Althippie und Uhrenmanager Jean-Claude Biver "Zweifel ist dein bester Freund"

Jean-Claude Biver, Althippie und Uhrenmanager, über Instinkt und Diätpläne.

Das folgende Porträt stammt aus der April-Ausgabe 2017 des manager magazins.

Jean-Claude Biver ist ein umtriebiger Mann. Sein Erfolg basiert auf der Methode "rückwärts-innovativ". Als alle Welt auf Quarz setzte, sorgte er für die Renaissance der mechanischen Uhr. Jetzt hat er die Richtung geändert, wird gefeiert für die Smartwatch made in Switzerland. Gerade hat er seine Memoiren vollendet.

manager magazin: Herr Biver, ich erkenne Sie kaum wieder, so abgemagert sind Sie. War das Schreiben über Ihr Leben so auszehrend?

Jean-Claude Biver: Nein, aber vergangenes Jahr hat mein Sohn eine Chinesin geheiratet, in China. Da waren über 600 Gäste, und als Vater musste ich mit jedem trinken, das ist dort gute Sitte. Als ich wieder im Flugzeug saß, fix und fertig, es war der 29. April, schwor ich, erst mal keinen Alkohol mehr zu mir zu nehmen. Meine Frau und mein jüngster Sohn spotteten: Ach, das schaffst du nie. Euch werd ich's zeigen, dachte ich. Anderthalb Monate habe ich keinen Schluck getrunken.

mm: Und die Pfunde sind gepurzelt.

Biver: Und wie! Als die ersten zehn Kilo runter waren, hat mich der Ehrgeiz gepackt. Bis zu meinem Geburtstag am 20. September habe ich nichts getrunken. Je mehr Gewicht ich verlor, umso besser kam ich in Form. Ich konnte endlich wieder Sport treiben, bin um 4 Uhr morgens aufgestanden und eineinhalb Stunden Rad gefahren. Als der Winter kam, ging ich skiwandern. Ich bin seither in Topform, wie vor 30 Jahren.

mm: Und vor lauter Dopaminausstoß konnten Sie nicht anders, als Ihre Biografie zu schreiben?

Biver: Mich trägt eine unfassbare Euphorie. Dies ist mein größter Sieg: Ich habe gegen mich selbst gewonnen.

mm: Mehr geht für eine Naturgewalt wie Sie nicht?

Biver: Ich wünsche mir jedenfalls keinen Gegner wie mich selbst.

mm: Und jetzt, da diese Schlacht geschlagen ist, hören Sie die Uhr ticken. Deshalb ein "Biver's Best" für die Nachgeborenen?

Biver: Im Gegenteil. Ich bin so damit beschäftigt, den Anschluss an die Zukunft zu halten, dass ich kaum auf die Uhr schaue. Das größte Glück meines Lebens war, dass ich mit 51 noch einen Sohn bekam. Der ist heute 16, und ich lerne viel von ihm: über Kleidung, Musik, Marken. Ich merke gar nicht, dass meine Zeit abläuft. Zumal Leidenschaft keinen Ruhestand kennt.

"Kein Businessmodell kommt ohne Liebe aus."

Jean-Claude Biver

mm: Im Buch lernen wir Ihre sensible Seite kennen, den Weltverbesserer, der die Zahlenheinis aus den Chefetagen verjagen würde.

Biver: Ich halte jedes Jahr 20 bis 30 Vorträge an Universitäten, in Cambridge, Harvard, London. Wenn ich dort über mein Leben spreche, ist die Jugend jedes Mal fasziniert. Ich frage mich oft, was ich hinterlassen kann. Die Liebe zu meiner Familie, meinem Geschäft wird in irgendeiner Form weiterleben, aber ich möchte auch etwas von meinen Erfahrungen und meinem Optimismus weitergeben. Ich möchte nackt sterben, alles, was mir gegeben wurde, teilen. Deshalb das Buch.

mm: Es ist ein Plädoyer für die Liebe. Recht ungewöhnlich für einen Geschäftsmann.

Biver: Moral und Ethik im Geschäft zahlen sich vielleicht nicht kurzfristig aus, langfristig aber umso mehr. Kein Businessmodell kommt ohne Liebe aus.

mm: Liebe als Betriebskapital?

Biver: Es geht künftig ums Teilen. Wir müssen das Klima teilen, unsere arme Erde, die Tiere, das Geschäft, die Gewinne. Und auch das Elend. Teilen ist der größte Liebesakt. Wir können nicht nehmen, ohne zurückzugeben. Das will ich den Studenten klarmachen.

mm: Klingt nach 'nem Hippie, der sich in die Luxusindustrie verirrt hat.

Biver: Für mich gilt: Einmal Hippie, immer Hippie. Im Herzen bin ich Romantiker, Ökologe und Pazifist geblieben.

mm: Haben Sie als Student in einer Kommune schon alles geteilt?

Biver: Ja, ich habe von 20 Uhr abends bis um 5 Uhr morgens bei der Post gearbeitet, um mein Studium zu finanzieren. Wenn ich in der Früh heimkam, durfte ich keinen Lärm machen. Die anderen wiederum mussten leise aufstehen, weil ich noch schlief. Alles Geld floss in eine Kasse. Da lernt man zu teilen.

mm: Haben die Topmanager von heute das verlernt?

Biver: Die glauben oft, sie wüssten alles, bloß weil sie an der Uni mathematische Modelle studiert und ein Superdiplom in der Tasche haben. Ich sage denen dann immer: Der Zweifel ist dein bester Freund.

mm: Die jungen Schnösel scheinen Sie ganz schön zu nerven.

Biver: Viele haben ihren Instinkt durch Zahlenmodelle ersetzt. So funktioniert das Geschäftsleben nicht. Tiere, die ihren Instinkt verlieren, überleben in freier Wildbahn nicht. Wir waren schließlich auch mal Tiere.

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