Dienstag, 18. Juni 2019

Bitcoin-Boom Eine Berliner WG im Goldrausch

Bitcoin: Die Blase ihres Lebens
Mary Beth Koeth für manager magazin

3. Teil: Der Programmierer der Blase

Gavin Wood (37) heißt der Brite, dem Küfner etliche Millionen verdankt. Der Deutsche nennt ihn den Kryptopaten. Wenn man nach einem Verantwortlichen für die Kryptoblase sucht, wäre er der Favorit.

Wood trägt schwarze Stiefel und Lederjacke über olivgrünem T-Shirt, sitzt in einem Fair-Trade-Café in Kreuzberg, trinkt Leitungswasser und erklärt mit sanfter Stimme, wie es dazu kam. Der Brite gehört zu den Gründern von Ethereum, die nach Bitcoin wichtigste Kryptowährung. Die Marktkapitalisierung liegt inzwischen bei 29,2 Milliarden Dollar. BP, Microsoft Börsen-Chart zeigen oder UBS Börsen-Chart zeigen gehören dem Industriekonsortium an. Selbst die Großbank J.P. Morgan ist dabei, obwohl ihr Boss Jamie Dimon Bitcoin für Betrug hält.

In Kreuzberg und einem Strandhaus in Florida, wo die Community Partys mit goldbesprühten Tänzerinnen schmiss, programmierte Wood sein neues Geld. Genutzt wird die Technologie vor allem, um in wenigen Minuten neue Kryptoanleihen auszugeben, neue Coins. Wood schuf die Infrastruktur, die es Start-ups ermöglichte, sich im Handumdrehen Finanzspritzen zu setzen, ganz ohne klassische Risikokapitalgeber. Als Initial Coin Offering (kurz: ICO) wird die Erstausgabe von Coins in der Szene bezeichnet.

Sie sind die Schaufeln für den Goldrausch. Zunächst sammelten Gründer mithilfe von Woods Erfindung Hunderttausende Dollar für ihre Vorhaben ein, dann Millionen, jetzt sind es immer öfter über hundert Millionen. Binnen Stunden werden mitunter höhere Summen bewegt als bei einem über Monate vorbereiteten Börsengang.

Und für jeden dieser Deals wird Ethereum benötigt. Kein Wunder also, dass Nachfrage und Preis explodieren.

Mit der Finanzierung von Start-ups über Ethereum gebe es erstmals einen praktischen Nutzen für die Kryptowährungen jenseits des Drogenhandels, sagt Wood. Das zieht Investoren an. Auch andere Kryptowährungen werden von der Spekulationswelle mit nach oben gespült. Die fiebrigen Kurven ziehen immer neue Spekulanten an, die auf hohe Gewinne hoffen, bevor die Kurse zusammenkrachen.

So heizt sich der Markt immer schneller auf. Selbst Starlet Paris Hilton wirbt schon für neue Coins.

Abgesahnt wird von den Insidern. Die Coins werden meist zuerst in privaten Runden ausgegeben, wo Szenekenner wie Küfner Rabatte von bis zu 60 Prozent erhalten. Sie sollen den Hype anstacheln.

Bitcoin-Börsen lassen sich Hunderttausende Dollar dafür zahlen, auch Coins zu listen, die von dubiosen Teams ausgegeben werden. Wer vorher weiß, welche Coins dazukommen, kann reich werden. Ein Kurssprung um einige Hundert Prozent ist dann so gut wie sicher.

"Hardcore-Insider-Trading ist Alltag", sagt Küfner. Der Handel ist komplett unreguliert.

Das Geschäft ist so verlockend, dass inzwischen selbst altehrwürdige Venture-Firmen mit den KryptoNerds konkurrieren. Sequoia Capital, einer der Ersten, der in Apple Börsen-Chart zeigen, Oracle Börsen-Chart zeigen und Google Börsen-Chart zeigen investierte, hat ICOs für sich entdeckt, genauso wie Union Square Ventures, die in Twitter Börsen-Chart zeigen und Stripe investierten. Auch Berliner VCs wie BlueYard oder Target Global mischen mit, andere - wie Project A oder Eventures - klären in ihren Gremien gerade, ob sie sich an Bitcoin-Deals beteiligen können. Nicht dabei zu sein gilt schon fast als fahrlässig.

© manager magazin 11/2017
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