Alno trotz Hastor-Einstieg insolvent Das Imperium des bosnischen Hastor-Clans

Der bosnische Hastor-Clan klaubt ein Imperium zusammen, legt sich mit Weltkonzernen wie VW und Daimler an, lehrt Konkurrenten das Fürchten und rollt ganz nebenbei die Möbelindustrie auf. Die Zahl der Feinde wächst gefährlich. Nun ist eines seiner Investments pleite: Der Küchenhersteller Alno.
Der Küchenhersteller Alno ist pleite

Der Küchenhersteller Alno ist pleite

Foto: DPA

Die folgende Geschichte stammt aus der Ausgabe 3/2017 des manager magazins, die Ende Februar erschien. Angesichts der Insolvenz des Küchenherstellers Alno veröffentlichen wir sie hier als Kostprobe unseres Journalismus' "Wirtschaft aus erster Hand". Damit Sie künftig früher bestmöglich informiert sind, empfehlen wir ein Heft-Abo.

Schwarze Zahlen bei Deutschlands einst größtem Küchenhersteller Alno sind so selten wie Fernsehabende ohne Kochshows. Seit Jahren geht es im beschaulichen Pfullendorf vor allem um eines: ums Überleben. Nun soll ausgerechnet ein geheimnisvoller Clan in die Rolle des Retters schlüpfen, dessen Handlungen mitunter an Harakiri erinnern. Kaum hat sich die bosnische Familie Hastor zum Schnäppchenpreis rund 27 Prozent der Alno AG  einverleibt, kapert sie den Aufsichtsrat, tauscht den halben Vorstand aus und verabschiedet ein Sechstel der Belegschaft.

Für Alno ist das Vorgehen neu und erschreckend, für die Hastors ganz normales Geschäft. Firmenpatriarch Nijaz Hastor (66), seine Frau Mirsada (57) und die Söhne Kenan (37) und Damir (35) haben sich in gerade einmal 24 Jahren ein Imperium erschaffen, das inzwischen drei Milliarden Euro umsetzt. 12.000 Menschen fertigen auf vier Kontinenten Autoteile, bauen Jachten, betreiben Banken und Versicherungen, produzieren Textilien, Schuhe und Möbel.

VW düpiert und Daimler verklagt

Die Firmenpiraten sind härter als Heuschrecken und aggressiver als Aktivisten, ein Mittelständler, wie ihn die Republik sonst nicht kennt. Die Eigner des Sitzbezügeherstellers Prevent haben Volkswagen düpiert, die Produktion lahmgelegt, Daimler verklagt, reihenweise strauchelnde Konkurrenten geschluckt und filetiert. Nun greifen sie nach Alno und dem börsennotierten Autozulieferer Grammer , einem Milliardenkonzern.

Doch so rasant der krimireife Aufstieg ist, so groß ist die Gefahr des Scheiterns. Das war von Beginn an so.

Zwischen sanften grünen Hügeln erstreckt sich das Grauen. Inmitten von Trümmern erhebt sich ein Mann mit dunklen Haaren und Sonnenbrille. Er ist gekommen, um aufzuräumen, beseelt davon, seine Heimat, die nun Bosnien und Herzegowina heißt, aufzubauen. Der Mann, der wenige Monate nach Kriegsende vor den Überresten Sarajevos in die Kamera blickt, ist Nijaz Hastor. Es ist das Jahr 1996. 36 Monate später entsteht ein zweites Foto, auf dem er vor den ersten Gebäuden seines Unternehmens posiert.

Die imposante Bildfolge hängt im gläsernen Verwaltungsbau der Prevent Gruppe im Westen Sarajevos. Noch heute kursiert im Konzern die Saga vom heldenhaften Start in einer Garage - was bestenfalls die halbe Wahrheit ist.

Lesen Sie die Nachricht zum Hintergrund: Alno stellt Insolvenzantrag

Hastors Karriere beginnt bei TAS, einem Joint Venture von VW und dem jugoslawischen Mischkonzern Unis. Als der Balkanstaat zerfällt, zieht es den Manager Anfang der 90er in die slowenische Kleinstadt Slovenj Gradec. In den Nachkriegswirren wird aus dem Prevent-Angestellten ein Anteilseigner - und aus dem Anteilseigner ein Enteigner. So lautet zumindest der Vorwurf früherer Geschäftspartner, dem Polizei und Staatsanwälte in Slowenien nachgehen. Hastor nimmt dazu nicht Stellung.

Auf Betreiben des Großkunden VW entsteht 1998 in Wolfsburg mit Prevent DEV eine Dependance für Design, Entwicklung und Vertrieb, über die der Konzern die Aufträge abwickelt. Hastor führt die Firma mit Prevent-Chef Joze Kozmus (64). Nach zwei Kapitalerhöhungen und einer Barzahlung gibt es nur noch einen Eigentümer: Hastor. Parallel baut er in Bosnien eigene Werke auf. Als die gut laufen und die Partner in Slowenien obsolet werden, zieht er den Stecker. 2010 ist die Keimzelle pleite.

Prevents Erfolg wäre ohne Volkswagen nicht möglich gewesen

Foto: manager magazin

"Hastor kam als Flüchtling, hat sich das Unternehmen angeeignet und benutzt bis heute unseren Namen", klagt ein früherer Prevent-Boss. "Herr Winterkorn hat uns damals eine lückenlose Aufklärung versprochen. Passiert ist nichts."

Tatsächlich wäre Hastors Erfolg ohne Volkswagen  nicht möglich gewesen. Der Patron genoss über Jahre das Vertrauen von Einkaufsboss Francisco Javier Garcia Sanz (59). Für 2,13 Millionen D-Mark durfte Hastor 42 Prozent des VW-Werks in Sarajevo erwerben und verdiente am Verkauf der Fahrzeuge mit. Dreimal erhielt Prevent vom Wolfsburger Autogiganten die Auszeichnung als Zulieferer des Jahres.

Prevent im Kaufrausch

Nützlich dürften neben dem guten Preis-Leistungs-Verhältnis auch Hastors Kontakte in der Heimat gewesen sein. Die sind offenbar so gut, dass sich selbst bosnische Behörden dafür interessieren. Der Vorwurf, Hastor habe dem früheren Staatschef Alija Izetbegovic eine Wohnung finanziert, wird 2006 zum Politikum.

Doch selbst die besten Beziehungen halten nicht ewig. 2008 beginnt es zwischen VW und Prevent zu kriseln. Damals stellte der Autobauer die Pkw-Montage in Sarajevo ein. Der Betrieb verkommt zu einer überdimensionierten Ersatzteilproduktion. Juniorpartner Hastor kann die Investitionszusagen gegenüber der bosnischen Regierung nicht einhalten. Noch heute ist ein Rechtsstreit anhängig.

Es ist die Zeit der Zäsur bei Prevent. Auf der Suche nach neuen Geschäften verfällt die Familie geradezu in einen Kaufrausch. Zu Treibern des Umbaus werden Nijaz' Söhne Kenan und Damir. 2008 setzt der Patriarch die an US-Eliteunis ausgebildeten Sprösslinge zunächst als Geschäftsführer ein und stellt ihnen Karl-Heinz Bierenbreier (63), einen früheren Daimler-Manager, als Sparringspartner zur Seite. Seit 2015 fungieren sie formell nur noch als Gesellschafter.

De facto wirkt der glatte, extrovertierte, aber auch kluge Kenan als CEO, Damir kümmert sich um die Zahlen. Wie ihr Vater scheuen sie das Rampenlicht. In Wolfsburg, wo sie seit Jahrzehnten wohnen, und selbst in Bosnien, wo die Familie mit rund 7000 Beschäftigten der größte private Arbeitgeber ist.

Prevent stemmt in wenigen Jahren 15 Übernahmen

Statt sich auf die margenschwache Produktion von Sitzbezügen zu beschränken, wächst die Angebotspalette zügig. 2009 greift Prevent beim Lederfabrikanten Eybl zu, 2010 folgen das Presswerk TWB und die Textilfabrik Gaenslen & Völter. Ein Jahr später kommt die Lederfabrik Vogl dazu. In wenigen Jahren stemmt die Gruppe über 15 Übernahmen.

Das Muster: Meist rücken die Zahlenprofis Christian Brenner (37) und Detlef Niefindt (57) an und tauschen das Management aus. Misslingt die Sanierung, wandern Maschinen und Know-how nach Bosnien, mitunter ist dies sogar vorher vertraglich vereinbart.

Prevents Vorteil: Die Firmen sind nicht nur billig, sondern meist auch klein und unbekannt. Wenn sich Protest regt, dann allenfalls in der Lokalpresse. "Es ist sicher viel schiefgegangen, aber in der Summe haben wir massiv Werte geschaffen", sagt ein früherer Prevent-Manager. Und so werden Kenan und Damir immer mutiger.

2013 reift der Plan, auch in der Textil- und Möbelindustrie zu investieren. Im Juni 2014 heuert Prevent Hubertus Kläs an. Der 56-Jährige kennt die Möbelbranche von Stationen beim Küchenhersteller Bulthaup und beim Sofa-Fabrikanten Rolf Benz. Mit Gründung der Neofacture Furniture beginnt die Produktion für Ikea und Home24.

2015 verleibt sich Prevent die angeschlagenen Polstermöbelhersteller Gepade und Machalke ein. Gepade ist zweieinhalb Monate später pleite, dafür kommt Wössner ins Portfolio. Und damit ist noch lange nicht Schluss. "Wir wollen die Abhängigkeit vom Automotivgeschäft reduzieren, Möbel sind für uns von strategischem Interesse", lassen die Inhaber verlauten. "Auch das Textilgeschäft wird immer interessanter. Wir halten weiter die Augen offen."

"Durchs Kellerfenster in Wohnzimmer"

Die Nähwerke des Clans produzieren unter anderem für den Modekonzern Ahlers. Die Suche nach weiteren Partnern läuft. Seit dem ungleichen Kampf gegen VW sichern sich die Hastors ab.

Als Prevent in Wolfsburg auf das niedrigste interne Rating C abrutscht, schaut sich VW nach Alternativen um und wird beim maroden Car Trim im sächsischen Plauen fündig. Auf einen Auftrag für den Passat folgt die Order für die Sitzbezüge von Touareg und Porsche Cayenne. Um das 500 Millionen schwere Volumen hatte sich Prevent vergeblich bemüht. Das lassen sich die Hastors nicht gefallen.

Mensur Sacirovic (39), Leiter des Beteiligungsmanagements, und sein Kompagnon Rogerio Luis Goncalves (46), Chef des in den Niederlanden registrierten Investmentarms Eastern Horizon, gründen eine neue Gesellschaft namens Parramatta, was so viel heißt wie "Mutter des Geldes", und schnappen sich Car Trim. "Die sind durchs Kellerfenster ins Wohnzimmer eingestiegen, und VW hat nichts gemerkt", sagt ein Beteiligter. Als das Manöver auffliegt, kommt es zur Eskalation. Volkswagen kündigt die Aufträge, Prevent verweigert die Lieferung. Rund 30.000 VW-Mitarbeitern geht tagelang die Arbeit aus.

"Gegenseitige Drohungen gehören in dieser knallharten Branche zum Tagesgeschäft", sagt ein Wettbewerber. "Aber dass ein Zulieferer das durchzieht, ist einmalig." Ob sich der Mut auszahlt?

Der Clinch wurde außergerichtlich beigelegt, eine weitere Zusammenarbeit vertraglich zugesichert. Aber der Friede bleibt brüchig. Der gemeinsame Fahrzeugvertrieb in Bosnien ist Geschichte, die VW-Aufträge in Brasilien sind weg, die Prevent-Tochter Keiper steht vor dem Aus. Mit Daimler streiten die Hastors vor dem Landgericht Stuttgart um Schadensersatz in Höhe von 41,6 Millionen Euro. In Bosnien werden bereits erste Betriebe auf die Fertigung von Möbeln und Textilien umgestellt; Prevent-DEV-Chef Torsten Walter (52) hat seinen Hut genommen. Trotzdem bezeichnen die Hastors die schwierige Lage an der Kundenfront als "normalen Zyklus".

Endspiel in Amberg

Das kann man von ihrem Feldzug in Amberg nicht behaupten. Kurfürstliches Schloss, gotisches Rathaus, historische Stadtmauern - und ein ungebetener Eindringling. Seit Anfang 2016 erhöht Prevent über die Finanzvehikel Halog und Cascade den Anteil an der Grammer AG. Der im S-Dax notierte Hersteller von Mittelkonsolen, Armlehnen, Kopfstützen und gefederten Sitzen setzt 1,7 Milliarden Euro um und verfolgt ambitionierte Pläne. In drei Jahren soll die Zwei-Milliarden-Marke fallen.

Inzwischen halten die Hastors über 20 Prozent. Lange schwiegen sie über ihr Vorhaben, bis eine Mitteilung zum Eklat führte. Die Forderung: Vorstandschef Hartmut Müller (53) soll weg und fünf der sechs Aktionärsvertreter im Aufsichtsrat gleich mit. Prevent will seine eigenen Leute entsenden und den Laden kontrollieren.

Doch Grammer ist nicht Alno. Während Alno-Chef und Miteigner Max Müller (70) den Clan selbst von einem Einstieg überzeugt hat, denkt Grammer-CEO Hartmut Müller nicht an Rückzug. "Die Forderungen kamen völlig unerwartet und sind nicht nachvollziehbar", lautet die Reaktion.

Grammers Hauptkunden - ausgerechnet VW und Daimler - sind besorgt. Ein weißer Ritter soll her. Selbst mit chinesischen Investoren werden Gespräche geführt. Läuft alles nach Plan, könnte Mitte Februar bereits eine Lösung stehen. Sicher ist schon jetzt: Auf der nächsten Hauptversammlung droht ein heißer Tanz.

Eine Milliarde Euro Privatvermögen

Beide Seiten werfen sich vor, ein klärendes Gespräch zu verweigern. "Grammer leidet seit Jahren an einer schwachen Gewinnmarge. Diese Entwicklung wurde vom Management nicht mit dem nötigen Engagement angegangen", donnern die Hastors. "Die intensivierte Kontrolle darf nicht als feindliche Übernahme missverstanden werden." Und dann fügt ein Vertrauter hinzu: "Über uns werden viele Klischees verbreitet, die schlicht nicht der Wahrheit entsprechen. Man wird eben schnell in gewisse Schubladen gesteckt. Viele machen sich nicht die Mühe, die Fakten zu prüfen."

Alltäglich sind die Geschäftspraktiken der Hastors jedenfalls nicht. Das Kalkül bei Grammer ist einfach: Es geht um neue Kunden, darum, auch mit der Bahn ins Geschäft zu kommen, um die sich Prevent bisher vergeblich bemühte. Kurz gesagt: Die Hastors wollen nicht länger nur ein Auftragsproduzent großer Autoteilehersteller sein.

Das Selbstvertrauen dafür ist vorhanden, aber auch die nötigen Ressourcen? Die Familie vertraut wichtige Aufgaben nur rund einem Dutzend Topleute an, und die wirken mitunter überlastet. Das Privatvermögen der Hastors schätzen Insider zwar auf rund eine Milliarde Euro, aber größere Investitionen haben sie bislang gescheut. Das könnte Alno zum Verhängnis werden.

Alno ist auf Gedeih und Verderb von Prevent abhängig

Um bei dem Küchenhersteller nicht die Mehrheit übernehmen zu müssen, ließen sie einen früheren Steuerprüfer des Konzerns mitbieten. Sie hatten Sorge, dass die Gläubiger sonst die Anleihen fällig stellen können. Nötig war das am Ende nicht. Nur 9,88 Prozent der Anleger gingen auf das Angebot von 50 Cent pro Anteilsschein ein.

Mit nun 26,6 Prozent der Aktien und dank einer Poolvereinbarung 43,13 Prozent der Stimmrechte kann die Sippe nach Belieben durchgreifen. Alno ist mit 156 Millionen Euro verschuldet und auf Gedeih und Verderb von Prevent abhängig.

Obwohl laut Angebotsunterlage kein Vorstandswechsel vorgesehen war, hat Prevent-Mann Christian Brenner Finanzchefin Ipek Demirtas (49) abgelöst. Auch Produktionsvorstand Frank Wiedenmaier (53) ist weg, sein Posten wird nicht nachbesetzt. Der 70-jährige CEO Max Müller gilt als Übergangslösung. Im Aufsichtsrat sitzen inzwischen fünf Prevent-Manager.

Seit Wochen durchleuchten 25 Abgesandte Alno nach Einsparpotenzial. 350 der 2100 Mitarbeiter sollen gehen, die Kosten um 20 Millionen Euro sinken. Reichen wird das nicht. Die Belegschaft hat Angst, dass ihre Firma zerschlagen wird. "Wir denken über eine Verlagerung von Teilen des Unternehmens nach, haben aber das Ziel, die Standorte zu erhalten", versichert der Clan.

Im Möbelhandel laufen Krisensitzungen. Die Angst ist groß, dass sich die Hastors verheben. Dann bliebe das 90. Jubiläum, das Alno dieses Jahr feiert, endgültig das letzte.