Bordeaux-Weine Wein-Adel

Stephan Graf von Neipperg hat als Winzer im Bordelais, dem Herzland des Weins, Karriere gemacht. Er gibt Auskunft über die Hausse an der Gironde.
Von Klaus Ahrens und Hanno Pittner

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Herr von Neipperg, Sie haben gerade die Ernte des Jahrgangs '98 eingebracht. Wie wird der Wein werden?

Neipperg: Ich bin zwar kein Hellseher, aber durch den extrem heißen August haben die Trauben sehr kräftige Schalen bekommen, so daß die Regenfälle im September der Lese wenig anhaben konnten. Das bedeutet: Der 98er verspricht ein guter Jahrgang zu werden. Die Menge ist zwar klein, aber die Qualität ist exzellent. Wäre das Wetter besser gewesen, würde der Wein ein Klassiker werden.

mm: Nach welchen Kriterien unterscheiden Sie einen guten von einem weniger guten Jahrgang?

Neipperg: Wichtig für einen großen Wein sind die Schalen: Wenn die dick und reif sind, viel Farbe und Aroma haben, dann machen wir einen großen Wein. Sind sie dünn und haben keine Aromastoffe, weil der Sommer zu wenig Sonne gebracht hat, machen wir eben kleinere Weine. Beim Rotwein hängt - im Gegensatz zum Weißen - alles von den Schalen ab.

mm: Die Spitzengewächse aus dem Bordelais gelten als Krone der Schöpfung unter den Rotweinen. Was macht ihren besonderen Reiz aus, wie müssen sie schmecken?

Neipperg: Der klassische Bordeaux-Wein ist ein Wein, der eine sehr tiefe Farbe hat, der schon in der Nase Komplexität entfaltet. Wer einen großen Bordeaux riecht und den Wein im Glas kreisen läßt, der bemerkt eine Vielfalt von Komponenten: Alle möglichen Früchte, aber auch florale Düfte bis hin zu Tönen von Leder und Schweiß ...

mm: ... nicht eben besonders appetitlich.

Neipperg: Das kann positiv wirken, aber sicher auch negativ - es kommt darauf an, daß die einzelnen Duftnoten miteinander harmonieren. Darin liegt das Geheimnis der Bordeaux-Weine: Sie sind in der Attacke voll, aber gehen auch sehr lang im Gaumen auf, weil die Gerbsäure integriert ist. Vor allem beim Altern des Weins ist zu spüren, ob er die Tannine absorbiert hat oder nicht. Nur die großen Bordeaux leisten dies perfekt: Sie sind langlebig und verbessern sich im Lauf der Zeit. Es gibt auch kleine Jahrgänge, zum Beispiel den 92er, der jetzt wunderschön ist, aber in zehn Jahren auch getrunken sein sollte.

mm: Rotweine aus Australien, Chile und Kalifornien kommen immer mehr ins Gespräch. Entsteht hier langfristig ernstzunehmende Konkurrenz für Bordeaux-Weine?

Neipperg: Bei den 4 bis 5 Prozent der Spitzenweine aus dem Bordelais, die mit einem geringen Ertrag von gerade einmal 30 bis 40 Hektoliter pro Hektar den Ruhm der Region begründet haben, sicher nicht. Bei den einfacheren Qualitäten können die Mitbewerber aus Übersee durchaus mithalten. Zum Beispiel liefert Chile bei einer Produktion von 70 bis 80 Hektolitern pro Hektar sehr anständige Weine. Da muß sich das Bordelais anstrengen, um zu ähnlich niedrigen Preisen vergleichbare Qualität produzieren zu können. Das liegt auch an der Kostenstruktur, die in Chile wesentlich günstiger ist als in Frankreich.

mm: Was hat Sie als gelernten Politologen und Betriebswirt dazu bewogen, sich dem Weinbau zuzuwenden - und dies auch noch als Deutscher in der Hochburg der französischen Winzerkunst?

Neipperg: Als ich mit 24 Jahren mein Studium in Paris beendet hatte, habe ich mich gefragt, wo ich am ehesten mit bester Aussicht auf Erfolg frei schalten und walten könnte. In Politik oder Wirtschaft hätte es Jahre gebraucht, um eine souveräne Position zu erreichen. Da bot sich das Château Canon-La-Gaffelière an, das mein Vater 1971 gekauft hatte, aber von Deutschland aus nur unzureichend bewirtschaften konnte. Eine ideale Wirkungsstätte für einen jungen Mann voller Tatendurst.

mm: Aus dem Hörsaal in den Weinberg - ein wahrhaft ungewöhnlicher Schritt.

Neipperg: Ich hatte das große Potential dieses darniederliegenden Gutes erkannt. Und die Weinbaukenntnisse habe ich auf der Fachschule von Montpellier nachgeholt.

mm: Haben Sie damals schon geahnt, welch gute Geschäfte mit dem Roten zu machen sind: Immerhin kletterte der Preisindex für Bordeaux-Weine der Spitzenklasse im vergangenen Jahrzehnt um rund 500 Prozent, der Dax hingegen nur um circa 250 Prozent?

Neipperg: Für mich war von Anfang an klar, daß dieses Château genügend Potential besaß, sowohl in der Qualität wie auch von der Preisgestaltung. Das heißt: Wir konnten Mehrwert kraft Qualität schaffen. Wenn Ihre Schale sehr viel besser ist als die Ihrer Nachbarn, können Sie einen wesentlich besseren Wein machen und den auch viel teurer verkaufen. Weinbauern haben nämlich einen Vorteil, den es in der Landwirtschaft sonst kaum mehr gibt: Wir produzieren ein Gut, das wir auch selbst vermarkten und verkaufen. Und damit haben wir großen Einfluß auf den Preis. Wo sonst können Sie sagen: Ich möchte 200 Prozent mehr für mein Produkt haben als der Nachbar. Da lacht Sie jeder aus.

mm: Bordeaux-Weine erleben seit vier Jahren einen Nachfrageboom ohnegleichen. Sie werden Jahr für Jahr zwischen 20 und 30 Prozent teurer. Kritiker sprechen bereits von ausgewachsenem Irrsinn. Woher diese unbändige Lust auf edle Tropfen?

Neipperg: Da kommen mehrere Punkte zusammen. Grundsätzlich gilt, daß es von den ganz großen Châteaux heute weniger Flaschen gibt als vor 10 bis 15 Jahren, weil die Spitzenanbieter gezwungen sind, wegen der internationalen Wettbewerber wesentlich schärfer zu selektieren, und deshalb um so weniger herstellen. Damit trifft ein geringeres Angebot auf eine gestiegene Nachfrage ...

mm: ... die woher rührt?

Neipperg: Das ist sicher auch eine Modeerscheinung. Auch beim Wein gibt es Wellenbewegungen: Mal ist Chile im Gespräch, dann ist es Spanien oder Italien, dann wieder Australien oder Kalifornien. In den vergangenen drei, vier Jahren war Bordeaux an der Reihe.

mm: Den wahren Bordeaux-Freunden zum Verdruß.

Neipperg: Die haben womöglich zu teuer gekauft. Denn der Höhepunkt des Bordeaux-Fiebers ist sicher erreicht.

mm: Es droht also jetzt der lange befürchtete Einbruch der Preise?

Neipperg: Möglich, und nach diesem Höhenflug wohl auch nötig. Aber wenn wir eine Baisse bekommen, wird sie relativ undramatisch sein, weil der Markt leergefegt ist. Die Entwicklung ist abhängig von vielen Parametern: Dollarkurs, Pfundkurs, wie erholt sich Japan, was macht Hongkong, wie stark ist Europa? Bordeaux-Weine haben einen internationalen Markt. Wir exportieren 95 Prozent, während etwa Weine aus Deutschland allenfalls zu 20 Prozent ins Ausland gehen. Allerdings hat die Bordeaux-Globalisierung auch Vorteile: Wir haben unser Business weltweit geöffnet, und wenn jetzt zum Beispiel Hong- kong oder Südkorea nicht kaufen, ist das kein Problem, wenn dafür die Japaner oder Amerikaner einspringen. Noch jedenfalls kann ich dreimal mehr Wein verkaufen, als ich herstelle.

mm: Ideale Voraussetzung, um die Preise in schwindelnde Höhen zu treiben?

Neipperg: Die ganze Welt schaut auf die Bordeaux-Preise wie das Kaninchen auf die Schlange. Dabei haben die großen Weine aus Italien, Spanien, Australien oder Kalifornien ähnliche Preisentwicklungen. Bloß hier werden sie aufmerksam registriert, weil der Bordeaux-Markt so transparent ist und die Weine gelistet und gehandelt werden wie an der Börse.

mm: Ihr Vater hat Château Canon-La-Gaffelière mit 24 Hektar 1971 noch für 3,5 Millionen Mark gekauft. Vor kurzem ist das benachbarte Spitzenweingut Cheval Blanc mit 37 Hektar für knapp 300 Millionen Mark verkauft worden. Zunehmend versuchen sich auch große Unternehmen im Bordelais einzukaufen. Noch herrscht Goldgräberstimmung an der Gironde.

Neipperg: Das ist zu hoch gegriffen. Große Unternehmen kaufen sich solche Güter nicht als Rentabilitätsobjekte, sondern als Aushängeschilder. Und Randlagen oder heruntergekommene Domänen mit großem Potential sind immer noch günstig zu haben. Solche Güter versprechen langfristig eine gute Rentabilität. Jedenfalls ist das Bordelais kein Platz für Zocker.

mm: Spitzengewächse wie der Château Pétrus, Jahrgang 1990, erzielen auf Auktionen Phantasiepreise von mehr als 2000 Mark pro Flasche - wunderbar für den Winzer, wunderbar für den Spekulanten, aber wo bleibt eigentlich der Genießer?

Neipperg: Der normale Weinliebhaber kommt an solche Flaschen kaum je heran. Es gibt vom Château Pétrus vielleicht 40 000 Flaschen, das ist bei weltweiter Nachfrage ungeheuer wenig. Eine extrem kleine Menge, die zu exorbitant hohen Preisen verkauft wird - ein Fall für einige wenige sehr reiche Leute. Für den Weinfreund gibt es genügend andere Gewächse aus dem Bordelais, die nicht so teuer, aber vielleicht ähnlich gut sind. Es muß nicht immer die Spitzenklasse eines Premier Grand Cru Classé A sein.

Bordeaux total

Drei Bände aus dem Schweizer Hallwag Verlag bieten alles, was der Freund edler Weine von der Gironde begehrt. Ein vielgerühmtes Qualitätsranking liefert ROBERT M. PARKER, "BORDEAUX" (1100 Seiten, 148 Mark). Parker hat auch das Vorwort für den Band von Hubrecht Duijker und Michael Broadbent geschrieben, der sich vor allem an Weinsammler wendet: "WEINATLAS BORDEAUX" (400 Seiten, 128 Mark). Von Fachautor Duijker wiederum stammt das Buch, das sich als Reiseführer durch die Region empfiehlt: "BORDEAUX. Zu Weinbergen und Châteaux" (144 Seiten, 34,80 Mark).
 

mm: Die Spekulation geht so weit, daß auch bei Händlern in Deutschland Bordeaux-Weine zur Subskription angeboten werden, also lange bevor sie überhaupt im Faß ausgereift und auf Flaschen gezogen sind. Die Konsequenz: Qualität ist nicht unbedingt Kaufkriterium.

Neipperg: Das ist Unsinn. An der Fabrikationsweise ändert sich schließlich nichts. Ein Beispiel: In meinem Keller liegen jetzt fertige 96er Weine, die alle seit 18 Monaten verkauft sind. Ihr Preis ist mittlerweile um 100 Prozent gestiegen - ein guter Spekulationsgewinn für den, der frühzeitig geordert hat ...

mm: ... aber wer garantiert, daß der fertige Wein seinen Preis wert ist?

Neipperg: Eine gewisse Unsicherheit bleibt. Der Käufer kann ja nicht zum Händler gehen und mal eben probieren. Da hängt alles vom Vertrauen ab, das die einzelnen Châteaux genießen, die dafür geradestehen, jedes Jahr das Beste aus der Ernte zu machen. Und außerdem gibt es eine Reihe renommierter Weinkritiker, die frühzeitig probieren und ihre Ergebnisse veröffentlichen.

mm: Die Spekulation blüht - gerade dank dem unermüdlichen Parkettgeflüster von Kritikern wie Robert Parker, der Bordeaux-Weine aufgrund erster Faßproben beurteilt. Ist solches Gebaren noch seriös?

Neipperg: Es gibt weltweit ungefähr 10, 15 Weinkritiker, die sehr seriös sind. Davon ist Parker einer der seriösesten. Er kommt im Jahr zwei- bis dreimal ins Bordelais, probiert alle Weine bis zu viermal und erstellt danach sein Wein-Ranking. Er ist selbstverständlich ein Guru und hat einen eigenen Geschmack, aber er geht sehr professionell vor. Und wie wollen Sie ein Produkt, dessen Herstellung sich über mehrere Jahre erstreckt, vorab beurteilen, wenn Sie nicht ein Zwischenergebnis einholen?

mm: Das Angebot ist knapp, die Nachfrage steigt noch immer. Einen eigenwilligen Ausweg aus dieser Situation suchte scheinbar Ihr Kollege Pierre Tari vom renommierten Château Giscours. Er soll dünnen Most unter Einsatz von Eichenholzspänen, Milcheiweiß und zugesetzter Wein- säure zu teuren Margaux-Abfüllungen aufgemotzt haben. Ein Einzelfall oder die Spitze eines Eisbergs?

Neipperg: Andersherum: Da wurde eine Affäre, die für den journalistischen Markt hochwillkommen war, mit falschen Behauptungen aufgemotzt. Das einzige, was nach fünf Monaten von den Vorwürfen übrig- bleibt, ist folgendes: Tari hat eine kleine Menge eines Spitzenweins aus dem Medoc in einen sogenannten Zweitwein von Giscours von minderer Qualität geschüttet, um ihn zu verbessern. Das ist nach EU-Recht zwar verboten, aber der Konsument hat dadurch gewonnen, weil er so einen schöneren Wein bekommen hat. Niemand ist vergiftet worden, niemand hat irgendeinen Schaden genommen. Letztlich handelt es sich um einen Wirbelsturm im Wasserglas.

mm: Trotzdem - der Ruf des Bordeaux-Weins hat Schaden genommen.

Neipperg: Es muß sicher Konsequenzen geben. Aber dennoch stellt der Fall nicht das Funktionieren des Weinbaus im Bordelais in Frage.

mm: Beobachter raunen, ein Crash bei den Bordeaux-Preisen stehe unmittelbar bevor, weil Japan und die Tigerstaaten, die den Boom angeheizt haben, als Abnehmer ausgefallen seien. Zittern unter den Winzern?

Neipperg: Sicher fallen Taiwan und Südkorea als Abnehmer aus, Hongkong kaum. In Japan dagegen verläuft das Geschäft paradox: Trotz Wirtschaftskrise verdreifachte sich dort der Bordeaux-Konsum. Die Japaner - einst Snob-Trinker - sind zu erwachsenen Konsumenten herangereift. Deshalb glaube ich nicht an einen Crash.

mm: Wie lautet also Ihre Prognose für den Bordeaux-Wein?

Neipperg: Kein Crash, aber sein Marktwert wird eher fallen, weil er im Augenblick absolut überzogene Preise hat. So wird der 98er im Durchschnitt sicherlich zu günstigeren Preisen angeboten werden als der 97er - bei voraussichtlich höherer Qualität. Das sind eben Jahre der Wahrheit, in denen jedes Château seinen eigenen Marktwert finden muß.

*Das Interview führten die Redakteure Klaus Ahrens und Hanno Pittner.

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