Dienstag, 16. Juli 2019

Immigration Einwanderer - Deutschlands neue Hoffnung

Einwanderung: Die fünfte Welle - und die neuen Einwanderer
DPA

7. Teil: Ist Deutschland nur bedingt aufnahmebereit?

"Vor zwei Jahren", erzählt Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU), "blies mir der Wind noch heftig ins Gesicht, vor allem aus meiner eigenen Partei, als ich mich sehr für mehr qualifizierte Zuwanderung ausgesprochen habe." Inzwischen sei einiges passiert: Die Verordnung über den Anwerbestopp ist gestrichen. Es gibt eine "Blue Card" für hoch qualifizierte Zuwanderer von außerhalb der EU. Vor allem aber kommen aus eigenem Antrieb Euro-Nachbarn, deren Zuzug sich im offenen Europa gar nicht steuern lässt. Klar sei aber auch, sagt von der Leyen, dass Deutschland "noch sehr viel besser werden" könne: "Für eine echte Willkommenskultur müssen wir noch viel lernen, gar keine Frage."

Die Millionenmigration könnte auch unangenehme Nebenwirkungen verursachen. Und zwar nicht nur in Südeuropa, wo viele Leistungsfähige fehlen und die wirtschaftliche Gesundung umso schwieriger werden kann, sondern auch in Deutschland, wo der Weg zur Vollbeschäftigung womöglich kein Selbstgänger mehr ist.

Schon Mitte 2012 stiegen die Arbeitslosenzahlen durch den Zuzug überraschend an, ein Effekt, den kein Konjunkturforscher vorhergesehen hatte.

Die boomenden Ballungsräume Süddeutschlands wiederum geraten unter zusätzlichen Stress. Schon jetzt ist die Lage in München, Stuttgart oder Frankfurt extrem angespannt: Wohnungsnot, steigende Mieten, die Häuserpreise blähen sich zu veritablen Blasen auf.

Die neue Zuwanderung, sagt der künftige Stuttgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne), sei für die Wirtschaft natürlich eine Chance: "Aber viele Städte müssen zusätzlich Wohnungen und Kita-Plätze schaffen, denn ohne Infrastruktur geht es nicht. Wenn wir da nicht auf die Tube drücken, dann ziehen immer mehr Leute raus aus der Stadt, und wir bekommen noch mehr Pendlerverkehr."

"Eine einzige Improvisation"

Dringend müsse mehr gebaut werden, fordert auch Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU): "Da haben wir ein Riesenproblem." Die Wohnungsnot sei so schlimm wie seit den 90er Jahren nicht mehr. Sonst aber sieht er keine Schwierigkeiten mit dem Zuzug: "Wären die Zuwanderer nicht gekommen, hätten schon 2012 viele Firmen ihren Arbeitskräftebedarf nicht decken können."

Und was die Eingliederung der Südeuropäer betrifft, da gibt sich der konservative Herrmann ganz entspannt. Wissen Sie, sagt er, die freistaatliche Kultur, die habe schon eine enorme integrative Kraft: "Wer hier ein paar Jahre arbeitet und eine Familie gründet, der denkt und fühlt bayerisch."

Bayer werden? Davon ist Stefan Dinov (57) noch weit entfernt, auch wenn er in den vergangenen 20 Jahren immer wieder in und um München gearbeitet hat. Als Vertragsbeschäftigter musste er aber stets wieder zurück nach Bulgarien, Phasen der Arbeitslosigkeit durchleiden. Als 2005 dann der große Boom auch seine Heimat erfasste, dachte er: Jetzt hat das Nomadenleben ein Ende. Der Bauingenieur fand Arbeit in Bulgarien.

Doch 2008 war Schluss damit. Dinov begann wieder zu pendeln - Bulgarien, Deutschland und zurück. Inzwischen jedoch hat er eine Festanstellung, als Bauleiter beim Rohbauunternehmen Lammel. Er lebt nicht mehr im Arbeiterwohnheim, sondern hat eine Wohnung. Und wenn sich die Dinge weiter gut entwickeln, dann könnte auch seine Frau irgendwann nachkommen. Wer weiß. Dinov schmunzelt. "Mein Leben ist eine einzige Improvisation."

Ob Dinov, der flexible Bauleiter, ob Bountola, die junge griechische Ärztin, oder Ramírez, der spanische Wissenschaftler: Es sind individuelle Lebensentwürfe, die sich zu jener Masse bündeln, die gesamtwirtschaftlich so nutzenstiftend ist. 400.000 - eine wahrhaft magische Zahl.

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