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Empörtes Afrika: Wachsender Widerstand gegen Chinas Einmarsch

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Afrika Ein Kontinent sieht schwarz

Überall zwischen Kairo und Kapstadt sind Chinas Gesandte präsent. Systematisch sichern sie sich Rohstoffe, Absatzmärkte und Einfluss. Vor Ort wächst der Widerstand - der Westen schaut zu.

Addis Abeba - Der Turm ist in dem flachen Häusermeer der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba nicht zu übersehen. 100 Meter ragt er aus der Masse der Hütten und einfachen Häuser hervor. Das 20-stöckige Gebäude, das höchste in Addis Abeba, ist der Sitz der Afrikanischen Union. Rund 200 Millionen Dollar hat der Prachtbau gekostet. Bezahlt hat den Koloss aus braunem Marmor und Glas - die Volksrepublik China. Gebaut hat ihn die China State Construction Engineering Corporation, mit chinesischen Ingenieuren und Arbeitern. Das Baumaterial, selbst das Mobiliar, kam aus China.

Der vor einem Jahr eingeweihte neue Sitz der Afrikanischen Union ist ein Symbol. Ein Symbol für die Freundschaft zwischen Afrika und China, aber auch ein Symbol für den Einfluss Chinas in Afrika und die Abhängigkeit des Kontinents von China.

Längst ist die asiatische Supermacht der wichtigste Wirtschaftsfaktor auf dem ehemals von europäischen Kolonialmächten dominierten Kontinent. Vor Kurzem hat China die USA und die EU als Afrikas größte Handelspartner abgelöst; das chinesisch-afrikanische Handelsvolumen ist seit dem Jahr 2000 von 10 auf knapp 170 Milliarden Dollar gestiegen. China besorgt sich in Afrika Rohstoffe wie Öl und Kupfer, Afrika kauft in China Konsumgüter wie Kleidung, Handys und Autos.

Pekings Gesandte sind omnipräsent. Rund eine Million Chinesen leben zwischen Kairo und Kapstadt. Über 1600 chinesische Firmen treiben ihre Geschäfte. In vielen Hauptstädten entstehen Konfuzius-Institute. Von Nairobi aus sendet Chinas Staatsfernsehen CCTV für den ganzen Kontinent, ab 2015 rund um die Uhr.

Es sieht aus wie eine schleichende Landnahme, vor der sich viele Afrikaner inzwischen fürchten. Proteste, gelegentlich auch Aufstände und wüste Streiks, sind ein verbreitetes Phänomen. Auch Afrikas Eliten - eigentlich westlicher Belehrungen über Korruption, gute Regierungsführung und Menschenrechte überdrüssig - sehen die chinesische Dominanz mit zunehmender Skepsis.

Der Startschuss zur Afrika-Offensive fiel 2000 in Peking. Mit großem Pomp wurde damals das erste Forum on China-Africa Cooperation (FOCAC) abgehalten. Fast alle afrikanischen Regierungschefs fanden sich ein und huldigten Chinas Staatsführung. Ein Ritual, das sich seither alle drei Jahre wiederholt.

Auch jenseits dieser Gipfeltreffen herrscht rege Reisediplomatie. So hat der scheidende Staatschef Hu Jintao während seiner Amtszeit mehr als 20 afrikanische Länder besucht. Und irgendein chinesischer Minister oder Vizeminister ist ständig in Afrika auf Tour. Umgekehrt wird jeder afrikanische Staatschef in Peking mit höchsten Ehren empfangen. Der tansanische Außenminister Bernard Kamilius Membe sagt: "Dort werden wir ernst genommen."

Das Kalkül der Führung in Peking mag ein imperiales sein - die Sicherung von Rohstoffen und Absatzmärkten -, die Rhetorik jedoch kommt anders daher. In Afrika geriert sich China als Erstes unter den Entwicklungsländern - als selbst ernannter Wortführer der Dritten Welt.

Rohstoffe gegen Infrastruktur

Man übt sich im Schulterschluss der Unterdrückten dieser Erde und lässt Großzügigkeit walten: 32 afrikanische Staaten kamen 2009 in den Genuss eines Schuldenerlasses. Jedes afrikanische Land, mit dem China diplomatische Beziehungen pflegt (derzeit sind es 49), erhält Hilfe, egal ob es Rohstoffe hat oder nicht. Denn 49 Länder sind 49 Stimmen in den internationalen Organisationen, wo sie meist rund ein Viertel des Quorums ausmachen.

Vor allem aber geht es um handfeste Wirtschaftsinteressen: Die zweitgrößte Industrienation der Welt braucht Rohstoffe aller Art und davon so viel wie irgend möglich. Afrika hat sie - vor allem Diamanten, Mangan, Kobalt und Bauxit. Rund ein Zehntel der weltweit verfügbaren Ölvorkommen liegt unter afrikanischem Boden oder vor den Küsten. Inzwischen stammt ein Drittel der chinesischen Ölimporte aus Afrika. Amerikaner und Europäer spielen dort nur noch Nebenrollen.

Rohstoffe gegen Infrastruktur

Rigoros gehen die Chinesen bei der Ölsuche vor. Überall wo es sprudelt oder demnächst sprudeln könnte, sind sie präsent, scheuen weder politische noch militärische Risiken. So war es im Sudan und später im Südsudan. So war es in Angola, Pekings wichtigstem afrikanischem Öllieferanten.

Chinas Präsenz in Angola ist allgegenwärtig. Aus Asien eingereiste Arbeiter der China Railway Construction Corporation kampieren in Zeltstädten entlang der Bahnlinien, die sie durch das Land verlegen. Sie bauen ein komplett neues Schienennetz - und die Bahnhöfe an der Strecke gleich mit. Auch die Diesellokomotiven, die in den angolanischen Nationalfarben Schwarz, Rot und Gelb angestrichen sind, stammen aus chinesischer Produktion.

Der Deal ist immer der gleiche: Rohstoffe gegen Infrastruktur. Wie das im Detail funktioniert, kann man im Kongo studieren. Dort wurde im September 2007 ein Megadeal abgeschlossen. Auf nur sieben Seiten wurde vertraglich fixiert, dass der Kongo zehn Millionen Tonnen Kupfer und 600.000 Tonnen Kobalt liefert und China im Gegenzug für neun Milliarden Dollar Infrastruktur baut - 3400 Kilometer befestigte Straßen, 3215 Kilometer Bahnlinien, 31 Krankenhäuser, 2 Flughäfen.

Chinesische Anbieter holen sich nahezu jeden Auftrag, dank billiger Lohnkosten und günstiger Kredite ihrer Staatsbanken. Westliche Firmen sind zu teuer: Während ein chinesischer Ingenieur rund 10.000 Dollar im Jahr verdient, kommt ein westlicher Ingenieur locker auf das Zehnfache. Chinesische Baufirmen fliegen Heerscharen von Arbeitern ein. Ihre genaue Zahl kennt niemand, weil die Baustellen oft hinter hohen Mauern versteckt sind und ein exterritoriales Eigenleben führen.

Der Vorteil Chinas: Es bietet Paketlösungen an. Alles kommt aus einer Hand, und zwar der öffentlichen. Die Regierung verhandelt, Staatsbanken geben Kredite, Staatsunternehmen führen die Deals durch. Zwei Kreditinstitute spielen dabei eine entscheidende Rolle: die China Development Bank (CDB) und die Export-Import Bank of China (Exim-Bank). Beide sind politische Banken und an Weisungen der Regierung gebunden. Sie unterhalten überall in Afrika Büros und sind inzwischen einflussreicher als Weltbank und Internationaler Währungsfonds (IWF).

Doch Afrika ist für die Chinesen nicht nur Beschaffungsmarkt für Rohstoffe, sondern zunehmend auch wichtiger Absatzmarkt. Der Ressourcenboom hat eine Mittelschicht entstehen lassen: knapp eine Viertelmilliarde neuer Konsumenten, wie die Commerzbank  schätzt. Das wäre mehr als die Mittelschicht Indiens. Ob Fernseher, Handy oder Auto - Afrikas Konsumenten wollen einfache Einsteigerprodukte. Und genau die haben chinesische Firmen massenhaft im Angebot.

Der Widerstand wächst

Nirgends ist die chinesische Dominanz augenfälliger als auf dem Alaba International Market in Lagos, Afrikas größtem Elektronikmarkt. Rund 300.000 Besucher drängeln jeden Tag durch die engen Gassen, in denen junge Afrikaner Fernsehgeräte auf ihren Köpfen nach Hause oder zu den Bussen am Rande des Marktes tragen. In den rund 3000 Shops des gigantischen Marktes stapeln sich die Waren - neun von zehn Erzeugnissen dort stammen aus chinesischer Produktion.

Der Weiße-Ware-Gigant Haier betreibt bereits fünf Fabriken in Afrika, sein Rivale Hisense vier. Der Autohersteller Chery hat in Kenia ein Montagewerk errichtet. Die beiden Telekom-Ausrüster Huawei und ZTE bauen die Mobilfunknetze in 30 afrikanischen Staaten.

Die Qualität der Produkte allerdings ist oft frustrierend dürftig. Wer auf Nairobis wichtigster Shopping-Meile, der Luthuli Avenue, ein Handy kauft, trifft fast ausschließlich auf chinesische Händler, die Geräte unter Fantasienamen - Tecno, Oking oder G-Tide - feilbieten. Spottbillig, meist unter zehn Dollar, aber kaum funktionstüchtig.

"Chinesische Produkte haben hier einen schlechten Ruf", sagt Arne Schildberg, Büroleiter der Friedrich-Ebert-Stiftung in Addis Abeba. Im Kongo ist sogar ein neues Adjektiv entstanden: nguanzu. Es leitet sich von der südchinesischen Stadt Guangzhou ab, wo afrikanische Händler einkaufen, und bedeutet: "von schlechter Qualität". Ob in Kinshasa oder Lusaka - die ganz normalen afrikanischen Verbraucher fühlen sich vom großen chinesischen Bruder übervorteilt.

Der Widerstand wächst

Auch auf Regierungsebene ist inzwischen Kritik zu vernehmen: Das afrikanisch-chinesische Geschäft sei kein faires, findet etwa Südafrikas Präsident Jacob Zuma. Die Chinesen würden die Länder mit billigen Produkten überschwemmen, sodass keine heimische Industrie entstehen könne. "Wir liefern Rohstoffe, Sie Ihre Produkte. Dieses Ungleichgewicht ist auf Dauer nicht tragbar", schimpfte Zuma beim FOCAC in Peking im vorigen Juli.

Die importierte Massenware aus China lässt der ohnehin schwachen afrikanischen Industrie keine Chance. Günstigere chinesische Produkte verdrängen lokal produzierte Güter, vor allem in den Textilindustrien Südafrikas, Nigerias und Kenias.

Immerhin: China reagiert. Peking drängt seine Konzerne, Teile der arbeitsintensiven Fertigung nach Afrika zu verlagern. Das schafft Arbeitsplätze vor Ort. Dabei kopieren sie einfach ihr eigenes Erfolgsmodell: Wie zu Beginn der chinesischen Reformen, etablieren sie Sonderwirtschaftszonen in Afrika. Sechs sind es bereits, darunter fünf in Sub-Sahara-Afrika.

Eine davon liegt vor den Toren Addis Abebas, rund 30 Kilometer vom Zentrum entfernt. Dort hat sich ein chinesischer Schuhhersteller, die Huajian Group, niedergelassen. Auf zwei Produktlinien werden täglich 2000 Paar Schuhe gefertigt, für Marken wie Guess und Tommy Hilfiger. Die Löhne seien um ein Siebtel günstiger als in China, sagt Vizepräsidentin Helen Hai. Knapp 1000 Äthiopier arbeiten bereits dort. Hai träumt von einer Fabrik mit 100.000 Beschäftigten.

Chinas Afrika-Politik ist gnadenlos interessenorientiert

Afrika - das zweite China? Florian Witt, Leiter der Afrika-Abteilung der Commerzbank, ist da skeptisch: "Afrika wird niemals die verlängerte Werkbank der Asiaten werden." Als Gründe nennt er die oft harten klimatischen Bedingungen, schwache staatliche Institutionen, fehlende Logistik.

Vorerst wird die postkoloniale Arbeitsteilung erhalten bleiben: Afrika liefert Rohstoffe, China bezahlt mit Gütern und Infrastruktur niedriger Qualität. Doch der Widerstand wächst. Beispiel Sambia: Dort streikten die Arbeiter in den von chinesischen Konzernen betriebenen Kupferminen und forderten eine Lohnverdoppelung auf 400 Dollar. Zudem führte Michael Sata (wegen seiner Bissigkeit "King Kobra" genannt) einen betont chinakritischen Präsidentschaftswahlkampf - und gewann. Die Drohkulisse bewirkte immerhin, dass er den Bergbaufirmen höhere Förderabgaben abringen konnte.

Der demokratisch gewählte Sata hat sich inzwischen zu einer Art Minidiktator gewandelt. Die Chinesen wird das nicht stören. Sie paktieren getreu ihrer Politik der Nichteinmischung mit Demokraten wie Diktatoren. Der Westen hingegen stellt Bedingungen, fordert demokratische Reformen und pocht auf Good Governance, bevor Verträge geschlossen werden und Gelder fließen. Ein grundsätzlicher Unterschied: Chinas Afrika-Politik ist gnadenlos interessenorientiert, während der Westen nebenher versucht, Werte zu exportieren.

Diese Politik hat den Westen ins Abseits geführt. Doch jetzt eröffnet ihm der zunehmende Frust über die Chinesen durchaus Chancen. Die Afrikaner, sagt Günter Nooke, der Afrika-Beauftragte der Bundeskanzlerin, erwarteten weniger westliche Entwicklungshelfer und mehr Unternehmer. Doch die Wirtschaft zögert: Bei den zwei Afrika-Reisen der Kanzlerin gab es jedes Mal Probleme, Manager und Unternehmer zum Mitreisen zu gewinnen.

Dabei wartet und hofft Afrika auf europäisches Engagement. Clement Booth, gebürtiger Südafrikaner und Allianz-Vorstandsmitglied, sagt: "Afrika hat große Sympathien für Europa." Die Unternehmen, findet Booth, sollten dem afrikanischen Aufschwung mehr Aufmerksamkeit widmen.

Ein Einstieg könnten sogenannte Dreiecksgeschäfte sein, bei denen Afrikaner, Chinesen und Europäer kooperieren. "Immer mehr afrikanische Regierungen sagen: Wir möchten mit den Chinesen zusammenarbeiten, aber wir wollen auch auf Qualität achten", beobachtet Heiko Schwiderowski, Afrika-Fachmann beim DIHK. Und für Letzteres kämen vor allem deutsche Firmen in Betracht, zum Beispiel Ingenieurdienstleister wie Fichtner und Lahmeyer oder Spezialisten wie der Tunnelbauer Herrenknecht.

Eine deutsche Firma praktiziert schon ein Dreiecksgeschäft: das Nürnberger Ingenieurbüro Gauff in Angola. Die Angolaner vergeben die Aufträge, die Chinesen bauen die Straßen, und das deutsche Ingenieurbüro führt die Aufsicht.Seit das Trio zusammenarbeitet, soll der Verkehr auf Angolas Straßen in geordneteren Bahnen fließen.

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