Sonntag, 20. Oktober 2019

Wie Audi, BMW und Mercedes gegen Elon Musk bestehen wollen Alle gegen Tesla - Deutschlands digitale Car-Guys

Autoindustrie: Deutsche Autobauer im Existenzkampf
BMW

6. Teil: IV. Die New Kids on the Block

Apple-Manager Johann Jungwirth (42) hatte Teslas Strom-SUV schon bestellt, als er las, dass Volkswagen eine neue Position im Topmanagement schaffe: einen Chief Technology Officer, einen Chefdigitalen, verantwortlich für den gesamten Konzern.

Es war der Tag, an dem Matthias Müller (62) Martin Winterkorn an der Volkswagen-Spitze ablöste: der 25. September 2015. Jungwirth rief Müller an und traf ihn drei Wochen später am Stuttgarter Flughafen. Am 1. November hatte er den Job bei VW - und ein neues Auto.

Jungwirth, der zuvor im Valley sieben Jahre für Mercedes und ein Jahr für Apple tätig war, ist so eine Art Agent. Er war bei Apples "Special Project" dabei: dem iCar.

Volkswagen hat Jungwirth engagiert, Daimler Sajjad Khan (41) und BMW Jens Monsees (45). Alle drei strahlen kalifornischen Fortschrittsglauben aus, und den werden sie brauchen. Denn sie sollen die deutschen Hersteller ans Web anschließen, als Disruptoren im Auftrag des Vorstands. Solche Reformer werden in großen Konzernen in der Regel nicht geliebt.

Jungwirth startet mit der Zerstörung der alten Kultur im ganz Kleinen. Er lässt sich "JJ" nennen, er möchte, "dass wir uns alle duzen". In seinem offenen Hemd fühlt er sich "komplett overdressed", und als er dann auch noch ein Großraumbüro für sich und sein Team einforderte anstatt möglichst vieler Fensterachsen für sich allein, war das Staunen groß in Wolfsburg.

"Ich weiß, wohin ich will", sagt Volkswagens neuer Tech-Chef. Und lässt seinen Visionen freien Lauf. Das autonome Fahren werde deutlich früher kommen, als die meisten Kollegen erwarten. Spätestens 2019 werde es in den ersten Städten so weit sein, nicht erst 2025, und zwar vollautonom, nicht nur mit Stauassistent; der Fahrer dürfe sich dann auch nach hinten setzen.

Manager in der Messias-Rolle

Die Messias-Rolle hat es ihm angetan: 37668 Stunden durchschnittlich am Steuer vergeudete Lebenszeit will Jungwirth den Menschen zurückgeben. Mehr als vier Jahre sind das. Und er will weltweit jährlich 1,25 Millionen Menschen vor dem Verkehrstod retten. "Mein Audi, hol mich ab", schwärmt er bei einem Auftritt auf der Genfer Messe. "Wow, das wäre doch klasse!" Volkswagen, klar, soll der erfolgreichste Mobilitätsanbieter der Welt werden. Dazu sei aber dringend ein Wake-up Call nötig.

Hat er die Markenvorstände im Saal überzeugt, hat er sie geweckt? "Das war ein wenig flach und naiv, oder?", mault ein Wolfsburger Manager anschließend. "Ordentlich blaue Flecken" werde sich Johann Jungwirth holen, warnt ein anderer, der ihm eigentlich wohlgesinnt ist.

Die Verbündeten sitzen eher bei der Konkurrenz. "Wir beherrschen die Hardware", sagt Jungwirths Daimler-Kollege Sajjad Khan. Aber für die Zukunft spiele Software eine mindestens so große Rolle. Khan ist der Sohn eines pakistanischen Diplomaten, er ist verheiratet mit einer Deutschen, hat im kanadischen Neufundland studiert und in Dubai und Kalifornien gearbeitet, zuletzt als Verantwortlicher für Connected Drive bei BMW. Ein Weltbürger also, der lieber Englisch als Deutsch spricht und ehrlich zugibt, wie schwer es ist, die wirklich guten Leute für sich zu gewinnen; "to make them believe".

Auch Khan sieht sich als Missionar. Er kämpft um die Car Guys der alten Generation. Aber er braucht auch die Techies, die Software-Nerds, die es bislang eher zu Microsoft zog als zu Mercedes. Und er muss diese Leute in Europa finden, einem Kontinent, auf dem es "nur einen IT-Player von globaler Relevanz" gibt; "und das ist SAP".

Leuten wie Jungwirth und Khan muss es gelingen, automobile SAPs aufzubauen. Dreimal so viele Software- und IT-Experten wie heute benötige man 2020, rechnet BMW-Chefentwickler Fröhlich vor. 15.000 wären das, externe Dienstleister inklusive. Nur wo sollen die herkommen? "Hohe Gehälter reichen nicht, um Tech-Talente für sich zu gewinnen", sagt Ralf Landmann, Partner bei der Personalberatung Spencer Stuart. "Die wollen Visionen, wirklich etwas bewegen."

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