt ein Ex-Mitglied der Merkel-Regierung. Kein anderes wichtiges Land leiste sich eine so schwache Zentrale.

"Eigentlich gibt es nur zwei Aktivposten: Merkel und Meyer-Landrut", ätzt ein Kanzlerinnenflüsterer; Nikolaus Meyer-Landrut steht der Europa-Abteilung vor. In Brüssel nennen sie ihn "Vizekanzler".

Unter Merkel sei jeglicher Anspruch auf strategische Führung verloren gegangen, kritisiert ein CDU-Außenpolitiker. Er sehe seine Kanzlerin höchst selten, erzählt ein Amtsmitarbeiter. Meist kommuniziere man per Akte: Papiere landen auf Merkels Schreibtisch, werden akribisch gelesen und kommen mit schriftlichen Anmerkungen zurück. Abteilungsleiter beginnen Sätze gern mit der Formel: "Die Kanzlerin würde Ihnen jetzt antworten ..."

Viele reden. Aber niemand aus dem inneren Kreis mag sich zitieren lassen. Ein Bild entsteht: Es zeigt eine weite Kluft - zwischen den großen Erwartungen der Außenwelt einerseits und den bescheidenen Ansprüchen des Amts selbst.

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