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Credit Suisse abgeschlagen: Wer im Investmentbanking noch erfolgreich ist

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Credit Suisse Die große Zeit des europäischen Investmentbankings ist vorbei

Im Gegensatz zur UBS kam die Credit Suisse ohne Hilfe des Steuerzahlers durch die Finanzkrise. Doch die aktuelle Misere des einstigen Schweizer Topinstituts zeigt: Investmentbanking im großen Stil taugt nicht mehr für Europas Geldhäuser.

Anfang 2010 ist Brady Dougan (54) auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Der Vorstandschef der Credit Suisse hat Sensationelles geschafft: Nach 14,9 Milliarden Franken Bruttoverlust im Annus horribilis 2008 kann er für 2009 einen Gewinn vor Steuern von 8,1 Milliarden Franken präsentieren.

Ein sagenhafter Turnaround. Vor allem dank des Investmentbankings, das knapp zwei Drittel des Gewinns in die Kassen spült. Ausgerechnet jene Sparte, die nach der Lehman-Pleite so in Misskredit geraten ist. Und deren Dealmaker wegen der Billionenspritzen der Notenbanken plötzlich mit so viel Liquidität hantieren können wie nie zuvor. Dagegen sieht die Vermögensverwaltung, die zweite tragende Konzernsäule, wie ein Auslaufmodell aus.

Auch Dougans Aktionäre haben Grund zur Freude: Sie kassieren zwei Franken Dividende nach lächerlichen zehn Rappen im Vorjahr. Der Kurs ihrer Aktien ist binnen zwölf Monaten von 30 auf 50 Franken regelrecht explodiert.

Alles ohne Hilfe des Steuerzahlers, anders als der ewige Rivale UBS . Dessen Führung kann nur deshalb noch in der Zentrale gegenüber am Züricher Paradeplatz ein- und ausgehen, weil der Staat die Bank gerettet hat. Dass sie US-Klienten beim Steuerhinterziehen geholfen hat, muss die UBS mit 780 Millionen Dollar Buße und der Herausgabe von Kundendaten bezahlen. Was für eine Demütigung.

"Voll auf Investmentbanking 2.0 getrimmt"

Und so macht Dougan, 2009 mit 19 Millionen Franken Gehalt einer der bestbezahlten Bankchefs Europas, das aus seiner Sicht einzig Richtige: Er setzt voll aufs Kapitalmarktgeschäft und holt neue Trader an Bord. "Brady hat die Credit Suisse  nach der Krise voll auf Investmentbanking 2.0 getrimmt", sagt ein Insider. Bis heute arbeiten in der Sparte, trotz zwischenzeitlicher Entlassungen, noch fast genauso viele Leute wie 2008.

Und genau das wächst sich allmählich zum Problem aus. Denn Dougans Strategie geht nicht auf, sein Angriffsplan ist gescheitert. Viel zu drastisch hat sich die Regulierung seit 2009 verschärft, und viel zu träge hat die Credit Suisse darauf reagiert.

Das alte Universalbankmodell mit aufgeblähtem Investmentbanking, für das die Schweizer Bank steht, hat in Europa ausgedient. Insbesondere für die Geldhäuser aus der Eidgenossenschaft, die noch mehr Eigenkapital unterlegen müssen als ihre Rivalen.

Zwar müssen auch US-Banken dem Eigenhandel abschwören und mehr Kapital vorhalten. Aber sie haben einen entscheidenden Vorteil direkt vor ihrer Haustür: den weltgrößten Kapitalmarkt. Den haben sie unter sich aufgeteilt und ihren Konkurrenten aus der Alten Welt fast nichts übrig gelassen.

In die Kategorie besonders peinlich fällt die Tatsache, dass auch die Berater der Credit Suisse Steuerhinterziehern behilflich waren. Deshalb wurde das Bankhaus von den US-Behörden unlängst zu einer Geldbuße in Höhe von 2,5 Milliarden Franken verdonnert. Und das obwohl sie weniger Kunden betreut hat als die UBS. Das Schuldanerkenntnis der Schweizer hat selbst für die skandalerprobte Bankenszene eine neue Qualität.

Die Börse bestraft so etwas gnadenlos: Die Aktie ist wieder unter die 30-Franken-Marke gerutscht, die sie Anfang 2014 noch erreicht hatte. Zurückentwickelt hat sich auch die Dividende. Gerade einmal 70 Rappen waren es noch für das vergangene Geschäftsjahr.

UBS zieht vorbei - Credit Suisse muss sich rascher und stärker ändern als bisher

Dougan, der als einer von ganz wenigen Großbank-CEOs neben Goldman-Chef Lloyd Blankfein (59) und Jamie Dimon (58) von J. P. Morgan Chase die Finanzkrise überlebt hat, hat es versäumt, seiner Bank ein Geschäftsmodell zu verpassen, das sie unabhängiger macht von den Kapitalmärkten und ihren Ausschlägen. Er ist ein Vorstandschef mit der Strategie von gestern.

Wie man besser mit der neuen Zeit geht, macht ihm ausgerechnet die UBS  vor. Die ist trotz miserabler Ausgangslage inzwischen weit enteilt in der Gunst der Investoren. Seit dem Amtsantritt von Verwaltungsratschef Axel Weber (57) vor zwei Jahren hat die UBS-Aktie fast unaufhörlich zugelegt und die Credit Suisse abgehängt.

Die Anleger honorieren, dass der Ex-Bundesbank-Chef den Anleihehandel drastisch stutzt und die UBS mit aller Macht auf das Geschäft mit den Reichen ausrichtet. Vermögensverwaltung mag langweilig sein - aber sie ist solide und nur wenig kapitalintensiv.

Auch die britischen Banken haben weitgehend kapituliert und dampfen ihr Kapitalmarktgeschäft ein, allen voran Barclays . Dabei hatten sich die Londoner einst Lehmans Nordamerika-Reste unter den Nagel gerissen, um bei den großen Jungs aus Übersee mitzuspielen. Jetzt ist es in Europa nur mehr die Deutsche Bank  mit ihrem Co-Vorstandschef Anshu Jain (51), die noch versucht, sich gegen die amerikanische Dominanz zu stemmen.

Für die Credit Suisse bedeuten die neuen Zeiten im Banking, dass sie sich viel rascher und stärker ändern muss als bisher. Dazu wäre allerdings eine gemeinsame Marschroute der Führung nötig. Und die gibt es nicht.

Scheinriese Urs Rohner

An der Spitze des Verwaltungsrats, der im Gegensatz zum Kontrollgremium deutscher Aktiengesellschaften hauptverantwortlich ist für die Strategie, steht seit dem Frühjahr 2011 ein Mann, der anders als Weber nicht durch Gestaltungskraft aufgefallen ist: Urs Rohner (54). Lange hat er seinem CEO Dougan freie Hand gelassen und zugeschaut, wie der unbeirrt am Investmentbanking festhielt. Seit Verwaltungsratspräsident Rohner amtiert, hat die Bank rund 30 Prozent Börsenwert verbrannt.

Dass Rohner Dougan gewähren ließ, hat viele Gründe. Der Ex-Chef des Privatsenders ProSiebenSat.1 Media  gilt als Lebemann, der harte Entscheidungen scheut. Gern zeigt er sich stattdessen auf Partys mit seiner Partnerin Nadja Schildknecht (40). Das Ex-Model leitet das Zurich Film Festival, gesponsert von der Credit Suisse - ein Deal mit Hautgout.

Bis zu seinem Einzug in den Verwaltungsrat 2009, zunächst auf dem Vize-Posten, war Rohner als Chefsyndikus Dougans Mitarbeiter. Und dass der Wechsel vom einfachen Vorstandsmitglied zum Aufpasser schiefgehen kann, haben schon Clemens Börsig und Josef Ackermann bei der Deutschen Bank bewiesen. Nach Börsigs Aufstieg zum Aufsichtsratschef war ihr Verhältnis bald zerrüttet, weil Ackermann seinen Ex-Finanzvorstand nie für voll nahm. So wie Investmentbanker Dougan den Juristen Rohner allenfalls duldet.

Rohner fehlt das Netzwerk, um notfalls kompromisslos durchzugreifen. Im Rat kann er auf Roche-CEO Severin Schwan (46) und Sebastian Thrun (47), Stanford-Professor und Erfinder der Google-Brille, zählen. Sie sind dank Rohner gerade erst dort eingezogen und müssen sich noch einarbeiten. Die Wissenschaftlerin Iris Bohnet (48) und der Ex-Beamte Jean-Daniel Gerber (67) tendieren zu ihm, haben aber kaum Einfluss.

Wenn also Dougan ein Mann von gestern ist, dann ist Rohner ein Scheinriese, der immer kleiner wird, je näher man ihm kommt. Dagegen weiß Dougan gleich drei Schwergewichte hinter sich: die Vizepräsidenten Richard Thornburgh (62), der dem wichtigen Risikoausschuss vorsitzt, und Noreen Doyle (65). Sowie Dschassim Bin Hamad J. J. Al Thani (32) aus Katar.

Gute Freunde dank "Coco Bonds"

Zwar ist der Einstieg des Emirats im Februar 2008 in puncto Aktienperformance gefloppt - seinerzeit kostete das Papier noch 55 Franken. Allerdings hat das Emirat massenhaft Zwangswandelanleihen der Credit Suisse gekauft. Die "Coco Bonds" werfen Renditen im oberen einstelligen Bereich ab. Das fördert die Freundschaft ganz erheblich.

Das Machtpatt im Verwaltungsrat verhindert eine rasche Lösung des Strategiedilemmas, in das Dougan und Rohner, jeder auf seine Art, die Credit Suisse manövriert haben. Dabei kann es künftig nur in eine Richtung gehen: Der Konzern muss sein Investmentbanking deutlich schrumpfen.

Der Rückstand auf die Wall Street ist zu groß. J. P. Morgans Analysten raten, 15 Prozent der Mitarbeiter zu feuern. Was Credit Suisse bisher gemacht habe, reiche nicht. Denn auch der Ertragskuchen wird immer kleiner. Rund 139 Milliarden Dollar setzten die weltgrößten Broker-Häuser 2013 um. In Dougans Jubeljahr 2010 waren es 170 Milliarden Dollar.

Wie kapitalmarktabhängig die Schweizer nach wie vor sind, zeigt eine aktuelle Studie von Standard & Poor's. Demnach gibt es weltweit nur eine Bank, deren Ertragskraft stärker vom Investmentbanking geprägt ist: Goldman Sachs , ein reines Investmenthaus. Die Credit Suisse  dagegen sieht sich als Universalbank, mit Filialgeschäft und Vermögensverwaltung.

2013 stammten nahezu 42 Prozent des Gewinns vor Steuern aus dem Investmentbanking. Das ist teuer erkauft, denn es bindet trotz bereits erheblicher Reduzierung noch immer etwa 65 Prozent des Eigenkapitals. Und trotzdem rangiert die Credit Suisse etwa im margenarmen Anleihegeschäft gegenüber den "Flow Monstern", die dank riesiger Bilanzsummen gewaltige Volumina umschlagen, lediglich im Mittelfeld. Dort gibt es allerdings kaum etwas zu verdienen.

Handel mit Giftpapieren kann zum Milliardengrab werden

Weltspitze sind die Schweizer nur im Handel mit hochverzinslichen Ramschanleihen und strukturierten Produkten, verbrieften US-Immobilienkrediten etwa. Giftpapieren, die den Urschleim der Finanzkrise bildeten. Das kann lukrativ sein. Oder zum Milliardengrab werden, sobald die Märkte drehen und die Bank auf Orders sitzen bleibt.

Irgendwie mittendrin, nicht vorn dabei: Bei schrumpfenden Märkten und Margen reicht das langfristig nicht, um hohe Personal- und Regulierungskosten zu rechtfertigen, die Aktie zu beflügeln und die Eigentümer zu befriedigen.

Das alles weiß Rohner. Er will jetzt die Strategie überprüfen, das 50/50-Kapitalallokationsziel schneller erreichen, das Private Banking stärken. Denn immerhin betreut die Credit Suisse in ihrem Heimatmarkt Schweiz mehr Vermögen als die UBS. Und auch in Asien hat sie nach wie vor einen guten Ruf und ihre Nettozuflüsse zuletzt fast verdoppelt.

Rohner will Weber nacheifern - notfalls gegen den Willen des CEO. "Dougan sitzt nicht mehr sicher im Sattel", streut Rohners Umfeld. Und: Extern gäbe es genügend geeignete Kandidaten, um den Amerikaner zu ersetzen.

Einmal Trader, immer Trader

Zwei Eigengewächse etwa, die jetzt für UBS arbeiten: Schweiz-Chef Lukas Gähwiler (49) und Ulrich Körner (51), der das globale Asset-Management leitet. Trotz Ambitionen kommen sie an CEO Sergio Ermotti (54) nicht vorbei. Julius-Bär-Chef Boris Collardi (39), der ebenfalls im Gespräch war, gilt als zu jung. Zudem laufen ihm nach dem Kauf des außer-amerikanischen Wealth-Geschäfts von Merrill Lynch die Kosten davon, in den USA droht Bär ebenfalls eine hohe Buße.

Rohners dünne Machtbasis im Verwaltungsrat macht eine schnelle personelle Lösung ohnehin unwahrscheinlich. Bleibt die Hoffnung, dass Vorstandschef Dougan einlenkt und selbst das Investmentbanking schlachtet, bis auf jene Teile, die notwendig sind für das Geschäft mit der Vermögensverwaltung.

Doch Dougan ist nun einmal Trader. In den 80er Jahren machte er sich als Derivatehändler einen Namen bei Bankers Trust. Jenem Broker, der aggressiv im Ramschanleihehandel wuchs und 1999 von der Deutschen Bank geschluckt wurde. 1990 heuerte er bei First Boston an. Die Investmentbank war kurz zuvor von Credit Suisse  gerettet worden - sie hatte sich mit Ramschanleihen verzockt.

Dougan liebt den Wettkampf

2004 stieg er zum Investmentbankleiter auf, 2007 dann zum Konzernchef. "Brady hat ein starkes Quartal ausgereicht, um an die Spitze zu kommen", sagt einer, der damals dabei war, verwundert.

Dougan liebt, anders als Rohner, den Wettkampf. Wer ihn beim frühmorgendlichen Joggen am Zürichsee schlägt, dem zahlt er eine Geldprämie.

Im Vorstand muss Dougan keinen Aufstand fürchten. Die Investmentbankchefs Gaël de Boissard (47) und Eric Varvel (51) - ein Mormone, der gern US-Außenminister unter Mitt Romney geworden wäre - sind ihm ergeben und würden wohl mit ihm gehen. Auch Robert Shafir (55), Co-Chef des Private Banking, wird "Team Dougan" zugerechnet. Hans-Ulrich Meister (55), Shafirs Pendant, hat die Integration der Tochter Clariden Leu verpatzt und kein CEO-Format.

Einzig auf Romeo Cerutti (52), seinen Nachfolger als Rechtsvorstand, kann Rohner zählen. Der freilich könnte wegen seiner unglücklichen Verhandlungstaktik mit den US-Behörden als Bauernopfer herhalten müssen, falls die Stellungskrieger Rohner und Dougan doch noch Burgfrieden schließen. Dann hätten sie immerhin einen gemeinsamen Nenner gefunden - den kleinsten.

Für die beiden Kontrahenten wäre das vielleicht genug. Für die Credit Suisse auf jeden Fall zu wenig.

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