Dienstag, 25. Juni 2019

Wachstum Können die Deutschen ihre Wettbewerbsfähigkeit retten?

Aufschwung: Schlaraffen wir das?
Eero Lampinen für manager magazin

Rund um den Globus investieren Staaten in den nächsten Wachstumsschub - und die Deutschen verdienen daran prächtig. Noch. Denn wir leben von der Substanz. Schwächen werden sichtbar.

Die folgende Geschichte stammt aus der März-Ausgabe 2018 des manager magazins, die Ende Februar erschien. Wir veröffentlichen sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Ein Bill McDermott spürt das "Momentum" in diesen Tagen überall: In Frankreich sei es jetzt wirklich da, lobt der SAP-Chef nach seinem Tête-à-Tête mit Emmanuel Macron. Frankreichs Präsident hat sich Ende Januar 140 CEOs nach Versailles geladen. In Davos, drei Tage später, dankt McDermott auch dem US-Präsidenten für "das Momentum, das Sie in die Weltwirtschaft gebracht haben". Er darf beim Dinner gleich zur Rechten von Donald Trump sitzen.

Er habe in der Schweiz keinen einzigen Vorstandschef getroffen, der nicht von dem "Momentum" beflügelt gewesen sei, sagt der Boss des teuersten deutschen Dax-Konzerns, die Stimmung sei "sehr, sehr gut". Deshalb glaubt McDermott fest: "2018 wird das Jahr der Investitionen in Beschäftigung, Industrieproduktion und Wachstum."

Die Weltwirtschaft holt mächtig Schwung, das Geschäft brummt - auch für die Deutschen. Nicht nur SAPs Software ist begehrt, Ausrüstungsgüter laufen ebenfalls. Der Exportklima-Index für die deutsche Wirtschaft nähert sich historischen Rekordmarken. Mit Jahresraten von 8 bis 10 Prozent wächst die einst chronisch lahme Investitionstätigkeit in Europa und Amerika derzeit, überall werden Anlagen erneuert und Tech-Ideen vorangetrieben.

Ausgerechnet Deutschland, der klassische Ausrüster der Weltwirtschaft, tut sich mit der eigenen Modernisierung jedoch schwer. Der Nachfrageschwung, den ein Global Player wie McDermott verspürt und der nun auch hierzulande die Investitionen belebt, kann darüber nicht hinwegtäuschen. Selbst der Kanzlerin macht das inzwischen Sorgen. Die Bereitschaft, sich auf die nächsten Sprünge einzulassen, sei im alternden Deutschland, "um es einmal vorsichtig zu sagen: nicht überausgeprägt", sinnierte Angela Merkel in Davos.

In dem Berliner Endlosringen um ihre nächste - dann vierte - Kanzlerschaft ging es zuletzt fast nur noch darum, wie die Erträge des laufenden Booms verteilt werden. Wer so stark wie Deutschland durch die Krisenjahre kam, mache ja wohl fast alles richtig, so die Logik der Satten und der Lahmen. Warum daran was ändern?

Sie übersehen, dass der nächste Investitionsschub auch neue Konkurrenz um Kapital und Innovationen, um Unternehmergeist und qualifizierte Fachkräfte mit sich bringt. Der Steuerwettbewerb, den Donald Trump mit seiner Großreform angestoßen hat, lässt bereits erahnen, wie radikal sich die Spielregeln noch ändern werden.

Die Ära Merkel
22. November 2005
SCHRÖDERS ERBIN
Gerhard Schröder ist an seiner „Agenda 2010“ gescheitert. Angela Merkel wird Kanzlerin einer Großen Koalition, nachdem sie die Wahl nur knapp gewonnen hat. Die offizielle Arbeitslosenzahl erreicht 4,6 Millionen.
2006 - 2008
ERNTEZEIT (I)
Deutschland genießt 2006 erst einmal das „Sommermärchen“ der Fußball-WM. Zur Etatsanierung steigt ab 2007 die Mehrwertsteuer um 3 Punkte, SPD-Vizekanzler Franz Müntefering setzt die Anhebung des Renten - alters auf 67 durch. Dank des globalen Booms und der Agenda-Reformen sinkt die Erwerbslosigkeit unter 3,3 Millionen.
5. Oktober 2008
CRASH-TAGE
Die Finanzkrise erfasst auch Deutschland, die Banken wackeln. Gemeinsam mit SPDFinanzminister Steinbrück verspricht Merkel den Sparern: „Ihre Einlagen sind sicher.“ Die Weltwirtschaft stürzt ab, Deutschland kann die drohende Jobkatastrophe aber durch Kurzarbeit und ein Konjunkturprogramm erfolgreich eindämmen.
2009 - 2013
KRISENMANAGEMENT
Nach der Wahl 2009 koaliert Merkel mit der FDP, die Reformen fordert. Doch die Euro-Krise wächst sich zum alles dominierenden Thema aus: Sie eskaliert 2010, als Griechenland kollabiert, und lässt sich erst durch massive Intervention der EZB stoppen. Deutschland wird zur ökonomischen Garantiemacht Europas, Merkel zur Krisenmanagerin. Die Arbeitslosenzahl sinkt unter drei Millionen.
2013 - 2017
ERNTEZEIT (II)
Nach der Wahl 2013 muss Merkel erneut eine GroKo bilden. Schwerpunkt ist eine großzügigere Sozialpolitik, dank Niedrigstzinsen lässt sich der Haushalt aber ausgleichen. 2015 steigt die Zahl der Flüchtlinge und Zuwanderer stark. Merkel weist Kritik zurück: „Wir schaffen das.“ Die Arbeitslosenzahl sinkt auf gut 2,5 Millionen, so wenig wie seit 1990 nicht mehr.
2017/18
SAME PROCEDURE?
Die Wirtschaft boomt – Union und SPD verlieren bei der Bundestagswahl aber deutlich. Die rechtsnationale AfD wird drittstärkste Kraft. Merkels Versuch, mit Grünen und FDP zu koalieren, scheitert. Einzige Option für eine Regierungsmehrheit ist die erneute GroKo. Und die lässt sich die SPD teuer abkaufen.

Die Deutschen sind lange von der ganzen Welt für ihre Stabilität bewundert worden. Dieser Vorteil schwindet nun wieder. Und aus einst guten Kunden werden - wie in China - Konkurrenten. Zugleich schimmern die Schwächen des heimischen Standorts immer offensichtlicher durch: Die Produktivitätszuwächse sind enttäuschend, Regulierung und Steuerlasten hoch, der Arbeitsmarkt für Fachkräfte ist ausgereizt, und digital kommt das Land allenfalls im Schleichgang voran.

Im bekannten "World Competitiveness Ranking" der Lausanner Wirtschaftshochschule IMD ist Deutschland zwischen 2014 und 2017 vom 6. auf den 13. Platz gerutscht. Auf einer separaten Liste zur digitalen Wettbewerbsfähigkeit reicht es gar nur für Rang 17.

Trotz der gefühlt paradiesischen ökonomischen Zustände stellt sich also die Frage: Können die Deutschen ihre Wettbewerbsfähigkeit und damit den aktuellen Boom auch ins kommende Jahrzehnt retten? Schlaraffen wir das?

Wie gründlich sich das Umfeld 2017 gewandelt hat, zeigt der jüngste Report des Internationalen Währungsfonds (IWF): Drei Viertel der Weltwirtschaft beschleunigten im vergangenen Jahr ihr Wachstum, kein einziges Industrieland steckt noch in einer Rezession. 85 Prozent aller Staaten konnten ihre Exporte zuletzt steigern, der höchste Anteil, den die IWF-Statistiker jemals verbucht haben. Und das Tempo soll weiter zunehmen. Allerorten schaukeln sich Konsum, Investitionen und internationaler Handel gegenseitig hoch, wie im Lehrbuch. Nach Weltbank-Berechnungen wird das globale Produktionspotenzial 2018 wieder voll ausgelastet sein.

Fast ein Jahrzehnt nach dem großen Finanzcrash ist die Ära des Durchwurstelns endgültig vorüber. Selbst Mohamed El-Erian, Chefökonom der Allianz, der einst beim Fondsanbieter Pimco das triste "New Normal" ausrief, hält diese Ära des zähen Mickerwachstums für beendet. Der fällige Kurswechsel der Notenbanker berge zwar ein Unfallrisiko. Immer wahrscheinlicher werde aber die "wunderschöne Normalisierung", eine robuste Expansion. Damit Wachstum ohne Überhitzung für längere Zeit möglich wird, müssen Reformen auf der Angebotsseite die bisherige Nachfragepolitik als ökonomisches Leitmotiv ablösen.

Genau da haben die Deutschen - trotz der gegenwärtigen Party - wenig zu bieten. Im World-Competitiveness-Vergleich offenbaren die nach vorn gerichteten Befragungen wachsende Zweifel. Besonders die Produktivitätsentwicklung hält Christos Cabolis, der zuständige Chefökonom, für eine oft übersehene Schwäche.

Nur wenn die Arbeitskräfte produktiver werden, können auch die Einkommen nachhaltig steigen. Deutschlands Vorzeigebranchen gelingt das noch: In der Autoindustrie und in Teilen der Elektrotechnik stieg der Output pro Beschäftigten nach einer Ifo-Studie zwischen 2008 und 2016 um fast 50 Prozent. Die Chemie schaffte immerhin ein Plus von 10 Prozent. In anderen Sektoren und bei vielen Dienstleistern tut sich allerdings kaum noch etwas. Am Bau stagniert die Arbeitsproduktivität seit Langem.

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