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Alzheimer: Forscher, Investoren und Prognosen

Foto: Dirk Schleef für manager magazin

Alzheimer-Forschung Goldener Schuss

Pharmakonzerne und Biotech Start-ups liefern sich ein spektakuläres Rennen um das erste Alzheimer-Medikament. Dem Gewinner winken Milliardenprofite. Eine Reportage über die Jäger des größten Schatzes der Medizin.

Hamburg - Zögerlich setzen sich die kleinen Beine der Maus in Bewegung, um dann nach wenigen Augenblicken schnell wie die Nadel einer Nähmaschine auf den Boden zu trommeln. Wieder ein paar Sekunden später stoppt das Tier abrupt, hebt verwirrt den Kopf, senkt die Nase nach unten, hebt sie wieder, dreht sich im Kreis, ein paar Tapser zurück, ein hektischer Blick nach links, dann nach rechts, ein paar ziellose Schritte vor, ein paar zurück, wacklig, schwankend, unsicher. So geht das 5, 10, 15 Minuten.

Am Ende gibt die Maus auf, liegt apathisch am Boden. Die Futterdepots, die nur ein paar Gänge weiter in der Versuchsanordnung liegen, bleiben unentdeckt. Die Stoffreste, aus denen sie ihr Nest hätte bauen sollen, liegen verstreut in einer Ecke des kleinen Labyrinths, das Hansruedi Lötscher und Bernd Bohrmann in ihrem Labor auf dem Firmengelände des Baseler Pharmakonzerns Roche  gebaut haben.

Noch ein paar Wochen zuvor hatte das gleiche Tier die Strecke rasend schnell bewältigt, die ausgestreuten Brocken restlos eingesammelt und die Tuchfetzen geschickt zu einem kleinem Bau zusammengefügt.

Zwischen den beiden Testläufen hatten die Chemiker die Genstruktur des Tieres gründlich verändert. In den folgenden Wochen lagerten sich langsam, aber unaufhörlich winzig kleine Eiweißklumpen im Gehirn des Versuchstieres ab. Wie Ruß aus einem Schornstein legten sich die Partikel auf die Neuronen und lösten damit ein regelrechtes Massensterben aus.

Molekulare Putzkolonnen

Im Zeitraffer hatten die Baseler Wissenschaftler eine molekulare Katastrophe heraufbeschworen, die im Kopf eines Menschen Jahrzehnte braucht, um ihre zerstörerische Kraft zu entfalten und die zur Volkskrankheit des 21. Jahrhunderts zu werden droht: Morbus Alzheimer. Eine quälend langsame Implosion des Gehirns, die das Gedächtnis auslöscht, die Persönlichkeit zerstört und schließlich unweigerlich zum Tod führt.

Der zweite Teil der Versuchsanordnung beim Pharmariesen Roche soll nun in der gleichen Geschwindigkeit das Experiment noch einmal rückwärts ablaufen lassen. Der Maus werden Antikörper gespritzt, die sich an die toxischen Eiweißteilchen heften sollen, um sie dann wie eine molekulare Putzkolonne aus den Blutgefäßen im Inneren des Mäusekopfs herauszuwaschen.

Wenige Wochen später liegt das Gehirn des Labortieres, zerlegt in tausendstel Millimeter dünne Scheiben, vor Lötscher und Bohrmann auf den Objektträgern ihrer Mikroskope. Zu sehen bekommen die beiden - nichts. Die hochaggressiven Eiweißpartikel sind völlig aus den Hirnproben verschwunden.

Testlauf an rund 800 Alzheimerpatienten

Inzwischen haben die Experimente der Pharmaforscher das Stadium der Tierversuche verlassen. An rund 800 Alzheimerpatienten weltweit wird der Wirkstoff derzeit getestet. Es ist die letzte Phase der klinischen Versuchsreihen, die ein Medikament durchlaufen muss, bevor es das Siegel der Zulassungsbehörden bekommt. Gantenerumab, wie der Antikörper mittlerweile heißt, könnte in ein paar Jahren das erste Medikament sein, das die Ursachen der Alzheimererkrankung wirklich bekämpft.

Es wäre von Anfang an ein Bestseller mit Milliardenpotenzial. Weltweit leiden laut den Statistiken der Weltgesundheitsorganisation WHO mehr als 35 Millionen Menschen an einer Form der Demenz, der Großteil davon an Alzheimer. "Und weil das Risiko zu erkranken im Alter sprunghaft steigt", sagt Professor Pierluigi Nicotera, Wissenschaftlicher Vorstand des Bonner Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen, des führenden deutschen Alzheimerforschungsinstituts, "droht die Krankheit in den nächsten Dekaden zum Massenleiden der weltweit alternden Gesellschaften zu werden."

Falls es bis dahin keine wirksame Therapie gibt, wird sich, so die WHO-Schätzung, bis 2030 die Zahl der Patienten auf über 65 Millionen erhöhen, im Jahr 2050 könnten dann mehr als 115 Millionen Menschen erkrankt sein.

1,2 Billionen Dollar Folgekosten

Die Folgekosten sind immens: 600 Milliarden Dollar waren es laut den Statistiken der WHO im Jahr 2010, rund 32 Prozent davon in Westeuropa und Nordamerika. Wenn sich Patientenzahl und Kosten auch nur im Gleichschritt bewegen, steigt die Belastung innerhalb der nächsten beiden Jahrzehnte auf rund 1,2 Billionen Dollar.

Für die Pharmaindustrie sind Prognosen wie diese ein potenzieller Jackpot. Schon Gerüchte über Erfolge oder Misserfolge im Erprobungsstadium setzen an der Börse dreistellige Millionensummen in Bewegung und lassen Aktienkurse wie Gummibälle springen. Selbst der größte bislang aufgedeckte Insiderskandal geht auf ein gescheitertes Alzheimerprojekt zurück: Ende November verhafteten US-Staatsanwälte den Manager eines Hedgefonds, der Pharmaaktien in großem Stil verkauft hatte, nachdem ihm ein Klinikarzt die enttäuschenden Resultate einer großen Studie zugespielt hatte. Als das Unternehmen die schlechten Nachrichten per Ad-hoc-Mitteilung verbreitete und der Kurs einbrach, strich der Fonds 276 Millionen Dollar Gewinn ein.

Selbst ohne wirksames Medikament ist Alzheimer ein riesiger Markt. Der französische Lebensmittelgigant Danone  verspricht sich Millionenumsätze von seinem Nahrungsergänzungsmittel Souvenaid, das die Abwehrkräfte der Gehirnzellen stärken und Gedächtnisverlust vorbeugen soll. Mehr als vier Milliarden Dollar gaben Krankenkassen und Versorgungssysteme 2012 weltweit für Präparate aus, die nur die Symptome lindern, aber weder Gedächtnisverlust noch Persönlichkeitsverfall bremsen oder gar stoppen können.

Zu heiss, zu gefährlich

Allein der Frankfurter Familienkonzern Merz kommt mit seinem Wirkstoff Memantine auf knapp 430 Millionen Euro Umsatz und zieht daraus den Großteil seines Gewinns. Doch das ist Kleingeld, verglichen mit dem Potenzial, das Präparate versprechen, die tatsächlich die Ursachen der Krankheit bekämpfen.

Bei 20 Milliarden Dollar Umsatz pro Jahr dürfte die Summe liegen, die ein solcher Wirkstoff erwirtschaften kann - mehr als jedes andere bis heute zugelassene Medikament. Längst läuft zwischen den Pharmariesen ein dramatisches Rennen um diesen gigantischen Markt. In über 100 Alzheimerprojekten wird derzeit in Kliniken und Labors der Industrie geforscht und entwickelt.

Riesen wie der Schweizer Roche-Konzern und die US-Konkurrenz von Pfizer, Merck  oder Eli Lilly spielen mit massivem Materialeinsatz "Alles oder nichts". Am Ende wird die Entwicklung des ersten wirksamen Alzheimerpräparats den Sieger des Rennens weit über eine Milliarde gekostet haben. Floppen die Wirkstoffe in der Testphase, können schon mal Milliardenbeträge aus der Bilanz verschwinden - wie beim langjährigen Marktführer Pfizer , der in den vergangenen drei Jahren mit gleich zwei Alzheimermitteln scheiterte. Marktgrößen wie der Darmstädter Dax-Konzern Merck  haben sich deshalb völlig aus dem Gebiet verabschiedet. Zu heiß, zu gefährlich.

Der Mann, der dieses Rennen lostrat, heißt Konrad Beyreuther, ist heute 71 Jahre alt und gehört zu Deutschlands renommiertesten Hirnforschern.

Toxische Eiweißklumpen auf Nervenzellen

Bis Mitte der 80er Jahre hatte er noch nie etwas von Alzheimer gehört. Damals beschäftigte er sich mit Scrapie, einer Krankheit, die in den Gehirnen von Schafen und Ziegen ganz ähnliche Verwüstungen anrichtet wie Alzheimer in den Köpfen menschlicher Patienten. Die gemeinsame Ursache: toxische Eiweißklumpen, die sich auf Nervenzellen legen, sie blockieren und absterben lassen.

Als ihn sein australischer Kollege Colin Masters beim Eröffnungsdinner eines wissenschaftlichen Kongresses auf den Zusammenhang hinwies, wimmelte ihn Beyreuther zunächst ab. "Es gab Wild, ich wollte in Ruhe essen, also habe ich ihm gesagt, er soll mir einen Brief schicken", erinnert er sich.

Der Australier schrieb tatsächlich, und zwei Jahre später waren Beyreuther und Masters am Ziel. Sie identifizierten mit ihrem Team das Gen, das beim Menschen die Produktion der tödlichen Partikel, des sogenannten Beta-Amyloid-Proteins, auslöst. "Damit war klar, wo die Entwickler ansetzen mussten, sie hatten den Angriffspunkt, der ihnen bis dahin fehlte", erklärt Beyreuther.

Seither wird in den Laboren der Industrie fieberhaft nach Gegenmitteln gesucht, die entweder die Produktion der Ablagerungen verhindern oder die bereits entstandenen Eiweißklumpen auflösen sollen. Weit über ein Vierteljahrhundert dauert die Suche nun schon - bislang ohne verwertbares Ergebnis.

Mehr als 100 Wirkstoffe, die es in die Versuchskliniken geschafft hatten, scheiterten. Sie lösten Hirnblutungen aus, beschleunigten den Gedächtnisverlust oder lösten gar Hautkrebs aus. Und wenn ein Präparat die Beta-Amyloid-Ablagerungen eliminierte, hatten die Patienten nichts davon. Die Fähigkeit, zu telefonieren oder allein zu essen, blieb verloren.

LY2062430 enttäuscht

Wenn jemand erklären kann, warum die globalen Pharmariesen diese enorme Wette auf den Erfolg eines einzigen Medikaments abschließen, dann ist das Jan Lundberg. Der Schwede hat beim US-Konzern Eli Lilly die weltweite Forschung unter sich. Der Mann kommt aus der Gehirnforschung und ist auch als Manager Wissenschaftler geblieben. Vor knapp drei Jahren wechselte er von AstraZeneca in den Vorstand der Amerikaner. Dass Lilly mit John Lechleiter als einer von wenigen Pharmagiganten noch einen ausgebildeten Naturwissenschaftler als Vorstandschef an der Spitze hat - und keinen Juristen, Finanzmann oder Marketingspezialisten -, mag mit den Ausschlag gegeben haben.

Lundbergs Job ist es, in den nächsten Jahren Nachfolger für die Blockbuster des Hauses, das Schizophreniemittel Zyprexa und das Antidepressivum Cymbalta, herbeizuschaffen. Rund neun Milliarden Dollar Einnahmen bringen beide Präparate pro Jahr, das ist mehr als ein Drittel des Jahresumsatzes von 24 Milliarden Dollar. Nach Ablauf der Patente bleibt in den nächsten Jahren davon so gut wie nichts übrig.

Alzheimer ist eine der wenigen Krankheiten, die bedrohlich genug erscheinen, um solche Umsatzausfälle mit einem einzigen Treffer zu kompensieren. "Natürlich ist der Durchbruch auf diesem Gebiet ein Schlüsselfaktor für unsere Zukunft", sagt er. "Wir haben in den vergangenen Jahren so viel investiert wie kaum ein anderes Unternehmen, und uns ist keines bekannt, das weiter wäre als wir."

Tatsächlich war Eli Lilly der Konkurrenz lange Zeit voraus. Die Daten für den Hoffnungsträger Solanezumab galten als vielversprechend, das Basismolekül LY2062430 schaffte es, sich an die toxischen Eiweißpartikel anzudocken und sie abzutransportieren. Der US-Konzern agierte weitaus vorsichtiger als die meisten seiner Wettbewerber: Um die Kosten für die mehrere Hundert Millionen Dollar teuren klinischen Versuchsreihen beherrschbar zu halten - für Solanezumab wurden mehr als 2000 Patienten parallel in 16 Ländern getestet - gingen die Amerikaner beim Design ihrer Studien völlig neue Wege.

Entlastung durch Deal mit Finanzinvestor TPG

Statt den Zustand ihrer Testpatienten durch aufwendige Untersuchungen zu verfolgen, verließen sich die Lilly-Forscher auf die Entwicklung bestimmter Körperwerte, sogenannter Biomarker, die sie im Labor aus Blut und Rückenmarksflüssigkeit ermittelten. Eine Methode, die zwar weniger aussagekräftige Daten liefert, aber erheblich billiger ist.

Die weitaus größere Entlastung allerdings dürfte ein Deal bringen, den Konzernchef Lechleiter mit der Private-Equity-Firma TPG  ausgehandelt hatte. 325 Millionen Dollar steuerten die Finanzinvestoren zur Finanzierung der klinischen Erprobung bei. Im Gegenzug sollte eine Erfolgsprämie von 330 Millionen Dollar fließen und TPG die ersten acht Jahre nach Markteinführung mit einem einstelligen Prozentsatz am Umsatz beteiligt werden.

Der Wert dieser Versicherungspolice zeigte sich spätestens Ende August vergangenen Jahres, als der Konzern mit den Resultaten der klinischen Studien an die Öffentlichkeit ging. Auf den ersten Blick erschien die Auswertung als Fehlschlag, die Forscher hatten ihre selbst gesteckten Ziele nicht erreicht.

Als Lundbergs Statistiker die Daten in den folgenden Wochen auswerteten, zeigte sich, dass der möglicherweise entscheidende Fehler ganz am Anfang bei der Auswahl der Testpatienten passiert war. Solanezumab blieb vor allem bei Alzheimererkrankten wirkungslos, deren Leiden bereits weit fortgeschritten war. Bei Probanden, die nur über leichte Symptome klagten, verbesserte sich die Gedächtnisleistung dagegen. Ein Resultat, das es davor bei noch keinem anderen Medikament gegeben hatte.

Nischenprodukt oder Bestseller?

Die Botschaft für die entscheidende Phase des Wettlaufs ist eindeutig: Erfolg wird es bei dieser Art von Wirkstoffen nur geben, wenn die Ärzte die Krankheit möglichst früh bekämpfen können. Ob Solanezumab das angedeutete Versprechen einlösen kann, muss Eli Lilly noch in einer weiteren groß angelegten Studie nachweisen. Und dies wird wiederum Jahre dauern.

Der Vorsprung, den sich Lundberg und seine Leute erarbeitet haben, ist also erst einmal dahin.

Tatsächlich war es bis vor Kurzem ziemlich kompliziert, die richtigen Patienten zu identifizieren. "Die einzig sichere Methode bestand darin, im Gehirn eines verstorbenen Patienten nach Beta-Amyloid zu suchen", analysiert Ludger Dinkelborg, Chef des Berliner Diagnostikspezialisten Piramal Imaging. "Also alles andere als eine klinisch relevante Untersuchungsmethode."

Seit eineinhalb Jahrzehnten arbeitet der promovierte Chemiker nun schon daran, die Eiweißklumpen auch bei lebenden Alzheimerpatienten sichtbar zu machen. Zuerst für Schering , nach dem Verkauf der Berliner Pharmafirma für die neue Konzernmutter Bayer . Als die Leverkusener aussteigen wollten, machte er sich auf die Suche nach einem Investor, stieß auf den indischen Milliardär Ajay Piramal, organisierte zusammen mit dem Pharmaunternehmer ein Management-Buy-out und agiert seither selbst als Unternehmer.

Das Verfahren, das dem Start-up nun zum Durchbruch verhelfen soll, funktioniert im Prinzip wie ein Kontrastmittel, mit dem Röntgenärzte Tumore auf Bildschirmen erscheinen lassen. Dem Patienten wird ein schwach radioaktives Fluor-Präparat injiziert, das sich ins Gehirn einschleusen und an die Beta-Amyloid-Ablagerungen heften soll. Mit einem speziellen Tomografen fotografiert, erscheinen die Eiweißklumpen anschließend als leuchtend rote Flecken auf einer sogenannten Positronen-Emissions-Aufnahme.

Kleine Teilchen, grosse Wirkung

"Mit den Bildern, die unser Diagnostikum liefert, lassen sich Beta-Amyloid-Ablagerungen nachweisen, 10 bis 15 Jahre, bevor sich die ersten Symptome bemerkbar machen", erläutert Dinkelborg: "Sobald es einem Pharmakonzern gelingt, ein Medikament zu entwickeln, das die Ablagerungen auflöst oder gar nicht erst entstehen lässt, könnten Risikogruppen künftig frühzeitig behandelt werden."

Genau davon hängt es im Wesentlichen auch ab, ob das jetzt bei den Zulassungsbehörden unter der Marke Florbetaben angemeldete Präparat ein Nischenprodukt bleibt oder ein Bestseller wird. Für Fall zwei hatte Alteigentümer Bayer den möglichen Umsatz einst auf 500 Millionen Euro pro Jahr geschätzt.

Gelegenheiten wie diese treiben Olivier Litzka an. Der Deutschfranzose ist Partner der Pariser Venture-Capital-Firma Edmond de Rothschild Investment Partners und sucht nach vielversprechenden Biotech- und Medizintechnikunternehmen. Er will sich günstig in die Start-ups einkaufen, sie ein paar Jahre lang aufbauen und später für ein Vielfaches des Einsatzes wieder verkaufen.

Der promovierte Biochemiker, der zwischendurch auch als Unternehmensberater gearbeitet hat, strukturiert sein Beteiligungsportefeuille wie ein Ingenieur, der großen Wert auf die Statik seiner Konstruktion legt. Kühl, überlegt, auf klare Entscheidungen fixiert.

Viele Großkonzerne geben Grundlagenforschung weitgehend auf

Ein dickes Regelbuch legt fest, in welche Unternehmen investiert werden soll und wie sie ihr Risiko gegenseitig ausbalancieren sollen. 10 bis 15 Firmen packt er in seine 150 bis 200 Millionen Euro schweren Fonds. Das Kapital verteilt er zu 60 Prozent auf Biotech und zu 40 Prozent auf Medizintechnik. Allein das Verhältnis auszutarieren zwischen Firmen, die relativ weit sind und schnell verkauft werden können, und Kandidaten, die sich in der Frühphase ihrer Produktentwicklung befinden, ist eine Kunst für sich.

Litzkas Abnehmer sind meist große Pharmakonzerne, die in den vergangenen Jahren ihre Grundlagenforschung weitgehend aufgegeben haben. Für die Industriegiganten ist es weitaus günstiger, gleich eine komplette Firma mitsamt einem bereits weitgehend entwickelten Wirkstoff zu kaufen, als sich selbst auf die Suche nach neuen vielversprechenden Molekülen zu machen.

Der vielleicht interessanteste Kandidat des Investors ist Probiodrug, ein Spin-off der Universität Jena. Die Basis der Firma ist eine Entdeckung des Wissenschaftlers und Unternehmensgründers Hans-Ulrich Demuth: Er konnte einen winzigen Proteinfetzen identifizieren, der das Beta-Amyloid im Gehirn der Alzheimerpatienten verklebt und damit erst zur tödlichen Bedrohung für die Neuronen werden lässt.

Seit zehn Jahren ist Demuth auf der Suche nach einem Stoff, der die Bildung der toxischen Klumpen verhindert und damit die gefährlichen Ablagerungen gar nicht erst entstehen lässt. Inzwischen hat er zwei Wirkstoffvarianten gefunden, die sich mitten in der ersten Phase ihrer klinischen Erprobung befinden.

Messerscharfes Kalkül

"Normalerweise wäre das der Zeitpunkt, an dem wir über den Verkauf der Firma an einen größeren Pharmaspieler nachdenken", erklärt Litzka, der das Unternehmen vom Aufsichtsrat aus verfolgt und steuert. "Aber dieser Fall liegt ein wenig anders." Das heißt: Das Start-up soll seine Wirkstoffe wenn möglich auch durch den teuren zweiten Teil der klinischen Tests bringen. Umso mehr wäre Probiodrug im Erfolgsfall wert.

Damit das funktioniert, haben Litzka und Demuth das Unternehmen völlig umgekrempelt. Die Grundlagenforschung wurde eingestellt, zwei Drittel der einst 70 Mitarbeiter mussten gehen. Der Fokus liegt nun allein auf der erfolgreichen Bewältigung der Versuchsreihen in den Kliniken. Mit dieser Botschaft werden Litzka und Demuth in den nächsten Monaten auch um frisches Geld werben.

Es ist ein messerscharfes Kalkül. Je weiter Probiodrug die Entwicklung seines Alzheimer-Hoffnungsträgers treiben kann, desto mehr muss der Pharmakonzern bezahlen, der das Medikament schließlich vermarkten will. Was für den Investor Litzka und seinen Fonds herausspringt? 9,5 Millionen Euro hat er bislang in Probiodrug investiert. Wenn alles gut geht, wird daraus in ein paar Jahren eine Summe, die irgendwo zwischen 70 und 100 Millionen Euro liegt.

Mittlerweile kommen viele der Medikamente, die von den großen Pharmaunternehmen in Kliniken und Krankenhäusern getestet werden, von Kleinstfirmen wie Probiodrug. Letztlich gilt: Der Konzern mit dem besten Zugang zu kleinen, innovativen Biotechfirmen hat am Ende auch die wertvollste Produktpipeline.

Ausgang des Rennens ist offen

Roche-Chef Severin Schwan und sein Vorgänger Franz Humer verfolgten diese Strategie in der Alzheimerforschung so konsequent wie wenige andere Unternehmenslenker. Mächtig aufgeholt haben die Schweizer in den vergangenen Jahren. Drei Wirkstoffe testen sie derzeit an mehreren Hundert Patienten.

Alle drei stammen entweder komplett aus der Biotechszene oder wurden in enger Kooperation mit einer der kleinen Spezialfirmen entwickelt. Bei RG-1577 half das Hamburger Biotechunternehmen Evotec . Crenezumab kauften die Roche-Manager von der Lausanner Biotechboutique AC Immune, zu deren Geldgebern auch SAP-Gründer Dietmar Hopp gehört. Und der am weitesten entwickelte Kandidat, der Antikörper Gantenerumab, entsprang einer Entwicklungskooperation mit dem Tec-Dax-Unternehmen Morphosys .

Ihre starke Position verdanken die Roche-Forscher einer Entscheidung, die vor etwas mehr als vier Jahren fiel. "Angesichts des chronisch fortschreitenden Charakters des Alzheimerleidens kamen wir schon vor mehreren Jahren zu der Vermutung, dass es effektiver sein könnte, die Krankheit in ihrem frühen Stadium anzugreifen", erinnert sich Forschungsleiter Luca Santarelli. "Deshalb haben wir uns bei den klinischen Tests von Gantenerumab auf diese Patientengruppe konzentriert." Heute scheint sich der Verdacht zu bestätigen: Je länger die toxischen Eiweißpartikel im Gehirn wüten können, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass die Schäden irreversibel sind.

Mit anderen Worten: Selbst wenn es in diesem Stadium gelingt, das Beta-Amyloid zu entfernen, würde das genauso viel helfen, wie einem Lungenkrebspatienten im finalen Stadium die Zigaretten wegzunehmen. Bei Roche hatte sich also bereits früh die Erkenntnis durchgesetzt, die der Konkurrent Eli Lilly erst im vergangenen Sommer gewann.

Der Ausgang des Rennens, bei dem Lilly sich einst in der Poleposition befand, ist immer noch offen.

Hirntraining und Bewegung

Wenn man Alzheimerpionier Beyreuther heute danach fragt, wann es denn so weit ist mit dem ersten Medikament, dann ist die Antwort ein Schulterzucken. "Wir haben damals in den 80ern geglaubt, dass es in zehn Jahren so weit ist", gibt er zu. "Heute bin ich schlau genug, um keine Prognosen mehr abzugeben. Es kann relativ schnell gehen - es kann aber auch noch einmal zehn Jahre dauern."

Zwischenzeitlich, das weiß der Hirnforscher, wird auch sein persönliches Risiko, an Alzheimer zu erkranken, rapide steigen. Jenseits der 70 nehmen die Krankheitsfälle sprunghaft zu.

Beyreuther hat deshalb seine ganz eigene Vorsorgemethode entwickelt: Jeden Morgen, kurz nach dem Aufstehen, macht er auf dem rechten Bein stehend solange Kniebeugen, bis er von 350 in Siebenerschritten bis null heruntergezählt hat. Den Countdown wiederholt er anschließend auf dem linken Bein stehend von 450 in Neunerschritten. "Gehirntraining und Bewegung zur gleichen Zeit", sagt er,"es gibt keine bessere Prophylaxe."

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