Dienstag, 15. Oktober 2019

Aufsichtsräte Digitale Diaspora

Aufsichtsräte: Digitale Diaspora
AFP; PR; DPA

In den Kontrollgremien deutscher Unternehmen fehlt es an Techexpertise. Es geht aber auch anders.

Die folgende Geschichte stammt aus der August-Ausgabe 2018 des manager magazins, die Ende Juli erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Lars Hinrichs (41), Internetmillionär und Gründer des Businessnetzwerks Xing, ist so ziemlich das Gegenteil von schwatzhaft. Wozu reden, wenn sich alles in einem Buch nachlesen lässt. So schlüpfte der Norddeutsche in die Rolle des Weihnachtswichtels für die Aufsichtsräte der Deutschen Telekom Börsen-Chart zeigen.

Hinrichs sitzt seit 2013 im Kontrollgremium des Telkoriesen. Sein Auftrag: die Runde mit Digitalexpertise verstärken. Doch die gigantischen Umwälzungen der Internetära sind nicht so leicht auf den Punkt zu bringen, ohne jede Sitzung zu sprengen. Pragmatisch wie er ist, ließ der Hamburger seinen Kollegen den gerade erschienenen Bestseller "The Second Machine Age" von Andrew McAfee und Erik Brynjolfsson 2014 als Festtagslektüre nach Hause schicken.

Neben Hinrichs liefert im Telekom-Rat auch noch Karl-Heinz Streibich (65), scheidender CEO der Software AG Börsen-Chart zeigen, Hilfestellung bei transformatorischen Fragen. So viel Digitalexpertise ist selten in deutschen Aufsichtsgremien: Während Corporate Germany sich redlich müht, die 30-prozentige Frauenquote zu erfüllen, hat es die Suche nach Digitalverstehern weitgehend verschlafen.

Die Personalberatung Russell Reynolds hat jüngst wieder nachgezählt: Unter den Dax-30-Aufsehern finden sich gerade mal 25 Techaffine, keine 10 Prozent.

Den Kontrolleuren selbst ist diese offene Flanke durchaus bewusst. Als die Kanzlei Hengeler Mueller und Personalberater Heiner Thorborg 85 Aufsichtsräte zur Digitalisierung befragten, hielten rund 70 Prozent das Thema für "sehr wichtig" oder "wichtig". Die eigene Kompetenz schätzte aber nur ein Drittel als "sehr hoch" (4 Prozent) oder "hoch" (30 Prozent) ein.

Wie groß die Know-how-Lücke ist, lässt sich an der Euphorie ablesen, mit der die Unternehmen jeden Digitalo feiern, den sie zu fassen kriegen. Normalerweise ist die Neubesetzung eines Aufsichtsratspostens kaum mehr als eine dürre Pflichtmeldung wert. Nicht so bei Alex Karp (50), CEO des Verschlüsselungsspezialisten Palantir. Den Neuzugang feierte Springer-Chef Mathias Döpfner als "große Bereicherung". Ähnlich stolz ist die Lufthansa Börsen-Chart zeigen auf Michael Nilles (45). Der Wirtschaftsinformatiker kommt vom viel kleineren Schweizer Unternehmen Schindler Aufzüge.

Der Kompetenznotstand könnte die deutsche Wirtschaft noch teuer zu stehen kommen. Denn nun, da der Dauerrausch der Hochkonjunktur zu Ende geht und die Transformation umso härter durchschlägt, fehlen ganz oben die nötigen Ratgeber, Warner und Drängler. Ohne ein fundiertes Verständnis von Blockchain und künstlicher Intelligenz, von Cloud- oder Plattformtechnologien ist es schwer, einen etablierten Konzern durch disruptive Untiefen zu lotsen. Und fähiges Personal ist rar: Konsequente Aufbauarbeit wurde nie betrieben, und für ausländische Topshots sind deutsche Aufsichtsratsmandate wenig attraktiv.

Kongeniale Tandems aus Chefkontrolleur und Vorstandschef finden sich in Corporate Germany nur an zwei Stellen: Bei SAP Börsen-Chart zeigen, wo der Gründer und ewige Nerd Hasso Plattner (74) den geborenen Verkäufer Bill McDermott (56) immer wieder technologisch antreibt. Und bei Siemens Börsen-Chart zeigen, wo der dänische Ex-SAP-CEO Jim Hagemann Snabe (52) dem Oberboss Joe Kaeser (61) Hilfe leistet beim Umbau des Elektrogiganten zum Tech- und Softwarekonzern. Snabe hängt sich mächtig rein und gilt intern als "Glücksgriff".

Es ist schon bizarr: Seit Jahren lamentiert die Wirtschaft über die mangelnde digitale Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland, beklagt die schlechte Breitbandversorgung, die fehlende Gründerkultur, die Knappheit an Entwicklern. Aber ihre eigenen Spitzengremien passt sie nicht an.

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