Samstag, 7. Dezember 2019

Althippie und Uhrenmanager Jean-Claude Biver "Zweifel ist dein bester Freund"

Jean-Claude Biver

2. Teil: "Kein Businessmodell kommt ohne Liebe aus."

Jean-Claude Biver
Lebemann
Geboren in Luxemburg, aufgewachsen in der Schweiz und in Frankreich - klar, dass Biver (67) eine Almhütte samt Kuhherde hat.
Leistung
Der Mann arbeitete für Blancpain, Omega, Hublot und nun bei LVMH. Titel seiner Biografie: "Du kannst alles, wenn du nur willst".

mm: Im Buch lernen wir Ihre sensible Seite kennen, den Weltverbesserer, der die Zahlenheinis aus den Chefetagen verjagen würde.

Biver: Ich halte jedes Jahr 20 bis 30 Vorträge an Universitäten, in Cambridge, Harvard, London. Wenn ich dort über mein Leben spreche, ist die Jugend jedes Mal fasziniert. Ich frage mich oft, was ich hinterlassen kann. Die Liebe zu meiner Familie, meinem Geschäft wird in irgendeiner Form weiterleben, aber ich möchte auch etwas von meinen Erfahrungen und meinem Optimismus weitergeben. Ich möchte nackt sterben, alles, was mir gegeben wurde, teilen. Deshalb das Buch.

mm: Es ist ein Plädoyer für die Liebe. Recht ungewöhnlich für einen Geschäftsmann.

Biver: Moral und Ethik im Geschäft zahlen sich vielleicht nicht kurzfristig aus, langfristig aber umso mehr. Kein Businessmodell kommt ohne Liebe aus.

mm: Liebe als Betriebskapital?

Biver: Es geht künftig ums Teilen. Wir müssen das Klima teilen, unsere arme Erde, die Tiere, das Geschäft, die Gewinne. Und auch das Elend. Teilen ist der größte Liebesakt. Wir können nicht nehmen, ohne zurückzugeben. Das will ich den Studenten klarmachen.

mm: Klingt nach 'nem Hippie, der sich in die Luxusindustrie verirrt hat.

Biver: Für mich gilt: Einmal Hippie, immer Hippie. Im Herzen bin ich Romantiker, Ökologe und Pazifist geblieben.

mm: Haben Sie als Student in einer Kommune schon alles geteilt?

Biver: Ja, ich habe von 20 Uhr abends bis um 5 Uhr morgens bei der Post gearbeitet, um mein Studium zu finanzieren. Wenn ich in der Früh heimkam, durfte ich keinen Lärm machen. Die anderen wiederum mussten leise aufstehen, weil ich noch schlief. Alles Geld floss in eine Kasse. Da lernt man zu teilen.

mm: Haben die Topmanager von heute das verlernt?

Biver: Die glauben oft, sie wüssten alles, bloß weil sie an der Uni mathematische Modelle studiert und ein Superdiplom in der Tasche haben. Ich sage denen dann immer: Der Zweifel ist dein bester Freund.

mm: Die jungen Schnösel scheinen Sie ganz schön zu nerven.

Biver: Viele haben ihren Instinkt durch Zahlenmodelle ersetzt. So funktioniert das Geschäftsleben nicht. Tiere, die ihren Instinkt verlieren, überleben in freier Wildbahn nicht. Wir waren schließlich auch mal Tiere.

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