Sonntag, 22. September 2019

Chemieriese in Not Kritische Masse - BASF braucht neue Wachstumsformel

BASF: Die Führungsspitze
DPA

An der Spitze des Weltchampions der Chemie gärt es. Das Unternehmen braucht eine neue Wachstumsformel.

BASF-Anführer Kurt Bock (56) - grauer Anzug, unauffällige Krawatte - betritt die Welt des Designs wie ein zufälliger Besucher. Weiß getüncht das Loft, in der Mitte eine schwere Hobelbank, an den Wänden schmucklose Regale. Darin bunte Stühle, Proben von Schaum- und von Kunststoffen aus heimischer Produktion. Alles wirkt ein bisschen anorganisch, ja fremd.

Doch hier, in der sogenannten Designfabrik, soll sich die Zukunft des weltweiten Champions unter den Chemiekonzernen mitentscheiden. Im tiefsten Inneren des Stammwerks in Ludwigshafen, zwischen dem Rohr- und Kesselgeflecht, wo man Helme trägt und weiße Kittel, will die BASF der Avantgarde begegnen - und sie auf neue Ideen bringen.

Tatsächlich ist in den schlichten Räumen der Kunststoff-Freischwinger Myto des Industriedesigners Konstantin Grcic entstanden. Doch das ist schon ein Weilchen her. Zuletzt war die Mannheimer Modeschöpferin Dorothee Schumacher zu Besuch. Immerhin.

Bock wirkt zwischen den Plastikteilen ein wenig verloren. Ob es Kreativen besser ergeht? Schlange stehen sie jedenfalls nicht. Der nächste Baumarkt ist leichter zu erreichen und taugt auch als Inspiration.

Die Szene ist Sinnbild für den Zustand des Industriekolosses. Vor vier Jahren ist Bock angetreten mit dem feinsinnigen Versprechen: "We create chemistry." Innovative Produkte und ganz neue Kundenbeziehungen sollen den Konzern auf das nächste Exzellenzlevel heben. Der Umsatz sollte binnen einer Dekade auf gewaltige 115 Milliarden Euro anschwellen, der operative Gewinn auf 23 Milliarden Euro.

Die Weiterentwicklung ist schwieriger als gedacht

Doch kurz vor Halbzeit des Projekts zeigt sich: Bock hat zu viel zugesagt; die Ziele müssen nach unten korrigiert werden. Die Weiterentwicklung der BASF Börsen-Chart zeigen vom Hersteller von Massenchemikalien, die per Kesselwaggons und Schiffstanks das Werk verlassen, zum Lieferanten von Spezialprodukten, für die Kunden tief in die Tasche greifen, ist schwieriger als gedacht.

Ernüchterung macht sich breit. Und das ausgerechnet in dem Jahr, in dem die Badische Anilin- & Soda-Fabrik mit gehörigem Brimborium ihr 150-jähriges Bestehen feiert. Das operative Ergebnis (Ebitda) ging zuletzt gegenüber dem Spitzenjahr 2011 glatt um eine Milliarde Euro zurück. Und der Umsatz verharrt irgendwo zwischen 73 und 74 Milliarden Euro. Was ja angesichts der Größenordnung keinen Grund zur Klage böte, würden sich die Geschäfte der Branche insgesamt (plus 4,3 Prozent) nicht ungebremst ausweiten.

Revoluzzer wie die Ineos-Gruppe (51 Milliarden Euro Umsatz) des Briten Jim Ratcliffe, die den Markt für Basischemieprodukte aufmischt, holen im Eiltempo auf. Alteingesessene Wettbewerber wie die amerikanische Dow Chemical Börsen-Chart zeigen wandeln sich schnell. Schon lästern kleinere deutsche Chemiefürsten, Bock administriere das Geschäft nur, statt es zu elektrisieren.

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