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Bildung in China: Drill vs. Freiraum

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Bildung Warum Chinas Tigermamas deutsche Schulen und Universitäten lieben

Genervt von stumpfer Paukerei, entdeckt Chinas obere Mittelschicht deutsche Schulen für ihre Kinder. Neues Lernziel: kritisches Denken.

Es sind drei Dinge, die Yancen Zhou in Deutschland so richtig irritieren: die Schulferien (zu lang), das Essen (nicht scharf genug) und das Bier (trinken sie hier schon nachmittags). Davon abgesehen findet es Zhou, den alle Alex nennen, ziemlich gut in Bad Neuenahr-Ahrweiler, in der zwölften Klasse der Internatsschule Carpe Diem. "Die Umwelt ist besser als in China, die Zukunft auch", sagt der 19-Jährige und nimmt noch einen Schluck Tee.

Die Jasminblüten für das Heißgetränk wachsen auf Teebergen in China, die seinem Vater gehören. 500 Leute arbeiten für den Papa, nebenbei betreibt er noch eine Tuning-Firma, materiell ist der Unternehmer also durchaus abgesichert. Und er ist ziemlich repräsentativ für die Eltern der 28 chinesischen Schüler, die sich zurzeit bei Carpe Diem auf das Abitur vorbereiten.

Ein Vater handelt mit Textilien, ein anderer besitzt mehrere Autohäuser in Deutschland, auch zwei Mitglieder der Kommunistischen Partei haben ihre Kinder zum Pauken ins malerische Ahrtal geschickt. "Gerade die Eltern aus der oberen chinesischen Mittelschicht sind regelrecht hungrig nach deutscher Bildung. Wir erleben seit einigen Jahren einen echten Boom", sagt Schulleiter Luca Bonsignore.

Schon länger stellen die gut 30.000 Chinesen die größte Gruppe ausländischer Studierender in Deutschland - bis 2024 wird ihre Zahl um 3 Prozent jährlich wachsen, prophezeit der British Council. Mindestens. Aber die Bildungspanik westlicher Akademiker erfasst zunehmend auch in China die wohlhabende Mitte der Gesellschaft. Also werden die Weichen noch früher gestellt und immer mehr chinesische Mädchen und Jungen schon als Schüler nach Deutschland geschickt.

Das Image der deutschen Wirtschaft - und die Tradition chinesischer Eliten

Exakte Daten werden nicht erfasst; Simon Lang, Bildungsexperte am Mercator Institute for China Studies (Merics), schätzt ihre Zahl auf mehr als 2000. Gemessen etwa an den USA, wo rund 35.000 Chinesen Schulen besuchen, wirkt die Zahl klein. Doch Deutschland holt in der Gunst chinesischer Eltern auf. Lang beobachtet eine "stark steigende Tendenz". Verglichen mit der Jahrtausendwende, sagt ein Vermittler vom Bodensee, habe er 2015 fünfmal so viele Schüler vermittelt.

Das gusseisern-solide Image der deutschen Wirtschaft spielt dabei eine Rolle, aber auch die Tradition chinesischer Eliten, die schon Ende des 19. Jahrhunderts von den - damals noch preußischen - Schulen im Land schwärmten. Und gegenwärtig gewinnt noch ein neues Motiv enorm an Gewicht: Chinas Elite will ihrem Nachwuchs mehr Selbstständigkeit gewähren und dessen kritisches Urteil stärken.

"Mit dem chinesischen Bildungssystem verbinden viele Eltern Prüfungsdruck, stumpfsinniges Auswendiglernen und harten Konkurrenzkampf", sagt Merics-Experte Lang, der dazu gerade eine Studie ("Abenteuer Auslandsstudium") veröffentlicht hat.

Gezählt scheinen die Tage von Tigermutter Amy Chua, deren Loblied über den Drill zum Bestseller wurde. Inzwischen ist die Gegenbewegung da, sagt Lang: "Für ihre Kinder wünschen sich viele Eltern jetzt mehr Freiheiten und ein kreativeres Umfeld, das die Individualität fördert." Die Tigermamas fahren ihre Krallen ein und holen den Malkasten raus, zumindest ein bisschen. Und ausgerechnet Deutschland, einstiges Rohrstockreich, wird zum Sehnsuchtsort für Diskussionskultur im Klassenraum. Es ist ein Experiment.

Mathe auf Universitätsniveau

Für Alex, Jeans, blaue Turnschuhe, schwarzer Bürstenhaarschnitt, war Carpe Diem ein Sprung ins kalte Wasser. Er kommt aus Sichuan. Anders als viele seiner Mitschüler, die von ihren Unternehmereltern schon mal mit nach Europa genommen wurden, war er vorher noch nie im Ausland. Einkaufen, Geld abheben, Putzen - unerforschtes Terrain, alles verbucht unter Erziehung zur Selbstständigkeit.

Die Komplexität des Alltags wurde ausgeglichen durch Unterricht, der Alex anfangs wie Urlaub vorkam, zumindest in seinen Lieblingsfächern Mathe, Informatik, Physik und Chemie: "In China haben wir für sechs Seiten Prüfungsaufgaben zwei Stunden Zeit, in Deutschland drei Stunden für drei Seiten."

In den höheren Schulklassen Chinas wird Mathe nicht selten auf Universitätsniveau gelehrt; 15-Jährige aus Hongkong oder Shanghai sind gleichaltrigen Deutschen oft um zwei oder drei Jahre voraus. Der Preis: Musische Fächer oder Sport führen ein Schattendasein, dazu streng hierarchisch strukturierter Unterricht, unablässiges Auswendiglernen, Schmähungen schlechter Schüler vor der Klasse - und eine hohe Suizidrate.

Zehn oder mehr Stunden Unterricht, gefolgt von Nachhilfe und Hausaufgaben bis weit in den Abend, nur der Sonntag ist frei, und Ferien dauern selten länger als eine Woche - für viele chinesische Schüler ist das Alltag.

Denn am geistigen Horizont droht stets die landesweit einheitliche Massenzulassungsprüfung ("Gaokao"), mit der auch über die wenigen Plätze an renommierten Universitäten entschieden wird; 2015 nahmen fast zehn Millionen Chinesen daran teil.

"Sie sind fleißig, ehrgeizig und respektieren die Autorität der Lehrer"

Die Eltern, zumal die zu Geld gekommenen, setzen da noch eins drauf: mit hohen Investitionen in private Bildung. Das durchschnittliche chinesische Haushaltseinkommen hat sich zwischen 2007 und 2012 um 63 Prozent erhöht - die Ausgaben für Bildung zeitgleich um 94 Prozent. Neun von zehn Mittelklasse-Eltern in China zahlen fürs Aufschlauen des Nachwuchses.

Sprachenschulen, Nachhilfefirmen, Bewerbungshelfer - trotz einer Marktkonsolidierung rangeln mehr als 110.000 private Bildungsanbieter in China um Kunden. Die drei Größten - darunter der Sprachkursgigant New Oriental - kommen zusammen auf gut 1,2 Milliarden Euro Umsatz. Die Zahl der Agenturen, oft nur Ein- oder Zweimannbetriebe, die Studenten oder Schüler ins Ausland vermitteln, ist unüberschaubar; die Nachfrage steigt im Schulbereich zweistellig.

Denn auch wer als Chinese in Deutschland studieren will, muss durch die Gaokao. "Schon das Abitur in Deutschland zu machen ist da ein eleganter Ausweg und hilft, früher die schwierige Sprache zu lernen", sagt Jing Ma, Geschäftsführer der Agentur Aery, die auch die meisten Schüler in das Internat nach Bad Neuenahr-Ahrweiler vermittelt und in Leverkusen ein eigenes aufgebaut hat.

Ein Selbstläufer ist das deutsche Abitur trotzdem nicht. Die klassizistische Carpe-Diem-Villa, Erker, Stuck, einst ein Kurhotel nahe der Ahr, verströmt das Flair einer gut eingelebten WG mit lockerem Umgangston. Als Abiprüfungsfach darf man, in China undenkbar, Kunst wählen; an die Flurwände hat ein Kurs kluge Zitate von Einstein, Oscar Wilde und anderen Großdenkern geschrieben. Werte, Erziehung zur Freiheit, darum sind viele junge Chinesen hier. Doch der Weg dahin kann tückisch sein, vor allem in geisteswissenschaftlichen Fächern.

Vorsicht, Charakterbildung!

"Die chinesischen Schüler sind sehr gut in reinen Wissensfragen", sagt Bonsignore. "Aber wehe, sie sollen etwa in Gemeinschaftskunde eine politische Entscheidung diskutieren. Viele verstehen dann schon die Frage nicht oder denken, das wäre eine Falle des Lehrers." Wer seine ersten Schuljahre in einem Land verbracht hat, in dem sich Schüler vor der ganzen Klasse unter Tränen für schlecht gepflegte Radiergummis entschuldigen, muss die Lust an der Debatte erst entdecken. "Wenn ich jemanden nach seiner Meinung frage, fangen viele an, im Buch zu blättern", sagt Bonsignore.

Es ist nicht das einzige kulturelle Neuland. Auch den korrekten Gebrauch von Klobürsten gilt es zu erlernen, ebenso den Umgang mit der Hals-Nasen-Ohren-Region. Chinesische Schüler, die aufgefordert werden, sich die Nase zu putzen, rotzen anfangs gern mal auf den Boden. Doch das sind Etikette-Petitessen. "Unsere Partnerschulen sind insgesamt sehr angetan von den Austauschschülern", sagt Aery-Chef Ma. "Sie sind fleißig, ehrgeizig und respektieren die Autorität der Lehrer." Schulische Probleme gibt es meist nur, weil das Deutschlernen hakt.

Knapp 200 Schüler hat Aery bislang an deutsche Internate vermittelt, die Preise liegen zwischen 25.000 und 40.000 Euro pro Jahr. Enthalten sind die Schulgebühren, Unterkunft, Visa, Versicherungen - und Betreuung an den Schulen vor Ort.

So ist der Schüleraustausch für die chinesische Seite ein hoffentlich karriereförderndes Alleinstellungsmerkmal - und für den Westen ein Wirtschaftsfaktor. Fast 30 Milliarden Dollar tragen etwa ausländische Studierende in den USA zur Wirtschaftsleistung bei. Auch für Carpe Diem begann alles im Herbst 2013 mit der Idee des rheinland-pfälzischen Wirtschaftsministeriums, durch Bildungsexport die wirtschaftlichen Beziehungen zu stärken. Derzeit baut Bonsignore, nach dem Vorbild vieler britischer Internate, Kontakt zu einer Partnerschule in Shanghai auf.

"Kreativität und freies Denken unerlässlich"

In Bad Neuenahr-Ahrweiler wohnt der Besitzer einer großen Hemdenmarke; nachdem die Tochter eines chinesischen Textilunternehmers im Internat angekommen war, dauerte es keine zwei Tage und die beiden Fadenfürsten standen miteinander in Kontakt. Immer mehr Chinesen sind in Deutschland investiert, da kann es nicht schaden, wenn die Kinder eine Zeit lang hier leben.

So ist die neue Lust am selbstständigen Denken nicht nur liebenswerte Mode, sondern auch Kalkül. "Chinas Wachstum gründete bislang darauf, die Werkbank der Welt zu sein. Das reicht nicht mehr im globalen Wettbewerb", sagt Merics-Mann Lang. "Für den nächsten Schritt sind Kreativität und freies Denken unerlässlich."

Angesichts des gewollten Wandels hin zu einer innovativen Informations- und Dienstleistungsgesellschaft steuert selbst die Regierung in Peking behutsam gegen das sture Denken in Noten und Rankings - einige Wettbewerbe in Mathematik etwa wurden in den vergangenen Jahren abgeschafft, in die Gaokao halten Essayfragen Einzug.

Statt Engstirnigkeit und Fachidiotentum jetzt also Persönlichkeitsentwicklung und Charakterbildung - mit durchaus ungewissen Folgen für das Pekinger Regime. Der Effekt für die einzelnen Schüler dagegen lässt sich bereits besichtigen: Die meisten wollen nach dem Abitur auch in Deutschland studieren - die Gebühren sind deutlich niedriger als in den USA oder Großbritannien, und sie kennen das Land bereits.

Alex etwa möchte sich für Maschinenbau einschreiben und anschließend auch in Deutschland arbeiten, zumindest für einige Jahre. Keine schlechte Taktik, meint Lang. Zwar finden Rückkehrer in China leicht gute Jobs, internationale Erfahrung gilt als wertvolle Qualifikation.

Viele Uniabsolventen träumen von einer Karriere im Westen

Aber: "Im Ausland erlernte Fähigkeiten können in der Heimat auch zu Konflikten führen. Kritisches Denken etwa wird von chinesischen Vorgesetzten, die Wert auf hierarchischen Gehorsam legen, nicht geschätzt." Viele chinesische Unternehmen sind kulturell noch nicht so weit: "Es gibt kein ,Warum'" ist dort ein beliebter Standardsatz.

So träumen viele Uniabsolventen von der Karriere in einem westlichen Konzern. Seit dem Jahr 2000 haben sich etwa deutsche Exporte nach China fast verachtfacht - auf rund 70 Milliarden Euro. Da können gut ausgebildete, hierzulande sozialisierte Expatriates nur hilfreich sein. Nicht zuletzt sieht mancher in Chinas Businesselite den Auslandseinsatz des Nachwuchses als mögliche Exit-Option: Wer sich mit dem Gedanken trägt, das Land zu verlassen, hat dann schon mal ein Standbein im Westen.

Für die deutschen Schulen ist der Austauscheffekt jetzt schon positiv: Die Eleven aus Fernost bringen weltgängiges Flair mit und stützen mit ihren Gebühren die wirtschaftliche Balance vieler Bildungsinstitute. "Die Schulen müssen nur aufpassen, dass die Mischung stimmt", sagt Internatsberater Detlef Kulessa. "Als Faustregel gilt: nicht mehr als 10 Prozent aus einem Kulturraum." Einige Internate haben inzwischen Obergrenzen für russische oder chinesische Schüler eingerichtet - in Großbritannien sind Quoten für ausländische Klassenkameraden schon lange die Regel.

Missen möchte die Mitschüler aus dem Land der Mitte aber kaum ein Internatsleiter. Vor allem nicht die schwer bezifferbaren, aber enormen Abstrahleffekte unter den Schülern selbst. Denn die Chinesen bringen vielen ihrer deutschen Klassenkameraden auch etwas ganz Neues bei: Disziplin und Motivation. Tugenden, die sich unter westlichen Pubertierenden gern mal verflüchtigen, wenn es um Mathe oder Physik geht - zugunsten der neuesten TV-Serie oder der nächsten Party.

Anders, wenn chinesische Schüler mit in der Internats-WG wohnen. "Am lernenden Klassenkumpan kann man einmal lachend vorbeigehen. Auch zweimal", sagt Bonsignore. "Beim dritten Mal klappen viele dann doch das Buch für die Klassenarbeit am nächsten Tag auf."

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