Samstag, 7. Dezember 2019

Pharmaindustrie Happy Pills

Turnaround: Das Comeback der Pharmaindustrie
Dirk Schleef für manager magazin

Neue Medikamente, steigende Kurse: Nach zehn Jahren feiert die Pillenindustrie ein fulminantes Comeback. Der Schlüssel zum Erfolg: Biotech.

Als Stefan Oschmann (56) im Herbst 2010 seinen Arbeitsvertrag beim Chemie- und Pharmakonzern Merck unterschrieb, lachte die Branche über seinen Arbeitgeber. Nicht ein Mal in den sieben Jahren zuvor war es der deutschen Traditionsadresse gelungen, ein innovatives Medikament auf den Markt zu bringen. Gerade waren wieder zwei Wirkstoffe gescheitert, von denen sich Merck Milliardenumsätze versprochen hatte. Oschmann, der über zwei Jahrzehnte für die Konkurrenz beim US-Giganten Merck gearbeitet hatte, sah es positiv: Als Pharmachef konnte er wieder ganz von vorn anfangen.

Oschmann - blauer Nadelstreifen, Einstecktuch, die Haare mit Brillantine gebändigt - schloss Produktionsanlagen und Forschungsstätten, kappte Kosten und schüttelte seine Forschungs- und Entwicklungsabteilung komplett durch. 60 Prozent seiner Leute auf der ersten und zweiten Führungsebene wechselte er aus.

"Was wir bisher gemacht haben, war reines Handwerk. Damit sind wir ganz zufrieden", kommentiert Oschmann den inzwischen um rund 90 Prozent gestiegenen Börsenkurs, "aber jetzt müssen wir nach vorn arbeiten und wieder wachsen."

Mit anderen Worten: Oschmann muss Ersatz für die gescheiterten Hoffnungsträger der Vergangenheit herbeischaffen. Das heißt vor allem: Neue Wirkstoffe bei kleinen Biotechfirmen einkaufen, sie weiterentwickeln und durch die klinische Erprobung sowie die Zulassungsverfahren der Regulierungsbehörden bekommen.

Wenn alles klappt, dann hat Merck Börsen-Chart zeigen in ein paar Jahren wieder eine Handvoll Präparate in der entscheidenden Phase III der klinischen Erprobung. Damit wäre das Gröbste geschafft. Sieben Jahre, darauf hat er sich festgelegt, brauche er, dann müssen die ersten Resultate sichtbar werden.

Hohe Kosten, fehlender Nachschub - das ist Vergangenheit

Die Geschichte der Pharmasparte von Merck ist gleichzeitig auch die Geschichte einer ganzen Branche. Hohe Kosten, schwerfällige Organisationen und fehlender Nachschub aus den Laboren waren wie die Symptome einer ansteckenden Krankheit, unter der nahezu alle Unternehmen litten.

Zwischen 1998 und 2010 sackte die Rendite der Forschungsinvestitionen laut einer Studie der Boston Consulting Group um 40 Prozent ab. An den Börsen brachen einstige Starperformer wie Pfizer Börsen-Chart zeigen oder Astra Zeneca Börsen-Chart zeigen regelrecht ein. Am Ende wollten Fonds und Pensionskassen nur noch für den Wert der bereits etablierten Bestseller bezahlen, die Pipeline hatte keinen Wert mehr. Rund 700 Milliarden Euro Börsenwert waren seit der Jahrtausendwende zwischenzeitlich ganz einfach verdampft.

Doch das ist Vergangenheit. Big Pharma feiert jetzt sein Comeback. Eine ganze Reihe von Konzernen hat den langwierigen Revitalisierungsprozess, der in Darmstadt gerade abläuft, bereits weitgehend hinter sich.

© manager magazin 10/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung