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Innovation: Die Masse macht´s

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Innovation Die Intelligenz der Massen

Wirtschaft und Wissenschaft experimentieren mit der Intelligenz der Massen: Mit "Schwarmintelligenz" können Unternehmen besser Ideen generieren - wenn sie das Crowdsourcing im Web richtig managen.
Von Eva Müller

Rot, grün, blau - kunterbunt flackern Lichtblitze im Takt der Musik. Ein Stroboskop zuckt hektisch zum Schlagzeugsolo, sanfte Lilatöne wabern beim Chill-out-Sound. Durch das Geflimmer tanzt entfesselt Sander van den Brakel - quer durch sein Wohnzimmer.

Die private Lichtorgel hat der Informatiker selbst ersonnen. Ein paar Stunden programmierte der 36-Jährige an den Hue genannten LED-Glühbirnen herum. Dann stellte er seine App Hue Disco auf der Internetseite Meethue.com vor. Mit diesem Online-Forum fahndet Philips  nach neuen Ideen für die Nutzung seiner drahtlos steuerbaren LED-Lampen, die seit vorigem Herbst auf dem Markt sind.

Dem niederländischen Konzern liegen die Tüftler am Herzen. So unterstützte er Musikfan van den Brakel bei der Zulassung seines Produkts im App-Store von Apple. Mit Erfolg: Seit Dezember wurde es dort mehr als 4000-mal heruntergeladen. Was wiederum Philips freut: Attraktive Anwendungen motivieren zum Kauf der 200 Euro teuren Leuchtkörper.

Freiwillige entwickeln für Unternehmen neue Produkte und Dienste - Geschichten wie die von Hue Disco elektrisieren derzeit Forschungsmanager, Wissenschaftler und Erfinder rund um den Globus. "Crowdsourcing" nennen sie die Methode, die die Kreativität der vielen für ihre Zwecke nutzen will. Firmen und Institutionen zapfen die Weiten des Webs an, um schneller und effizienter Ideen zu generieren und zu realisieren.

Ein regelrechter Hype ist um die Nutzung der Schwarmintelligenz entstanden. Via Internet beteiligen sich brillante Köpfe von außen am Forschen und Entwickeln. Firmen öffnen ihre Innovationsprozesse, denken nicht mehr im Geheimen vor sich hin, sondern beziehen Externe ein. "Stellen Sie sich vor, Sie können die besten Experten der Welt für Ihr Problem rekrutieren und mit ihnen in Echtzeit kooperieren", schwärmt Epirot Ludvik Nekaj von den Möglichkeiten, die soziale Medien im Innovationsprozess eröffnen.

Theorie und Praxis

Im Juni veranstaltet der Branchenexperte in Singapur die Crowdsourcing Week, die erste weltweite Konferenz, bei der alle Spieler der jungen Szene auftreten sollen. Die weltgrößte IT-Messe Cebit gründete im Januar eine Web-Plattform, die Unternehmen mit Ideengebern zusammenbringen soll. Trendsetter wie Philips-Chef Frans van Houten verbreiten die optimistische Botschaft: "Crowdsourcing verschafft uns Zugang zu den Gehirnen von Hunderttausenden Menschen. Dadurch können uns echte Durchbrüche bei Konsumgütern, bei Gesundheit oder Licht gelingen."

Ob die bunte Heimdisco nun tatsächlich die Leuchtenindustrie rockt - warten wir es ab. Doch eines ist klar: In einer Welt, die in immer kürzeren Zyklen nach neuen Waren und Services verlangt, in der die Fragen komplexer und die Antworten teurer werden, müssten Unternehmen im Vorteil sein, die enthusiastische Innovatoren wie van den Brakel für sich gewinnen können. Auch Kostenvorteile hat der Konzern: Der IT-Berater freut sich vor allem über das positive Feedback der Hue-Disco-Nutzer und sieht die 54 Cent, die er pro Download kassiert, als nettes Zubrot.

Die Masse macht's. So simpel, wie sich die Theorie anhört, gestaltet sich das Crowdsourcing in der Praxis mitnichten. "Da haben sich schon etliche die Finger verbrannt", warnt Sabine Brunswicker vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation aufgrund ihrer täglichen Erfahrung. Schlecht verhandelte Urheberrechte, ungeeignete Anreizsysteme, falsche Instrumente oder ein schlichter Boykott der neumodischen Methoden durch die eigenen Mitarbeiter habe schon so manches hoffnungsfrohe Pilotprojekt verhagelt, erzählt die Ingenieurin. Sie hat das Phänomen Crowdsourcing grundlegend erforscht und rät deshalb: "Ein virtuelles Innovationsnetzwerk muss gut gemanagt werden." Das aber gelinge bisher eher selten.

Beispiele für gelungenes Crowdsourcing sind besonders bei echten Neuerungen rar. Dass man auch schon bei banalen Anwendungen in der virtuellen Welt krachend scheitern kann, zeigt das Beispiel Henkel : Der Konsumgüterkonzern wollte bei einem Web-Wettbewerb - eine der beliebtesten Formen des Crowdsourcings - ein frisches Etikett für sein Spülmittel Pril entwerfen lassen. Die Teilnehmer kürten aus mehr als 50.000 Vorschlägen ein absurdes Hühnermotiv zum Sieger. Das Blödeldesign war dem Konzern aber zu peinlich. Man bediente sich lieber einer harmlosen Variante und löste damit einen Shitstorm aus, der dem Ruf von Henkel gehörig schadete.

Perlensucher und Kraftwerker

Wer die breite Öffentlichkeit sucht, erhält große Resonanz, besonders wenn etwas schiefläuft. Egal ob sich die Teilnehmer unfair behandelt, schlecht informiert oder mies entlohnt fühlen - ihr Unmut verbreitet sich blitzschnell in der ganzen Welt.

Der Aufruf an die Masse aller Websurfer gilt unter Fachleuten denn auch als die am wenigsten ertragreiche Variante der Open Innovation. Der Ansatz mag taugen, um, wie Kosmetikkonzern Coty, Nagellackfarben oder, wie Wursthersteller Rügenwalder, Geschmacksvarianten für Schinkenwurst zu kreieren. Seit einigen Jahren sind solche Aktionen als virale Werbemaßnahme en vogue. Mit echtem Forschen und Entwickeln haben sie wenig zu tun. Immerhin erfahren die Unternehmen auf diese Weise, was der webaktive Teil der Kundschaft wünscht - und können daraus gegebenenfalls Innovationen ableiten.

So auch Volkswagen . Der Konzern fragte in seinem "People's Car Project", wie sich die Chinesen ihr Auto der Zukunft vorstellen. Unter den mehr als 130.000 Einsendungen gab es fantastische Varianten wie den Wagen, der sich in die Lüfte erhebt. Doch die Wolfsburger erhielten auch etliche nützliche Anregungen wie etwa die Synchronisierung des Gefährts mit dem iPad. Eine daraus von Studenten entwickelte Designstudie will VW im April auf der Automesse in Shanghai präsentieren.

Wer jedoch mehr als vage Ideen im Web einsammeln will, sollte sich statt in der gesamten Web-Welt lieber in einer Community von Forschern und Erfindern auf die Suche begeben. Dabei registrieren sich die Teilnehmer mit ihren wahren Namen auf einer speziellen Innovationsplattform im Internet. Bedingungen wie Vertraulichkeit, Dotierung oder Urheberrechte sind vorab fixiert.

Der Aufbau einer Plattform braucht Zeit

Pearlfinder ist so eine Community. In diesem von Beiersdorf  betriebenen Forum garantiert der Konzern den Mitgliedern absolute Vertraulichkeit und schreibt diese Geheimhaltungsklausel auch vertraglich fest. "Bei uns muss niemand einen Missbrauch seiner Ideen fürchten", versichert Andreas Clausen, der das Perlensucher-Netzwerk betreut.

Der Aufbau einer solchen hauseigenen Innovationsgemeinschaft kostet allerdings Zeit und verlangt Wissen um die Mechanismen sozialer Netze. Leichter tun sich Crowdsourcing-Einsteiger, wenn sie sich zunächst an eine bereits bestehende Community wenden.

In den USA zum Beispiel offerieren Tausende bei Ninesigma engagierte Forscher und Gründer ihre Denkerdienste. Auf dieser Internetplattform inseriert etwa die Nasa, dass sie nach Vorschlägen für die Verbesserung der Internationalen Raumstation ISS sucht. Oder das Forschungsinstitut des US-Verteidigungsministeriums, Darpa, verkündet, dass es ein modernes Amphibienfahrzeug für die Army bauen will.

Eine Website, die vor allem dem deutschen Mittelstand Zugang zu wissenschaftlichen Ressourcen verschaffen will, hat die Universität Stuttgart im vergangenen September live geschaltet. Auf dieser "Open Research Platform" (ORP) können Firmen ihre Projekte einstellen oder per Stichwortsuche Forscher identifizieren, die sich mit ihrem Problem befassen. Binnen drei Monaten sei bereits ein konkretes Gemeinschaftsprojekt für ein neuartiges Antriebsverfahren zustande gekommen, berichtet ORP-Betreuer Bastian Strinz stolz.

Konkretere Ergebnisse kann die Plattform "Innovationskraftwerk" aufweisen. Entstanden ist das Netzwerk aus der Initiative "Land der Ideen". Nun produziert es seit September 2011 Denkanstöße für die deutsche Industrie. Als Anreiz loben dort Firmen wie Evonik oder Bayer Material Science Wettbewerbe aus, die mit fünfstelligen Euro-Beträgen dotiert sind. Rund 4000 der in der Community versammelten 10.000 Forscher und Tüftler haben dabei bereits Neuerungen entwickelt - etwa für die Schott AG.

Deren Bereich Rohrglas fragte die Kraftwerker in einer sogenannten Ideation, was sie denn mit eckigen Glasröhren anfangen würden. Aus 500 Vorschlägen wählte das Unternehmen unter anderem eine Kreation von Denny Kondic, dem Ideenmanager des Tübinger Maschinenbauers Walter AG, aus: eine beleuchtete zwölf Meter lange Glaswand, die sich auf der Münchener Messe Bau 2013 als wahrer Publikumsmagnet erwies.

Neben kreativen Ideen können beim Crowdsourcing auch wertvolle Verbindungen zu potenziellen Partnern erwachsen. SGL Carbon etwa lernte durch einen Wettbewerb (Thema: "Was mache ich aus Carbonbeton?") im Innovationskraftwerk Immobilienunternehmen, Architekten oder Baustoffhersteller kennen - bislang nicht gerade das Metier des Zulieferers der Stahl- und Autoindustrie. "Wer die Vorstellungen der Nutzer innovativer Materialien kennt, kann die oft mehr als zehnjährige Entwicklungszeit beträchtlich verkürzen und somit die Kosten senken", erklärt Innovationsmanager Christian Bruch.

Bringt der Schwarm wahren Fortschritt?

Manchmal werden Partner aus der Crowd sogar zu Mitarbeitern. Michael Graefenstedt, der im Bereich Polyurethan von Bayer Material Science für Open Innovation zuständig ist, betont die Qualität und Seriosität der Ideengeber aus dem Web. So habe eine junge Malayin ein Gerät für die Erzeugung von Kunstlicht ohne Solarzellen auf der Basis von Polyurethan und Polycarbonat vorgeschlagen: "Jury und Management waren so beeindruckt, dass sie der Studentin nach dem Bachelorabschluss einen Jahresvertrag anboten. Heute feilt sie in Leverkusen an der Umsetzung ihrer Erfindung."

Vernetzt mit Harvard und Yale

Kreative Vorschläge für neuartige Anwendungen von bestehenden Produkten, Partner für die Entwicklung von Innovationen, sogar bereits fertige Prototypen - solche Vorteile haben schon etliche Unternehmen aus der Masse gezogen. Doch hilft die Intelligenz der vielen auch, Neuland zu betreten? Kann der Schwarm wahren wissenschaftlichen Fortschritt schaffen?

Auf jeden Fall, sagt Cord Dohrmann, Wissenschaftsvorstand der Evotec , vorausgesetzt, der richtige Schwarm macht mit. Das Hamburger Biotechnologieunternehmen, das neue Wirkstoffe für die Pharmaindustrie sucht und entwickelt, hat sich eine Crowd aus exzellenten Wissenschaftlern von den US-Universitäten Harvard und Yale sowie von Pharmaunternehmen aufgebaut. Weil es in der medizinischen Forschung um hochgeheime Multimilliardenprojekte geht, vereinbarten die Deutschen mit den Amerikanern klare Rahmenverträge über die Verwertung möglicher Ergebnisse - wie der potenzielle Blockbuster "Betazellregeneration".

Bei der Suche nach einem Medikament gegen Diabetes stieß Dohrmann in seinem Forschernetzwerk auf die Idee des Harvard-Professors Doug Melton. Der Biologe will die bei Zuckerkranken defekten Betazellen der Bauchspeicheldrüse, die Insulin produzieren, mithilfe von speziellen Molekülen heilen. Welches Teilchen dabei besonders gut wirkt, testet er nun gemeinsam mit Evotec und Janssen Pharmaceuticals.

"Der Austausch in unserer Community beschleunigt die medizinische Entwicklung enorm", erklärt der Forscher und Manager. Hätte er, wie bislang üblich, Fachjournale gelesen oder ein passenden Start-up gesucht, wären mindestens noch drei Jahre bis zum heutigen Stand des neuen Therapieansatzes vergangen. Sofern er überhaupt je entstanden wäre.

Schwarmintelligenz, sagt Dohrmann, könne durchaus als Innovationsbeschleuniger wirken - wenn man sie denn intelligent zu nutzen verstehe.

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