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Hoffnungswerte: Dietmar Hopp investiert Milliarden in Biotech

Foto: A3929 Julian Stratenschulte/ picture alliance / dpa

Dietmar Hopp Hopp und Ex? Das Biotech-Cluster des SAP-Mitgründers

Dietmar Hopp hat sich verrechnet. Anders als geplant, produziert seine Milliardeninvestition seit mehr als zehn Jahren nur Hoffnungswerte.

Die folgende Geschichte stammt aus der Ausgabe 8/2017 des manager magazins, die Ende Juli erschien. Wir veröffentlichen hier eine leicht geänderte Version (mit einem Update zu Curevac) als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Das Restaurant im Golfklub St. Leon-Rot servierte italienische Spezialitäten, intellektuelles Futter lieferte ein Vortrag über das Management medizinischer Daten. Am Anreisetag verlief die Herbsttagung der Dievini Hopp BioTech Holding GmbH & Co. KG vor zwei Jahren noch völlig unaufgeregt. Beim Abendessen plauderten die Vorstands- und Finanzchefs der zwölf Biotech-Unternehmen, in die Dietmar Hopp (77) investiert hat, über wissenschaftliche Fortschritte, klinische Tests und frisches Kapital.

Als der SAP-Mitgründer am nächsten Morgen ans Rednerpult im Konferenzraum seines Klubhauses trat, war es vorbei mit der kuscheligen Stimmung. Mit einem einzigen Satz zerstörte Hopp das wohlige Gefühl finanzieller Sicherheit, in dem sich seine Angestellten wiegten. So tief saß der Schock, dass etliche der Anwesenden noch heute ihren Geldgeber übereinstimmend zitieren können: "Wenn ich gewusst hätte, dass es mich mehr als eine Milliarde Euro kosten würde, heute hier zu stehen, hätte ich es nicht gemacht."

Auch wenn Hopp seine Ansage mit einem Lächeln abmilderte - die Botschaft war klar: Der größte Investor der deutschen Biotech-Szene hat sich verrechnet. In neue Start-ups hat er deshalb schon seit geraumer Zeit nicht mehr investiert.

25.000 Hightech-Arbeitsplätze - auch dank der Geduld des Mäzens

Rund 25.000 Hightecharbeitsplätze zählt der Sektor hierzulande, immer wieder werden vielversprechende Firmen gegründet. All das ist auch der Geduld des Mäzens zu verdanken. Hopp inspirierte viele Forscher, ihre unternehmerischen Ideen in Deutschland umzusetzen und nicht in den USA.

Rein geschäftlich aber spricht das Resultat dem Unternehmensnamen Dievini Hohn - der baltischen Mythologie zufolge bedeutet er "Wächter des Eigentums". In ihren bald 13 Jahren als Dievini-Co-Geschäftsführer ist es Friedrich von Bohlen (55), Christof Hettich (50) und Mathias Hothum (57) nicht gelungen, aus den investierten 1,2 Milliarden Euro (siehe Tabelle) eine Rendite zu erwirtschaften. Von den 21 Firmen in seinem Portfolio ist bisher kein Euro an Hopp zurückgeflossen. Stattdessen muss der Milliardär immer wieder Geld nachschießen.

Hopps Deutsches Biotech-ClusterVom Pleitefall bis zum großen Hoffnungswert: Die Chancen der Dievini-Beteiligungen

Name Tätigkeitsfeld Anteil Dievini (in Prozent) Bewertung Perspektive
AC Immune Entwicklung eines ersten Alzheimer-Medikaments bis 2020 31,78 hochriskant, Aktienkurs minus 45 Prozent seit Börsengang 2016, viele gute Kooperationspartner finanziert bis 2019, 300-Mio.-USD-Deal bei erfolgreicher Entwicklung mit Genentech
Agennix Forschung im Bereich Lungenkrebs, Blutvergiftung 64,92 gescheitert mit Medikament Talactoferrin seit 2013 in Liquidierung
Apogenix immunonkologische Proteinwirkstoffe gegen Krebs 92,2 riskant, Hirntumortherapie in Phase II wirksam, Ziel Zulassung 2019 kein Pharmadeal, sucht Co-Investor
Axaron innovativer Ansatz in der Schlaganfalltherapie - kein Erfolg in Phase II 2006 in Sygnis aufgegangen
Cassiopea Dermatologieprodukte (Akne, Haarausfall, Warzen) 1,36 Aktienkurs minus 29 Prozent seit Börsengang finanziert bis 2017 durch Börsengang
Cosmo Pharmaceuticals Hilfsmittel Darmspiegelung, Medikament Darmkrebs 4,93 2,27 Milliarden Euro Marktkapitalisierung Markteintritt USA 2017 erwartet
CureVac RNA-basierte Impfstoffe gegen Krebs, Infektionskrankheiten 84,97 Prostatakrebsmittel scheitert in Phase II, gute Kooperationen Börsengang fraglich
Curacyte Blutvergiftung 100 verfehlt klinische Ziele mit Kandidat Hemoximer in Liquidierung
Cytonet Leberzelltherapie gegen Defekte im Harnstoffzyklus - keine Zulassung 2015 beendet
Febit Bau von Geräten zur Gensequenzierung 81,38 zu wenig Käufer für die Geniom-Apparate Management übernimmt Reste
GPC Biotech Chemotherapeutikum gegen Prostatakrebs - keine Zulassung für Kandidat Satraplatin 2007 Insolvenz nach Fusion mit Agennix
Heidelberg Pharma ATAC-Technologie aus Gift des Grünen Knollenblätterpilzes - riskante frühe Forschung, klinische Entwicklung einer Knochenkrebstherapie soll 2018 starten übernommen von Wilex
Immatics T-Cell-Rezeptoren-Plattform für Immunonkologie 39,38 Neustart nach Misserfolg bei Nierenzellkarzinom, hat Co-Investoren und Deal mit Amgen aussichtsreich
Joimax minimalinvasive Wirbelsäulenchirurgie 85,16 erst gut 50.000 Operationen seit 2004 wenig dynamisch
Lion Bioscience Bioinformatik - Resteverwertung nach Verkauf des Kerngeschäfts eingebracht in Sygnis
Life Biosystems personalisierte Krebsmedizin - renommierter Kooperationspartner aufgegangen in Molecular Health
LTS Lohmann Therapie Systeme Nikotin-, Schmerzpflaster und Pflaster zur Behandlung von Parkinson 100 Weltmarktführer, mehr als 300 Millionen Euro Umsatz, hochprofitabel Verkaufskandidat
Molecular Health Krebsdiagnoseunterstützung, personalisierte Krebsmedizin 93,85 kaum Umsatz, 2016 ein Drittel der Mitarbeiter abgebaut große Chancen, aber noch unsicher
Novaliq Augentropfen, Dermatologie, Organschutz 93,11 Tropfen gegen trockene Augen am Markt wenig dynamisch
Sygnis Erkrankungen des zentralen Nervensystems (ZNS) 2,56 ZNS-Aktivitäten eingestellt, zählt zu den größten Kapitalvernichtern Fusion mit X-Pol-Biotech und Neustart als Enzymhersteller
Wilex Krebsantikörper, Diagnose von Nierenzellkrebs 59,56 80 Prozent der Mitarbeiter entlassen überlebt nur mit Kapitalspritzen
Quelle: Dievini/Recherche manager magazin

Während Biotech global boomt, geht Hopp leer aus. Sein System, das sich längst selbst tragen sollte, ist so subventionsbedürftig wie die heimische Landwirtschaft.

"Ich hatte unterschätzt, wie aufwendig Biotech ist und wie langfristig"

"Ja", sagt Hopp, "ich hatte unterschätzt, wie aufwendig Biotech ist und wie langfristig." Es ist ein heißer Nachmittag Ende Juni, wir sitzen im angenehm heruntergekühlten Konferenzraum seines Golfklubs, mit am Tisch seine drei Geschäftsführer: Hettich, Hopps langjähriger Anwalt und Berater des Vertrauens, Hothum, Betriebswirt und der Finanzmann des Trios, und natürlich von Bohlen, promovierter Neurobiologe, erst gehypter, dann gescheiterter Gründer des Heidelberger Bioinformatik-Start-ups Lion Bioscience.

Friedrich von Bohlen, Neffe des großen Alfried Krupp, ist ein schlanker, noch jung wirkender Mann mit säuberlich hochgekrempelten Ärmeln, der das Wort zu führen versteht. "Wir haben keine Me-too-Strategie", sagt der intellektuelle Kopf der Holding, "wir wollen First-in-Class sein." Er ist der Mann, dem der "Laie" (Hopp über Hopp) vertraut, er besitzt gewissermaßen einen Blankoscheck, um sein großes Ziel zu erreichen: "Transformative Vorteile für die Behandlung schwerst erkrankter Patienten." Das brauche eben seine Zeit und gehe nicht ohne Fehlschläge ab, sagt von Bohlen, und Hopp nickt.

Tatsächlich werden in der globalen Pharmaindustrie aus vielen Ideen nur wenige Innovationen. Doch die zahlen sich häufig genug so gut aus, dass sich die gesamten Investitionen am Ende lohnen. In den USA sind dank Wagniskapital bereits Dutzende milliardenschwerer Pharmakonzerne entstanden.

Die Strüngmanns erzielen Milliarden, Hopp übt sich noch in Geduld

Auch bei Andreas und Thomas Strüngmann (67), den Hexal-Gründern und zweiten großen Biotech-Finanziers der Republik, funktioniert dieses Geschäft erfolgreich. Durch Firmenverkäufe und Lizenzdeals haben die zwölf Biotech-Unternehmen der Zwillingsbrüder bereits Einnahmen von 1,4 Milliarden Euro erzielt.

Von Bohlen verteidigt sich, "vielleicht sind wir geduldiger. Auf jeden Fall wollen wir Produkterfolge haben." Viele Dievini-Firmen hätten bereits erhebliche Wertsteigerungen erzielt und weitere vor sich. Auf mindestens drei Milliarden Euro schätzt Dievini den Wert seiner Biotech-Beteiligungen. Eine Summe, die bislang indes nur auf dem Papier steht.

Große Ankündigungen, wenig erkennbares Ergebnis - so charakterisieren wichtige Teile der deutschen Biotech-Szene das Wirken von Bohlens. Er sei ein Visionär mit Schwächen in der Umsetzung, sagen die einen, manche halten ihn gar für einen Dampfplauderer.

Namentlich will sich niemand zu dem einflussreichen Verwalter der hoppschen Milliarden zitieren lassen. Man kann aber ohne Übertreibung sagen, dass die Branche von ihm ein sehr viel schlechteres Bild hat als er selbst und auch Hopp.

Das späte Scheitern von GPC Biotech

Unstrittig ist, dass von den 21 Firmen, in die Dievini seit 2005 investiert hat, 5 nicht überlebt haben; mehrere Not leidende wurden anderen Unternehmen einverleibt, ohne sichtbare größere Erfolge.

Der offensichtlichste Fall des Scheiterns ist GPC Biotech, das von Bohlen als Hoffnung für Prostatakrebspatienten hochstilisiert hatte. Das Medikament fiel 2007 quasi in letzter Minute bei der US-Zulassungsbehörde FDA durch. Schuld waren auch Fehler beim Studiendesign. Dieser Fehlschlag hatte sich nach Meinung von Insidern längst abgezeichnet, darauf hätten die Nachfragen der FDA hingedeutet.

Dennoch durfte das GPC-Führungsteam weitermachen und mit der auf Lungenkrebs spezialisierten Dievini-Schwesterfirma Agennix fusionieren. Auch die Kombination floppte mit zwei Produktansätzen, 2013 war das Investment perdu.

Branchenkenner schätzen, dass Dievini insgesamt rund eine halbe Milliarde Euro aus gescheiterten Vorhaben abschreiben musste. Von Bohlen will diese Zahl nicht kommentieren, hält "unsere Bilanz" aber insgesamt für "sehr gut".

Hohe Werte nur auf dem Papier

Neun der zwölf Dievini-Unternehmen seien "erfolgreich, vielversprechend - oder beides". Den Immunonkologie-Experten Immatics, die Alzheimer-Forscher von AC Immune und die durch den Einstieg der Bill & Melinda Gates Stiftung bekannte CureVac etwa hält von Bohlen für äußerst wertvoll. In typischer Start-up-Manier werden Zuflüsse gegen Anteile hochgerechnet - und so blasen sich die 46 Millionen Euro, die Gates für 4 Prozent an CureVac einschoss, schnell zu über einer Milliarde Euro Firmenwert auf.

Tatsächlich hätte Dievini seinem Investor schon erste finanzielle Erfolge präsentieren können.

Da ist etwa die 4,93-Prozent-Beteiligung an Cosmo Pharmaceuticals, das Hilfsmittel für Darmspiegelungen liefert. Cosmo hat seit seinem Börsengang in der Schweiz den Wert versiebenfacht - auf jetzt umgerechnet 2,3 Milliarden Euro. Doch von Bohlen sagt, er wolle den Anteil behalten, weil er "von dem Unternehmen und seiner weiteren Wertentwicklung überzeugt" ist.

Wette auf Nikotin-Pflasterhersteller LTS

Auch den Nikotin- und Schmerzpflaster-Hersteller LTS Lohmann Therapie Systeme, mit 330 Millionen Euro Umsatz Weltmarktführer, hätte die Holding zu Geld machen können. 2013 war der Verkauf schon fast perfekt, aber von Bohlen pokerte weiter. Als schließlich die LTS-Miteigentümer Novartis  und BWK, die Investmenttochter der LBBW, aussteigen wollten, finanzierte Hopp die Übernahme von deren insgesamt 67 Prozent. Statt Kasse zu machen, hält er nun 100 Prozent an LTS.

Der damalige Firmenwert lag nach Angaben von Dievini bei etwas über einer Milliarde Euro, das zusätzliche Paket dürfte um die 700 Millionen Euro gekostet haben. Dievini müsste also deutlich mehr als eine Milliarde Euro erlösen, wenn sich die Investition wirklich lohnen sollte. Derzeit sei weder eine Bank mandatiert, noch gebe es einen Verkaufsprozess, sagt von Bohlen. Seinen Preis hat noch keiner geboten.

Von Bohlen pokert regelmäßig

Der Mann pokert regelmäßig. Schon so mancher mögliche Deal sei daran gescheitert, heißt es in der Branche. An dem Bioinformatikhaus Molecular Health war Nestlé schon vor rund zehn Jahren interessiert, doch nach Gesprächen mit dem Nestlé-Granden Peter Brabeck-Letmathe wurde der Deal abgeblasen. Inzwischen hat Molecular Health - in dem die Idee von Lion Bioscience weiterlebt - ein Drittel seiner Mitarbeiter abgebaut und einige US-Aktivitäten eingestellt. Professionell geht anders. Nicht nur beim Exit, auch bei der Auswahl der Beteiligungen und deren Management gibt es Schwächen.

Große Wagniskapitalgeber setzen auf ein anderes Rezept

Große Wagniskapitalgeber haben gelernt, dass erste Anwendungen innovativer Pharmaka bei eher exotischen Indikationen das erfolgversprechendste Rezept sind. Der Grund: Die klinischen Tests sind weniger umfangreich und liefern schneller Ergebnisse. Hat das funktioniert, wird das Medikament auf große Indikationen ausgeweitet.

Bioboom: Weltweites Wachstum der Biotech-Branche

Bioboom: Weltweites Wachstum der Biotech-Branche

Foto: manager magazin

Dievini investiert jedoch gern in Hopps Heimat (rund um Heidelberg) und/oder gleich ins große Ganze. Von Bohlen hat einen Hang zu Weltrettungsthemen wie "die Impfung gegen Krebs" (CureVac) oder "die erste Therapie gegen Alzheimer" (AC Immune). Damit wächst auch das Risiko des Scheiterns.

So erging es den Krebsforschern von Wilex, die mit Rencarex auf ein einziges Produkt mit der Indikation Nierenzellkarzinom mit einer fünf Jahre langen klinischen Phase setzten - und 2012 krachend scheiterten. Heute hält von Bohlen Wilex als Dienstleister am Leben - mit Hopps Geldtropf. Zuletzt flossen im vergangenen Frühjahr zehn Millionen Euro durchs Röhrchen.

Helfen könnte die Zusammenarbeit mit professionellen Wagniskapitalgebern - was die Strüngmann-Brüder häufiger praktizieren. Von Bohlen dagegen gelingt es offensichtlich selten, Co-Investoren von seinen Schützlingen zu überzeugen. Das Ziel der Risikoinvestoren, das eingesetzte Kapital in zehn Jahren mehr als zu verdoppeln, verfehlt Dievini regelmäßig.

Abrupte Strategiewechsel und personelle Eruptionen

Molecular Health taugt als Musterbeispiel für Missmanagement bei Dievini. Die Zutaten: abrupte Strategiewechsel und personelle Eruptionen. Erst wurde in den USA ein Labor für Gentests aufgebaut, dann wieder abgestoßen. Erst trug man sich mit dem Gedanken eines Börsengangs und hielt zur Vorbereitung ein Bootcamp ab, dann beerdigte man die Pläne wieder.

Eine bereits 2014 angekündigte Studie, mit der die Vorteile der Bioinformatik bei der Suche nach der individuell passenden Krebstherapie nachgewiesen werden sollte, fand in der geplanten Form nie statt. Stattdessen wurde das Design der Untersuchung deutlich verändert.

Beide Geschäftsführer haben das Unternehmen 2016 sehr schnell verlassen, der schon als Aufsichtsrat hochaktive von Bohlen übernahm in der Not und auf Wunsch Hopps die operative Leitung.

Über all dieses Hin und Her vertändelte das Bioinformatikunternehmen seinen Vorsprung bei der Analyse von Tumordaten. Heute ist der einst wegweisende Anbieter am boomenden Weltmarkt für therapieunterstützende Genprofile nur noch einer von vielen.

So zahlte der Schweizer Pharmakonzern Roche  zuletzt über eine Milliarde Dollar für 56,3 Prozent an Foundation Medicine, dem großen Konkurrenten von Molecular Health. Die Heidelberger dagegen verbrennen weiter Hopps Geld und freuen sich über lokale Erfolge, wie die Unterstützung einer Studie an der Berliner Charité durch die Techniker Krankenkasse.

Der Fall Molecular Health zeigt, wie von Bohlen die Dievini-Beteiligungen managt. Er beherrscht zwar das aggressive Forschungsmarketing und beeindruckt mit seinen Visionen. Doch bei der Umsetzung der Ziele in Geschäftsmodelle samt klar definierten Meilensteinen hapert es.

Zu viel Optimismus, Fehler beim Exit - und Dievinis größte Hoffnung

Mit erprobten Strategien zur Kommerzialisierung sowie mit Fachleuten für die Probleme junger Firmen, so wie sie Venture-Capital-Gesellschaften für ihre Klientel in der Regel vorhalten, kann die Fünf-Mann-Organisation Dievini nicht ausreichend dienen. Stattdessen ärgern sich unter Dievini-Aufsicht stehende Führungskräfte immer wieder über erratisches Mikromanagement der Holding. Da würden wichtige Personalentscheidungen wegen ein paar Tausend Euro oder akribisch vorbereitete Verträge wegen einer missliebigen Klausel von Friedrich von Bohlen oder vom Juristen Hettich vom Tisch gewischt.

Nun sind Klagen von Führungskräften über Geldgeber und Vorgesetzte nicht untypisch. Doch selbst wenn man gekränkte Eitelkeiten herausfiltert, bleiben offensichtliche Schwächen. Die Dievini-Verantwortlichen neigen zu übermäßigem Optimismus bei der Auswahl ihrer Beteiligungen, tun sich schwer beim Management und machen Fehler beim Exit.

CureVac ist die größte Hoffnung im Portfolio

Entscheidend für ein abschließendes Urteil über von Bohlens Wirken wird wohl die Tübinger CureVac sein. Das Unternehmen, an dem Dievini rund 90 Prozent hält, ist die größte Hoffnung im Portfolio.

Zuletzt hat CureVac mehrfach Schlagzeilen produziert. Positive, als die angesehene Bill & Melinda Gates Stiftung einstieg. Negative, als Vorstandschef Ingmar Hoerr (49) beim wichtigsten Treffen der Branche, der J.P.-Morgan-Konferenz im Januar, eingestehen musste, dass sein am weitesten entwickelter Therapieansatz gegen Prostatakrebs in Phase II der klinischen Tests leider keine Wirksamkeit gezeigt hat.

Zusammenarbeit mit Eli Lilly

Im Oktober 2017 sorgte dann eine Allianz mit dem US-Pharmariesen Eli Lilly für neue Hoffnung bei CureVac und seinen Investoren: Eli Lilly und CureVac arbeiten künftig weltweit im Bereich der Immunonkologie zusammen. Die Kooperation umfasst die Entwicklung und Kommerzialisierung von bis zu fünf Krebsimmuntherapeutika, die auf CureVacs firmeneigener Technologie basieren. Die beiden Unternehmen werden dabei die von CureVac optimierte mRNA einsetzen, die speziell auf Neoantigene von Tumoren abzielt, um eine starke Immunantwort gegen Krebs auszulösen. Curevac erhielt bei Abschluss der Vereinbarung 50 Millionen Dollar aus den USA sowie ein Private Equity Investment in Höhe von weiteren 45 Millionen Dollar.

Von Bohlen überlegt jetzt, CureVac zu teilen: in die Onkologie - und die Immunologie. Denn die stark in Afrika engagierte Gates-Stiftung interessiert sich vor allem für die Entwicklung neuer Impfstoffe, etwa gegen Ebola und Aids. Dafür fließen zusätzliche Projektgelder an CureVac.

Mancher in der Branche vermutet ohnehin, dass die gut 300 Mitarbeiter von der Vielzahl ihrer Therapieansätze überfordert sind. Gates jedenfalls hat auch in den Konkurrenten Moderna Therapeutics investiert: bis zu 100 Millionen Dollar, doppelt so viel wie in CureVac.

"Ein hervorragendes Team"

Hoerr genießt trotz alledem weiter das Vertrauen von Hopp und Dievini. "CureVac hat ein hervorragendes Team", sagt der Milliardär, "da finden Sie kein Besseres."

Hopp lässt niemanden fallen. Er hält an Menschen fest. Und an lieb gewordenen Projekten. Das gilt für den Fußball (den Bundesligisten TSG Hoffenheim 1899), für seine Stiftung, die mit einem Grundstock von 4,5 Milliarden Euro Gutes tut, und auch für sein Biotech-Engagement.

"Es wird in meinem Vermächtnis stehen, dass wir weiter investieren, wenn auch mit geringeren Einsätzen als bisher", sagt Hopp. Sein ältester Sohn Oliver (45) werde dann die Führung übernehmen. Bisher kümmert sich der Junior vor allem um seinen Golfklub bei Cannes, nahm aber zuletzt häufiger an Dievini-Sitzungen teil.

Die deutsche Biotech-Party geht also erst mal weiter. Und von Bohlen hat schon wieder neue, hochfliegende Pläne. "Wir wollen mit Dievini nach vorn schauen", sagt er, die Stammzelltherapie oder das Gen-Editing seien jetzt vielversprechende Ansätze. Er wundere sich geradezu, sagt er, wie er vor zehn, zwölf Jahren Dievini genau auf die richtigen Trends ausgerichtet habe.

Fragt sich nur, wann sich diese Weitsicht bezahlt macht.

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Andreas und Thomas Strüngmann verlassen sich nicht auf die eigene Expertise

Foto: Armin Brosch

Ergebnis: Andreas und Thomas Strüngmann (67) investierten nach dem Verkauf ihres Generikaherstellers Hexal 2005 rund eine Milliarde Euro in Beteiligungen an zwölf Biotech-Unternehmen. Die Bilanz der Firmen: Einnahmen in Höhe von rund 1,2 Milliarden Euro aus Verkaufserlösen und Lizenzdeals plus knapp 1,7 Milliarden Euro beim Erreichen bestimmter Erfolgsziele.

Der japanische Pharmariese Astellas erwarb den Immunonkologen Ganymed für 422 Millionen Euro, hinzukommen bis zu 860 Millionen Euro, falls bestimmte Meilensteine erreicht werden. Strüngmanns auf Proteinwirkstoffe gegen Autoimmunkrankheiten spezialisierte Beteiligung SuppreMol ging für 204 Millionen Euro an den US-Konzern Baxter. Das Bayer-Spin-out AiCuris, das Antiinfektiva entwickelt, erhielt von Merck & Co. 110 Millionen Euro für Lizenzen.

Rezept: Die Zwillinge lassen sich von einem umfangreichen Team erfahrener Manager und Wissenschaftler beraten. Das entwickelt für die Firmen klare Kommerzialisierungsstrategien, sorgt für eine straffe Organisation und die stringente Umsetzung. Häufig sind Wagniskapitalgeber dabei und bringen ihre Expertise ein.

Die Strüngmann-Manager setzen auf Firmen, die auf einer Technologieplattform mehrere Arzneikandidaten entwickeln und nicht nur eine Idee verfolgen. Dadurch arbeiten sie mit diversen Partnern zusammen, die jeweils mit investieren. BioNTech etwa kooperiert mit Eli Lilly, Sanofi, Bayer, Genmab und Genentech.

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