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Kamera-Manufaktur: Wie Kaufmann Leica nach vorne treibt

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Kultmarke Camera magica

Vor wenigen Jahren stand die Kultmarke Leica kurz vor der Pleite. Kann der ehemalige Waldorflehrer und Visionär Andreas Kaufmann die Kamera-Manufaktur nun in ein Weltunternehmen verwandeln?

Andreas Kaufmann (59), Mehrheitseigentümer des Kameraherstellers Leica, hat seine Mitarbeiter schon oft mit unkonventionellen Vorschlägen überrascht. Doch mit seiner Idee, einen Fotoapparat auf den Markt zu bringen, der ausschließlich Schwarz-Weiß-Bilder macht, stieß er selbst im eigenen Haus auf Unverständnis. Wer sollte sich denn, fragten viele Leica-Leute, in Zeiten der Farbfotografie so einen Apparat anschaffen? Und das zu einem Preis von 6800 Euro - ohne Objektiv.

Leica-Aufsichtsratsvorsitzender Kaufmann blieb stur. Das Schwarz-Weiß-Projekt verschlang zig Millionen Euro und band eineinhalb Jahre lang einen Großteil der Entwicklungsmannschaft - ein waghalsiges Unterfangen für die kleine Firma. Am Ende aber sollte der Visionär recht behalten.

Im Mai 2012 präsentierte Leica  die digitale "M Monochrom". Seither reißen sich Hobbyfotografen und Profis um das Modell, das eine faszinierende Vielfalt von Grautönen und Schattierungen hervorbringt. Kaufmann hatte gehofft, 3500 Stück pro Jahr zu verkaufen, tatsächlich sind es etwa dreimal so viele.

Egal ob die "M Monochrom", die Kompaktkamera "D-Lux" oder das Spiegelreflexsystem "S2" - die Kultprodukte aus dem mittelhessischen Solms sind in Frankreich genauso begehrt wie in den Vereinigten Staaten oder Russland. Die Fans scheuen sich nicht, Hunderte und Tausende von Euros als Premiumaufschlag zu bezahlen; und sie nehmen monatelange Lieferfristen hin.

"Ein unglaublicher Mythos"

"Der Name Leica", schwärmt Kaufmann, "birgt einen unglaublichen Mythos." Er sagt dies mit Stolz, immerhin hat er das Traditionshaus, das Mitte der 2000er Jahre kurz vor der Insolvenz stand, wieder in ein prosperierendes Unternehmen verwandelt. Das ist auch der Grund, weshalb Kaufmann und Leica-Chef Alfred Schopf im September zu den "Entrepreneuren des Jahres" (veranstaltet von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young) gewählt wurden - sie wurden außerdem als deutsche Vertreter für den internationalen Wettbewerb "World Entrepreneur of the Year 2014" nominiert.

Nach der erfolgreichen Sanierung verfolgt Kaufmann jetzt einen ambitionierten Wachstumskurs. Die Fertigungskapazitäten werden nahezu verdoppelt, in Wetzlar sind die Fundamente für eine neue Zentrale gelegt, und vielerorts eröffnen Leica-Läden. Zudem sind die Ausweitung des Produktportfolios und der Zukauf von Firmen geplant.

Der ehemalige Waldorflehrer Kaufmann, der durch ein üppiges Erbe zu Reichtum gekommen ist, will aus Leica nicht weniger als "ein Weltunternehmen" machen.

Was aber, wenn die Kosten der Expansion die Firma überfordern und Leica am Ende wieder in eine Schieflage gerät?

Von der Fastpleite bis zum Bündnis mit Blackstone

In seiner hundertjährigen Geschichte hat Leica schon viele Höhen und Tiefen erlebt. Das Unternehmen gehörte in den 50er und 60er Jahren zu den größten Kameraherstellern der Welt, geriet dann aber immer weiter ins Hintertreffen. Im Geschäftsjahr 2004/05 sackte der Umsatz auf 92 Millionen Euro ab, der Verlust nach Steuern betrug 18 Millionen Euro.

Die Hauptursache des Übels lag in der veralteten Technik. Spiegelreflex, Autofokus, Digitalisierung - fast alles, womit die Konkurrenz reüssierte, vergilbte als Konzept in den Schubladen der Hessen. Es fehlten schlicht die Mittel für die Umsetzung der Pläne.

Kaufmann, der im Sommer 2004 die ersten Aktien von Leica erworben hatte, riskierte alles. Er erhöhte seinen Anteil an der börsennotierten Firma binnen zwei Jahren auf 96,5 Prozent, nahm einen tiefen Kapitalschnitt hin, stockte das Grundkapital auf und sorgte dafür, dass ausreichend Geld in die Entwicklung floss. 2009 war der Kraftakt geschafft: Leica hatte das gesamte Angebot überarbeitet und präsentierte gleich drei innovative Modellreihen.

Bereits ein Jahr nach der Produktoffensive schrieben die Solmser wieder Gewinne. Mittlerweile sind die Erlöse auf 325 Millionen Euro geschnellt, die Umsatzrendite nach Steuern betrug im Geschäftsjahr 2012/13 gut 12 Prozent (siehe Grafik "Die Legende lebt") .

Bündnis mit Finanzinvestor Blackstone

Parallel zur Wiederbelebung von Leica schaute sich Kaufmann nach einem Finanzpartner um und verbündete sich schließlich mit dem Private-Equity-Haus Blackstone . Die zwei Eigentümer drängten 2012 die letzten freien Aktionäre aus dem Unternehmen und nahmen Leica dann von der Börse. Kaufmann hält nun noch 55 Prozent an Leica. Für die restlichen 45 Prozent zahlte ihm Blackstone mehr als 140 Millionen Euro - etwa die Summe, die er in die Firma investiert hatte.

Dass sich ein Private-Equity-Haus mit einem Minderheitsanteil zufriedengibt, ist ungewöhnlich; genauso wie die Tatsache, dass Blackstone den Kaufpreis allein mit Eigenkapital finanzierte und Leica keine Schulden aufbürdete. Beides hatte Kaufmann als Bedingung vorgegeben.

Der gewiefte Verhandler ging sogar noch zwei Schritte weiter: Zum einen musste sich Blackstone verpflichten, Kapital nachzuschießen, wenn die Eigenmittel von Leica für die Expansion nicht ausreichen. Zum anderen verlangte Kaufmann ein längerfristiges Engagement. "Fünf bis zehn Jahre werde ich Leica bei der Internationalisierung begleiten", sagt Blackstone-Deutschland-Chef Axel Herberg (55). Erst dann sei ein Exit vorgesehen. Unter den verschiedenen Ausstiegsszenarien ist auch ein Börsengang.

"Behandelt wie den letzten Idioten"

Kaufmann will auf keinen Fall das Wachstum des Unternehmens mit Bankkrediten vorantreiben. Er erinnert sich noch mit Schaudern daran, wie er 2005, als Leica vor dem Ruin stand, von Vertretern der Commerzbank  einbestellt wurde. Die hätten ihn "behandelt wie den letzten Idioten aus der Provinz".

Um sich nicht noch einmal von Bankmanagern kujonieren zu lassen, hat Leica im November 2012 ein Schuldscheindarlehen von 50 Millionen Euro aufgenommen. Das Geld ist allerdings schon weitgehend aufgezehrt. Allein 30 Millionen Euro gingen für den Neubau eines Werks in Portugal drauf, neben Solms der zweite Fertigungsstandort von Leica.

Werk in Portugal, neue Fabrik in Wetzlar

Die Fabrik in der Nähe von Porto wurde im Frühjahr eingeweiht. Dort können wesentlich mehr Komponenten gefertigt werden als in den alten Hallen. Gleichwohl beträgt die Lieferzeit bei besonders hochwertigen Objektiven noch immer fünf bis sechs Monate. "Wir fahren bereits drei Schichten und kommen mit der Produktion trotzdem nicht nach", sagt Alfred Schopf (56), Vorstandsvorsitzender von Leica.

Die Situation wird sich wohl erst 2014 entspannen, wenn Leica  in den Wetzlarer Leitz-Park umzieht. Auf 28.000 Quadratmetern entstehen neben Büros und einer wesentlich größeren Fabrik als in Solms auch ein Fotomuseum, ein Leica-Laden und ein Besucherzentrum.

Schon heute kommen wöchentlich zwei bis drei Busse mit Leica-Fans nach Solms, um die Objekte ihrer Begierde zu bestaunen. Künftig rechnet Schopf jährlich mit 60.000 Menschen, die durch die gläsernen Flure strömen.

Millionen Euro für Forschung - zurück in den Olymp der Fotografie

Der weitläufige Komplex in Wetzlar kostet rund 65 Millionen Euro. Leica hätte sich weiter verschulden müssen, um eine so hohe Summe zu schultern. Oder die Eigentümer hätten das Kapital erhöht. Weil Kaufmann beides nicht wollte, hat er die Investition aus seinem Privatvermögen finanziert. Leica wird in den Leitz-Park als Mieter einziehen.

Schönere Gebäude, modernere Fabriken, attraktivere Produkte - wie ein Besessener arbeitet Kaufmann daran, Leica wieder in den Olymp der Fotografie zu heben. Gut zwölf Millionen Euro gibt das Unternehmen jährlich für Forschung und Entwicklung aus. Eine neue Serie von Kameras wird demnächst angeboten, außerdem sind verschiedene Internetservices geplant.

Zusätzlich soll ein Paradigmenwechsel im Vertrieb das Geschäft forcieren. Früher verkaufte Leica im Wesentlichen über klassische Fachhändler, doch von dieser Spezies gibt es nicht mehr all zu viele - die wenigsten können noch Konkurrenten wie Media Markt und Saturn standhalten.

Kaufmanns Traum von 300 exklusiven Läden weltweit

Daher verkaufen die Hessen ihre Ware jetzt zunehmend über Shops und Stores, die entweder von Leica selbst oder von Franchisern betrieben werden. In den Regalen der Läden liegen ausschließlich Kameras, Objektive und Accessoires aus dem Hause Leica.

Die rund 150 kleinen Shops sind meist in den besten Lagen großer Städte wie Berlin, Schanghai oder Moskau angesiedelt. Hinzu kommen zwei Flagshipstores in Los Angeles und Solms, in denen die teuren Produkte - besonders exklusive Kameras können schon mal bis zu 40.000 Euro kosten - auf Hunderten von Quadratmetern feilgeboten werden.

Kaufmann würde das Netz gern zügig ausbauen. Er träumt von 300 und mehr Läden auf der ganzen Welt, aber noch sind ihm die Hände gebunden. "Was bringen uns viele neue Shops", fragt er, "wenn wir zu wenig Produkte haben, die wir verkaufen können?"

Internationalisierung und China im Blick

Erst ab 2014, wenn endlich genug Nachschub aus den Fabriken kommt, soll die Internationalisierung wieder eindeutig im Fokus stehen. 88 Prozent des Umsatzes steuert das Ausland bereits bei, allen voran Amerika. China indes liegt noch weitgehend brach.

Bei der Erschließung des Landes wird Blackstone  helfen. Das Private-Equity-Haus, an dem auch ein chinesischer Staatsfonds beteiligt ist, verfügt über gute Kontakte in Asien und kann Leica bei der Logistik oder in juristischen Fragen zur Seite stehen.

Kaufmann und sein Juniorpartner Herberg stacheln sich mit ihrem offenkundigen Optimismus gegenseitig an. Bis zum Geschäftsjahr 2015/16 wollen sie den Umsatz von 325 Millionen Euro auf 500 Millionen Euro steigern.

Die Gewinne bleiben in der Firma

Die Finanzierung des Wachstums scheint gesichert. Herberg lässt durchblicken, dass auf absehbare Zeit alle Gewinne thesauriert würden, und wenn doch Kapital fehle, könnten die Eigentümer nachlegen.

Hausaufgaben zu machen gilt es noch im Unternehmen selbst. Die Kapazitätsausweitung funktioniert nur, wenn mehr hoch qualifiziertes Personal ausgebildet wird; die Produktion in den alten Solmser Werkshallen ist nicht sonderlich effizient organisiert, und die Kostenstrukturen müssen optimiert werden.

"Leica hat zwar den Bekanntheitsgrad einer Weltmarke", sagt Kaufmann, "aber wir sind noch nicht wie ein Weltkonzern aufgestellt."

Das jedoch, so schiebt er flugs nach, "wird sich alsbald ändern".

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