Dienstag, 21. Mai 2019

Immigration Einwanderer - Deutschlands neue Hoffnung

Einwanderung: Die fünfte Welle - und die neuen Einwanderer
DPA

6. Teil: Übernachten im Gemeindesaal

Ein paar Blocks entfernt auf dem weitläufigen Campus sitzt Pere Miró Ramírez (30) am Computer und brütet über Formeln, die neue Werkstoffe beschreiben. Der Chemiker sei einer der kommenden Topexperten auf seinem Gebiet, lobpreisen ihn Kollegen. Bis vor Kurzem hat er in den USA an der University of Minnesota geforscht.

Zurück nach Spanien? Auf keinen Fall, sagt Ramírez. Alle seine früheren Kommilitonen seien im Ausland. Seit Oktober arbeitet er nun in Bremen. Was ihn an Deutschland reizt? "Dass das Umfeld für die Wissenschaft schon seit Jahren stabil ist, dass die Budgets nicht gekürzt werden, wie sonst fast überall im Westen, sondern sogar wachsen." Kommenden Sommer will ihm seine amerikanische Freundin, die derzeit noch ihre Doktorarbeit abschließt, folgen.

Die jungen Akademiker sind die mobilste Gruppe. Sie kommen als Erste, sind allseits begehrt und beliebt. Aber es kommen auch andere: Hausfrauen auf der Suche nach Putzstellen, Handwerker ohne Deutschkenntnisse. Übers Internet besorgen sie sich Jobs.

Viele tauchen völlig unvorbereitet auf, schauen sich ein paar Wochen um, sondieren den Stellenmarkt, suchen Anschluss an Migranten-Communities.

Von der Immigrationswelle vollkommen überrascht

In Hamburg, wo die größte portugiesische Gemeinschaft Deutschlands lebt, werden die Neuankömmlinge in einem breit gefächerten Netz aufgefangen. Die ersten iberischen Einwanderer kamen schon im 16. Jahrhundert in die Hansestadt, sie flohen damals vor der Inquisition. Bevorzugte Anlaufstellen sind die Misión Católica der Gemeinde St. Georg, die Kulturvereine oder die zahlreichen Restaurants im sogenannten Portugiesenviertel. Die Stadtteilschule am Hafen bietet bilingualen Unterricht - bis zum Abitur.

Für griechische Zuzügler ist München präferierter Zielort in Deutschland. Aus der Gastarbeiter-Ära hat die Bayern-Metropole eine der größten griechischen Gemeinschaften in Deutschland. Erzpriester Apostolos Malamoussis von der griechisch-orthodoxen Gemeinde hilft mit Rat, Kontakten oder Übersetzungsdiensten. Wer keine Bleibe hat, kann für ein paar Nächte auf der Bühne des Gemeindesaals schlafen, gleich neben der Allerheiligenkirche im Stadtteil Schwabing. Seit Juni, erzählt Malamoussis, steige die Zahl der Hilfesuchenden rasant an: "Bis zur zweiten Parlamentswahl haben die Leute noch abgewartet, ob sich etwas bessert. Jetzt sind immer mehr desillusioniert."

Die Bundesrepublik, so sieht es aus, ist von der Immigrationswelle vollkommen überrascht. Der rasche Wandel der Wanderungsströme ist in der vormaligen Schrumpfnation D. - die sich lange dagegen wehrte, Einwanderungsland zu sein, die Angst davor hatte, sich selbst "abzuschaffen" (Thilo Sarrazin), und bestenfalls mit wirkungslosen "Green Cards" (Gerhard Schröder) experimentierte - mental noch nicht angekommen.

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