Donnerstag, 23. Mai 2019

Immigration Einwanderer - Deutschlands neue Hoffnung

Einwanderung: Die fünfte Welle - und die neuen Einwanderer
DPA

5. Teil: Barcelona, Aberdeen, Eberbach

Der Mann weiß, wovon er spricht. Nicht nur, weil er Mitglied im überparteilichen Expertengremium namens "Konsensgruppe Fachkräftebedarf und Zuwanderung" ist. Sondern auch wegen seiner familiären Wurzeln. Sein Vater wurde Anfang der 60er Jahre in Griechenland angeworben und in einen Zug nach Essen gesetzt, wo damals die Schlote noch rauchten - "ein typisches Gastarbeiterschicksal", so Vassiliadis.

Heute schlägt das industrielle Herz der Republik nicht mehr zwischen Ruhr und Lippe, sondern in Deutsch-Südwest. In Mannheim hat sich ein breites Bündnis zusammengefunden, um Fachkräfte aus Spanien anzulocken.

Die Wirtschaftsförderung der Metropolregion Rhein-Neckar, dazu Konzerne wie BASF Börsen-Chart zeigen, SAP und Roche Börsen-Chart zeigen, Mittelständler wie das Medizintechnikunternehmen Limbach, außerdem die Arbeitsagentur, das Goethe-Institut und der Spanische Kulturverein - sie alle werben gemeinsam um katalanische Ingenieure. Kein Wunder: In der prosperierenden Region herrscht akuter Menschenmangel, die Arbeitslosenquote liegt bei 4 Prozent.

Luis Liste (34) ist einer der ersten, die es in die Rhein-Neckar-Region gezogen hat. Er gehört zum neuen Typus des hochmobilen Europäers, der nicht abwartet, was sich zu Hause tut, sondern auf eigene Faust seine Chancen sucht - weil das Leben nun mal zu kurz ist, um es in Dauerdepression zu durchleiden.

Als die Krise ausbrach, zog Liste zunächst nach Schottland, arbeitete zwei Jahre in Aberdeen. Dann kehrte er zurück nach Barcelona, jobbte zwischenzeitlich in Frankreich. Nun also Deutschland: Der Ingenieur hat beim Sicherheitstechnikkonzern Cooper Crouse-Hinds im Städtchen Eberbach angeheuert. Das sei schon alles ganz nett hier, sagt er. Nur dass seine Freundin, die im französischen Saumur als Physiotherapeutin arbeitet, so weit weg ist, das gefällt ihm gar nicht. Um Liste zu halten, bemüht sich sein Arbeitgeber, für die Freundin einen Job in der Nähe zu finden.

Die beweglichen Eliten wurzeln nicht mehr tief

Auch das gehört zur neuen europäischen Mobilität: Die beweglichen Eliten wurzeln nicht mehr tief. Derzeit mögen sie von der Krise aus ihrer Heimat gedrängt werden; Deutschland bietet sich als Zielland an, weil es Jobs gibt und die Löhne so stark steigen wie nirgends sonst in der EU. Aber die kulturellen und klimatischen Bindekräfte Teutoniens sind begrenzt. Wer die Migranten halten will, muss es ihnen leichtmachen, eine neue Heimat zu finden.

"Wenn es mir nur darum ginge, wo ich leben möchte", sagt Mircea Petrescu (29), "würde ich nach Frankreich gehen." Die Sprache sei seinem heimischen Idiom ähnlicher, das Essen leckerer und das Wetter besser, sagt der rumänische Biotech-Experte trocken. Aber ums gute Leben gehe es ihm ja nicht, sondern darum, "professionell Großes zu erreichen". Und dafür gebe es in Europa nun mal keinen besseren Standort als Deutschland. Im Februar schließt er seine Promotion ab, nebenbei lernt er für den Einbürgerungstest.

Petrescu hat an der Jacobs University in Bremen studiert, einer elitären Forschungsstätte, deren handverlesene Studenten zu Dreivierteln aus dem Ausland kommen. Doch bis vor Kurzem herrschte eine paradoxe Situation: Die Studierenden scherten sich nicht um ihre deutsche Umgebung - und die regionale Wirtschaft interessierte sich nicht für die jungen Topleute aus aller Welt in ihrer Nachbarschaft.

Das soll sich ändern. Erstmals hat der Arbeitgeberverband Nordmetall im November zu einer Kennenlernaktion eingeladen. Eine Handvoll Unternehmen präsentiert sich, darunter die EADS-Tochter Astrium und der Autozulieferer Hella.

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