Mittwoch, 24. Juli 2019

Der Brexit und die "Lex Horten" Wie ein toter Kaufhauskönig den Brexit für reiche Deutsche teuer macht 

2. Teil: Wie viel ist das Leben in England wert?

Nennen wir ihn Mister X. Die Anonymität verbirgt die Herkunft und Verbindung zu seinem Vermögen, was - please, please - so bleiben möge. Mister X ist alarmiert. Bei einem Brexit könnte ihm ein Steuerbescheid von bis zu 20 Millionen Euro ins Haus flattern: "Dann müssten wir uns fragen: Wie viel ist uns unser Leben in England wert?" Derzeit lasse er alle Optionen prüfen, sogar einen Umzug zurück in die Heimat - wider Willen: "Meine Kinder fühlen sich doch längst als Engländer."

Auch die Sprösslinge kann die Wegzugsbesteuerung nach einem Brexit erwischen, selbst wenn sie noch gar keine Firmenanteile besitzen. Besuchen sie auf der Insel Internat oder Universität und der Erbfall tritt ein, würde die "Exit-Tax" sofort fällig. Für Edelinstitute wie Eton oder Felsted, das King's College oder die London School of Economics (LSE) könnte es sich als teuer erweisen, wenn die solvente germanische Nachkommenschaft künftig sicherheitshalber woanders paukt.

Hochvermögende wie Katjes-Mitinhaber Tobias Bachmüller, der Tochter Marie ans King's College ließ, oder Medientycoon Hubert Burda, dessen Sohn Jacob an der LSE studierte, würden ihre Erben heute wohl eher nach Frankreich oder Österreich entsenden.

Der Geldadel muss umplanen, so viel steht fest. Die Hoffnungen so mancher Fans der "Tea-Time", dass die Briten die Selbstisolation noch abblasen, dürfen seit Dezember als beerdigt gelten. Da einigte sich Premierministerin Theresa May mit der EU auf die Eckpunkte zu Finanzausgleich, Bürgerrechten und der Grenze zwischen Nordirland zu Irland. Seither geht es im Brexit-Poker um den größten Brocken, die zukünftigen Handelsbeziehungen. Damit die Interessen ihrer anglophilen Standesgenossen nicht vergessen werden, hat die Stiftung Familienunternehmen im Herbst ein Papier veröffentlicht, das eine Reform der Wegzugsbesteuerung fordert. Diese gewönne durch den Brexit "täglich an Brisanz", sagt Stiftungsvorstand Rainer Kirchdörfer, und hänge "wie ein Damoklesschwert" über den Firmen.

Ganz so dramatisch ist es noch nicht. Schon bei der Debatte um die Reform der Erbschaftsteuer hatten die Lobbyisten den Untergang der Unternehmersippen prophezeit - eine Übertreibung, die viele Politiker in Berlin nicht vergessen haben.

So heißt es im Bundesfinanzministerium denn auch, bei der "Exit-Tax" brauche es eine europäische Lösung. Zumal nicht ausgemacht sei, dass die Finanzämter sofort nach dem Brexit sämtliche Stundungen aufheben würden. Denkbar sei eine mehrjährige Karenzzeit, um solche Fragen mit den Briten in Ruhe klären zu können.

Wenn die Steuer einmal greift, dann allerdings in aller Breite. Obwohl laut Gesetz nur Gesellschafter von Kapitalgesellschaften betroffen sind, "kann die Wegzugsbesteuerung auch drohen, wenn der Gesellschafter nur mittelbar - zum Beispiel über vermögensverwaltende Personengesellschaften - an Kapitalgesellschaften beteiligt ist", erläutert Daniel Fischer, Partner bei Andersen Tax & Legal in Köln. Eine KGaA wie bei Merck oder eine KG wie bei Werhahn schützt also nur bedingt.

Was tun gegen den T-Day? Knifflig. Aus der Kapital- eine Personengesellschaft machen? Da müssten die anderen Eigentümer zustimmen, Haftung und Steuern würden sich erheblich ändern. Eine Stiftung einrichten? Denkbar, aber der Stifter gibt dann auch Macht aus der Hand, und zwar unumkehrbar. "Das ist eine echte Nuss", sagt Roland Hoven, Partner bei Baker Tilly in München.

Anteilseigner, die auf Nummer sicher gehen wollen, ziehen zurück in die EU. Da gibt es ja auch ganz schöne Plätzchen, zum Beispiel den Wörthersee. Dort lebt Helmut Hortens Witwe Heidi (76). Sie gilt heute mit einem Vermögen von rund 2,7 Milliarden Euro als eine der reichsten Personen Österreichs.

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