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Bildung boomt: Deutschlands akademische Revolution

Hochschulen Bildung boomt - doch viele Unis müssen bangen

Die Ausbildung an deutschen Hochschulen steckt mitten in einer Revolution. Noch nie gab es in Deutschland so viele Studierende und Lehranstalten. Doch viele der neuen Angebote stehen noch auf wackligen Beinen - akademisch wie ökonomisch.

Wer die ehrwürdige Universitätsstadt Bonn auf der Landstraße 183 westlich in Richtung Voreifel verlässt, dem fällt im Niemandsland zwischen Gewerbegebiet und Kohlfeldern die scharfe Kontur einer knallrot gestrichenen Betonfassade auf. Es ist das Hauptgebäude der Alanus Hochschule; der neue Campus, stolze 14 Millionen Euro teuer, öffnete vor drei Jahren.

Gleich gegenüber, auf der anderen Seite des Campus-Boulevards, sind Mensa und Bibliothek in einem Gebäude mit großer Glasfront untergebracht. Gegen Mittag herrscht studentischer Trubel. Es riecht nach Couscous mit reichlich Knoblauch.

Durch sein Bürofenster überblickt Marcelo da Veiga den Betrieb. Der Rektor der Alanus Hochschule, ein Philosophieprofessor mit Erfahrung im Management brasilianischer Universitäten, hat in den vergangenen Jahren einiges bewegt. Eine ansehnliche künstlerisch-wissenschaftliche Hochschule hat er aus dem Boden gestampft, anthroposophisch angehaucht, aber durchaus im Hier und Jetzt verankert: Da Veiga hat Millionen eingeworben, von der Software AG-Stiftung und von privaten Mäzenen. Er hat die Akkreditierung beim Wissenschaftsrat und die staatliche Zulassung durchgeboxt. Er hat rund 60 Professoren berufen und die Auswahl von derzeit rund 1000 Studierenden überwacht. Zuletzt hat seine bildungswissenschaftliche Fakultät sogar das Promotionsrecht erhalten.

Damit ist die kleine, private Alanus Hochschule in einer wesentlichen Disziplin gleichgestellt mit öffentlichen Universitäten. Rückblickend ist da Veiga zufrieden: "Das war kein Spaziergang", sagt er und streicht sich mit der Hand über die hohe Stirn.

Rekord: 421 Hochschulen und 2,5 Millionen Studierende in Deutschland

Die Alanus-Expansion illustriert, wie sehr die Hochschullandschaft in Bewegung geraten ist. Im Sektor der höheren Bildung herrscht Aufbruchstimmung. Sicher, längst nicht alle Versuche sind erfolgreich. Aber das ändert nichts am Befund eines tief greifenden Umbruchs, der "nur vergleichbar ist mit der Bildungsreform in den 70er Jahren", wie Peter Strohschneider, der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), sagt (siehe Interview) .

Die Zahlen sind beeindruckend: Nie zuvor gab es hierzulande so viele Studierende - 2,5 Millionen. Nie gab es so viele akademische Lehranstalten - 421 Hochschulen sind in Deutschland offiziell gelistet. Nie gab es so viele Studiengänge - über 16.000. Und nie zuvor stand für die Hochschulen so viel Geld zur Verfügung: rund 42 Milliarden Euro pro Jahr.

Eine neue Gründerzeit ist angebrochen. Unternehmen wie der Stuttgarter Klett Verlag oder der Hamburger Logistikkonzern Kühne + Nagel rufen eigene Hochschulen ins Leben. Die Heidelberger SRH, ehemals ein reiner Klinikkonzern, betreibt jetzt eine Hochschulkette mit über 7000 Studierenden.

ESMT, Bucerius Law School und Jacobs University finden Nachahmer

An der Spitze der Pyramide stehen private Edelinstitute wie die European School of Management and Technology (ESMT) in Berlin, die Bucerius Law School in Hamburg oder die Jacobs University in Bremen, die bereits im vorigen Jahrzehnt gegründet wurden. Weiter unten in der Bildungspyramide findet derzeit eine rapide Akademisierung statt, die neue Anbieter anlockt.

In vielen Branchen ist die klassische duale Berufsausbildung auf dem Rückzug. Wer in bisherigen Lehrberufen wie Krankenpfleger, Kindergärtner oder Physiotherapeut Karriere machen will, der kommt künftig um einen Hochschulabschluss kaum mehr herum. Die Hochschule für Gesundheit in Bochum (gegründet 2009), die erst vor einigen Jahren privatisierte Hochschule 21 in Buxtehude oder eben Alanus bieten die passenden Bachelor- und Master-Programme.

Steigende Nachfrage nach Light-Akademikern

Die Nachfrage nach neuen Angeboten ist immens. So ist die Essener FOM, einst als Fachhochschule für Oekonomie und Management von Essener Wirtschaftsverbänden gegründet, heute Deutschlands größte private Hochschule - mit rund 19.000 Studierenden. In berufsbegleitenden Kursen werden sie zum Bachelor in Automatisierungstechnik oder Steuerrecht ausgebildet, zum MBA, zum Master in Coaching oder in Mechatronik. Erfolgsquote: über 80 Prozent. Bei herkömmlichen Fernstudien kommen nur 30 Prozent zum Abschluss.

An den 29 FOM-Standorten können schon Auszubildende während ihrer Lehrzeit studieren: Tagsüber arbeiten sie in der Werkstatt und besuchen die Berufsschule, abends und am Wochenende büffeln sie im Hochschulkurs. Parallel zum Gesellen- oder Gehilfenbrief erhalten sie dann die Bachelor-Urkunde. Andere Studiengänge sehen - in Absprache mit dem Arbeitgeber - zwei Studientage pro Woche vor.

Die Studienpläne sind so flexibel, dass im vergangenen Sommer ein Banklehrling nach nur 20 Monaten Gesamtstudienzeit sein zweites FOM-Examen ablegen konnte: Nach einem Bachelor in Business Administration schloss er das Masterprogramm in Management ab.

Eine Druckbetankung mit Lernstoff. Mit einer akademisch reflektierten Suche nach Erkenntnis habe das "wenig bis gar nichts mehr zu tun", urteilt Christian Berthold. Der Geschäftsführer der Consulting-Ausgründung des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) will "erst mal offen lassen", ob etwa ein "Bachelor in Banking and Finance" tatsächlich besser qualifiziert ist als ein Bankkaufmann.

"Wir brauchen doppelt qualifizierte Fachkräfte"

Allerdings räumt er ein, dass Akademiker im Vergleich zu Absolventen einer Lehre langfristig ein vielfach geringeres Risiko haben, arbeitslos zu werden. "An der Hochschule lernt man das Lernen", sagt Berthold. Das befördert die Flexibilität, sodass man später im Berufsleben dem schnellen Wandel von Technologien und Marketingmethoden, von Softwareprogrammen und Personalentwicklungsmodellen besser folgen kann.

Der Arbeitsmarkt jedenfalls verlangt nach den neuen Light-Akademikern. "Wir brauchen doppelt qualifizierte Fachkräfte", sagt Christian Friese. Der Personal-Geschäftsführer des Berliner Krankenhauskonzerns Vivantes sieht seine Branche in einem enormen Entwicklungsschub: Schon in wenigen Jahren, da ist sich Friese sicher, wird ein Viertel der Krankenschwestern und -pfleger einen Bachelor-Abschluss in Pflegewissenschaften oder Health Care vorweisen können.

Nicht nur der Dienst im OP und auf der Intensivstation, auch die "Versorgung am Bett" auf einer normalen Klinikstation verlange künftig "nach wissenschaftlich fundierten Handlungsmustern und kritischer Methodenwahl", sagt Friese. Deshalb entwickelt Vivantes jetzt mit der Steinbeis-Hochschule maßgeschneiderte Studiengänge. Wer die absolviert, braucht bis zum Abschluss vier Jahre - ein Jahr länger als herkömmlich ausgebildete Absolventen der Pflegeschulen.

Private Hochschulen am Tropf der Stifter und Spender

In der akademischen Elite hat sich eine Handvoll hoch spezialisierter Anbieter wie die Bucerius Law School (BLS) etabliert. Auf dem Hamburger BLS-Campus studieren derzeit 630 handverlesene junge Leute, vor allem Juristen. Rund 80 Prozent der "Butzis", wie die Studierenden genannt werden, schließen mit einem Prädikatsexamen ab, also mit der Note "vollbefriedigend" oder besser. An staatlichen Jura-Fakultäten sind es oft kaum mehr als 10 Prozent.

Entsprechend viele BLS-Absolventen sind im Partnerkreis der Großkanzleien zu finden, in Führungspositionen Berliner Ministerien, bei EU-Kommission oder Weltbank.

Die Exzellenz, sagt Hariolf Wenzler, das sei "das eigentliche Markenzeichen der Bucerius Law School". Ein Vorsprung, den der Kanzler der Lernschmiede nutzen will, um den "42 dicken Tankern" vorwegzufahren, wie er die Fakultäten der öffentlichen Unis nennt. Wenzlers Anspruch: "die beste Jura-Ausbildung in Deutschland anzubieten".

Doch bei allem Stolz auf das Erreichte: Die Geschäftsmodelle der Privathochschulen stehen nach wie vor auf wackligen Beinen. So kann die BLS von den 48.000 Euro Studiengebühren, die bis zur "Ersten Prüfung" fällig werden, nur rund ein Viertel ihrer Kosten bestreiten. Die Hälfte des Budgets kommt als Zuschuss von der Zeit-Stiftung, das restliche Viertel aus Gebühren für Fortbildungskurse, Gutachten und ähnlichen akademischen Dienstleistungen. Auch bei der Alanus Hochschule gleichen die Studiengebühren nur knapp die Hälfte des Betriebsaufwands aus. Den Rest finanzieren vor allem die Stifter.

Auf Mäzene angewiesen

"Wer in Deutschland mit einer privaten Hochschule ernsthaft Wissenschaft betreibt, der kann sich nicht selbst finanzieren", bilanziert Bucerius-Chef Wenzler. "Der ist in großem Stil auf Stiftungen oder die Spenden von Mäzenen angewiesen." Anders als die großen US-Unis verfügen die deutschen Privaten nicht über ein eigenes Milliardenvermögen. Entsprechend kann der Rückzug eines Geldgebers leicht in eine existenzbedrohende Krise führen.

Die Uni Witten/Herdecke, die älteste unter den deutschen Privaten, konnte 2009 die Insolvenz nur um Haaresbreite abwenden - durch Fördergelder des Landes und durch die Software AG-Stiftung, die sich als Hauptgesellschafter auch bei der Alanus Hochschule engagiert. Die damalige International University Bremen überlebte 2006 nur, weil die Stiftung der Kaffeedynastie Jacobs für 200 Millionen Euro die Mehrheit der Anteile übernahm. Seither heißt die Hochschule Jacobs University.

Weniger Erfolg hatten die International University Bruchsal oder die Private Hanseuniversität Rostock, beide mussten 2009 schließen. Ein Jahr später folgte dann die Potsdamer University of Management and Communication. Der Wissenschaftsrat hatte ihr wegen "schwerer Defizite" die Akkreditierung entzogen.

Kritik im akademischen Establishment

Zweifel an der akademischen Ernsthaftigkeit gibt es auch andernorts. So listet die bildungswissenschaftliche Fakultät der Alanus Hochschule, jener Fachbereich mit Promotionsrecht, zwar 26 Hochschullehrer mit Professorentitel auf. Doch die wenigsten können eine Habilitation vorweisen, manche, vor allem in den künstlerischen Spezialdisziplinen, nicht mal eine Promotion. Etliche sind zudem nur Teilzeitprofessoren, engagieren sich somit nur begrenzt.

Im akademischen Establishment gärt folglich ätzende Kritik - was Alanus-Dekan Jost Schieren jedoch nicht irritiert. Er sieht die Forschung seiner Fakultät bestens international vernetzt, nach Nord- und Südamerika, Skandinavien und Neuseeland. Und gebe ihm denn die rege Nachfrage nicht recht? 120 Aspiranten bewerben sich um die jährlich 30 Studienplätze in Kindheitspädagogik.

Doch selbst den Privathochschulen mit elitärem Anspruch fällt es schwer, etabliertes akademisches Spitzenpersonal anzulocken. So gelang es der BLS auch nach zweijähriger Suche nicht, den Präsidentenposten von außen zu besetzen. Schließlich wurde 2012 Doris König befördert, als wenig prestigeträchtige Hausberufung.

Private Hochschulen gedeihen am ehesten in den Nischen

Ähnlich erging es der Berliner ESMT. Deren Präsidentenkandidat, der Stanford-Professor Stefan Reichelstein, machte "nach Abwägung aller Faktoren" im Mai vergangenen Jahres einen Rückzieher. ESMT-Hausgewächs Jörg Rocholl sprang in die Bresche - ein Ökonom von tadellosem Ruf, aber eben kein Name von internationaler Strahlkraft. Rocholl allerdings hat sich viel vorgenommen: Er will die Business School der Dax-Liga - finanziert von 25 deutschen Konzernen und Verbänden, zuvörderst von der Allianz  - weiter auf Wachstum trimmen. Die "Financial Times" hat den berufsbegleitenden MBA der ESMT unlängst als bestes Angebot in Deutschland bewertet. Rocholl will die Hochschule nun insgesamt in die Top Ten Europas führen.

Gedeihen können die Privaten in Deutschland am ehesten in jenen Nischen, die von den staatlichen Unis nicht besetzt werden. Denn alles geschickte Marketing kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es nach wie vor die Staatsunis sind, die die Bildungslandschaft prägen. Keine 6 Prozent der Studierenden lernen bislang an privaten Instituten. Den starken Anstieg der Studienanfängerzahlen - um 35 Prozent seit 2001 - haben vor allem die öffentlichen Hochschulen gemanagt.

Und auch dort ist eine stille Revolution im Gange, in der Breite wie in der Spitze: Neue Studiengänge werden eingerichtet, die Exzellenzinitiative des Bundes stärkt systematisch die besten Unis.

Als leuchtendes Vorbild unter Deutschlands staatlichen Bildungsmanagern gilt Wolfgang Herrmann. Seit über 17 Jahren führt er die TU München, die er zielstrebig zu einer "unternehmerischen Universität" umgebaut hat. Mehr als die Hälfte ihres Budgets von 1,1 Milliarden Euro erwirtschaftet sie selbst, vor allem durch Auftragsforschung für Industriekonzerne wie BMW  und Audi . Zahlen, von denen die private Konkurrenz nur träumen kann.

Interview mit Peter Strohschneider: Überforderte Unis

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