Wirtschaftskultur: Rettet den Kapitalismus Das Skript für Martin Schulz

Linken-Ikone Robert Reich zielt aufs Herz des Systems, das neuerdings auch SPD-Wahlkämpfer Martin Schulz attackiert: den Markt, seine Regeln und ihre Schöpfer.
Arm trifft reich: Vom vermeintlich neutralen Markt profitieren hauptsächlich die Wohlhabenden

Arm trifft reich: Vom vermeintlich neutralen Markt profitieren hauptsächlich die Wohlhabenden

Foto: AP

An Büchern, die den Kapitalismus kritisieren, herrscht derzeit kein Mangel. Aus der Flut ragt Robert Reich heraus dank eines beinahe schon altmodischen Rezepts: Argumente statt Polemik, Faktenstärke statt Thesenreiterei. Natürlich kennt und benennt Reich die unschönen Symptome, die das grassierende Unbehagen am westlichen Wirtschaftssystem schüren: wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, verunsicherte Mittelschicht, Aufstieg der Populisten. Doch der Professor für öffentliche Politik, früher Arbeitsminister unter US-Präsident Bill Clinton, hält sich erfreulich kurz mit dem Zustandslamento auf; präzise und rasch identifiziert er das Kernproblem: Die Macht, auch auf dem Markt, hat, wer die Regeln macht.

Was schlicht klingt, ist wirtschaftspolitisches TNT. Es geht nicht um einen starken oder schwachen Staat, es geht nicht mal um Staat versus Markt. Sondern um die vorgeblich so unparteiische wie unsichtbare Hand des Marktes. In Wahrheit, so der Autor, hänge diese an einem ziemlich muskulösen Arm, der seine Kraft für die Reichen einsetzt. Konzerneliten und Hochfinanz nähmen überproportionalen Einfluss auf die Spielregeln.

Reich geizt nicht mit Belegen: die Vergütungspakete der Chefetagen, die Verlängerung der Rechte an geistigem Eigentum (was etwa die Pharmaindustrie freut) oder Google und Co., die de facto Industriestandards setzen.

Im US-Wahlkampf unterstützte Reich Bernie Sanders. Der wäre für ihn der beste Präsident für das System gewesen, das wir brauchen. Hillary Clinton sei die beste Präsidentin für das System, in dem wir leben. Es ist dann ja bekanntlich ganz anders gekommen.

Analytisch stark und wohltuend nüchtern baut Reich seine Argumentation auf. Den Kapitalismus will er nicht abschaffen, sondern retten - aber eben, so der Untertitel, "für alle, nicht für 1 %". Im aktuellen politischen Klima der USA gelten derlei Differenzierungen schon als feinsinnig. Die Ikone der amerikanischen Linken hat sich eine mühsame Mission ausgesucht.

In den USA wird er damit inzwischen schwer Gehör finden, im aufziehenden Bundestagswahlkampf vielleicht schon mehr.