Sonntag, 26. Mai 2019

Hightech-Offensive Lenins Techies - wie China Innovationsführer werden will

Lenins Techies: So greift China im Hightech-Sektor an
imago/VCG

5. Teil: Chinas Guerilla-Stil

Außerhalb des Konsum- und Digitalsektors sind die Chinesen vor allem bei Prozessinnovationen stark. Keine Nation der Welt hat so viel Erfahrung und Know-how bei der Herstellung von Waren in gigantischer Stückzahl. Yue Yuen bei Schuhen, Foxconn bei Elektronikprodukten, aber auch die vielen Solarhersteller (acht der zehn größten stammen aus China) gehören in diese Kategorie. In vielen dieser Riesenfabriken halten inzwischen Roboter Einzug.

Durchwachsener ist die Bilanz bei Ingenieurskunst und Grundlagenforschung. Stark sind da Konzerne wie Huawei und ZTE oder der Bahnmonopolist CRRC, der sich in Joint Ventures mit westlichen Konzernen wie Siemens Börsen-Chart zeigen entwickelt hat und nun seine eigenen Hochgeschwindigkeitszüge verkauft.

Die Autoindustrie indes hat es bis heute nicht geschafft, Volkswagen Börsen-Chart zeigen, Daimler Börsen-Chart zeigen und Co. gefährlich zu werden. Autokönig Li Shufus ganzer Stolz ist nicht Geely, sondern sein schwedischer Zukauf Volvo Börsen-Chart zeigen.

Eine auffallende Schwäche sehen die McKinsey-Experten zudem in der Pharma- und Biotechbranche, für die es viel Grundlagenforschung und einen langen Atem braucht. Übernahmen sollen das Defizit ausgleichen: 2017 hat der Staatskonzern ChemChina den Schweizer Agrochemie- und Saatgutriesen Syngenta Börsen-Chart zeigen erworben, den Rivalen von Bayers Neuerwerbung Monsanto Börsen-Chart zeigen.

So bunt gemischt wie die Bilanz ist auch Chinas Innovationsregime. Es ist ein einzigartiger Hybrid. Wer es für Planwirtschaft hält, nur weil Leninisten die Regie führen, versteht die Prozesse nicht.

Trotz aller Pläne und Programme erschöpft sich Pekings Strategie nicht im simplen Top-down: Oben (in Regierung und Partei) wird bestimmt, unten (in den Unternehmen und Universitäten) wird ausgeführt. Wie im Westen wächst vieles auch von unten hoch.

Das System ist extrem anpassungsfähig. Zwar werden ambitionierte Ziele vorgegeben, doch in den Provinzen, Städten und Firmen darf und soll permanent experimentiert werden. Einen "Guerilla-Stil" nennt Merics-Experte Heilmann das in seinem neuen Buch "Red Swan".

Im Wettlauf um die ersten Durchbrüche bei der künstlichen Intelligenz (KI) hat die Regierung bewusst offengelassen, wie genau China bis 2030 die Weltspitze erobern soll. Die Technokraten haben statt eines Masterplans lediglich eine lange Wunschliste veröffentlicht: Hunderte von möglichen Erkenntnissen und Produkten, an denen sich nun Forscher, Unternehmer und Lokalpolitiker versuchen.

Die Palette des Erträumten reicht von Anwendungen in der Fischerei bis zu Sprachanalyse. Wer hier mit Erfolgen glänzt, darf mit Anerkennung von ganz oben rechnen. Selbst wenn ein Großteil der Wünsche nie verwirklicht wird, lösen sie doch Bewegung aus. Von künstlicher Intelligenz - "rengongzhineng" - reden in China heute fast alle.

Mag der Drache Unsummen verschwenden, seine Stärken bleiben: die schiere Größe des Marktes, die nahezu unerschöpflichen Ressourcen, der unbändige Ehrgeiz der Unternehmer und die hohe Wertschätzung für Wissenschaft und Tech.

Wie weit die Chinesen damit bereits gekommen sind, dokumentiert das jüngste World Competitiveness Ranking: Vor vier Jahren noch auf Platz 23, ist China 2018 auf Rang 13 vorgerückt - und liegt erstmals vor Deutschland. In 30 Jahren sollen die USA von Platz eins verdrängt sein.

Nach der Demütigung bei ZTE will Peking in Kürze wieder einen Etappensieg feiern. Der Smartphonehersteller Xiaomi, der mit seinen Designs und Stores als "chinesisches Apple" gilt, bereitet den Börsengang in Hongkong vor. Es dürfte der weltgrößte seit dem Listing von Alibaba in den USA werden.

© manager magazin 7/2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung