Sonntag, 21. Juli 2019

Hochschulen Bildung boomt - doch viele Unis müssen bangen

Die Ausbildung an deutschen Hochschulen steckt mitten in einer Revolution. Noch nie gab es in Deutschland so viele Studierende und Lehranstalten. Doch viele der neuen Angebote stehen noch auf wackligen Beinen - akademisch wie ökonomisch.

Wer die ehrwürdige Universitätsstadt Bonn auf der Landstraße 183 westlich in Richtung Voreifel verlässt, dem fällt im Niemandsland zwischen Gewerbegebiet und Kohlfeldern die scharfe Kontur einer knallrot gestrichenen Betonfassade auf. Es ist das Hauptgebäude der Alanus Hochschule; der neue Campus, stolze 14 Millionen Euro teuer, öffnete vor drei Jahren.

Gleich gegenüber, auf der anderen Seite des Campus-Boulevards, sind Mensa und Bibliothek in einem Gebäude mit großer Glasfront untergebracht. Gegen Mittag herrscht studentischer Trubel. Es riecht nach Couscous mit reichlich Knoblauch.

Durch sein Bürofenster überblickt Marcelo da Veiga den Betrieb. Der Rektor der Alanus Hochschule, ein Philosophieprofessor mit Erfahrung im Management brasilianischer Universitäten, hat in den vergangenen Jahren einiges bewegt. Eine ansehnliche künstlerisch-wissenschaftliche Hochschule hat er aus dem Boden gestampft, anthroposophisch angehaucht, aber durchaus im Hier und Jetzt verankert: Da Veiga hat Millionen eingeworben, von der Software AG-Stiftung und von privaten Mäzenen. Er hat die Akkreditierung beim Wissenschaftsrat und die staatliche Zulassung durchgeboxt. Er hat rund 60 Professoren berufen und die Auswahl von derzeit rund 1000 Studierenden überwacht. Zuletzt hat seine bildungswissenschaftliche Fakultät sogar das Promotionsrecht erhalten.

Damit ist die kleine, private Alanus Hochschule in einer wesentlichen Disziplin gleichgestellt mit öffentlichen Universitäten. Rückblickend ist da Veiga zufrieden: "Das war kein Spaziergang", sagt er und streicht sich mit der Hand über die hohe Stirn.

Rekord: 421 Hochschulen und 2,5 Millionen Studierende in Deutschland

Die Alanus-Expansion illustriert, wie sehr die Hochschullandschaft in Bewegung geraten ist. Im Sektor der höheren Bildung herrscht Aufbruchstimmung. Sicher, längst nicht alle Versuche sind erfolgreich. Aber das ändert nichts am Befund eines tief greifenden Umbruchs, der "nur vergleichbar ist mit der Bildungsreform in den 70er Jahren", wie Peter Strohschneider, der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), sagt (siehe Interview) .

Die Zahlen sind beeindruckend: Nie zuvor gab es hierzulande so viele Studierende - 2,5 Millionen. Nie gab es so viele akademische Lehranstalten - 421 Hochschulen sind in Deutschland offiziell gelistet. Nie gab es so viele Studiengänge - über 16.000. Und nie zuvor stand für die Hochschulen so viel Geld zur Verfügung: rund 42 Milliarden Euro pro Jahr.

Eine neue Gründerzeit ist angebrochen. Unternehmen wie der Stuttgarter Klett Verlag oder der Hamburger Logistikkonzern Kühne + Nagel rufen eigene Hochschulen ins Leben. Die Heidelberger SRH, ehemals ein reiner Klinikkonzern, betreibt jetzt eine Hochschulkette mit über 7000 Studierenden.

ESMT, Bucerius Law School und Jacobs University finden Nachahmer

An der Spitze der Pyramide stehen private Edelinstitute wie die European School of Management and Technology (ESMT) in Berlin, die Bucerius Law School in Hamburg oder die Jacobs University in Bremen, die bereits im vorigen Jahrzehnt gegründet wurden. Weiter unten in der Bildungspyramide findet derzeit eine rapide Akademisierung statt, die neue Anbieter anlockt.

In vielen Branchen ist die klassische duale Berufsausbildung auf dem Rückzug. Wer in bisherigen Lehrberufen wie Krankenpfleger, Kindergärtner oder Physiotherapeut Karriere machen will, der kommt künftig um einen Hochschulabschluss kaum mehr herum. Die Hochschule für Gesundheit in Bochum (gegründet 2009), die erst vor einigen Jahren privatisierte Hochschule 21 in Buxtehude oder eben Alanus bieten die passenden Bachelor- und Master-Programme.

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