Ortsbesuch bei einem der härtesten Investoren der Welt Was Großaktionär Cerberus mit der Commerzbank vorhat

Knallhart und klandestin: Durch den Einstieg bei Commerzbank und Deutscher Bank wird der US-Investor zum Machtfaktor in Europas Finanzindustrie. Ein Ortsbesuch in New York.
Bankenviertel in Frankfurt: Der "Höllenhund" Cerberus ist Großaktionär der Commerzbank - und inzwischen auch bei der Deutschen Bank investiert

Bankenviertel in Frankfurt: Der "Höllenhund" Cerberus ist Großaktionär der Commerzbank - und inzwischen auch bei der Deutschen Bank investiert

Foto: Max Rumpenhorst / DPA

Die folgende Geschichte stammt aus der Ausgabe 11/2017 des manager magazins, die Ende Oktober erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Als sich Stephen Feinberg (57) und Mark Neporent (60) das erste Mal trafen, waren sie noch erbitterte Gegner. 1992 verhandelten sie über das Schicksal des Computerherstellers Wang Laboratories. Der konkurrierte in den 80ern auf Augenhöhe mit Branchengrößen wie IBM  und Dell ; seine Minicomputer genossen Kultstatus.

Doch Missmanagement hatte das Unternehmen unter seiner Schuldenlast zusammenbrechen lassen. Nun saßen die potenziellen Resteverwerter über Wang zu Gericht. Wer würde den Poker um den Firmenkadaver gewinnen: Feinberg mit seiner eben erst gegründeten Private-Equity-Firma Cerberus? Oder der Finanzinvestor Steinhardt Partners, beraten von Neporent, Anwalt der New Yorker Wirtschaftskanzlei Schulte Roth & Zabel?

Steinhardt erhielt den Zuschlag - und Neporent wenige Tage später einen Anruf von Feinberg. "Steve sagte, er wolle mich künftig auf seiner Seite des Tisches haben", erinnert sich Neporent heute, 25 Jahre später. Feinberg hasst Niederlagen.

Fortan beriet Neporent hauptsächlich Cerberus - und wechselte 1998 ganz die Seiten. Seither gehört der Yankees-Fan mit der markanten Glatze als Chefsyndikus und Chief Operating Officer (COO) zum Inner Circle, der Cerberus zu einem der aggressivsten und erfolgreichsten Finanzinvestoren der Welt gemacht hat.

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Cerberus: Unstillbarer Appetit

Der harte Kern ist seit Jahrzehnten dabei: Feinberg als Gründer, Neporent als Consigliere. Dazu Vize-Chairman Lenard Tessler (65), in dessen Gehirn alle wichtigen Zahlen zu den Cerberus-Beteiligungen gespeichert sind, Europa-Chef David Teitelbaum (46) sowie Frank Bruno (52), der die Banken- und Versicherungsbeteiligungen managt und kaum etwas spannender findet als komplexe Deals und Finanzierungsstrukturen. Für die politische Landschaftspflege zuständig sind Dan Quayle (70), rechtschreibschwacher Vize unter US-Präsident George Bush senior, sowie John Snow (78). Der diente Bush junior als Finanzminister und legt bis heute großen Wert darauf, als "Mr Secretary" angesprochen zu werden.

"Cerberus wird byzantinisch geführt. Die Topleute kennen sich seit Jahrzehnten und bilden einen Kreis, in den niemand hineinkommt", sagt einer, der lange für eine Cerberus-Tochter gearbeitet hat und die Professionalität der Amerikaner sehr schätzt. Der menschen- und medienscheue Cerberus-Gründer Feinberg und seine Lieutenants lieben es, scheinbar aussichtslose Assets aufzuklauben, beinhart zu restrukturieren und teuer zu verkaufen, um für ihre Investoren die angepeilte Jahresrendite von 18 bis 22 Prozent zu verdienen.

Unstillbarer Appetit auf Problemfälle

Der Firmenzentrale in New York an der Ecke Third Avenue/52th Street sieht man Cerberus' Erfolg und Reichtum nicht an - auf Etikette legt Milliardär Feinberg kaum Wert. Im Basement des schmucklosen Hochhauses reiht sich eine Fast-Food-Kette an die andere. Im Erdgeschoss residieren eine Genossenschaftsbank aus Puerto Rico und der übliche Starbucks . Cerberus hat ab der zehnten Etage aufwärts mehrere Stockwerke gemietet. Dort dominieren helles Holz und türkisfarbener Teppichboden. Solider New Yorker Standard, mehr nicht.

Rund 34 Milliarden Dollar verwalten die Höllenhunde: Supermärkte (Albertsons), Rückversicherer (Scottish Re), Büroartikel (Staples ), irische Immobilien, spanische Hausbaukredite, die Wiener Bawag-Bank, die Kosmetiklegende Avon. Die Shoppinglust ist weder geografisch noch sektoral beschränkt. "Wir sind opportunistische Investoren", sagt Neporent. "Unser Appetit auf gute Investments ist nicht limitiert." Mit DynCorp besitzt Cerberus sogar einen Sicherheitsdienstleister à la Blackwater, dessen Söldner die US-Truppen in Afghanistan unterstützen.

Je angeschlagener ein Asset, umso besser. So wie es Feinberg bei der legendären New Yorker Investmentbank Drexel Burnham Lambert gelernt hat, die lange mit Ramschanleihen zockte, bis sie 1990 Konkurs anmelden musste.

Ihr unstillbarer Appetit auf Problemfälle hat die New Yorker auch zur Deutschen Bank  und zur Commerzbank geführt. Der Einstieg bei Deutschlands zweitgrößtem privaten Kreditinstitut hat ihnen hierzulande nach jahrelanger Zurückhaltung ein fulminantes Comeback beschert. Irgendetwas zwischen 5 und 10 Prozent hält Cerberus; über ihre Beteiligung verlieren die klandestinen Amerikaner kaum ein Wort. Auch in der Führung der Commerzbank  waren sie überrascht, als im Juli plötzlich bekannt wurde, wer da aus dem Nichts zweitgrößter Aktionär nach dem Bund (15,6 Prozent) und vor dem Vermögensverwalter BlackRock (unter 5 Prozent) geworden ist.

Inzwischen haben sich beide Seiten beschnuppert. Cerberus' Bankenexperte Bruno war mit einem Team bei Commerzbank-Chef Martin Zielke (54) und Finanzvorstand Stephan Engels (55) in Frankfurt zu Besuch. Man sei durchaus beeindruckt vom harten Sparkurs, lobte der Italoamerikaner mit dem Faible für Haargel und dem Selbstbewusstsein eines Fünfsternegenerals das Management des Instituts. Sollten die Herrschaften aber vom Pfad der Tugend abweichen, wird sich Bruno umgehend mit Verbesserungsvorschlägen melden.

Comeback der Finanzindustrie in Europa: Cerberus bringt sich in Stellung

Cerberus bringt sich in Stellung. Europas Comeback, die Aussicht auf steigende Zinsen und Fusionsfantasien sorgen dafür, dass Banken plötzlich wieder als Anlagechance gesehen werden.

Die Wiener Cerberus-Tochter Bawag hat sich vor ihrem Börsengang in diesem Quartal rasch noch mit der Südwestbank der Strüngmann-Brüder aufgehübscht. Und gerade erst hat Cerberus der HSH Nordbank Kredite für Solarparks in Spanien abgekauft.

Nach dem Commerzbank-Coup ist Cerberus ein mächtiger Spieler in der Branche. "Wir sind keine Heuschrecken, die rasch weiterziehen. Wir sind langfristige Investoren mit einer Historie", sagt Neporent.

Das ist wörtlich zu nehmen. Wie Pitbulls beißen sich die Amerikaner in ihren Beteiligungen fest. "Die analysieren so gründlich und knallhart wie kein anderer Finanzinvestor", sagt der oberste Investmentbanker einer amerikanischen Großbank, der regelmäßig mit Cerberus Geschäfte macht. Dabei gehen sie alles andere als zimperlich vor, der Ton ist rau. "Die Tugend der Bescheidenheit wird nicht über Gebühr strapaziert", sagt einer, der schon öfter mit Cerberus die Klingen gekreuzt hat.

Ein Team von 110 Experten durchsucht Branchen und Märkte nach Kaufgelegenheiten und hilft, Firmen zu sanieren. Die hauseigene Consultingfirma COAC ist selbst für Private-Equity-Verhältnisse außergewöhnlich gut ausgestattet.

Im Ausland sorgen prominente Zeitarbeiter für Zugang zu Entscheidern in Politik und Aufsicht. Dafür kassieren sie 150.000 Euro Jahreshonorar oder mehr, je nach Auftragslage. In Deutschland standen unter anderem der frühere WestLB-Chef Thomas Fischer (70), Ex-Verteidigungsminister Volker Rühe (75) und Rudolf Scharping (69), ehedem SPD-Chef, im Sold der Höllenhunde. Deren Frankfurter Statthalter David Knower (56) ist ein Großmeister des Wining & Dining und bekommt selbst im Kanzleramt Termine.

Daheim in den USA hält neben Quayle und Snow vor allem Feinberg selbst den Kontakt nach Washington. Der Cerberus-Gründer war zeitweise sogar im Gespräch als US-Geheimdienstkoordinator unter US-Präsident Donald Trump (71). In dessen Wahlkampfkasse hatte er auf einer Spendengala zusammen mit seiner Frau 678.000 Dollar eingezahlt - einer von Feinbergs seltenen Auftritten. Noch immer gilt er als Kandidat für alle möglichen Regierungsämter; in Trumps Truppe wird ja öfter mal etwas frei.

Der Chef schießt scharf

Der Republikaner Feinberg ist ein Waffennarr und lebt das auch beruflich aus. Unter dem Dach der Freedom Group baute Cerberus zeitweise den größten Waffenhersteller des Landes auf. Nach dem Massaker von Sandy Hook/Connecticut im Dezember 2012, als ein Schüler mit dem Freedom-Fabrikat Bushmaster AR-15 seine Mutter, sechs Lehrer und 20 Schulkameraden tötete, versprach Cerberus aufgebrachten Investoren, die Firma zu verkaufen.

Es fand sich kein Abnehmer, gleichzeitig schossen die Umsätze in Amerika durch die Decke. Schließlich zahlte Cerberus die Investoren aus, in deren Fonds die Freedom Group steckte, verpasste dem Unternehmen mit Remington Outdoor einen neuen Namen (der mehr nach Nordic-Walking-Stöcken als halbautomatischen Gewehren klingt) und verschob es in einen Spezialfonds. Dessen Anteilseiger heute: Feinberg selbst und Cerberus-Partner.

Der Patriarch hat auch das letzte Wort, wenn sein Küchenkabinett über Deals entscheidet. Sein Vetorecht hat Feinberg bisher indes noch nie gezogen. Der Cerberus-Gründer kommt und geht, wann er will, aber in den Details seiner Portfoliofirmen kennt er sich so gut aus wie sonst niemand, abgesehen von Zahlenfuchs Tessler vielleicht. "Wenn Sie bei ihm Sprechstunde haben, aber nicht alle Zahlen parat, sind sie tot", sagt der Ex-Manager einer Cerberus-Firma.

Trotz all der Akribie gibt es auch Fehlschläge. Wie vor zehn Jahren. Beim bis heute spektakulärsten Investment kaufte Cerberus dem Daimler-Konzern dessen sieche US-Tochter Chrysler ab und verbrannte Milliarden, obwohl man die Kosten drücken konnte. Die Amerikaner schätzten ihre Fähigkeit, einen klassischen Automobilkonzern zu managen, offenkundig falsch ein.

In der Finanzkrise musste Chrysler verstaatlicht werden - ausgerechnet von Republikaner-Schreck Barack Obama (56). Letztlich konnte Cerberus die Verluste im klassischen Autogeschäft mit dem Einstieg bei GMAC kompensieren. Heute firmiert die Ex-Finanztochter von General Motors als erfolgreiche Onlinebank Ally Financial.

Gelungener Turnaround in Wien

Besser lief es bei der Bank für Arbeit und Wirtschaft, kurz Bawag. Die gehörte jahrzehntelang Österreichs Gewerkschaften, verspekulierte sich aber Mitte der 2000er Jahre und stand 2006 vor dem Konkurs. Der Verkauf an die damals in Osteuropa krankhaft expansive BayernLB war bereits besiegelt, als Cerberus in letzter Sekunde den Zuschlag für Österreichs viertgrößte Bank erhielt, auch dank tatkräftiger Lobbyunterstützung lokaler Promis wie Alt-Finanzminister Hannes Androsch (79).

Der globale Finanz-Meltdown zwang die Amerikaner dazu, ihr Investment ungewöhnlich lange zu halten und gründlich zu sanieren. Finanzexperte Bruno, der Jahre zuvor schon die japanische Aozora Bank wiederbelebt hatte, schaute höchstselbst in Wien nach dem Rechten. Er holte Ex-Postbank-Chef Wolfgang Klein (53) als Privatkundenvorstand und Sanierer an Bord.

Die Truppe revolutionierte das Geschäftsmodell, für österreichische Verhältnisse jedenfalls. Kunden können ihr Geld nun zu flexiblen statt wie zuvor starren Laufzeiten anlegen - das hilft, Zinsen zu sparen. Die Kostenquote von 42 Prozent würde Managern von Commerzbank (80 Prozent) und Deutscher Bank (86 Prozent) Freudentränen in die Augen treiben.

Brunos Abgesandte schrumpften die Angebotspalette drastisch, lockten aber neue Kunden mit einer cleveren Produktstrategie an. Verbraucherkredite sind online binnen zehn Minuten abrufbar, die Risiko-IT hat Goldstandard. Das Ergebnis: Bis Jahresende soll die Bawag an der Börse debütieren, bewertet mit dem 1,5-Fachen ihres Eigenkapitals. Eine Quote, die kaum ein Institut in Europa erreicht.

Aus seinem Faible für das kleinteilige, oft margenschwache Retailgeschäft der Banken macht Cerberus keinen Hehl. Ally, Aozora, Bawag - und als Nächstes die Commerzbank? Rechtlich ist das nicht möglich: In den USA werden die Frankfurter von der Zentralbank überwacht, die Finanzinvestoren Beteiligungen nur bis 24,9 Prozent erlaubt.

Trotzdem giert der Höllenhund nach mehr, gerade in Deutschland. "Wir mögen die Rechtssicherheit, das konstante Wirtschaftswachstum und die hohen Sparraten", sagt Neporent. 2015 streckte die Bawag ihre Fühler nach der Postbank  aus, schreckte aber vor den überzogenen Preisforderungen der Deutschen Bank  zurück, die das Bonner Institut nun in den Konzern reintegrieren muss. Im Frühjahr 2016, also noch vor dem tatsächlichen Einstieg, meldete Cerberus beim Bundesfinanzministerium Interesse an dessen Commerzbank-Anteil von 15,6 Prozent an, blitzte aber ab. Politisch wäre der Verkauf an einen US-Finanzinvestor vor der Bundestagswahl nicht vermittelbar gewesen.

Dass die Commerzbank Übernahmekandidat ist, wissen die Frankfurter selbst. UniCredit hat bereits Interesse für die Zeit nach der eigenen Restrukturierung ab 2019 hinterlegt. Beraten werden die Italiener von der Investmentbank Lazard, deren Mitarbeiter Jörg Asmussen (50) als ehemaliger Finanzstaatssekretär und EZB-Vize in Berlin und Frankfurt bestens vernetzt ist.

BNP Paribas antichambriert seit 2016 in Berlin. Die Franzosen sind auf Wachstumskurs im deutschen Firmenkundengeschäft und mit 84 Milliarden Euro Börsenwert flüssig genug, die viel kleinere Commerzbank (15 Milliarden Euro) zu schlucken.

Das Problem in einem solchen Szenario: Marktführer Deutsche Bank (30 Milliarden Euro) würde zur Quantité négligeable schrumpfen, wenn BNP mitsamt Commerzbank zum gewichtigsten Spieler im hiesigen Bankenmarkt aufsteigt. Das kann Berlin eigentlich nicht gefallen.

Die Lage ist verzwickt. Nur in New York, in der zehnten Etage eines Mittel-klassehochhauses, reiben sie sich die Hände angesichts des deutschen Bankendramas.

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