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Einwanderung: Die fünfte Welle - und die neuen Einwanderer

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Immigration Einwanderer - Deutschlands neue Hoffnung

Deutschland steht vor der größten Immigrationswelle seit einer Generation. Ein Segen für die heimische Wirtschaft, aber auch Stress für die Boomregionen. Die Neubürger werden das Land verändern - zum Besseren.

Hamburg - Vier-hundert-tausend. Für Deutschland ist das eine geradezu magische Zahl. Damit lassen sich praktisch alle langfristigen Sorgen beiseiteschieben: Das Land würde davor bewahrt, in der demografischen Falle steckenzubleiben - die Rente bliebe bezahlbar, die Pflege leistbar und die Schulden bedienbar.

400.000 Zuwanderer müssten jährlich kommen, dann würde die aktive Bevölkerung auf Jahrzehnte stabil bleiben. Dann würden Wirtschaft und Gesellschaft vor der großen Schrumpfung bewahrt, rechnen Bevölkerungsforscher vor.

Vier-hundert-tausend? Das war lange Zeit eine fantastische Zahl: utopisch, unerreichbar, kaum vorstellbar. Deutschland entwickelte sich in den Nullerjahren zum Auswanderungsland, aus dem immer mehr Menschen wegwollten, in das immer weniger Ausländer zogen. Die Bevölkerung alterte und schrumpfte, der Abstieg schien unaufhaltsam. Aber das ist vorbei.

Vier-hundert-tausend! So groß dürfte der Bevölkerungsgewinn 2012 in etwa ausgefallen sein. Die Einwohnerzahl einer mittleren Großstadt, der höchste Wert seit einer Generation. Viel mehr Menschen wandern inzwischen ein als aus - legal. Gewünscht. Anders als die ebenfalls stark steigende Zahl von illegalen Einwanderern, wie heute bekannt wurde. Und ein Abflauen der Dynamik der gewünschten Einwanderung ist nicht in Sicht.

Im Gegenteil. "Deutschland steht ein massiver Zustrom von Einwanderern bevor", sagt Carsten-Patrick Meier vom Institut Kiel Economics. Für manager magazin hat er eine Fünfjahresprognose erstellt. Ergebnis: Bis 2017 dürfte die Zahl der Bundesbewohner um 2,2 Millionen steigen (siehe Grafik links "Die fünfte Welle") . Meiers Berechnungen sind sogar eher vorsichtig. Sollte sich die südeuropäische Depression erneut verdüstern, könnte der Zustrom noch größer ausfallen.

Zahl der Zuwanderer aus Griechenland und Spanien steigt steil an

Griechen, Spanier, Portugiesen, zunehmend auch Italiener, Polen, Ungarn, Rumänen und Bulgaren - sie alle treibt es aus ihren Ländern fort, wo die Arbeitslosigkeit hoch, die Stimmung trüb und das Leben hart ist. Eine Verzweiflungsmigration, getrieben von Ausweglosigkeit und manchmal von blanker Not, weil nach vier Jahren Krise immer mehr Menschen in die Armut abrutschen.

Es kommen Menschen wie Fotis Marantos (38), der in Griechenland keine Perspektive mehr sieht. Er hat drei kleine Kinder zwischen 4 Jahren und 15 Monaten. Um die mache er sich Sorgen, sagt er: "Die Schulen, die Gesundheitsversorgung - all das wird immer schlechter." Also versucht er auszubrechen aus der Armutsspirale.

Marantos, der selbst als Gastarbeiterkind in München geboren wurde und im Alter von sechs Jahren mit seiner Familie nach Griechenland ging, ist im November in der Bayern-Metropole angekommen. Für den Anfang hat er bei einer Zeitarbeitsfirma angeheuert, verdingt sich für 1500 Euro netto als Busfahrer und poliert nebenher seine Deutschkenntnisse auf. Sobald er beruflich Fuß gefasst hat, will er seine Familie nachholen. "Unsere Kinder haben in Griechenland keine Zukunft", sagt er. "Ich will, dass sie in Deutschland aufwachsen."

So denken viele. Im ersten Halbjahr 2012 stieg die Zahl der Zuwanderer aus Griechenland gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 78 Prozent an, aus Spanien und Portugal kamen 53 Prozent mehr Menschen. Insgesamt zogen zwischen Januar und Juni 306.000 EU-Bürger nach Deutschland, ein Plus von 24 Prozent gegenüber 2011. Das ist erst der Anfang.

Migrationswellen bauen sich allmählich auf: Zuerst kommen junge Männer wie Fotis Marantos. Später holen viele Partner und Familien nach. Diesen Spuren folgen weitere Personen, die von den Erfahrungen der Vor-Gänger animiert werden. Wie sich die Welle immer weiter aufbaut, dass kann man derzeit in Barcelona, Athen oder Lissabon beobachten, wo bei den Goethe-Instituten die Deutschkurse aus allen Nähten platzen.

Neue Chancen für Deutschland

Für Deutschland eröffnen sich unverhoffte Chancen. Bisher gingen die Bevölkerungsprognosen davon aus, dass die Zahl der Bürger im arbeitsfähigen Alter ab 2015 rapide sinken würde. Entsprechend galt quasi als sicher, dass das Wirtschaftswachstum langfristig um ein Prozent pro Jahr fallen würde, dass die Kosten des Sozialstaats und die Schuldenlasten förmlich explodieren würden.

Bei einem Zuwanderungssaldo von jährlich 400.000 Menschen jedoch ließe sich die Zahl der Werktätigen bis zur Mitte des Jahrhunderts weitgehend konstant halten, rechnet das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) vor. In der näheren Zukunft dürfte der Saldo sogar über der magischen 400.000er-Marke liegen.

"In den nächsten fünf bis acht Jahren", schätzt Raimund Becker, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit (BA), sei mit einem ansteigenden Zustrom von Beschäftigten aus Südeuropa zu rechnen. "Mittelfristig wird die Bundesrepublik von diesem Zuzug profitieren."

Langfristig jedoch könne Zuwanderung aus dem übrigen Europa die demografischen Probleme nicht lösen, weil überall zu wenige Kinder geboren werden. "Da dürfen wir uns keinen Illusionen hingeben", sagt Becker. Andere Lösungen müssten hinzukommen: Zuwanderung zum Beispiel aus Asien und Afrika, höhere Erwerbstätigkeit von Frauen und Älteren.

Immerhin: Deutschland gewinnt Zeit.

Zwei Leben in Deutschland

Die Bundesrepublik kommt in den Genuss einer marktgetriebenen Migration im europäischen Wirtschaftsraum, wie es sie in dieser Größenordnung noch nicht gegeben hat. Die Grenzen sind abgeschafft, die Distanzen geschrumpft - kulturell wie logistisch.

Als Fotis Marantos' Eltern Anfang der 70er Jahre ihr griechisches Heimatdorf verließen, kamen sie in überfüllten Zügen, ungebildet, ohne Deutschkenntnisse und Vorbereitung auf das Leben in der fremden Großstadt. Marantos hingegen hat studiert, spricht Englisch und Deutsch. Er bewegt sich völlig selbstverständlich in einem Europa, das durch Billigflieger und Hochgeschwindigkeitszüge, durch Internet und Mobiltelefone eng vernetzt ist. "Ich habe es viel leichter als meine Eltern damals", sagt Marantos.

Erstmals seit dem Anwerbestopp für Gastarbeiter 1973 kommen wieder Zuwanderer primär, um hier zu arbeiten, nicht zuvörderst aus humanitären Gründen. Institutionen wie die Arbeitsagenturen und die Goethe-Institute werden zu Dienstleistern für Unternehmen, die händeringend Leute suchen.

Ein neuer Wirtschaftszweig entsteht: auf Einwanderer spezialisierte Personalvermittler. Traditionell sorgt sich von Amts wegen die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der BA um diese Klientel. Vermittelte die Behörde 2010 noch rund 11.000 Deutsche ins Ausland, ist sie mittlerweile fast nur noch für deutsche Unternehmen auf der Suche nach ausländischen Fachkräften. Allein 70 Rekrutierungsfahrten für Mittelständler hat die ZAV 2012 organisiert.

Auch private Agenturen wittern gute Geschäfte. Die schwedische Paragona Group etwa vermittelt seit 2002 europaweit Mediziner in allen Kittelgrößen und Sprachfärbungen. Früher wurde ein Großteil an britische OP-Tische geschickt; neuerdings rufen immer mehr deutsche Kliniken in Stockholm an. In einem Schulungszentrum bei Warschau pauken die Doctores mehrere Monate die Grundregeln des deutschen Gesundheits- und Krankenkassenwesens.

Der erste Kontakt: Frostig

Der Headhunter Stavros Antoniou ging 2008 als Einzelkämpfer an den Start, mittlerweile steht der Grieche als Managing Director einer Firma mit dem passenden Namen Grecruitment (Sitz: Thessaloniki) vor. Antoniou besorgt hoch qualifizierten Landsleuten Jobs, vor allem im deutschsprachigen Ausland. Ärzte, Ingenieure, IT-Fachkräfte - das ist seine Stammkundschaft. Neuerdings hat er auch eine Dependance in Spanien.

Was treibt die Griechen-Elite nach Deutschland? "Manche haben in den vergangenen vier Monaten kein Geld mehr bekommen", erzählt Antoniou. An Deutschland schätzen sie nicht nur die pünktliche Lohnzahlung. Sondern auch die Aussicht auf Zuverlässigkeit, Ordnung, Stabilität für sich und ihre Familien. Und dann ist man auch nur ein paar Flugstunden von der Heimat entfernt.

Antoniou hat auch Chrysanthi Bountola nach Deutschland vermittelt. Die 24-jährige Griechin, die am Goethe-Institut Deutsch gelernt hat, beendete im Sommer 2012 in Thessaloniki ihr Medizinstudium. Berufswunsch: Kardiologin.

Auf einen Ausbildungsplatz an einer finanziell ausgezehrten griechischen Klinik hätte sie fünf Jahre warten müssen. Also bewarb sie sich in Koblenz, in Tübingen; schließlich unterschrieb sie einen Vertrag als Assistenzärztin am Klinikum Wolfsburg. Sie will die nächsten Jahre auf jeden Fall in Deutschland bleiben, fühlt sich wohl in der Autostadt: "Ich bin hier kein Exot. Ich arbeite mit Kollegen aus Indien, Russland, Bulgarien zusammen." Weihnachten allerdings feiert sie mit ihren Eltern in Griechenland.

Spanische Ingenieure im kühlen und strengen Schwabenland

2013 will die Arbeitsagentur verstärkt auch außerhalb der EU werben. Pflegekräfte sollen aus Balkanländern wie Serbien und Bosnien-Herzegowina kommen, auch aus Tunesien, wie BA-Vorstand Becker ankündigt.

Währenddessen ist die deutsche Industrie in Südeuropa auf der Suche nach Ingenieuren und Auszubildenden für technische Berufe. Gerade Mittelständler begeben sich aktiv auf Anwerbetour.

Und wenn sie Glück haben, stoßen sie auf Menschen wie Luis Martín Lorenzo Rodríguez. Bis voriges Jahr verdingte sich der 25-jährige Maschinenbauingenieur als Praktikant in seiner spanischen Heimat, hangelte sich von Sechsmonatsvertrag zu Sechsmonatsvertrag.

So wollte er nicht weitermachen. Über die europäische Arbeitsvermittlung EURES kam er mit der "Aktion Nikolaus" in Kontakt, einer Initiative der baden-württembergischen Wirtschaft. Am 6. Dezember 2011 flog Rodríguez mit einer Gruppe von 96 spanischen Ingenieuren in Stuttgart ein, bei Regen und Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt. Aber gut, zum Spaß ist er schließlich nicht hier, sondern zum Arbeiten.

Seit Januar schafft Rodríguez im Ingenieurbüro Invenio in Ludwigsburg, hilft Bosch und Daimler  bei der Entwicklung neuer Elektroautos. Es scheint ihm im ebenso kühlen wie strengen Schwabenland zu gefallen: "Ich kann mir gut vorstellen, auf Dauer hierzubleiben." Auch privaten Anschluss zu finden sei kein Problem; Facebook  hilft beim Knüpfen von Kontakten zu Landsleuten vor Ort.

Deutschlands Boomregionen buhlen um die besten Köpfe.

Sein Arbeitgeber hat bereits ein Dutzend spanische Ingenieure eingestellt und will 20 weitere herholen. "Das ist eine einmalige Gelegenheit. Die wollen wir uns nicht entgehen lassen", sagt Invenio-CEO Kai Wißler. Nach kurzer Einarbeitungsphase seien die neuen Kollegen voll einsetzbar. Derzeit beschäftigt Invenio in Deutschland 450 Ingenieure. Aufträge könne Wißler locker für 650 akquirieren, sagt er - wenn der Engpassfaktor Ing. nicht die Expansion beschränkte. Deutschlands Boomregionen buhlen um die besten Köpfe.

Die hessischen Minister Florian Rentsch (Wirtschaft) und Stefan Grüttner (Soziales) haben kürzlich in Madrid einen Kooperationsvertrag geschlossen. Fast zeitgleich kündigte Jörg-Uwe Hahn (Integration) an, sein Job werde wohl bald nicht mehr gebraucht. Während die Republik immer noch darüber diskutiert, ob der muslimisch geprägte Berliner Problemkiez Neukölln "überall" ist, während die OECD Deutschland gerade mal wieder mäßige Leistungen bei der Integration von Migranten attestiert hat, scheint die Eingliederung der Euro-Ausländer wie von selbst zu gehen.

25.000 Fachkräfte aus Spanien, Portugal, Griechenland und Italien haben Deutschlands Arbeitgeber von April 2011 bis März 2012 eingestellt. Wer als Brotgeber einen international glänzenden Ruf hat, tut sich naturgemäß leichter mit der Besetzung.

Beispiel Volkswagen : Der dynamisch wachsende Autobauer (zwölf Marken) ist stets auf der Suche nach qualifiziertem Personal. Die besten Ingenieure ziehen die Wolfsburger längst an, Ingenieurinnen natürlich auch. IT-Kräfte hingegen sind knapp, die zielen dann doch eher auf Google  oder Microsoft .

Personalvorstand Horst Neumann beschreitet neue Wege, um das Arbeitskräftereservoir noch besser auszuschöpfen.

Mit dem im Sommer gestarteten Traineeprogramm "StartUp Europe" bietet er Hochschulabsolventen aus den Krisenländern Spanien und Portugal eine Karrierechance. 3600 haben sich beworben - auf 104 Plätze. Die Trainees werden zunächst in iberischen VW-Werken beschäftigt, kommen dann in eine deutsche Konzerngesellschaft. Diese Maßnahme, die jetzt auf Italien ausgeweitet werden soll, versteht VW auch als Goodwill-Aktion. "Der Konzern zeigt Verantwortung für die Region," sagt Neumann (siehe Interview links).

Thank you for travelling

Der Softwareriese SAP  zielt mit der sogenannten "Academy Cube Initiative" auch auf junge Fachkräfte aus südeuropäischen Ländern. Gemeinsam mit Unternehmen wie Microsoft, Bosch und ThyssenKrupp  will SAP eine E-Learning-Plattform starten.

Junge, joblose Talente sollen in neuen IT-Techniken unterrichtet werden; im März wird das Angebot auf der Computermesse Cebit vorgestellt. Vor Ort wollen die Walldorfer ihre Bemühungen ebenfalls intensivieren: Im Jahr 2013, so die Vorgabe, soll "die Arbeitgebermarke SAP" in Südeuropa gestärkt werden.

Thank you for travelling - sogar die Deutsche Bahn unternimmt, wie es heißt, "erste Schritte", um Beschäftigte aus Südeuropa zu gewinnen. Recruiterteams fahnden vor allem nach Ingenieuren der Fachrichtung Bau, Maschinenbau und Elektrotechnik. Zudem gibt es Überlegungen, im Ausland ein duales Ausbildungssystem nach deutschem Muster zu etablieren; die ersten Lehrwerkstätten könnten in Spanien entstehen.

Keine Frage, die Multis, in vielen Ländern vertreten, sind das bevorzugte Ziel qualifizierter Zuwanderer. Die Konzerne kauften sich die Besten weg, sagt Michael Vassiliadis, Vorsitzender der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE). "Cherry picking" nennt der Arbeiterführer diese Praxis. "So verschärft sich das wahre Fachkräfteproblem", so der IG-BCE-Chef, "und das hat der Mittelständler in der Provinz."

Barcelona, Aberdeen, Eberbach

Der Mann weiß, wovon er spricht. Nicht nur, weil er Mitglied im überparteilichen Expertengremium namens "Konsensgruppe Fachkräftebedarf und Zuwanderung" ist. Sondern auch wegen seiner familiären Wurzeln. Sein Vater wurde Anfang der 60er Jahre in Griechenland angeworben und in einen Zug nach Essen gesetzt, wo damals die Schlote noch rauchten - "ein typisches Gastarbeiterschicksal", so Vassiliadis.

Heute schlägt das industrielle Herz der Republik nicht mehr zwischen Ruhr und Lippe, sondern in Deutsch-Südwest. In Mannheim hat sich ein breites Bündnis zusammengefunden, um Fachkräfte aus Spanien anzulocken.

Die Wirtschaftsförderung der Metropolregion Rhein-Neckar, dazu Konzerne wie BASF , SAP und Roche , Mittelständler wie das Medizintechnikunternehmen Limbach, außerdem die Arbeitsagentur, das Goethe-Institut und der Spanische Kulturverein - sie alle werben gemeinsam um katalanische Ingenieure. Kein Wunder: In der prosperierenden Region herrscht akuter Menschenmangel, die Arbeitslosenquote liegt bei 4 Prozent.

Luis Liste (34) ist einer der ersten, die es in die Rhein-Neckar-Region gezogen hat. Er gehört zum neuen Typus des hochmobilen Europäers, der nicht abwartet, was sich zu Hause tut, sondern auf eigene Faust seine Chancen sucht - weil das Leben nun mal zu kurz ist, um es in Dauerdepression zu durchleiden.

Als die Krise ausbrach, zog Liste zunächst nach Schottland, arbeitete zwei Jahre in Aberdeen. Dann kehrte er zurück nach Barcelona, jobbte zwischenzeitlich in Frankreich. Nun also Deutschland: Der Ingenieur hat beim Sicherheitstechnikkonzern Cooper Crouse-Hinds im Städtchen Eberbach angeheuert. Das sei schon alles ganz nett hier, sagt er. Nur dass seine Freundin, die im französischen Saumur als Physiotherapeutin arbeitet, so weit weg ist, das gefällt ihm gar nicht. Um Liste zu halten, bemüht sich sein Arbeitgeber, für die Freundin einen Job in der Nähe zu finden.

Die beweglichen Eliten wurzeln nicht mehr tief

Auch das gehört zur neuen europäischen Mobilität: Die beweglichen Eliten wurzeln nicht mehr tief. Derzeit mögen sie von der Krise aus ihrer Heimat gedrängt werden; Deutschland bietet sich als Zielland an, weil es Jobs gibt und die Löhne so stark steigen wie nirgends sonst in der EU. Aber die kulturellen und klimatischen Bindekräfte Teutoniens sind begrenzt. Wer die Migranten halten will, muss es ihnen leichtmachen, eine neue Heimat zu finden.

"Wenn es mir nur darum ginge, wo ich leben möchte", sagt Mircea Petrescu (29), "würde ich nach Frankreich gehen." Die Sprache sei seinem heimischen Idiom ähnlicher, das Essen leckerer und das Wetter besser, sagt der rumänische Biotech-Experte trocken. Aber ums gute Leben gehe es ihm ja nicht, sondern darum, "professionell Großes zu erreichen". Und dafür gebe es in Europa nun mal keinen besseren Standort als Deutschland. Im Februar schließt er seine Promotion ab, nebenbei lernt er für den Einbürgerungstest.

Petrescu hat an der Jacobs University in Bremen studiert, einer elitären Forschungsstätte, deren handverlesene Studenten zu Dreivierteln aus dem Ausland kommen. Doch bis vor Kurzem herrschte eine paradoxe Situation: Die Studierenden scherten sich nicht um ihre deutsche Umgebung - und die regionale Wirtschaft interessierte sich nicht für die jungen Topleute aus aller Welt in ihrer Nachbarschaft.

Das soll sich ändern. Erstmals hat der Arbeitgeberverband Nordmetall im November zu einer Kennenlernaktion eingeladen. Eine Handvoll Unternehmen präsentiert sich, darunter die EADS-Tochter Astrium und der Autozulieferer Hella.

Übernachten im Gemeindesaal

Ein paar Blocks entfernt auf dem weitläufigen Campus sitzt Pere Miró Ramírez (30) am Computer und brütet über Formeln, die neue Werkstoffe beschreiben. Der Chemiker sei einer der kommenden Topexperten auf seinem Gebiet, lobpreisen ihn Kollegen. Bis vor Kurzem hat er in den USA an der University of Minnesota geforscht.

Zurück nach Spanien? Auf keinen Fall, sagt Ramírez. Alle seine früheren Kommilitonen seien im Ausland. Seit Oktober arbeitet er nun in Bremen. Was ihn an Deutschland reizt? "Dass das Umfeld für die Wissenschaft schon seit Jahren stabil ist, dass die Budgets nicht gekürzt werden, wie sonst fast überall im Westen, sondern sogar wachsen." Kommenden Sommer will ihm seine amerikanische Freundin, die derzeit noch ihre Doktorarbeit abschließt, folgen.

Die jungen Akademiker sind die mobilste Gruppe. Sie kommen als Erste, sind allseits begehrt und beliebt. Aber es kommen auch andere: Hausfrauen auf der Suche nach Putzstellen, Handwerker ohne Deutschkenntnisse. Übers Internet besorgen sie sich Jobs.

Viele tauchen völlig unvorbereitet auf, schauen sich ein paar Wochen um, sondieren den Stellenmarkt, suchen Anschluss an Migranten-Communities.

Von der Immigrationswelle vollkommen überrascht

In Hamburg, wo die größte portugiesische Gemeinschaft Deutschlands lebt, werden die Neuankömmlinge in einem breit gefächerten Netz aufgefangen. Die ersten iberischen Einwanderer kamen schon im 16. Jahrhundert in die Hansestadt, sie flohen damals vor der Inquisition. Bevorzugte Anlaufstellen sind die Misión Católica der Gemeinde St. Georg, die Kulturvereine oder die zahlreichen Restaurants im sogenannten Portugiesenviertel. Die Stadtteilschule am Hafen bietet bilingualen Unterricht - bis zum Abitur.

Für griechische Zuzügler ist München präferierter Zielort in Deutschland. Aus der Gastarbeiter-Ära hat die Bayern-Metropole eine der größten griechischen Gemeinschaften in Deutschland. Erzpriester Apostolos Malamoussis von der griechisch-orthodoxen Gemeinde hilft mit Rat, Kontakten oder Übersetzungsdiensten. Wer keine Bleibe hat, kann für ein paar Nächte auf der Bühne des Gemeindesaals schlafen, gleich neben der Allerheiligenkirche im Stadtteil Schwabing. Seit Juni, erzählt Malamoussis, steige die Zahl der Hilfesuchenden rasant an: "Bis zur zweiten Parlamentswahl haben die Leute noch abgewartet, ob sich etwas bessert. Jetzt sind immer mehr desillusioniert."

Die Bundesrepublik, so sieht es aus, ist von der Immigrationswelle vollkommen überrascht. Der rasche Wandel der Wanderungsströme ist in der vormaligen Schrumpfnation D. - die sich lange dagegen wehrte, Einwanderungsland zu sein, die Angst davor hatte, sich selbst "abzuschaffen" (Thilo Sarrazin), und bestenfalls mit wirkungslosen "Green Cards" (Gerhard Schröder) experimentierte - mental noch nicht angekommen.

Ist Deutschland nur bedingt aufnahmebereit?

"Vor zwei Jahren", erzählt Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU), "blies mir der Wind noch heftig ins Gesicht, vor allem aus meiner eigenen Partei, als ich mich sehr für mehr qualifizierte Zuwanderung ausgesprochen habe." Inzwischen sei einiges passiert: Die Verordnung über den Anwerbestopp ist gestrichen. Es gibt eine "Blue Card" für hoch qualifizierte Zuwanderer von außerhalb der EU. Vor allem aber kommen aus eigenem Antrieb Euro-Nachbarn, deren Zuzug sich im offenen Europa gar nicht steuern lässt. Klar sei aber auch, sagt von der Leyen, dass Deutschland "noch sehr viel besser werden" könne: "Für eine echte Willkommenskultur müssen wir noch viel lernen, gar keine Frage."

Die Millionenmigration könnte auch unangenehme Nebenwirkungen verursachen. Und zwar nicht nur in Südeuropa, wo viele Leistungsfähige fehlen und die wirtschaftliche Gesundung umso schwieriger werden kann, sondern auch in Deutschland, wo der Weg zur Vollbeschäftigung womöglich kein Selbstgänger mehr ist.

Schon Mitte 2012 stiegen die Arbeitslosenzahlen durch den Zuzug überraschend an, ein Effekt, den kein Konjunkturforscher vorhergesehen hatte.

Die boomenden Ballungsräume Süddeutschlands wiederum geraten unter zusätzlichen Stress. Schon jetzt ist die Lage in München, Stuttgart oder Frankfurt extrem angespannt: Wohnungsnot, steigende Mieten, die Häuserpreise blähen sich zu veritablen Blasen auf.

Die neue Zuwanderung, sagt der künftige Stuttgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne), sei für die Wirtschaft natürlich eine Chance: "Aber viele Städte müssen zusätzlich Wohnungen und Kita-Plätze schaffen, denn ohne Infrastruktur geht es nicht. Wenn wir da nicht auf die Tube drücken, dann ziehen immer mehr Leute raus aus der Stadt, und wir bekommen noch mehr Pendlerverkehr."

"Eine einzige Improvisation"

Dringend müsse mehr gebaut werden, fordert auch Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU): "Da haben wir ein Riesenproblem." Die Wohnungsnot sei so schlimm wie seit den 90er Jahren nicht mehr. Sonst aber sieht er keine Schwierigkeiten mit dem Zuzug: "Wären die Zuwanderer nicht gekommen, hätten schon 2012 viele Firmen ihren Arbeitskräftebedarf nicht decken können."

Und was die Eingliederung der Südeuropäer betrifft, da gibt sich der konservative Herrmann ganz entspannt. Wissen Sie, sagt er, die freistaatliche Kultur, die habe schon eine enorme integrative Kraft: "Wer hier ein paar Jahre arbeitet und eine Familie gründet, der denkt und fühlt bayerisch."

Bayer werden? Davon ist Stefan Dinov (57) noch weit entfernt, auch wenn er in den vergangenen 20 Jahren immer wieder in und um München gearbeitet hat. Als Vertragsbeschäftigter musste er aber stets wieder zurück nach Bulgarien, Phasen der Arbeitslosigkeit durchleiden. Als 2005 dann der große Boom auch seine Heimat erfasste, dachte er: Jetzt hat das Nomadenleben ein Ende. Der Bauingenieur fand Arbeit in Bulgarien.

Doch 2008 war Schluss damit. Dinov begann wieder zu pendeln - Bulgarien, Deutschland und zurück. Inzwischen jedoch hat er eine Festanstellung, als Bauleiter beim Rohbauunternehmen Lammel. Er lebt nicht mehr im Arbeiterwohnheim, sondern hat eine Wohnung. Und wenn sich die Dinge weiter gut entwickeln, dann könnte auch seine Frau irgendwann nachkommen. Wer weiß. Dinov schmunzelt. "Mein Leben ist eine einzige Improvisation."

Ob Dinov, der flexible Bauleiter, ob Bountola, die junge griechische Ärztin, oder Ramírez, der spanische Wissenschaftler: Es sind individuelle Lebensentwürfe, die sich zu jener Masse bündeln, die gesamtwirtschaftlich so nutzenstiftend ist. 400.000 - eine wahrhaft magische Zahl.

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