Mittwoch, 17. Juli 2019

Immigration Einwanderer - Deutschlands neue Hoffnung

Einwanderung: Die fünfte Welle - und die neuen Einwanderer
DPA

2. Teil: Neue Chancen für Deutschland

Für Deutschland eröffnen sich unverhoffte Chancen. Bisher gingen die Bevölkerungsprognosen davon aus, dass die Zahl der Bürger im arbeitsfähigen Alter ab 2015 rapide sinken würde. Entsprechend galt quasi als sicher, dass das Wirtschaftswachstum langfristig um ein Prozent pro Jahr fallen würde, dass die Kosten des Sozialstaats und die Schuldenlasten förmlich explodieren würden.

Bei einem Zuwanderungssaldo von jährlich 400.000 Menschen jedoch ließe sich die Zahl der Werktätigen bis zur Mitte des Jahrhunderts weitgehend konstant halten, rechnet das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) vor. In der näheren Zukunft dürfte der Saldo sogar über der magischen 400.000er-Marke liegen.

"In den nächsten fünf bis acht Jahren", schätzt Raimund Becker, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit (BA), sei mit einem ansteigenden Zustrom von Beschäftigten aus Südeuropa zu rechnen. "Mittelfristig wird die Bundesrepublik von diesem Zuzug profitieren."

Langfristig jedoch könne Zuwanderung aus dem übrigen Europa die demografischen Probleme nicht lösen, weil überall zu wenige Kinder geboren werden. "Da dürfen wir uns keinen Illusionen hingeben", sagt Becker. Andere Lösungen müssten hinzukommen: Zuwanderung zum Beispiel aus Asien und Afrika, höhere Erwerbstätigkeit von Frauen und Älteren.

Immerhin: Deutschland gewinnt Zeit.

Zwei Leben in Deutschland

Die Bundesrepublik kommt in den Genuss einer marktgetriebenen Migration im europäischen Wirtschaftsraum, wie es sie in dieser Größenordnung noch nicht gegeben hat. Die Grenzen sind abgeschafft, die Distanzen geschrumpft - kulturell wie logistisch.

Als Fotis Marantos' Eltern Anfang der 70er Jahre ihr griechisches Heimatdorf verließen, kamen sie in überfüllten Zügen, ungebildet, ohne Deutschkenntnisse und Vorbereitung auf das Leben in der fremden Großstadt. Marantos hingegen hat studiert, spricht Englisch und Deutsch. Er bewegt sich völlig selbstverständlich in einem Europa, das durch Billigflieger und Hochgeschwindigkeitszüge, durch Internet und Mobiltelefone eng vernetzt ist. "Ich habe es viel leichter als meine Eltern damals", sagt Marantos.

Erstmals seit dem Anwerbestopp für Gastarbeiter 1973 kommen wieder Zuwanderer primär, um hier zu arbeiten, nicht zuvörderst aus humanitären Gründen. Institutionen wie die Arbeitsagenturen und die Goethe-Institute werden zu Dienstleistern für Unternehmen, die händeringend Leute suchen.

Ein neuer Wirtschaftszweig entsteht: auf Einwanderer spezialisierte Personalvermittler. Traditionell sorgt sich von Amts wegen die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der BA um diese Klientel. Vermittelte die Behörde 2010 noch rund 11.000 Deutsche ins Ausland, ist sie mittlerweile fast nur noch für deutsche Unternehmen auf der Suche nach ausländischen Fachkräften. Allein 70 Rekrutierungsfahrten für Mittelständler hat die ZAV 2012 organisiert.

Auch private Agenturen wittern gute Geschäfte. Die schwedische Paragona Group etwa vermittelt seit 2002 europaweit Mediziner in allen Kittelgrößen und Sprachfärbungen. Früher wurde ein Großteil an britische OP-Tische geschickt; neuerdings rufen immer mehr deutsche Kliniken in Stockholm an. In einem Schulungszentrum bei Warschau pauken die Doctores mehrere Monate die Grundregeln des deutschen Gesundheits- und Krankenkassenwesens.

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