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Deutschland 2025: Zweites Wirtschaftswunder

Foto: Dirk Schleef für manager magazin

Deutschland 2025 Die fetten Jahre sind zurück

Trotz eines nur schwachen Wachstums zum Jahresstart: Die langfristigen Aussichten für Deutschland sind glänzend. Ein McKinsey-Team hat die heimische Ökonomie neu vermessen und kommt zu dem Ergebnis: Die Bundesrepublik steht vor einem zweiten Wirtschaftswunder.

Der Industrielle? Unverzagt. Klar müsse man sich "jeden Tag hinterfragen und anstrengen", sagt Audi-Vorstandschef Rupert Stadler. "Aber ich glaube, dass wir auch in den nächsten zehn Jahren in Deutschland eine gute Pace vorlegen können."

Die Investorin? Optimistisch. Um die Zukunftsfähigkeit Deutschlands mache sie sich "kaum Sorgen", sagt die Unternehmerin und Quandt-Erbin Susanne Klatten. Das Land habe "alles, was man braucht, um weiterhin bei vielen Technologien innovativ zu sein".

Der Notenbanker? Hoffnungsfroh. "Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit ist zentral für die europäische Wirtschaft", sagt Jörg Asmussen, Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank (EZB). Eine Leistungsfähigkeit, die man nicht aufs Spiel setzen dürfe.

Der Berater? Zuversichtlich. "Unsere Wirtschaft hat eine exzellente Substanz", sagt McKinsey-Deutschland-Chef Frank Mattern. "Wenn wir große Fehler vermeiden und unsere Stärken konsequent weiterentwickeln, können wir eine Menge erreichen."

Vier Stimmen, vier Signale: Bravo, Deutschland, weiter so! Verbunden mit der Empfehlung: nur nicht kirre machen lassen! Im Euro-Raum geht die Rezession dieses Jahr weiter; in vielen Ländern liegen die Bankensysteme danieder; politische Groß- und Kleinkrisen (Italien, Syrien, Zypern) schüren Ängste. Aber so sicher derlei Nachrichten ihren Stammplatz in der "Tagesschau" haben, aus Sicht der deutschen Industrie erscheinen sie nur als Flackern am Rande.

Goldene Zwanziger: 2,1 Prozent Wachstum pro Jahr bis 2025

Denn die mittleren und längeren Aussichten sind verheißungsvoll. In einer Exklusivstudie für manager magazin hat die Unternehmensberatung McKinsey die nationale Wirtschaftswelt neu vermessen. Und die weiteren Aussichten sind überraschend heiter. Bis 2025 sagen die Consultants Deutschland ein Szenario voraus, das sie die "Goldenen Zwanziger" nennen: 2,1 Prozent Wachstum pro Jahr, 80 Prozent mehr Exporte und Millionen zusätzliche Arbeitsplätze.

Eine frohe Botschaft. Die Erfolgsgeschichte der vergangenen sieben Jahre setzt sich fort. Es klingt zu schön, um wahr zu sein. Deutschland blüht. Jenes Land, das noch vor einem Jahrzehnt als hoffnungsloser Fall dastand, geplagt von Stagnation, Massenarbeitslosigkeit und Missmut, gepeinigt vom Investitionsstreik der Unternehmen und vom Spott der Verbandsfürsten, die es mit dem notorisch bankrotten Argentinien verglichen.

Die Gesundung setzte, zunächst unbeachtet, 2004 ein, vor allem weil der Arbeitsmarkt reformiert wurde. Gerhard Schröders "Agenda 2010", verbunden mit einer immer weiteren Flexibilisierung in den Betrieben, brachte die Initialzündung, befeuert von einer Mischung aus steigender Produktivität und konstanten Lohnkosten.

McKinsey: Tarifabschlüsse mit einer Drei vor dem Komma

Die Resultate waren beeindruckend: Zunächst wurden deutsche Exporte immer wettbewerbsfähiger. Dann begannen die Unternehmen, wieder mehr an ihren Heimatstandorten zu investieren. In der Folge stieg die Beschäftigung. Und künftig, sagen die McKinsey-Experten voraus, würden auch die Gehälter kräftiger zulegen als bisher. Tarifabschlüsse "mit einer Drei vor dem Komma" (Mattern) seien verkraftbar und wünschenswert.

Gehen die Vorhersagen in Erfüllung, dann wäre Deutschland im Jahr 2025 ein verändertes Land. Auch ein reicheres Land: Ein durchschnittlicher Privathaushalt, der heute 3100 Euro netto pro Monat bezieht, hätte dann mehr als 1000 Euro zusätzlich zur Verfügung. Das Bruttoinlandsprodukt würde um ein Drittel wachsen: um mehr als 900 Milliarden Euro - fast so viel wie derzeit ganz Spanien im Jahr erwirtschaftet.

Entsprechend üppig würden die Staatseinnahmen sprudeln. Deutschland im Jahr 2013 - das ist, so gesehen, eine Nation, die gerade ihr zweites Wirtschaftswunder erlebt.

Zuwanderung ist Bedingung für den Aufschwung

Damit dieses Szenario Wirklichkeit wird, muss das Land allerdings einige Voraussetzungen schaffen: Nur wenn ökonomische Blockaden beiseitegeräumt werden und das Wachstum in den Euro-Problemstaaten gefördert wird, lässt sich die Schuldenkrise schlussendlich lösen.

Nur wenn gesellschaftliche Blockaden gelockert werden, wird Deutschland die für den Daueraufschwung erforderlichen Arbeitskräfte mobilisieren können, etwa durch eine gezielte Zuwanderung. Nur wenn ideologische Blockaden abgebaut werden, kann der deutsche Umstieg von der Atomkraft auf erneuerbare Energien halbwegs erträglich gelingen. Aber der Reihe nach.

Im Labor der Welt

Zentrum und Basis des Geschäftsmodells D. bildet immer noch - die Industrie. Und das wird auch so bleiben. Von 2000 bis 2011 kletterten die Ausfuhren um mehr als 100 Prozent auf 1,3 Billionen Euro. Bis 2025 erwartet McKinsey einen weiteren Anstieg auf dann 2,3 Billionen. Die Chemie legt um 50 Prozent zu, Maschinenbau und Autoindustrie verdoppeln ihre Ausfuhrleistung; die Exporte technologielastiger Branchen wie IT oder Medizintechnik wachsen gar um 150 Prozent.

Rupert Stadler kennt solche Erfolgsziffern, er hat sich schon fast an sie gewöhnt. Ein winterlicher Samstag in der Ingolstädter Audi-Zentrale. Der Chef trägt eine graue Strickjacke zur Cordhose; ein dunkelroter Seidenschal wölbt sich am Kragen seines blau-weißen Hemdes. Es ist das Intermedium zwischen Detroit (Motor Show), Davos (Weltwirtschaftsforum) und Genf (Auto-Salon), das eine der raren Gelegenheiten bietet zum Relaxen und Rückbesinnen. Zum Beispiel über den deutschen Exportmotor, der summt und brüllt (da scheppert nix).

Kein anderes westliches Land verfügt noch über ein derart großes verarbeitendes Gewerbe. Es gab Zeiten, da wurden die Deutschen dafür verhöhnt, aber das ist spätestens seit der Finanzkrise vorbei.

Audi-Chef Stadler: Keine Angst vor hohen Zielen

Stadler, ein selbstbewusster Oberbayer, legt Wert auf die Deutung, dass die Deutschland-Maschine mit mindestens einem Audi-Zylinder läuft. Noch in den 90er Jahren verkaufte die einstige Wackeldackelmarke 50 Prozent ihrer Gefährte zwischen Süderlügum und Sonthofen, die andere Hälfte bekam Europa. Heute beträgt der Exportanteil 80 Prozent; ein knappes Drittel rollt in Schwellenländern, vor allem auf chinesischen Straßen. "Wir sind ein wahrer Global Player geworden", sagt Stadler.

Längst hat der Chef die weitere Route abgesteckt. Jährlich 1,5 Millionen verkaufte Autos bis 2015 ("womöglich schon früher"). Bis 2020 geht es dann Richtung 2 Millionen ("vielleicht auch etwas mehr"). Zu Ende ist der Weg jedenfalls nie. "Jedes Jahr noch eine Schippe drauflegen", sei die Devise.

Es geht voran, ohne Atempause. Man müsse sich ambitionierte Ziele setzen, findet Stadler. Wie jenes: Bis 2020 will er den Konkurrenten BMW  als führende Premiummarke überholt haben. "Als Unternehmer müssen Sie immer den Anspruch haben, die Nummer eins zu werden. Wenn der Chef das nicht vorgibt, wie soll das im Unternehmen gelebt werden?"

Kaufstarke Schwellenländer

Je näher die großen Schwellenländer an die Einkommensniveaus des Westens heranrücken, desto leichter wird es, dort teure Spitzenprodukte aus Deutschland zu verkaufen. Das kommt Audi  zugute. Einerseits. Andererseits greift der Protektionismus um sich. In vielen Ländern steigen die sozialen Spannungen. Regierungen schotten deshalb Märkte gegen Importe ab, manipulieren Währungen und verhängen hohe Einfuhrzölle.

Um die heraufziehenden Risiken besser managen zu können, baut Audi derzeit eine Fabrik in Mexiko - das Land hat günstige Zollabkommen mit aller Welt abgeschlossen und eignet sich daher als Basis für den Export, vor allem nach Nordamerika. In Brasilien entsteht ein Audi-Montagewerk.

Trotzdem bleibt noch genug Wertschöpfung in Deutschland. 7000 Jobs wurden in den vergangenen Jahren in Ingolstadt oder Neckarsulm geschaffen, weil Audi so stark expandierte. Elektriker, Werkstofftechniker, Produktionsplaner, Werkzeugbauer - die ganze Palette der Kfz-Berufsbilder.

Deutsche Strukturen erlauben Firmen beispiellose Flexibilität

Vor allem die Komponenten des klassischen "German Engineering" (Stadler) werden künftig Arbeitsplätze hierzulande sichern: neue Werkstoffe, neue Antriebstechniken, neues Design. Von der Kopf- profitiert auch die Handarbeit. Denn selbstredend werden die neuen Hightechmodelle vor allem in Deutschland gebaut. Forschung und Fertigung, Hersteller und Zulieferer - alle müssten Hand in Hand arbeiten; ein solch effizientes Miteinander, das sei "ein einzigartiger Standortvorteil".

Es ist noch nicht lange her, da wurde das spezifisch deutsche Ökonomiesystem weltweit belächelt. Sozialpartnerschaft, Korporatismus, Familienunternehmen, die lebenslange Jobs boten und große Distanz zum Kapitalmarkt pflegten - all das galt in der Hochphase des Turbokapitalismus als hoffnungslos altmodisch.

Doch auf dem Kurs Richtung 2025 zeigt sich, dass dieses vertrauensbildende Gemeinschaftsgefüge die Grundlage darstellt für den Erfolg - dass nur in einer "Gesellschaft, die stabil und sozial befriedet ist, der Mensch 100 Prozent seines Kopfes frei hat für seinen Wertbeitrag im Unternehmen" (Stadler).

Und es sind gerade jene vermeintlich verkrusteten deutschen Strukturen, die den Firmen eine beispiellose Flexibilität erlauben.

Change, Change, Change

Wie das funktioniert, lässt sich im schwäbischen Ditzingen, zweieinhalb Autostunden von Ingolstadt entfernt, besichtigen. Von hier aus rüstet die Familienfirma Trumpf die Welt mit Hightech-Werkzeugmaschinen aus (Marktanteil: rund 25 Prozent).

Das Unternehmen ist derart durchflexibilisiert, dass die ökonomischen Tiefschläge der Jahre 2008/2009 ihm kaum etwas anhaben konnten. Im Gefolge der Lehman-Pleite ging zwar der Umsatz in den beiden Geschäftsjahren um 40 Prozent zurück, 70 Millionen Euro Verlust fielen an. Aber nach nur rund zwei Jahren lag die Firma wieder deutlich über dem Vorkrisenniveau. "Wir haben keine einzige Maschine auf Lager genommen", erzählt Mathias Kammüller (54), der die Werkzeugmaschinensparte leitet, "sondern einfach weniger produziert, von einem Tag auf den anderen - ohne Mitarbeiter zu entlassen."

Für große Teile der deutschen Industrie ist die Krise seit 2010 abgehakt. Bloß eine Zacke in einer langen Aufwärtskurve, mehr nicht. Keine andere bedeutende westliche Wirtschaftsnation hat das geschafft. Wie ist das möglich?

Zwei Faktoren kämen da zusammen, sagt Kammüller. Zum einen habe man äußerst konstruktive Counterparts auf Gewerkschaftsseite. Zum anderen zahlten sich nun betriebsinterne Reformen der vergangenen zwei Jahrzehnte aus. Kammüllers Schlüsselerlebnis datiert von Anfang der 90er Jahre.

1990 kam er mit seiner Frau Nicola (53), Tochter des Firmenseniors Berthold Leibinger (82) und heutige Trumpf-Chefin, aus Japan ins beschauliche Schwaben zurück. Die Mauer war gefallen, der frühere Ostblock löste sich auf.

Flexible Arbeitszeiten - und die Firma als Dauerbaustelle

"Die ganze Welt wankte", erinnert sich Kammüller, ein groß gewachsener, schlanker Mann mit schwarzem Anzug, blauem Hemd und dünner Brille. Die Aufträge brachen von 1990 bis 1995 um die Hälfte ein. Die Firma, die seit den 50er Jahren im Jahresschnitt um 15 Prozent gewachsen war, rutschte in die Verlustzone und musste - ein Novum - Beschäftigte für immer nach Hause schicken.

"Das hat unsere Philosophie von Grund auf verändert", sagt Kammüller. Bis dahin hatte sich Trumpf im Wesentlichen darauf beschränkt, immer bessere Maschinen zu bauen. Fortan betrachteten die Leibingers ihre Firma als "innovatives Gesamtkunstwerk" (Kammüller).

Mithilfe von Toyotas Lean-Production-Modell wurde der Fertigungsprozess verschlankt. Mittlerweile ist das vierte Bündnis für Arbeit in Kraft, das Beschäftigung (bis 2016) sichert und dafür von den Mitarbeitern flexible Arbeitszeiten verlangt. Kata, CRM, Job-Flow - mit mehr als 60 Einzelmaßnahmen wurden die betrieblichen Abläufe, die Organisationsstrukturen und die Arbeit des Managements revolutioniert. "So konsequent wie wir macht es keiner", zeigt sich Kammüller auf schwäbische Art begeistert. "Die anderen fangen jetzt erst an."

Unerschrocken weiterwachsen, die Erfolge nicht auskosten, die Firma als Dauerbaustelle betrachten - das ist für moderne Industrielle wie Kammüller zur zweiten Natur geworden: "Veränderungsmanagement wurde für uns zum Kerngeschäft", sagt er. "Irgendwann bekommt man Freude daran."

In einer sich rasch und erratisch wandelnden Welt, wo plötzlich potente Wettbewerber auftauchen können, ist Anpassungsfähigkeit eine Schlüsseltugend.

Investitionsfonds: Nur mal erst den Euro retten

So sagt die McKinsey-Studie eine deutliche Verschiebung der Nachfrage aus den prosperierenden Schwellenländern vorher. Maschinen und Anlagen für die Investitionsgüterindustrie seien künftig weniger gefragt. Stattdessen rücke der Konsumgütersektor in den Mittelpunkt. Ein Feld, das etwa der Düsseldorfer Gea-Konzern beackert: Das Unternehmen will sich verstärkt auf Maschinen für die Verarbeitung von Nahrungsmitteln konzentrieren - mittelfristig soll der Anteil am Geschäft auf 75 Prozent steigen.

Viele Firmen verstärken ihre Brain-Power. Wie die Lübecker Dräger-Gruppe. Weil die Medizintechnik weltweit umkämpft ist, steckt der Konzern 9 Prozent seines Umsatzes in Forschung und Entwicklung, deutlich mehr als in den Jahren zuvor.

Um den Verkauf der edlen Instrumente (ab 60.000 Euro) an neureiche Nicht-Pianisten in den Schwellenländern zu fördern, will Husmann künftig Piano-Crash-Kurse anbieten. Neue Lehrmethoden sollen nach wenigen Stunden erste Erfolge zeitigen. Ein Sakrileg für den klassischen Steinway-Spieler - aber eben auch eine Investition ins Geschäft, von der vor allem die deutsche Fertigung profitiert: Output und Belegschaft werden derzeit um 20 Prozent aufgestockt.

Das Beispiel Steinway zeigt im Manufakturformat, was weite Teile der deutschen produzierenden Wirtschaft auszeichnet: eine Mischung aus handwerklicher Tradition, technologischer Führerschaft und findigem Erschließen neuer Märkte. Und es zeigt, wie das exportgetriebene Wachstum auf die Binnenwirtschaft übergreift: Ein größerer Arbeitskräftebedarf lässt Beschäftigung und Einkommen in Deutschland steigen, was wiederum die Konsumnachfrage anregt. Die Kapazitäten werden ausgeweitet, nicht an irgendwelchen Billigstandorten, sondern hier, wo's teuer ist.

Vorbei die Zeiten, da Deutschlands Wirtschaft allein vom Export abhängig war. Zwischen horrenden 5 und 8 Prozent haben die Leistungsbilanzüberschüsse seit Anfang des Jahrtausends gelegen. Dieses Modell, urteilen die McKinsey-Fachleute, werde nun durch ein stärker binnenwirtschaftlich getriebenes Modell abgelöst: Künftig würden die Einfuhren viel stärker zulegen als die Ausfuhren.

Steigende Löhne, steigende Beschäftigung, steigende Investitionen - die zusätzliche Nachfrage werde gerade den darbenden Volkswirtschaften im europäischen Süden helfen. Das klingt gut. Aber es wird nicht reichen, um Europa aus der Gefahrenzone zu bringen.

Nur mal erst den Euro retten

All die glänzenden Stärken der deutschen Industrie werden nicht viel wert sein, sollte die Währungsunion doch noch untergehen. Die Gefahr ist längst nicht gebannt: Zu hoch ist die Verschuldung der öffentlichen Haushalte in den Südländern, zu hoch sind die Verbindlichkeiten von Unternehmen und Bürgern, zu groß sind die immer noch in den Bankbilanzen faulenden Risikokredite. Weil es weder beim Staat noch in der privaten Wirtschaft finanzielle Spielräume gibt, kommt die Investitionsdynamik nicht in Gang. Ein Teufelskreis.

Die McKinsey-Experten machen einen pragmatischen Vorschlag: Um die erforderlichen Privatinvestitionen von 140 Milliarden Euro jährlich zu mobilisieren, soll ein öffentlich grundfinanzierter Investitionsfonds den notleidenden Ländern auf die Füße helfen. 20 Milliarden Euro Staatsgelder aus dem Norden braucht es dafür, die Hälfte aus Deutschland. "Ein angemessener Beitrag", findet Mattern, "angesichts der überragenden Bedeutung, die die Währungsunion für uns hat."

Mit dem Geld sollen Veränderungsbereitschaft und Unternehmertum unterstützt werden. Europa müsse eine "Transformationsunion" werden, formulieren die Verfasser der McKinsey-Studie etwas pompös.

Das Elegante an dieser Idee: Der finanzielle Bypass lässt sich am blockierten Geldkreislauf vorbei legen, ohne dass die großen Streitfälle zur Zukunft Europas geklärt werden müssten. Wie viel Souveränität sollen die Nationalstaaten abgeben? Müssen erst die Vereinigten Staaten von Europa entstehen, bevor mehr Solidarität zwischen den Europäern möglich ist? Grundsatzfragen (wie sie Deutsche gern diskutieren und Franzosen lieber abwehren), die in den vergangenen Jahren die Euro-Rettung massiv behindert haben. Ein Investitionsfonds könnte helfen, den Krisenmodus zu beenden.

Ein genialischer Plan? Tja, sagt Jörg Asmussen, die Idee sei ja durchaus sympathisch. Aber allein mit der Schaffung eines neuen Subventionstopfs werde man das Jahr 2025 wohl kaum mit heiler Währung erreichen.

Die Perspektive des Notenbankers

Es ist ein Montagmittag im Spätwinter. Asmussen macht Station in Berlin, politische Termine nach einem Wochenende bei der Familie. Zwischendurch hat er zwei Stunden Zeit. Er trägt Jeans, Jackett, offenes Hemd und genießt es sichtlich, mal etwas über das hektische Tagesgeschäft hinausdenken zu können.

Asmussen - früher Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, heute eine Art Außenminister der Europäischen Zentralbank - ist bekennender "Technokrat". Ein Mann, der eigentlich eher am Möglichen interessiert ist als am Grundsätzlichen. Aber in Zeiten, da das Mögliche am Grundsätzlichen zu scheitern droht, bleibt gar nichts anderes übrig, als beides zusammenzudenken: Eine weitergehende Vision sei unabdingbar, ein grundsätzliches Bild davon, wohin sich Europa entwickeln soll. Doch diesen weiteren Blick spart sich die McKinsey-Studie. "So wie die Euro-Zone konzipiert ist, funktioniert sie nicht", sagt Asmussen. "Deshalb müssen wir sie in den nächsten Jahren systematisch weiterentwickeln."

Also, was muss in den kommenden Jahren noch alles geschehen? Es führe kein Weg daran vorbei, glaubt Asmussen, die Währungsunion zu einer echten Wirtschaftsunion auszubauen, die obendrein demokratisch verfasst ist. Dazu brauche die Euro-Zone zum Beispiel auch ein eigenes Budget und ein eigenes Parlament.

Asmussen hat einen Fahrplan im Kopf: 2013 kommt die Bankenunion, mehr ist wegen der deutschen Wahlen nicht drin. Ab Herbst 2014 (nach der EU-Parlamentswahl und der Berufung einer neuen Kommission) tritt ein europäischer Konvent zusammen, um einen neuen EU-Vertrag zu verhandeln. Dann Ratifizierung durch die EU-Staaten, auch eine Änderung des deutschen Grundgesetzes wäre wohl fällig.

Die Perspektive des Notenbankers

Wann wird dieser Prozess abgeschlossen sein? "2017", sagt Asmussen, "im günstigsten Fall." Dann legt Europa eine Pause ein - dann sind wieder Wahlen geplant in Frankreich und Deutschland. Und wie sieht Europa 2025 aus? Schwierige Frage. Aber eines dürfe man doch hoffen: "Die Krise in einigen Ländern der Euro-Zone werden wir dann überwunden haben."

Die Langfristperspektive des Notenbankers passt harmonisch zu einer Grundmelodie des McKinsey-Papiers: Nur unter der Voraussetzung einer fortschreitenden europäischen Integration ist für Deutschland eine gute Zukunft erreichbar. Vor allem auf zwei Risikofaktoren muss Deutschland achten, damit das Goldene-Zwanziger-Szenario Realität werden kann: auf Arbeit und Energie. Und bei beiden kann Europa ein wichtiger Teil der Lösung sein.

Das Ziel ist weit gesteckt. So weit, dass es bis vor Kurzem noch als schlicht utopisch abgetan worden wäre. Mindestens vier Millionen zusätzliche Beschäftigte bis 2025 braucht die deutsche Wirtschaft nach McKinsey-Kalkulationen, um den angepeilten höheren Wachstumspfad erreichen zu können. Zugleich muss auch noch die Produktivität deutlich anziehen.

Noch vor wenigen Jahren sagten gängige Projektionen vorher, dass zwischen 2015 und 2025 das Arbeitskräfteangebot im alternden Deutschland um drei Millionen Menschen sinken werde. Und nun soll die Zahl im gleichen Zeitraum um mehr als vier Millionen steigen?

Gesamtmetall-Chef Dulger: Kleinmut gilt nicht

"Ich halte das für ambitioniert, aber nicht für unrealistisch." Rainer Dulger (49) hat sich im Sessel vorgebeugt, um seinen Worten unter Einsatz seines Zwei-Meter-Körpers physisch Nachdruck zu verleihen. "Wir müssen alles tun, was uns diesem Ziel näherbringt." Natürlich weiß er auch nicht, ob es zu schaffen ist. Aber der Versuch kann doch nicht strafbar sein!

Kleinmut gilt nicht - Dulger verkörpert den Zeitgeist des industriellen Mittelstands prachtexemplarisch. Seit September ist er Präsident von Gesamtmetall und damit Deutschlands wichtigster Arbeitgebervertreter. Ein Mann des straffen Auftritts, Maßanzug, Gel im Haar, die ganze Welt im Blick: Das Heidelberger Familienunternehmen Prominent Dosiertechnik (2300 Mitarbeiter, 300 Millionen Euro Umsatz) unterhält rund um den Globus 50 Vertriebstöchter und zwölf Produktionsstätten.

Dann zählt Dulger die Potenziale des Landes auf: Von den über 60-Jährigen arbeiten heute doppelt so viele wie vor zehn Jahren, und es können noch viel mehr werden. Frauen drängen nicht nur mit Macht in Führungspositionen, ihre Erwerbstätigkeit steigt. "Der Staat muss aber noch viel mehr für die Kinderbetreuung tun." Mehr als 50.000 Jugendliche verlassen jährlich die Schulen ohne Abschluss. "Das können wir uns nicht mehr leisten. Die Betriebe müssen helfen, sie sozial zu integrieren." Ihm jedenfalls sei nicht bange vor der Arbeitskräfteknappheit, sagt Dulger.

Die verkorkste Energiewende

Und dann erst Europa: Deutschland erlebt derzeit die größte Einwanderungswelle in den Arbeitsmarkt seit 1973 (siehe mm 1/2013). Das sei erst der Anfang, glaubt Dulger. "In Europa entwickelt sich ein grenzüberschreitender Arbeitsmarkt. In 15 oder 20 Jahren werden wir die Grenzen kaum noch spüren."

Auch da ist noch einiges zu leisten: Von der Harmonisierung der Bildungsabschlüsse bis zur gegenseitigen Anerkennung von Sozialversicherungsansprüchen - bürokratische Blockaden durchziehen die europäischen Arbeitsmärkte noch reichlich.

Der zweite große Unsicherheitsfaktor der deutschen Wirtschaft - die verkorkste Energiewende - dürfte nur zu deutlich höheren Kosten behebbar sein. Schon jetzt leidet die heimische Wirtschaft unter hohen Energiepreisen. Gas und Strom kosten die Unternehmen ein Fünftel mehr als im EU-Durchschnitt. Im Vergleich zu den USA ist der Gaspreis gar mehr als viermal, der Strompreis doppelt so hoch. Geht's noch? Ja, es geht sogar noch teurer.

Denn die Wendelasten steigen laut McKinsey bis 2020 auf 29,2 Milliarden Euro per annum. Für erneuerbare Energien und Stromnetze muss dann mehr als doppelt so viel bezahlt werden wie 2011.

Vor allem die energieintensive Industrie ist betroffen: Papier, Metall, aber auch die Chemie mit einem Energiekostenanteil an der Bruttowertschöpfung von stattlichen 15 Prozent.

Doch der Energiepreisschock wird Deutschland nicht deindustrialisieren. Die neue Strom- und Gaszeit bietet nämlich auch Chancen. Die Chemie zum Beispiel könnte McKinsey zufolge weltweit an Märkten mit zusammen rund 90 Milliarden Euro Umsatz partizipieren, etwa indem sie Dämmstoffe oder Lithium-Ionen-Batterien herstellt. Alles in allem könnten mit Energieeffizienzinvestitionen bis 2020 rund 850.000 neue Jobs in Deutschland geschaffen werden.

Wie Germany´s next Business Model aussieht

McKinsey rät dennoch zum Maßhalten: Die Mittel sollten sich auf Energieeffizienz und Onshore-Windprojekte konzentrieren. Teure Windparks auf hoher See hingegen oder die noch kostspieligeren Solaranlagen sollten dort stehen, wo sie möglichst zuschussfrei betrieben werden können - etwa vor der schottischen Küste, wo es kräftig bläst, oder in Südspanien, wo die Sonne brennt.

Das Ziel: statt nationalen Alleingangs eine gesamteuropäische Lösung, koordiniert durch die EU. Das bedingt allerdings einen Abriss ideologischer Barrieren. Denn zu einem europäischen Energiesystem gehören Atomstrom aus Frankreich oder Tschechien ebenso wie ökologisch wertvolle Wasserkraft aus Österreich.

In einem gemeinsamen Energieeuropa, so die McKinsey-Kalkulation, könnten bis zur Jahrhundertmitte 360 Milliarden Euro eingespart werden. Ein nicht zu verachtendes Sümmchen.

Eine hocheffiziente Industrie, ein spürbarer Investitionsschub für die Euro-Krisen-Staaten, mehr Zuwanderer und eine wirklich europäische Energiepolitik - so könnte Germany's next Business Model aussehen.

"Gute Samen, viele Felder"

Es ist aber noch mehr nötig. Etablierte Unternehmen in bewährten Branchen gedeihen zu lassen ist gut. Besser wäre es, wenn daneben auch wirklich Neues entstünde. Mehr Anreize für die Gründung von Start-ups fordern auch die McKinseyaner. Nur so könne sich die Wirtschaft kreativ erneuern.

Susanne Klatten kann sich dem nur anschließen. Die Quandt-Nachfahrin hat sich schon vor geraumer Zeit vorgenommen, "das Wagnisdenken anzuregen und Ängste zu nehmen". Die Begeisterung des Aufbruchs, die lässt sich eben kaum in verkarsteten Konzernstrukturen erzeugen. "Die Kraft, die ein Gründerteam entwickeln kann, sind gute Samen, die wir auf vielen Feldern brauchen," sagt sie.

Susanne Klatten liefert einen Teil des Saatguts. Mit der TU München hat sie schon vor elf Jahren die UnternehmerTUM GmbH gegründet, die Start-ups umfassend betreut. Und vor zwei Jahren, als die Venture-Capital-Gemeinde ihr Geld beisammenhielt, haben die Gesellschafter einen Fonds aufgelegt, der junge Hightechfirmen mit Kapital ausstattet. Das angestrebte Volumen von 25 Millionen Euro ist inzwischen erreicht.

"Die Start-up-Szene ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen", glaubt die Multi-Investorin, die ihr Geld bei BMW, Altana , SGL Carbon und etlichen anderen Unternehmen angelegt hat. Jetzt gehe es darum, weitere Produktivitätsreserven zu erschließen, durch Vernetzung und Kooperation: "Die Kleinen arbeiten mit den Großen, die Großen gehen untereinander Partnerschaften auf Zeit ein - das spart Kapital und fördert die Beweglichkeit." Nur so kann sie entstehen, die Dynamik, die das deutsche Geschäftsmodell ins nächste Jahrzehnt tragen kann.

Interview mit Multi-Investorin Susanne Klatten über die Start-up-Förderung: "Wir müssen ständig vorn dran sein" Interview mit McKinsey-Deutschland-Chef Frank Mattern: "Eine Drei vor dem Komma"

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