Mittwoch, 26. Juni 2019

Hightech-Offensive Lenins Techies - wie China Innovationsführer werden will

Lenins Techies: So greift China im Hightech-Sektor an
imago/VCG

4. Teil: Die Kommerzmaschine läuft

Wo die Freiheit der Entrepreneure indes endet, demonstrierte die KP jüngst am Shootingstar Bytedance. Dessen Erfolgs-App "Toutiao" ("Schlagzeilen von heute") tickert News und Buntes, das von Algorithmen auf den Nutzer zugeschnitten wird. Das Unternehmen wurde zuletzt mit über 20 Milliarden Dollar bewertet.

Die verschickten Schnipsel fand die Partei irgendwann zu kess, "Toutiao" wurde zeitweise aus den App-Stores verbannt, Stargründer Zhang Yiming musste eine Selbstkritik veröffentlichen. Reumütig gestand der 34-Jährige, er habe leider nicht erkannt, "dass Technologie von den Kernwerten des Sozialismus geleitet sein muss". Um erneute Ausrutscher zu verhindern, werde die Zahl der hauseigenen Content-Kontrolleure von 6000 auf 10.000 erhöht.

Mit Millionen von Unternehmern, die Milliarden ausgeben dürfen und von einer gestrengen Regierung nach Kräften gefördert werden, will China sich die Vorherrschaft im Techsektor erkämpfen. Die bisherige Erfolgsbilanz fällt je nach Branche unterschiedlich aus.

Das McKinsey Global Institute hat 2015 eine aufschlussreiche Klassifizierung vorgenommen. Danach ist China stark bei konsumorientierten Innovationen, weil die Firmen einen riesigen Heimatmarkt haben, schnell skalieren können sowie sehr kundenorientiert und flexibel sind. "Die chinesische Kommerzialisierungsmaschine" nennen die McKinsey-Experten diese Gruppe von Firmen.

Angriff der Kommerzialisierungsmaschinen

Zhang Ruimin (69) ist Chef eines solchen Unternehmens. Er führt den weltgrößten Weiße-Ware-Hersteller Haier. In einer Ecke seines Büros hängt ein Titelbild des US-Magazins "Fortune" mit der Zeile: "Why do companies fail?" Um das zu vermeiden, hat er seinen Konzern immer wieder neu erfunden. So rasierte er bis Ende 2014 fast den gesamten Mittelbau, führte mit brutaler Konsequenz sich selbst managende Teams ein, die als völlig unabhängige operative Einheiten arbeiten und kundennahe Innovationen entwickeln.

Weitere dieser Kommerzialisierungsmaschinen: Hisense, TCL, Oppo, Vivo und Xiaomi. Vor allem aber im Digitalsektor hat die Volksrepublik mittlerweile echte Giganten zu bieten: Alibaba, Baidu und Tencent sind die Einzigen, die es ernsthaft mit Amazon, Facebook Börsen-Chart zeigen und Google Börsen-Chart zeigen aufnehmen können, Nachrücker wie Didi Chuxing, JD.com, Ctrip, Meituan-Dianping oder NetEase bieten US-Stars wie Uber oder Booking.com die Stirn.

Keine der boomenden Internetfirmen ist durch staatliche Marschbefehle entstanden: Sie wurden von jungen, risikofreudigen Entrepreneuren gegründet, ohne staatliche Kredite. Ihr Startkapital mussten sie oft im Familien- und Freundeskreis zusammenkratzen. Jack Ma und seine 18 Mitstreiter plagten in den Gründerjahren ständige Geldsorgen, sie konnten anfangs nicht einmal die 4000 Dollar aufbringen, um die Domain Alibaba.com dem kanadischen Besitzer abzukaufen.

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