Montag, 18. November 2019

Fünf Minuten mit Boris Palmer, Tübingens grüner Oberbürgermeister "Maul aufmachen"

Boris Palmer, Grünen-Politiker mit eigener Meinung.
manager magazin
Boris Palmer, Grünen-Politiker mit eigener Meinung.

Tübingens grüner Oberbürgermeister Boris Palmer über das Recht auf Rebellion. Das Interview erschien in der März-Ausgabe des manager magazins.

Früher Vormittag, Boris Palmer (schwarzer Anzug, grauer Pulli, grau-brauner Bart ) ist schon hinter dem Zeitplan, aber nicht willens, Bürgernähe zu vernachlässigen. Keine hundert Meter liegen zwischen Amtszimmer und Bistro, schwäbischer Etappenlauf: Lob der Sachbearbeiterin ("I mog fleißige Leut"), Schulterklopfen für den Handwerker ("Schön g'worde"), Blitzschwatz mit Marktverkäufer. Dann rein in die "Marktschenke", großes Hallo für den Bürgermeister, einen Chai-Tee bitte.

manager magazin: Herrgott, sind Sie beliebt. Und so nett. Tolle Show! Boris Palmer

Boris Palmer: Was heißt hier Show! Wer gute Arbeit macht, verdient Lob. Wenn ich Menschen für Politik interessieren will, muss ich auch ansprechbar sein.

mm: Sie posten Autos im Halteverbot, auf Facebook stritten Sie mit einem Wirt um eine Apfelschorle, in der Flüchtlingsdebatte wollten Sie Häuser beschlagnahmen. Sie lassen ungern was aus, oder?

Lautstark
Seit 2007 ist Boris Palmer (43) Oberbürgermeister von Tübingen. Der grüne Schnellredner eckt oft an. Seinen Vorschlag, bewaffnete Truppen zur Sicherung der EU-Außengrenze einzusetzen, hat er als Fehler bezeichnet.

Boris Palmer: Mehr als Sie denken: Vier von fünf Beschlüssen in unserem Rathaus werden einstimmig gefasst. Als Oberbürgermeister habe ich gelernt: Recht haben reicht nicht, man muss auch recht bekommen. Deshalb lasse ich 95 Prozent aller Streite aus, aber bei den restlichen 5 Prozent wird's mir einfach zu bunt. Da geht mir dann schon mal der Gaul durch.

mm: Der Kampf gegen Stuttgart 21 machte Sie populär, Sie galten als grüne Bundeshoffnung. Jetzt Bustaktungen in Tübingen. Nervensäge zu sein ist nicht gerade karrierefördernd.

Boris Palmer: In Schwaben können Oberbürgermeister mehr gestalten als mancher Minister. Aber es stimmt schon: Leute, die alles weichspülen, haben es leichter in der Politik. Wer den Kopf zu weit rausstreckt, dem wird er schnell abgeschlagen.

mm: Der Fluch der späten Geburt. Im März wird gewählt im Ländle. Sind die Grünen zu brav geworden für einen wie Sie?

Boris Palmer: Die frühen Grünen waren eine reine Antipartei. Rotationsprinzip, endlose Debatten um soziologische Details - dafür bin ich nicht gemacht. Ich will irgendwann auch mal Ergebnisse sehen. Aber ich gebe zu: Das Provokante, der Habitus des Protests, hätte mir gefallen. Bei mir ist das auch biografisch. Einen Teil meines Antriebs ziehe ich daraus, das Werk meines Vaters zu pflegen. Von ihm habe ich gelernt: Maul aufmachen, wenn etwas richtig schiefläuft.

mm: Als "Remstal-Rebell" lief ihr Vater Sturm gegen Bürokraten und Sesselfurzer, landete sogar im Gefängnis. Wie rebelliert man als Jugendlicher gegen einen Vorzeigerebell?

Boris Palmer: Inhaltlich sind wir uns sehr ähnlich. Bei Behördenwillkür und sinnlosen Vorschriften hört's auch bei mir auf. Ich verfolge meine Ziele allerdings so, dass ich nicht alle gleich gegen mich aufbringe. Das führt auch zu mehr Erfolg. In Tübingen haben wir deutlich mehr Mitbestimmung als in den meisten anderen Städten. Neulich haben wir eine Bundesstraße von Anfang an mit Bürgerbeteiligung geplant, kostengünstiger und leistungsfähiger.

Seite 1 von 2

© manager magazin 3/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung