Fotostrecke

São Paulo: Für Manager ein lebensgefährlicher Platz

Foto: DOMINIC EBENBICHLER/ REUTERS

Metropole São Paulo Willkommen in der Vorhölle

Wer in Lateinamerika Geschäfte machen will, kommt an dem Moloch São Paulo nicht vorbei. Es ist der wichtigste Außenposten der deutschen Wirtschaft, größer als New York oder Shanghai. Keiner will dort leben. Jeder will nur überleben.

Benedikt Heid tut alles, um übersehen zu werden. Wenn der Lateinamerika-Chef des Heidelberger Dosiertechnikspezialisten Prominent morgens zur Arbeit fährt, dann steigt er nicht in eine Firmenlimousine, wie es ihm zustünde, sondern in einen unauffälligen Honda Civic. Der Sicherheit wegen.

Wer in São Paulo Mercedes oder BMW fährt, fährt gepanzert. Alles andere wäre lebensgefährlich. Und selbst Heids kleiner Honda parkt nicht irgendwo, sondern hinter einer Sicherheitsschleuse, die in unseren Breitengraden Mitarbeitern von Geheimdiensten vorbehalten ist.

Der 31-jährige Heid wohnt in einem Apartmenthaus in Itaim Bibi, einem der besten Stadtviertel. Um aus seiner Tiefgarage zu kommen, muss er zwei Schleusentore passieren, jedes bestückt mit Kameras und Wachposten. Erst wenn das erste geschlossen ist, wird das zweite hochgefahren. Das soll es Eindringlingen erschweren, reinzukommen - selbst wenn sie den ersten Wachmann erschossen haben.

Willkommen in São Paulo, dem wichtigsten Außenposten der deutschen Wirtschaft. Heid ist einer von 15.000 Bundesbürgern, die in São Paulo leben und arbeiten. Rund 1300 heimische Unternehmen haben sich in der brasilianischen Metropole angesiedelt, sie ist zum größten deutschen Industriestandort jenseits der Grenze avanciert. Größer als Shanghai oder New York.

Bürokratie und Korruption machen Unternehmern das Leben zur Hölle

Konzerne wie Siemens  und Volkswagen  waren vor Jahrzehnten die Ersten, die sich nach Brasilien wagten. Nun drängen immer mehr Mittelständler nach, angelockt vom Boom des größten lateinamerikanischen Schwellenlands. Das brasilianische Bruttoinlandsprodukt (BIP) hat sich seit 2003 - nominal und in US-Dollar gerechnet - vervierfacht, auch wenn es zuletzt etwas schwächelte. Es ist vor allem die breiter werdende, konsumfreudige Mittelschicht, die das Wachstum antreibt. Mit seinen knapp 200 Millionen Einwohnern gehört Brasilien zu den begehrtesten Märkten der Welt.

Das Problem: In Brasilien Geschäfte zu machen ist ein Albtraum. Im Doing-Business-Ranking der Weltbank liegt das Land abgeschlagen auf Rang 116, hinter Chaosstaaten wie der Ukraine, Pakistan und Papua-Neuguinea.

Wuchernde Bürokratie, absurd hohe Steuerlasten, explodierende Produktionskosten, miserable Infrastruktur und die allgegenwärtige Korruption machen den Unternehmern das Leben zur Hölle.

Schlimmer als diese sogenannten Brasilien-Kosten (Custo Brasil) sind für Ausländer nur noch die Kriminalität und Gewaltbereitschaft, die in den Metropolen um sich greifen.

Der Moloch São Paulo ist alternativlos

Trotz dieser Schattenseiten reißt der Zustrom nicht ab. Denn wer in Brasilien Geschäfte machen will, muss Präsenz zeigen. Die Regierung in der Hauptstadt Brasília hat den Markt durch Zölle, Einfuhrquoten und Importsteuern derart abgeschottet, das es fast unmöglich ist, einfach nur dorthin zu exportieren.

Eingeführte Autos, Computer und Smartphones kosten etwa doppelt so viel wie in Europa und Nordamerika. Für Sonys Spielekonsole Playstation 4, die in den USA für 400 Dollar verkauft wird, bezahlt man in Brasilien umgerechnet 1800 Dollar.

Ausländer werden daher zu Investitionen vor Ort regelrecht gezwungen. So wie das Familienunternehmen Prominent, das dort seit 2010 Dosieranlagen produziert. "Brasilien ist schlicht zu groß, um es ignorieren zu können", konstatiert Benedikt Heid.

20 Millionen Menschen im Hexenkessel São Paulo

Der Großraum São Paulo ist dank der rigiden Außenhandelspolitik zum bedeutendsten Ballungsgebiet der südlichen Hemisphäre angeschwollen. In dem Hexenkessel, der mittlerweile einen bedeutenden Teil des brasilianischen BIP erwirtschaftet, leben fast 20 Millionen Menschen, die zunehmend unter dem täglichen Verkehrschaos und der Gewalt leiden.

Und doch ist São Paulo besser als jeder andere Standort in Lateinamerika. "Hier sitzen die meisten Zulieferer und Kunden, die Straßen und die Infrastruktur sind am besten, es gibt den einfachsten Zugang zu den Häfen und den größten Pool an Fachkräften", sagt Paulo Stark, Präsident und CEO von Siemens in Brasilien.

Mit anderen Worten: Der Moloch São Paulo ist alternativlos.

Siemens und VW: Den Bürokraten ausgeliefert

Bevor der Deutschbrasilianer Stark 2011 zum Statthalter von Siemens  aufstieg, hat er sechs Jahre lang in der Zentrale gearbeitet und im beschaulichen Herzogenaurach gewohnt. Der 46-Jährige trägt ein offenes Hemd zum maßgeschneiderten Anzug, ein fast revolutionäres Outfit. In Brasiliens Geschäftswelt herrschen strenge Kleidungsvorschriften. Doch Stark, Herr über 14 Produktionsstätten, 8000 Mitarbeiter und fast zwei Milliarden Euro Umsatz, findet es für eine Krawattenpflicht im Büro zu heiß.

Siemens gehört zu den deutschen Brasilien-Pionieren. Bereits 1867 hat das Unternehmen eine Telegrafenlinie durch den Urwald gebaut und sich 1905 in São Paulo niedergelassen, als die Stadt noch klein war. Siemens hat die Militärdiktatur und die Hyperinflation überlebt, das Chaos im Stadtzentrum wurde den Münchenern aber irgendwann zu viel.

Sie verlegten den Großteil der Fertigung in die 60 Kilometer entfernte Satellitenstadt Jundiaí. Dort sind nicht nur die Produktionskosten niedriger, sondern auch die Mieten. Viele Mitarbeiter waren für den Umzug in die Nachbarstadt dankbar.

Montage im VW-Werk läuft auf Hochtouren - gezwungenermaßen

Carsten Isensee läuft durch die VW-Produktionshalle in São Bernardo do Campo. Er ist in Eile, muss heute noch nach Deutschland fliegen. Das Werk brummt, die Montage läuft auf Hochtouren. "Mit knapp 800.000 Autos pro Jahr sind wir doppelt so groß wie Seat", sagt Isensee stolz. Seit sieben Jahren arbeitet er als Finanzchef für Volkswagen  do Brasil. VW hat in Brasilien vier Werke, in São Bernardo do Campo wird seit 61 Jahren gefertigt. Damals stand die Fabrik auf einem Feld, inzwischen wurde der Vorort von São Paulo verschluckt.

Für Deutschlands Autobauer ist Brasilien ein zentraler Markt. 2013 wurden rund 3,6 Millionen Neuzulassungen registriert, und der Trend zeigt weiter nach oben. Da der Einfuhrzoll für Autos bei 35 Prozent liegt und darauf noch 80 Prozent an weiteren Steuern und Abgaben anfallen, sind die Konzerne gezwungen, vor Ort zu produzieren. Zumal sich so auch die extremen Wechselkursschwankungen besser auffangen lassen.

Überzeugte Marktwirtschaftler treibt der Standort jedoch regelmäßig zur Verzweiflung. Ein Billiglohnland ist Brasilien schon lange nicht mehr, die Gehälter sind zuletzt stark gestiegen. Hinzu kommt die überbordende Bürokratie, die es vielen Konzernen schwer macht, wettbewerbsfähig zu agieren. "Je länger die Lieferkette, desto höher der Aufschlag", sagt Siemens-CEO Stark. Eine Firmengründung dauert im Schnitt 108 Tage.

Horrende Kosten für die Expats - Zahl der ausländischen Manager nimmt ab

Ständig ändern sich die Steuergesetze. "Wer in einer stabilen, planbaren Umgebung gearbeitet hat, dem fällt das hier schwer", sagt Peter Plöger (39). Der Deutschbrasilianer ist in São Paulo geboren, hat in Darmstadt und München Maschinenbau und Betriebswirtschaft studiert und stieß 2003 zum Pharmakonzern Boehringer Ingelheim. "Täglich gibt es Dutzende Änderungen, viele ab sofort, manche sogar rückwirkend", klagt der Finanzchef der Brasilien-Tochter.

Manchmal muss Plögers Team gemeinsam mit den Programmierern des Hauses ganze Nächte durcharbeiten, um die neuen Vorschriften rechtzeitig umzusetzen. Sonst drohen hohe Geldbußen.

Selbst ein Finanzexperte wie Plöger blickt bisweilen kaum noch durch, welche Steuergesetze sich gerade wieder geändert haben: die nationalen, die bundesstaatlichen oder die städtischen? Und in welcher Auslegung?

Das Manhattan von Südamerika zählt zu den zehn reichsten Städten

In vielen Konzernen gelten Managementjobs bei den Brasilien-Ablegern als Karrieresprungbrett. Doch der Anteil der Expats nimmt ab, liegt noch maximal bei 10 Prozent. Bei Boehringer kommen von den 1150 Mitarbeitern gerade mal eine Handvoll aus Deutschland. "Die Mieten, Schulgebühren und sonstigen Kosten für die Expats sind in São Paulo horrend", sagt Plöger. Zudem trauen viele Zentralen ihren brasilianischen Managern deutlich mehr zu als früher. "Sie sind gut, schnell und krisenfest", lobt Siemens-Mann Stark. So mancher hat eine Topausbildung im Ausland absolviert, fast alle über 30 haben bereits eine Hyperinflation, Währungsreform oder andere Krise hinter sich.

Brasilianer seien "nicht so leicht zu erschüttern", sagt Stark. Starke Nerven sind überlebenswichtig in São Paulo. Der Moloch platzt aus allen Nähten. Im "Manhattan von Südamerika" ragen schon heute 5700 Hochhäuser in den Himmel - und jeden Monat kommen neue hinzu. Nur in New York, Hongkong, Singapur und Chicago gibt es mehr Wolkenkratzer.

São Paulo zählt zu den zehn reichsten Städten der Welt, 26 der 46 brasilianischen Milliardäre leben in der Metropole. Und doch ist die Armut meist nur einen Block weit entfernt. Mondäne Apartmentviertel, in denen der Quadratmeter Wohnfläche 20.000 Dollar kostet, grenzen an armselige Favelas, deren Bewohner um ihr tägliches Essen betteln. Die Flüsse Tiete und Pinheiros, die von den Luxuswohnungen im 20. Stock aus so idyllisch aussehen, sind bestialisch stinkende Kloaken. Die Stadtverwaltung weiß nicht, wie und wohin sie die 15.000 Tonnen Abfall pro Tag entsorgen soll.

Staus von 180 Kilometern Länge - viele weichen auf den Helikopter aus

Die mit Abstand größte Qual bereitet aber der Verkehr. Die Statistiker haben errechnet, dass das Durchschnittstempo im Stadtgebiet bei gerade mal 15 Stundenkilometern liegt. An einem normalen Freitagabend stauen sich die Autos auf 180 Kilometern. Wenn es regnet, können daraus auch mal 300 Kilometer werden.

Ein Paulistano, wie die Bewohner der Stadt genannt werden, pendelt im Schnitt fast 3,5 Stunden täglich zwischen Wohnung und Arbeit, dafür gehen 50 Tage pro Jahr an Lebenszeit drauf. Die Volkswirtschaft kostet diese Zeitverschwendung jährlich mindestens 15 Milliarden Euro.

"Man muss sein Leben ganz sorgfältig organisieren", sagt Siemens-Manager Stark. "Die Wege zwischen Wohnung, Arbeit und Schule der Kinder müssen genau überlegt sein." Auswärtige Termine am späten Nachmittag etwa macht Stark keine mehr. Das Risiko, nicht anzukommen, ist ihm zu groß.

In São Paulo sind fast 500 Hubschrauber registriert

Brasilianische Topmanager und Millionäre sind längst auf Helikopter umgestiegen, um dem Stillstand zu entfliehen. In São Paulo sind fast 500 Hubschrauber registriert, zwischen den Wolkenkratzern tobt ein Kampf um die Landerechte. 193 zugelassene Heliports gibt es, dazu kommen ein Paar Dutzend illegale.

1300 Dollar kostet das Lufttaxi pro Stunde, den deutschen Managern ist das zumeist immer noch eine Spur zu extravagant. "Heli-Flüge werden daheim nicht so gern gesehen", sagt Boehringer-Manager Plöger. Er hat es sich bislang verkniffen, einen Hubschrauber zu nehmen, obwohl das Dach des gegenüberstehenden Büroturmes einen Heliport hat.

Leben in ständiger Angst

Das Aufeinanderprallen von Superreich und Bettelarm entlädt sich immer wieder in Gewaltexzessen. Im vergangenen Jahr wurden mehr als 4000 Menschen ermordet, Raubüberfälle, Autodiebstähle und Wohnungseinbrüche gehören zum Alltag wie das Zähneputzen. "Man muss immer wachsam sein, vorn und hinten Augen haben", sagt Cristian Oppen, oberster Repräsentant der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Viele Expats kämen mit dieser latenten Bedrohung nicht zurecht. "Sie leben in ständiger Angst, dass der Frau und den Kindern etwas passiert."

Oppen (48), ist Sohn eines deutschen Ehepaars, das 1965 nach São Paulo emigrierte. Er hat zehn Jahre lang in Deutschland für die Dresdner Bank gearbeitet, bevor er 1997 nach Brasilien zurückkehrte. "Ich bin hier groß geworden und weiß, wie man sich verhält", sagt er.

Zum Opfer wurde er trotzdem. Als er eines Abends zu Hause sein Auto abstellte, fischte ein vorbeilaufender junger Mann plötzlich ein Maschinengewehr aus dem Rucksack und hielt ihm den Lauf vor die Nase. "Nur keine Tricks", bat das Kerlchen freundlich. "Unterbrechen sie nicht die Benzinzufuhr, sonst töte ich sie." Dann stieg er ein und raste davon. "Man darf auf keinen Fall den Helden spielen", rät Oppen. "In São Paulo wird sehr schnell geschossen."

Die meisten Topmanager deutscher Konzerne absolvieren ein Sicherheitstraining, bevor sie in São Paulo eingesetzt werden. "Dort lernt man, in Notfällen eine Eskalation zu vermeiden", erzählt Boehringer-Mann Plöger. In vielen Bürogebäuden wird ganz auf Firmenschilder in Foyer und Aufzügen verzichtet. "Das ist eine bewusste Sicherheitsmaßnahme", sagt LBBW-Manager Oppen, der im 11. Stock eines Bürohauses an der immer verstopften Avenida Nove de Julho residiert. Warum den Kriminellen auch noch den Weg weisen?

Hochhäuser wie Festungen - die größte Gefahr lauert an der Ampel

Die größte Gefahr lauert in São Paulo jedoch an den roten Ampeln. Wer eine teure Uhr, ein Smartphone oder Bargeld bei sich trägt, muss ständig damit rechnen, bei Rot in den Lauf einer Pistole zu schauen. Bewaffnete Banden haben ihre Raubzüge perfekt auf den Stop-and-go-Verkehr abgestimmt.

Für die meisten Topmanager großer Konzerne ist ein gepanzerter Wagen Pflicht. Siemens-Statthalter Stark wird in einem BMW Security 535i der Schutzklasse VR4 gefahren. Heißt: Scheiben und Karosserie halten nahezu allen Faustfeuerwaffen stand. Die Gefahr treibt den Absatz: Voriges Jahr wurden in São Paulo 40.000 gepanzerte Autos verkauft.

Hochhäuser wie Festungen

Was für die Autos gilt, trifft für das Zuhause umso mehr zu. Hochhäuser in besseren Lagen sind wegen der latenten Gefahr von Einbrüchen abgesichert wie Festungen. In Itaim Bibi, dem Wohnviertel von Prominent-Manager Heid, hängen überall Kameras, kein Eingang ohne Wachleute. Da traut er sich auch mal zu Fuß zum Bäcker oder in die Kneipe.

Für ein abwechslungsreiches Privatleben reicht das nicht. Wer nach São Paulo kommt, der will nicht leben, sondern überleben. Selbst gut geschützte Nobelrestaurants werden immer häufiger von Rollkommandos überfallen und die Gäste binnen weniger Minuten ausgeraubt. Die Polizei steckt meist noch im Stau, wenn die Banden wieder abrücken.

VW-Manager Isensee empfiehlt, "jegliche Abenteuerlust" in Deutschland zu lassen. "Keine einsamen Spaziergänge, kein Joggen. Sport treibt man im Sportclub", sagt er. Vorausgesetzt, man könne sich die hohen Aufnahmegebühren leisten. Er kennt aber auch Leute, die aus Angst vor Gewalt kaum noch ihre Wohnung verlassen.

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.